Archiv der Kategorie: Erlesenes

Veit Sprenger: „Wie sie im Vergnügungspark ihre Toten bestatten“

Veit Sprenger ist Theatermacher und jetzt macht er einfach Theater in unseren Köpfen. Er gibt dazu Anregungen und schon ist es passiert, die Stücke entfalten sich und nichts und niemand kann uns daraus retten. Dabei ist das Buch selbst ein Rettungsversuch. Ein Versuch, den Lektüregewohnheiten der Gegenwartswelt zu entsprechen. Die Lesegewohnheit und die Aufnahmefähigkeit der meisten Wenigen oder doch der wenigen Meisten sind ausgestoßene Kurztexte. Der Verweilmoment eines Textes darf im Zeitalter von X (Twitter heißt jetzt X, sonst ändert sich nix), Facebook und Instagram nicht überstrapaziert werden. TikiToki zeigt auch den Weg, wie Gesagtes und Geschriebenes Beiwerk des bewegten Bildes ist. Text muss mit einem Wimpernaufschlag gänzlich erfassbar sein. Somit wird mit diesem Buch Thread durch Quickie geschlagen.

Die sozialen Netze würden aber reißen, denn es gibt auch im Buch, das den Untertitel „Getipptes“ trägt, Geschriebenes mit enormer Überlänge. Wir reden von Texten von eineinhalb Seiten! Aber die meisten Texte sind kurz. Ameisenlektüre. Menschen schrumpfen in einem dieser Fragmente auch durch die Distanz zu Insektengröße. Die Geschichten sind Passagen, Botschaften oder Momente, die alle absurd, böse, außergewöhnlich und abgründig witzig sind. Also kurz und(/)oder gut.

Es taucht ein Hund auf, der anfänglich sein Hobby zum Beruf gemacht hatte, dann als Rentner seinen Beruf als Hobby weiterführt. Die Beerdigung (der Titel-Titel) beschreibt die Möglichkeit des Beerdigungsvorgangs im Vergnügungspark. Wir lernen, wie man eine Absage mit einer Notlüge machen darf, wenn ein Termin genannt wird, den man nicht hat, wobei ein anderer Termin im Kalender eingetragen ist. Zwei Menschen, wohl Doppelgänger, treffen sich beim Müll, der eine bringt, der andere nimmt etwas. Der Vorgang beschämt beiderseits. Ferner erfahren wir Historisches, wie es zum Beispiel zur Bezeichnung des Schlaraffenlandes kam. Eine Frau, die im Wald wohnt und dennoch darum bittet, die Schuhe auszuziehen. Es gibt auch einen Witz mit Schuhen und Verwandten, der bis zu dieser Publikation das Haus nicht verlassen hatte. Natürlich soll auch der Kopf angestrengt werden, denn auch philosophisch geht es in den Texten zu. Spätestens wenn Diogenes mit seinem Fass von Trunkenbolden ins Meer geworfen wird und er der erste Urlauber wird. Es gibt Menschen, die in Hauswänden wohnen, Banden, die das Wahre, Schöne und Gute unerfreulich verwandeln.

Wäre das Handy nicht erfunden, so gäbe es diese Texte wohl nicht. So lautet es zumindest im Prolog des Poeten. Somit ist die ganze Kurzprosa den Daumen gewidmet. Die Texte liegen im Buch so rum und können uns ein Lachen anbieten. Der alltägliche Alltag bekommt durch diese Quickies für die Hosentasche eine womöglich Erklärung. Zumindest entsteht Theater im Kopf mit allen Komödien und Dramen, wie es sich der Dramaturg nur wünschen kann. Also Popcorn nehmen, süß oder salzig, und Spaß haben.

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Kettly Mars: „Kasalé“

Ein Roman, der uns verführt. Voller Sinnbilder und beschriebener Naturelemente tauchen wir ein in eine für uns exotische Welt. Eine fließende Welt, die das Althergebrachte und die aufkommende Moderne auf Haiti beschreibt. Die Menschen sind verwurzelt mit der Landschaft und den Traditionen. Zum einen möchten sie diese bewahren, doch gibt es auch Strömungen, diese langsam abzulegen. Der Roman ist voller magischem Realismus und stellt die Frauen in die Mitte der Ereignisse. Die Sprache, der Klang und die Naturbeschreibungen erzeugen einen spannenden Strudel, der spürbar sinnlich das Leben in Literatur verwandelt. Der Roman zeigt viele Welten. Er wirkt zum einen sehr realistisch, ist dann aber auch voller Magie. Das Spirituelle ist dabei niemals verstörend oder gar aufgesetzt, sondern passt sich dem Bild dieser Literatur an.

In dem kleinen haitianischen Dorf gibt es keine Vorstellung von Stadtplanung. Die Ansiedlung ist aus dem Zentrum heraus gewachsen. Um die ersten Häuschen wurden im Laufe der Jahre weitere Häuser gebaut, je nach Bedarf durch Eheschließungen und Geburten. Die nächsten Verwandten und weitere, die sich ansiedelten, erzeugten somit um den Kern Ringe, die an Kreise erinnern, die ein ins Wasser geworfener Stein erzeugt. Der Zugang erfolgt durch den Hof von Antoinette, Gran´n genannt.

Gran´n bewahrt die Mysterien, die althergebrachten Praktiken und Riten. Sie ist das gefühlte Zentrum der anderen Frauen. Männer tauchen auch auf, doch sind es die Frauen, die im Roman von Kettly Mars das Zentrum sind. Am Anfang wird das Dorfleben heimgesucht von einem Unwetter und am Höhepunkt des Regenschauers fällt Sophonie in andere Umstände. Ein flüssiger Traum bemächtigt sie und ihren Körper. Der Fluss tritt aus seinen Ufern, entwurzelt Natur und zerstört Gebautes. Im Hof von Gran´n wird der Zimtapfelbaum umspült und seiner Erdverbundenheit beraubt. Die Pflanze hängt nun im Gleichgewicht am Faden der Zeit. So deutet es zumindest Gran´n. Sie erkennt dies als ein Zeichen des nahenden Todes. Unter den Frauen in ihrem Umfeld muß eine Nachfolgerin gefunden werden. Diese ist Sophonie, die zögerlich ist und erst langsam erspürt, was es mit dem Kind auf sich hat, das sie erwartet. Ferner muß das Haus der Mysterien, der Aufenthaltsort der Götter, wiederaufgebaut werden. Die Natur zeigt den Menschen ihre Grenzen und auch innerhalb der Gemeinschaft kommt es zu Zerwürfnissen. Die Konflikte vermischen sich mit der Verwurzelung aus der alten Welt und der Moderne.

Kettly Mars hat sich bereits als Autorin und Lyrikerin einen Namen gemacht und zählt inzwischen zu den bekanntesten literarischen Stimmen Haitis. „Kasalé“ ist im Original 2003 erschienen und ist ihr Debütroman, der nun in der deutschen Übersetzung von Ingeborg Schmutte vorliegt.

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Jess Hansen: „ICE 1024 – Die Möglichkeit der Liebe“

Eine Reise in die Menschlichkeit. Ein Zugabteil, zwei Reisende und ihre jeweiligen Geschichten des Aufbruchs. Diese erzählen europäische Geschichte und die individuellen Lebensverstrickungen. Ein berührender Text, voller verpasster Lebensmomente. Ferner ein Antikriegsroman mit einer Friedensbotschaft, der die Sehnsucht nach Ehrlichkeit und Liebe in den Mittelpunkt stellt.

Jess Hansen hat hiermit sein Debüt veröffentlicht. Er ist bekannt als Filmemacher aus Kiel. Der Roman „ICE 1024 – Die Möglichkeit der Liebe“ ist der spannende Anfang einer kommenden Paulsen-Trilogie. Es geht um die existentielle Frage, was uns als Mensch prägt.

In einer anfänglich eher sachlichen und leicht distanzierten Sprache erzählt Jess Hansen über zwei Reisende, deren Wege sich zufällig im Zug von Kiel nach München kreuzen. Nicht nur diese kurze Begegnung verändert ihr Leben, sondern auch die persönlichen Geschichten und die Beweggründe der Reise, die sie sich zögerlich anvertrauen. Die Charaktere wachsen mit dem Fortgang des Werkes. Die anfängliche Distanz hebt sich langsam auf. Dabei wird erst gegen Ende der ganze Name auf den Vornamen reduziert. Die Wiederholungen des ganzen Namens und die Zugbezeichnung minimieren sich mit dem Wachsen des Vertrauens in den Mitreisenden.

Hannes Paulsen fährt an einem Oktobertag nach München. Er nimmt den Direktzug von Kiel nach München. Oft hat er diese Reise bereits angetreten. Doch emotional hat er sein Ziel bisher nie erreichen können. Nun versucht er es erneut und sitzt mit schwerem Herzen in seinem Abteil. Er hat den Fensterplatz gewählt und lässt die Landschaft an sich vorbeirauschen, wie seine Erinnerungen. In Hannover betritt eine ältere Frau sein Abteil. Sie stört Hannes in seiner Wehmut und nimmt Raum ein, den er ihr widerwillig zugesteht. Aus der Abneigung wird während der längeren Zugfahrt ein Bündnis. Denn durch die Nähe, die anfänglich auf körperlicher Zwangsannäherung durch das Abteil basiert, entsteht eine kurzweilige Vertrautheit. Beide erzählen sich ihre Beweggründe der jeweiligen Fahrt und die Verstrickungen in der persönlichen Biographie und in der Geschichte.

Hannes Paulsen ist Sportreporter und möchte seine Tochter in München besuchen. Dreißig Jahre hat er sie verleugnet. Dann, als ihn sein Vatersein einholte und er den Kontakt suchte, hat er bisher stets einen Rückzug aus Bindungsangst gemacht. Nun reist er erneut nach München mit der festen Absicht, Ronja kennenzulernen. Lise, die ältere Mitreisende, wurde zum wiederholten Mal ihrer Heimat beraubt. Sie war eine Bäuerin und hat erneut den Hof und ihre Heimat verloren. Ebenfalls hat sie ein Fluchterlebnis aus den Wirren des Zweiten Weltkrieges erlebt. Wiedermals steht sie vor dem Nichts und möchte nun ihre damalige große Liebe wiedersehen. In ihrem wenigen Gepäck hat sie unbeantwortete Liebesbriefe und ein Fläschchen mit starken Schmerzmitteln. Was ist das genaue Ziel ihrer Reise?

Beide Geschichten kreuzen sich im Abteil. Dabei bekommen sie kurzweilige Unterbrechungen durch den Schaffner, einen Bekannten aus Kiel und einem verunglückten Hund, der gerettet wird. Jeder Zwischenhalt bringt die beiden ihrem Ziel näher und dem Versuch, die Liebe in ihrem Leben zuzulassen. Weitere Charaktere sind Ronja, die als Tochter nur kurz auftaucht, und Alois, der altersdement in Südtirol lebt und von seiner Tochter gepflegt wird. Alle Geschichten vereinen sich auf der Zugfahrt mit dem ICE 1024 von Kiel nach München.

Ein Roman, der uns Geschichte erlebbar werden lässt und ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit und Liebe ist. In der Leichtigkeit des Romans und der unterhaltsamen Ebene verbergen sich philosophische und spirituelle Anspielungen.

Hinweis: Am Donnerstag 10. Oktober 2024 findet um 19:00 Uhr eine Lesung mit Jess Hansen bei uns in der Buchhandlung statt.

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Olga Ravn: „Meine Arbeit“

Das Buch ist ein Zermalmer des Alltäglichen und doch zeigt es genau dies: Die alltägliche Arbeit einer Mutter und einer Schreibenden. Dabei lösen sich Grenzen auf. Innerhalb der Menschlichkeit und in den Gattungen der Literatur. Ein Buch, das uns hineinzieht in eine reale Welt, die uns ständig umgibt und doch wenig betitelt wird. Eine Welt, die uns alle, egal welche Geschlechterrolle wir spielen, angeht. Das Buch ist nicht nur für Eltern oder Familien, es ist ein Rundumschlag und benutzt dabei alle erdenklichen Mittel. Wie in einer Zauberhutschachtel verlassen wir die bewussten Ebenen und versinken in den mehrfachen Anfängen, den diversen Fortsetzungen, den Tagebucheinträgen, Krankenakten, dem Schwangerschaftstagebuch und den Gedichten.

Die Erkundung beginnt im Versuch, die Mutterschaft literarisch zu fassen. Es ist Anna, eine schwangere Frau, 28 Jahre alt und Schriftstellerin. Später ist sie Mutter und lebt in Kopenhagen, dann Stockholm. Ihr Mann, Aksel, ist Schwede, Vater des Kindes und Dramatiker. Das Kind wird 2016 geboren und dadurch verändert sich alles.

Diese Betrachtungen waren ein Manuskript. Wirr und unsortiert. Wer hat es geschrieben? Anna, natürlich, aber dann taucht die Erzählerin auf. Ein verschachteltes Spiel mit Spaltungen beginnt. Die Erzählerin hat zum Geschriebenen eine Distanz. Die Erzählerin ist natürlich nicht Olga Ravn. Nach der Geburt ist sie, Anna, eine andere Frau geworden, die nun Jahre später ihre Literatur findet, ihre Notizen und Berichte. Anhand des Tagebuches erhält die Prosa eine Fixierung. Somit ist der Roman ein irrwitziges Schauen auf das Leben. Im Mittelpunkt der Lebensanfang eines Kindes. Der Weg dorthin und die lange schmerzvolle Geburt als einer der Anfänge, der den Mythos der Mutterschaft entkräftet und gleichzeitig bestärkt. Das Wunder der Doppeldeutigkeit gelingt großartig und bewegt. Im Mittelpunkt die Arbeit als Mutter und als kreativ Schaffende. Sie erlebt sich, ihr Umfeld und fragt, ob sie es schaffen kann. Die Geschlechterrollen überrollen sie und ihren Mann ungewollt. Kann sie genug lieben? Hat sie die Kraft? Die Schwangerschaft krempelt das Leben um. Anna verliert ihren Platz in der Welt und gerät in einen mentalen Schwebezustand, den sie zu fixieren versucht. Daher auch die dreizehn Anfänge. Das Neue im Leben benötigt die ganze Aufmerksamkeit und es bleibt kaum Raum für das Selbst. Die Beziehung ist bedroht. Angst vor dem Ungenügend sein überlagert den Beziehungsfrust und den Lebensschmerz. Als Mutter funktionieren zu müssen und leistungsstark zu sein verursacht Furcht. Anna schreibt fast manisch und alles, was sie nebenbei zu Papier bringt, sprengt Formen. Der Wunsch, ein ganz normales Buch zu schreiben, gelingt der Erzählerin kaum bei der monströsen Arbeit. Die Gedanken als Notizen oder durch lyrische Wahrnehmungen verlassen die Scham, entfremden sich und versuchen den Lebenshalt neu zu formulieren. Die heile Familie als Bild, als Metapher, wird sprachlich zermalmt und aufgebaut, denn am Ende steht eine neue Schwangerschaft.

Das Buch ist ein Gesamtkunstwerk aus Erlebtem, medizinischen Dokumenten, Dialogen und Emotionen. Jede Betrachtung bekommt einen eigenen Sprachraum. Inhalt und die verwendeten Stile sind Literarische-Tektonik. Aus dem Dänischen von Alexander Sitzmann und Clara Sondermann übersetzt. Ein erstaunliches Werk, das trotz des Umfangs schnell inhaliert werden kann, uns zügig in seinen Bann zieht und durchwühlt. 

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John Wray: „Unter Wölfen“

John Wray schaut erneut in die Welt der Nebenfiguren. Seine Aktivisten suchen einen Zusammenhalt in einer Gemeinschaft, die am Rand der Gesellschaft ist. Wray schaut in das Provinzielle innerhalb der Großstädte und Regionen und setzt Charaktere frei, die in uns ein Eigenleben entwickeln. Ende der achtziger Jahre in Florida, später L.A. und Bergen suchen junge Menschen, die aus schwierigen Familienverhältnissen stammen, einen Ausstieg aus der Gesellschaft. Sie betreiben eine Flucht, die sie der Realität entkommen lässt. Ihre Welt ist die Musik. Eine Musik, die aufbegehrt, die schreit, wimmert und den Zuhörer zu Boden wälzen kann. Sie feiern den Metal, der gerade die Einflüsse des Hard Rocks verlässt und das Extreme ausweitet. Es dienen dabei der Horror, das Phantastische und das Mystische als Ebene, um den Frust, die Verzweiflung und die Wut zu filtern. Doch ist es auch eine Flucht, eine Weltflucht, um dem Gesellschaftlichen, dem Biederen, dem Routinierten und dem Konsum entkommen zu können. Der Mensch erscheint in dieser Kunstform tierischer als jedes Tier, um sich selbst zu erkennen und einzudämmen. Dabei entsteht eine Freiheit, die nicht philosophisch, sondern durch Klang erzeugt das Unbewusste anregt.

Es sind drei Freunde, Kip Norvald, Leslie Vogeler und Kira Carson. Kip wohnt bei seiner Großmutter und hat psychische Probleme. Er gerät ab und zu in einen weißen Raum, der ihn vergessen lässt, während er äußerlich ausrastet. Leslie wohnt als Schwarzer bei seinen Adoptiveltern und ist oft rassistischer Gewalt ausgesetzt. Beide freunden sich an und durch Leslie lernt Kip den Death Metal kennen. Das Nihilistische und die hörbare Resignation verstärken ihren Eindruck der gesellschaftlichen Missstände. In Venice spielen viele ihrer Bands in kleinen Clubs und sie saugen alles auf. Dabei lernen sie Kira kennen, die mit ihrem brutalen Vater in einem Trailer lebt. Ihre Freundschaft, Liebe und Hingabe zur Musik lassen sie zusammenwachsen. Sie sind Ausgegrenzte, die ihre Verletzungen durch Härte kaschieren wollen. Dabei suchen sie die Wahrheit und Ehrlichkeit. Sie wollen die Dinge sehen und erleben, wie sie sind. Sie betreiben Realitätsflucht, wollen dabei aber nicht so tun, als wäre die Welt eine bessere, als sie ist. Ihr Soundtrack ihres Weges zum Erwachsenwerden ist ein verzerrter Klangraum, der stets das Extreme auslotet. Innerhalb der textlichen Ausrichtung der Musik gibt es eine Veränderung. Die Bands werden auch erwachsen und als zum Beispiel Metallica nach allgemeingültiger Gerechtigkeit fragen, beginnen auch Kip, Kira und Leslie die Dinge mehr zu hinterfragen. Sie verlassen die Sümpfe ihrer Kindheit, um im Kunstlicht von L.A. ihre Freiheit zu finden. Auch hier zelebrieren sie ihre Musiker und Bands in legendären Clubs. Ihre Liebe zueinander bricht und sie erkennen, dass sie sich zwar brauchen, aber auch gegenseitig herunterziehen. Besonders Kip ahnt, dass seine Liebe zu Kira unerfüllt bleiben könnte. Ihr Risiko ist immer die Dunkelheit, die sie droht aufzusaugen. Im Prolog verschwindet Kira aus dem Blickfeld. Was ist passiert und was erfährt Kip erst Jahre später?

Das vermeintliche Paradies in Florida als Kulisse einer Jugend, die im Filmlicht um Hollywood und in der mystischen Winterlandschaft Norwegens ihre Wege finden muss. Realitätsverlust aus Sorgen und Wut. Ein enorm lauter Aufschrei aus den Randbezirken der Gesellschaft als Kunstform hat nun auch die Literatur erreicht. Ein großer amerikanischer Roman über Liebe, Freundschaft und Kunst. Die Kunst als Metapher der eigenen Zerstörung, um Freiheit zu erlangen, kann nur als Bild funktionieren. John Wray schreibt mit viel Empathie zu seinen Figuren und erzeugt eine Stimmung, die uns wie ein Metal-Konzert nicht loslässt. Wenn das Saallicht ausgegangen ist, die Akkorde genossen wurden und das Licht erneut angeht, verbleibt ein Beben und Wummern. Ein Thriller und Entwicklungsroman. Man muß kein Metalhead sein, um sich in diesen Zeilen zu verlieren und sich in die Figuren zu verlieben. Antihelden in einer Welt voller Zerwürfnisse. John Wray beweist erneut sein Können als großartiger Erzähler. Sein Wissen um die Musikgeschichte und deren Akteure kennzeichnet ihn selbst als Fan. Übersetzt wurde der Roman aus dem Englischen von Bernhard Robben.

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Patrick van Odijk: „Der falsche Vermeer“

Ein wunderbarer Roman zum Abtauchen und zum Eintauchen. Abtauchen durch den Stil, die nahbaren Figuren und die spannende Handlung. Eintauchen in historische Ereignisse und in einen der größten Kunstskandale der Nachkriegszeit. Der Roman basiert auf dem Leben und Werk des niederländischen Malers Han van Meegeren. Er war ein Kunstfälscher, der in den 1930er-Jahren Bilder schuf, die er als echte Gemälde von Vermeer verkaufte. Im Roman ist es der Charakter Jan van Aelst.

Amsterdam 1945. Die Welt atmet auf, der Nazischrecken wirkt gebannt und nun werden die Täter, die Mittäter und Verbündete gesucht. Der exzentrische Künstler Jan van Aelst wurde verhaftet. Er soll mit den Nazis kollaboriert haben und das Werk „Christus und die Ehebrecherin“ von Vermeer an Goebbels vermittelt und verkauft haben. Doch er besteht darauf, es als Kunsthändler zwar vermittelt zu haben, aber niemals an die Kunsträuber der Nazis. Solange er nicht beweisen kann, dass das Bild nicht geklaut war und er den wahren Besitzer nicht nennt, bleibt er im Gefängnis. Er sagt, er habe der  Familie, in deren Besitz das Gemälde war, durch den Verkauf zur Flucht verhelfen können. Eine Familie, die nicht genannt werden möchte.

Eine Journalistin, Meg van Hettema, erfährt von diesem spannenden Fall. Sie war bereits während der deutschen Besetzung durch ihren Mut als Reporterin aufgefallen. Sie hat die Gräueltaten mit ihren Bildern und Texten fixiert. Nun, im Klima des Aufbruchs, möchte sie nicht über Alltägliches schreiben. Hat van Aelst die Nazis und die Kunstwelt raffiniert ausgetrickst?

Ein Roman, der die Figuren sehr lebendig werden lässt. Da die Begebenheiten auf einer wahren Geschichte beruhen, ist das Erzählte sehr authentisch. Ein gelungener Einblick in die Epoche, in die journalistische Arbeit, in die Kunstwelt und ihre Fälscher.

Ein spannender Roman, der mit Fakten und Fiktion spielt. Die erzählte Leichtigkeit macht Geschichte zugänglich. 

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Jann Wattjes: „Das Leben ist wie eine Schachtel Sardinen“

Ist Jann Wattjes überhaupt noch ein Geheimtipp, wie zuweilen behauptet wird? Er bespaßt seit Jahren die Poetry-Slam-Bühnen und konnte sich für Landes- und deutschsprachige Meisterschaften qualifizieren. Seine Texte sind klug, überraschend und witzig. Mona Harry behauptet, sie habe abgestimmt und Jann Wattjes ist der lustigste Mensch der Welt. Der Titel „Das Leben ist wie eine Schachtel Sardinen“ ist ein abgewandeltes Filmzitat und beim Lesen wird man selbst etwas verschroben wie Forrest Gump und versucht, die besten Pralinen zu finden. Doch sind hier fast alle schmackhaft. Meist aber nicht süß, sondern fischig. 

Die Ideen der Texte überraschen. In dieser Ausgabe befinden sich Bühnentexte, Kurzgeschichten und Teamtexte mit August Klar. Als Slammer traut er sich was, denn ein Gedicht hat sich auch in die Anthologie geschummelt. Jann blickt über die Ränder seiner ganzen friesischen Tellersammlung. Dabei fällt es uns und besonders ihm schwer, die Grenze zwischen Erzähler und Jann zu finden. Wer ist fiktiv? Descartes, so schreibt er, hatte unrecht. Er denkt, also ist er selbst, der Jann, wahrscheinlich von Jann nur ausgedacht. Denn wenn er sich die Figuren in der Sardinen-Schachtel ausdenken kann, kann er sich doch auch einfach selbst ausgedacht haben. Ob die Texte sinnvoll und tiefgreifend sind, obliegt den Menschen vor den Zeilen. Jann versucht zumindest einen Sinn zu finden und stellt fest: „Gerade als ich den Sinn des Lebens verstanden hatte, wurde er geändert“. Das Tiefe wird durch Albernheiten, Beobachtungen und Anspielungen kaschiert. Jann spielt mit seinen Gedankenblitzen und ist sehr sprachgewandt. Egal ob er über kapitalistische Beerdigungsmodelle, Katzen, Bären, King-Drive, Aliens, Weihnachten im Liveticker, Achterbahnen oder den unterirdischen Zoo schreibt. Das Unterirdische ist dabei nicht geografisch, sondern wertend gemeint. Wir reisen mit ihm nach Rhoscolyn, hoffen Wale zu sehen und haben einen Ohrwurm von Marillion. Es wird auch mal politisch, denn wenn ein Marder, der alles annagt, plötzlich ein Politiker von rechts außen ist, wird es gruselig. Alle Texte werden durch Marginalien am Ende ergänzt. Diese sind nicht immer hilfreich oder erklärend, eher als der Versuch sich als Autor zu erklären, zu verstehen. Ebenfalls witzig.

Jann ist ein stiller Beobachter. Er macht sich aus Vielem seinen Spaß. Er verwandelt das Alltagsgrau in Humor und lässt uns an dieser, seiner Alchemie teilhaben. Seine Scherze sind schmunzelnde. Ein leicht verschrägter Humor, der sich oft, aber nicht immer sofort erschließt. Er ist Katzenmensch und sein Hauptanliegen ist, wenn man seinen sozialen Netzwerkoffenbarungen glaubt, daß es den Haustieren gefällt (Beweisfotos anbei). Tiere kommen in dieser Schachtel ja auch mannigfaltig vor. Man könnte mit dem Buch ferner auch Janns und Selinas Spiel spielen, das nächste Tier, das auftaucht, bist du …  (Werden wir hier Zeuge eines Zeitparadoxons? Hat das Buch Descartes zu seinen Thesen angeregt?)

Jann zu lesen macht viel Freude. Seine Kurztexte – in gedruckter Form, in den sozialen Netzen und auf den Bühnen vorgetragen – machen einfach Spaß. Es ist ein Werk voller Widersprüche, Alltagskomik und seine Haltung zum Leben. Textanalyse zum Zugreifen. Einfach in die Schachtel fassen, man weiß nicht wirklich, was man bekommt. Sardinen sollte man wohl vermuten, aber lesen sie selbst. Also dann, dör de Dör dör!

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Caroline Wahl: „Windstärke 17“

Caroline Wahl vertieft sich sehr in ihre Figuren und lässt diese sehr lebendig werden.  Ihr Debütroman „22 Bahnen“ begeisterte. Mit ganz viel Hingabe stürzen sich die Figuren in die Lebensfluten und die Autorin in ihre Texte. Das Dramatische erhält durch die Sprache und den melancholischen Humor eine Tiefe und Schönheit. Eine Figur hat Caroline Wahl aus „22 Bahnen“ nicht losgelassen, Ida. Ida explodiert in unseren Köpfen und geht weiter als ihre Schwester Tilda. Beide Romane stehen für sich und funktionieren wohl auch gut ohne einander. Doch ist es dieselbe Welt und Familie.

Ida ist voller Wut. Ein Wutklumpen grummelt oft in ihr, der lediglich etwas kleiner wird, wenn sie es herausbrüllen kann. Auch schwimmen hilft. Sie schwimmt aber nicht wie ihre Schwester genau 22 Bahnen, sondern stürzt sich fast schon gefährlich in die Fluten. Doch vorerst ist sie nicht am Meer. Ihre Mutter ist an einer Überdosis gestorben und Ida zieht einen Schlussstrich. Sie kündigt die Wohnung und zieht los. Eigentlich zu Tilda, die in Hamburg mit Viktor und ihren Kindern lebt. Tilda sorgt sich stets und hat Ida auch ein Busticket organisiert. Das ist lieb gemeint, macht Ida aber auch wieder wütend und sie nimmt einfach einen Zug und strandet auf Rügen. Hier wird ihr ihre Erschöpfung immer deutlicher, besonders wenn sie sich im Meer ausgetobt hat. Vorerst wohnt sie in der Jugendherberge, trifft aber dann auf Knut, der die Kneipe „Robbe“ betreibt. Hier darf sie arbeiten. Sie kapselt sich gänzlich ab, hat es nicht auf die Beerdigung ihrer Mutter geschafft und lässt ihr Handy lange im Flugmodus. Sie weiß, Tilda wird sich Sorgen machen. Ihre Verzweiflung und Wut zeigen sich in ihren wagemutigen Schwimmausflügen. Sie vergisst dabei sich selbst und wird krank. Somit wird Marianne, die Frau von Knut, auf sie aufmerksam und beide nehmen Ida auf. Bei Knut und Marianne wird der Wutklumpen immer kleiner. Sie erlebt hier eine familiäre Welt mit gemeinsamen Frühstücken, Spaziergängen und Spielen. Marianne ist es, die Ida sehr hilft und sie beginnt den Schmerz, die Wut zu akzeptieren und sich somit selbst zu akzeptieren. 

Sie lernt auch Leif kennen. Er lebt in Hamburg und macht auch gerade einen Rückzug ins Innenleben. Er ist Musiker, d.h. ein gefragter DJ, der ähnlich versehrt ist wie Ida. Mit ihm wird aber auch alles etwas leichter und eine Liebesgeschichte deutet sich an. Gemeinsam fahren sie nach Hamburg, er in sein bisheriges Leben zurück und sie besucht Tilda. Auf diesem Ausflug erkennt sie die Welten der anderen, die von Tilda und die ihr bisher unbekannte Seite von Leif und erneut scheint ihr das kleine Glück aus den Händen zu rinnen. Ihre Welt wird erneut auf den Kopf gestellt.

Caroline Wahl erzeugt Bedingungen, die ihre Figuren schwach werden lassen, aber dies niemals werden oder sind. Sie trotzen den Windstärken des Lebens und in den widrigen Umständen suchen sie nach der Schönheit. Ida trifft uns sofort ins Herz. Wir leben, leiden und empfinden alles mit. Die beiden Romane erzeugen eine Begeisterung, wenn sie chronologisch, „22 Bahnen“ erst, dann „Windstärke 17“, gelesen werden. Doch ist es keine Bedingung. Ida bohrt sich auch ohne Tildas Vorgeschichte in unsere Emotionen. Caroline Wahl findet einen ganz besonderen Sprachsound und ihre Beschreibungen sind stets wunderbar tröstlich, traurig und unglaublich witzig zugleich. Alles ist in ihren Texten traurig schön und macht einfach Mut, sich in die Fluten des Lebens zu werfen.

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Shichiro Fukazawa: „Die Narayama-Lieder“

Die Handlung wirkt der Realität enthoben und erzeugt den Eindruck einer erzählten Legende. Doch ist es ein rein literarisches Werk voller Symbolik, die uns innehalten lässt, anregt und stille Fragen stellt. Die Novelle ist 1956 erstmalig in Japan erschienen, lässt sich aber zeitlich im Inhalt nicht fassen. Erzählt wird von einem einfachen Dorfleben, das durch Hunger getrieben, bestimmte Rituale vollzieht. Das Werk war bereits in deutschen Versionen erschienen, doch waren diese stets der französischen Übersetzung entnommen. Nun liegt eine Übersetzung aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg vor, die durch lesenswerte Erklärungen und Nachwörter ergänzt wird. Die Erzählung wurde zweimal verfilmt (u.a. als „Die Ballade von Narayama“)

Ein kleines japanisches Dorf in einem rauen, lebenskargen Hochland. Die Bewohner leben unter ärmlichen Bedingungen und der Alltag wird von der Natur und den Wettereinflüssen bestimmt. Das Miteinander ist wichtig und Diebstahl führt zur Verbannung, was einem Todesurteil gleich kommt. Die Dorfbewohner zählen aufeinander und die Anzahl der Bewohner ist durch die Lebensbedingungen begrenzt. Reis gilt als ganz besonderes Nahrungsmittel und Hunger bestimmt den Lebensalltag. Dies führt dazu, dass, wenn es zu mehr Nachwuchs kommt als der Gemeinschaft gut tut, Säuglinge ausgesetzt werden. Ferner gebietet es der Brauch, dass die Alten mit siebzig Jahren sich auf den Gipfel des Narayama begeben, um nicht zurückzukehren.

Orin sorgt sich um das Glück ihrer Familie. Sie wird bald die Reise zum heiligen Berg antreten und ihr verwitweter Sohn und ihre Enkel wären dann auf sich gestellt. Es gibt ein weiteres Dorf, lediglich das andere Dorf genannt, und von dort organisiert sie eine neue Schwiegertochter. Jedes neue Mitglied wird wahrgenommen als ein weiterer Mund, der durchgefüttert werden muss. „Kein Essen“ gilt daher als schlimmste Beleidigung und Strafe. Der Zusammenhalt wird geprägt durch die archaischen Bedingungen, den Glauben und die Lieder. Der Gesang wird mal umgedichtet, um zu beleidigen, zu loben oder durch humorvolle Zeilen ergänzt. Orin plant bereits schon lange ihren Aufstieg zum Narayama, um dem Gott zu begegnen. Ein Brauch, den sie für die Gemeinschaft oder für ihren Glauben vollzieht. Sie hat das übliche Abschiedsfest geplant und vorbereitet und hofft, wenn sie den richtigen Moment abpasst, dass auch der Schneefall einsetzt, ein positives und göttliches Zeichen für das erbarmungslose Ritual. Ihr noch gepflegtes Aussehen, besonders die intakten Zähne, bereitet ihr Sorgen und bringt ihr zuweilen auch den Hohn der Gemeinschaft ein. Der Weg zum Gipfel folgt einem genauen Ritual, der ihrer Begleitung still anvertraut wird und in der Durchführung genauestens wiederholt wird. Somit ist auch die Erzählung geprägt durch Wiederholungen, die wie ein Mantra die Empfindungen verstärken. Das Mystische, die Traditionen und die Rituale mit ihren bestimmten Liedern erzeugen eine Authentizität, die aber, auch die Liedtexte und Melodien, der Kreativität von Shichiro Fukazawa zuzuschreiben ist.

Senizid als Hauptthema, verwoben mit den Figuren, den Bildern und dem Sprachrhythmus erzeugt einen Klang, der uns bewegt und lange beschäftigen wird. Das vermeintlich Althergebrachte verliert in der Gegenwart nicht an Bedeutung. Vieles in dieser sehr kurzen Erzählung ist  voller Metaphorik. Interpretationsmöglichkeiten ergeben sich ganz individuell, ohne Anstrengung und werden großartig ergänzt durch die Erklärungsangebote im Anhang.  Ein kleines Meisterwerk aus Japan.

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Robert Steinmüller: „Die Meere des Mondes“

Ein Kunstwerk, das den Beweis für die Wirkung der Literatur darstellt. Als gedrucktes Buch mit den eingeklebten Bildern und den inhaltlichen Gedankenspielen ist es eine wunderbare Entdeckungsreise. Hier trifft Nature Writing auf Science-Fiction. Diese Naturlyrik entführt uns, lässt uns träumen und das Erlesene bekommt in unserer Phantasie einen Wahrheitskern. Die Literatur lebt der Wirklichkeit voraus und meist sind es die Geschichten, die unseren Geist beflügeln und uns antreiben, die Realität der Literatur anzupassen. Mit Jules Verne waren wir bereits auf dem Mond, bevor wir tatsächlich dort landeten. Mit Ben Bova erkundeten wir durch seine Bücher den Mars auf erschreckend realistische Weise. Nun versetzt uns Robert Steinmüller genau in jene Zeit zurück, wo der Mond noch magisch war. Nicht nur seine dunkle Seite beflügelte die Kreativität der Literaten, der Filmemacher und Musiker.

In der frühen Mondforschung hielt man die dunklen Tiefebenen des Mondes für Meere und beschrieb sie deshalb mit maritimen Begriffen. Das Buch folgt den Aufzeichnungen von Enzo G. Benevolio (1742 – 1795). Ein Student der Lehren nach G. B. Riccioli (1598 – 1671), dem Namensgeber der Mondmeere. Für die Menschen ist es seither ein Traum, die Meere des Mondes zu bereisen und zu erforschen. Benvolio ist Mondforscher und Kenner, er berichtet über die Meere und sagt, wenn wir einmal die Meere des Mondes besucht haben, werden wir den Ort stets in uns tragen, der uns somit auch verwandelt. Die Mondmeere als Reiseziel, um letztendlich uns und unsere Welt zu verändern. Eine bildhafte Vorstellung eines Gelehrten zur Zeit der Aufklärung. Die Landschaften mit tropischen Urwäldern, mit Ozeanen, die kalt, stürmisch, ruhig oder unermesslich sind. Dabei erforschen wir Fauna und Flora des Mondes. Das unbekannte Leben erwacht durch diese Zeilen. Alles eine Illusion? Beim Durchlesen wird diese Frage immer belangloser, denn die Abenteuer, die wir durch das Buch erleben können, scheinen unglaublich real.

Das Buch ist eine Bereicherung und wenn das Reisen für einige wohl gar nicht möglich ist, ist es ein wunderbares Gedankenspiel, denn wenn die Welt schon nicht erreichbar ist, warum dann nicht einfach durch die Literatur zum Mond fliegen? Ein Gedankenspiel, das inhaltlich und in der Drucklegung begeistert. Hierbei zeigt sich auch die verlegerische Liebe, denn mit sehr viel Hingabe wurde das wunderschöne Werk gefertigt. Die Meere sind durch Karten erfahrbar und durch handeingeklebte Bilder, die sich hochklappen lassen, visualisiert. Die Texte werden durch diverse Zeichnungen belebt.

Das Buch ist ein Wunder. Die Meere des Mondes als lebendige Wasserlandschaften faszinieren. Die Möglichkeiten eröffnen phantastische, wunderbare und philosophische Fiktionen. Das Buch erweitert unseren fixierten Lebensraum ins Unermessliche. Diese Auslegungen sind Wunschträume, die in den alten Betrachtungen münden. Dabei wirkt es so real und wir glauben den Schriften von Enzo G. Benvolio. Doch ist es ein fiktiver Charakter. Diese Aufzeichnungen existierten nicht. Doch was, wenn wir ihm glauben wollen und die Abenteuer einfach weiterträumen …

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