Jonathan Carroll: „Das Land des Lachens“

Ein magisches Buch. Ein Land, das nur Literatur zu erschaffen vermag.

Das Buch war jahrelang eines meiner Kult-Bücher und ich habe es nie ganz vergessen, aber aus den Augen verloren und nicht gemerkt, dass es (für mich klangheimlich) in die Buchwelt zurückgekehrt ist. Die Ausgabe, die mein Regal ziert, stammt von Suhrkamp. Der Heyne Verlag hat dieses Leseerlebnis 2021 aber wieder herausgebracht. Also wird es Zeit, diesen Leseschatz erneut zu heben. Was so unspektakulär und alltäglich beginnt, wird von Seite zu Seite skurriler und magischer. Carroll hat eine originelle Geschichte geschrieben, die im besten Sinne poetisch und literarisch ist.

„Das Land des Lachens“ handelt von Thomas Abbeys Spurensuche. Er versucht alles über den Schriftsteller Marshall France herauszufinden, um eine ultimative Biographie des Autors zu schreiben. Thomas bisheriges Leben stand im Schatten seines Vaters, dem Schauspieler Stephen Abbey. Seine Weltflucht gelang ihm mit einem Buch, das er immer bei sich führte. Es handelt sich um den Roman „Das Land des Lachens“ des früh verstorbenen Autors Marshall France. Diese Liebe zum Buch und das Erkennen der Möglichkeit, die in der Literatur steckt und lebt, lässt Thomas Lehrer werden. Die Arbeit erfüllt ihn nicht und ein Privatleben hat er ebenfalls kaum. Seine Leidenschaft bleibt das Buch und somit beschließt er, mehr über den Autor zu erfahren, um auch dann eine Biographie zu schreiben.

Seine Recherchen führen ihn in das idyllische Städtchen Galen, wo France zurückgezogen gelebt und geschrieben hat. Thomas trifft auf exzentrische Menschen, macht neue Freunde, ahnt aber, dass die Bewohner hier ein magisches Geheimnis hüten. Denn es sind nicht nur die Menschen, die ihn ansprechen, sondern auch Hunde, die plötzlich reden und behaupten, bald kein Hund mehr zu sein …

Die Liebe zur Magie des Lesens und Schreibens werden hier unterhaltsam fixiert. Bücher entstehen durch Phantasie, die diese dann an uns weiterreichen und in uns wachsen dürfen. Übersetzung stammt von Rudolf Hermstein.

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Edvard Hoem: „Der Heumacher“

Ein Roman, der uns Bilder, Geschichten und Emotionen aus einer vergangenen Zeit sendet. Edvard Hoem ist ein wunderbarer Erzähler. Er gräbt in den Überlieferungen seiner Familie und Nesje, der Heumacher, war sein Urgroßvater. Vieles wurde über ihn in der Familie geredet, aber es war dennoch wenig bekannt. Somit muss Hoem ihn als Figur herbeidichten, aus der Luft schöpfen und aus dem Nichts langsam die Möglichkeiten aufleben lassen. Es ist dabei ein Romanzyklus entstanden, wobei jedes Buch für sich steht und apart gelesen werden kann. Der Heumacher ist Knut Hansen Nesje und er ist der Sohn von Marta Kristine, bekannt aus dem Roman „Die Hebamme“. Nesjes spätere Frau Serianna und ihre Familie kommen vom Bortehof. Das dortige Leben wird im Roman „Der Geigenbauer“ beschrieben.

Knut Hansen, genannt Nesje, ist Witwer und lebt mit seinem Sohn oberhalb der kleinen Stadt Molde an der norwegischen Küste, am Romsdalsfjord. Er ist das Landleben gewöhnt und kennt nichts anderes. Seit Jahren ist er der Heumacher und schwingt die Sense seit seiner Kindheit. Er hat für sich Grund gepachtet und hofft, dass er es eines Tages kaufen darf. Sein Land hat er bald urbar gemacht und möchte es seinem Sohn vermachen können. Neben der Tätigkeit auf dem gepachteten Land, ist er beim Großbauern eingestellt. Er bekommt etwas weniger Geld als die Tageslohnarbeiter, befindet sich dafür aber in fester Einstellung. Er ist der Erste unter den Heumachern. Er gibt stets auf dem Feld das Tempo vor und ist somit für die Qualität und die Fertigstellung verantwortlich. Er lebt unter einfachen Bedingungen, hat sich aber mit viel Aufwand und Liebe ein Haus gebaut. Es ist das Jahr 1874 und er trifft auf Serianna. Sie sucht Arbeit und bei einem gemeinsamen Fischfang und der baldigen Zusammenarbeit lernen die beiden sich besser kennen und verlieben sich. Hans, Nesjes Sohn aus erster Ehe, verlässt den Hof kurz vor seiner Konfirmation, um Platz zu machen. Denn Serianna und Nesje heiraten und erwarten bereits Nachwuchs. Hans geht auch, weil er keine neue Mutter möchte und nun seinen eigenen Weg gehen will. Die jüngere Schwägerin von Nesje, Gjertine, verliebt sich in jungen Jahren in Hans, doch wird sie später einen anderen Traum verfolgen. Sie ist die zweite Hauptfigur im Roman und liest bereits in Norwegen alles über Amerika.

Nesje, der durch Beharrlichkeit, Fleiß und Zuverlässigkeit seinen Lebensweg beschreibt, beschließt dort zu bleiben. Viele sind damals ausgewandert, um der Armut zu entkommen. Doch Nesje kennt das harte Arbeitsleben und er und seine Frau versuchen, stets das Beste aus den Umständen zu machen. Doch vieles verändert sich kontinuierlich und der Fortschritt macht die Situation für den Heumacher immer schwieriger.

Seriannas jüngerer Schwester Gjertine möchte dem entbehrungsreichen Leben entkommen. Sie will nach Amerika auswandern und ist voller Zuversicht und Träume. Doch das Leben ist dort ebenfalls nicht leicht. Viele, die das Glück und den Wohlstand in Amerika suchten, haben meist nur das Land gewechselt, selten die Lebenssituation, die auch durch harten Lebenskampf und Mühseligkeit geprägt ist.

Eine berührende und schön erzählte Geschichte, die auf vielen Wahrheiten beruht. Es geht um Lebensträume und Wege. Die einen fügen sich und die anderen versuchen ihrem Schicksal zu entkommen. Beide Wege werden aber stets aktiv begangen und Hoem lässt durch seine Literatur die Charaktere und die damalige Zeit sehr lebendig werden. Fast sinnlich tauchen wir in diese Welten ein. In diesem Roman geht es um den Wunsch nach Halt, Liebe und die Sehnsucht nach Ferne und Hoffnung. Hier sind es besonders die Frauen, die die Anstöße geben und ihrer Abenteuerlust nachgeben. Ein sinnliches, spannendes und wunderbar geschriebenes Leseereignis. Aus dem Norwegischen von Antje Subey-Cramer übersetzt.

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Lyrik Liebe

In der Literatur kann sich die Lyrik wohl am meisten erlauben. Lyrik darf alles und somit entsteht eine Freiheit und enorme Vielfältigkeit. Durch Sprache, Klang, Aufbau und Rhythmus werden unsere Gedanken, Emotionen und Seelen berührt. Das Gedicht mag verspielt sein und durch die gewählte Form dem Inhalt einen Rahmen geben. Es darf herausfordernd sein. Die Reduktion auf das Wesentliche macht die Lyrik zu einem Transporteur, denn durch die Gefühlswelt oder Gedanken, die in Worte gegossen werden, erreicht das Gesagte uns auf unterschiedlichen Ebenen. Die Lyrik hat es leider schwer. Diese Literaturgattung wird im Buchhandel gepflegt, aber mehr aus Leidenschaft zu dieser Kunstform. Doch hat jedes Gedicht, wenn es unsere Gedanken, Emotionen oder die Empathie in der Kurzform anregt, einen enormen Mehrwert. Dies meist bereits nach zügiger Inhalierung. Natürlich muss es gut sein. Doch wann ist es ein gutes Gedicht? Dann, wenn es gefällt, berührt oder überrascht. Es kann ganz einfach sein.

Durch den sich nähernden Valentinstag, der der Liebe und Anerkennung geweiht ist, möchte ich diesen Anlass nutzen, um diese Wertschätzung auf die Liebe zur Lyrik auszudehnen. Denn um Liebe geht es doch auch fast immer …

Drei Lyrikbände möchte ich nun vorstellen. Weitere werden demnächst folgen.

„Poems from a secret garden“ von Lalena Hoffschildt und Salih Jamal. Beide vernarrt in Literatur und in Gedrucktes. Es wird als lyrischer Briefwechsel deklariert und soll zufällig, als schreibendes Beifallprodukt entstanden sein. Die Beiden haben sich sprachlich gefunden. Ein Tanz um Liebe, um Annäherung, Abstoßung und Vereinigung. Im Inhalt wird der jeweilige Text zugewiesen, doch beim Lesen hebt sich die Trennung auf und selten blättert man zurück, um zu erfahren, wer es schrieb. Es sind Lovesongs voller Sehnen. Salihs Werk taucht in seinen Zeilen stets auf. Denn er schreibt immer in seinen ganzen Prozessen. Das Grau und Orpheus winken durch die Zeilen und bekommen durch Lalena einen Gegenpol, der den Klang übernimmt, verändert und auflöst, um neu zu entfachen. Ein chronologischer Reigen und Tanz um Gefühle. Eine Liebeserklärung an die Lyrik, an die Liebe und an das Leben.

„Manches ist besser geküsst als gesagt“ von Hellmuth Opitz. Diese Poesiesammlung besteht aus einer Auswahl seiner Liebesgedichte, die in einem Zeitraum von vierzig Jahren entstanden sind. Es sind Liebesspielereien. Opitz tastet sich an die Liebe, der zarten und der körperlichen, mit Worten und Bildern heran. Dabei spielt er mit Bildern, die durch die Sinnlichkeit der Sprache, die Liebe und die Erotik umgarnen. Das liebevolle Handeln steht dabei stets im Mittelpunkt. Denn vieles wird wohl wirklich besser durch einen Kuss als mit Worten gesagt. Es macht Spaß, Opitz zu lesen und in den Bildern und Worten seine Kunst zu entdecken. Beim Lesen entblößt sich das kluge Gedicht und Menschlichkeit sowie Liebe wird überall spürbar.

Um mehr Lyrik und eventuell einen neuen Zugang zu finden, sind auch Anthologien wunderbar. In diesen Sammlungen gibt es oft tolles zu entdecken. Im Jahr 2022 wurden Lyriker eingeladen, eine Lyrikkarawane zu kreieren. Dieser Austausch ist nun als Buch „Die Lyrikkarawane. Sichere Texttransporte. Sichere Gedichte“ erschienen. Es gab ferner Bühnenvorträge und Workshops an diversen Orten. Somit ist die Karawane losgetrabt und hat uns durch die lyrische Reise viel zu zeigen. Es sind dabei Bildgedichte, kurze Reime und lange Gedankengänge. Künstler und Künstlerinnen, die bekannt oder erst hierdurch entdeckt werden können. Es finden sich der Verleger und Autor Günther Butkus unter ihnen, Anna Sanner, die literarische Ninja-Frau und Franziska Beyer-Lallauret. Diese sind als Beispiel bereits schon oft im Leseschatz aufgefallen. Aber es gibt viele weitere Lyriktreibende, die diese Karawane beleben und neugierig auf diese Literaturgattung machen.

Also mehr Lyrik wagen und Spaß mit der Literatur haben.

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Ryū Murakami: „Coin Locker Babys”

Es gibt noch mehr Murakami, zumindest einen weiteren, der neben Haruki Murakami in der literarischen Welt für Aufsehen sorgt. Es ist Ryū Murakami. Seine Romane sind voller Kontraste, werden klassisch, fast gradlinig erzählt und überraschen stets. Die Handlung hat eine begeisternde Zielführung und vieles wird, wie bei beiden Murakamis üblich, in Bildern angedeutet. Anfänglich ist das ganze Grauen zwischen den Zeilen versteckt und das ist es, was wohl den hauptsächlichen Reiz der Werke ausmacht. Das bekannteste Werk von Ryū Murakami ist wohl „Das Casting“, ein ganz leiser Spannungsroman, der den Horror in den letzten Seiten, wie ein Crescendo, freilässt.

„Coin Locker Babys“ ist in der deutschen Übersetzung von Ursula Gräfe schon länger verfügbar, aber der Roman ist nun auch frisch als Taschenbuch erschienen. „Coin Locker Babys“ ist ein Begriff, der häufig in Japan oder China für ausgesetzte Neugeborene verwendet wird. Der Drang, sich der unerwünschten Babys zu entledigen, wird dabei einfach durch die Ablage in Schließfächern getätigt. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass die Neugeborenen dies überleben.

Ein Kind hat dies überlebt. Es schrie wegen der enormen Hitze und wurde gehört und aus dem Münzschließfach befreit. Somit erlebt das Kind eine erneute Geburt. Es ist der 18. Juli 1972. Er kommt in eine Säuglingsstation und erhält den Namen Kikuyuki Sekiguchi. Sekiguchi war der Name, den die Mutter auf den Karton geschrieben hatte, mit dem sie den Jungen in das Fach gesteckt hat. Kikuyuki ergab sich aus einer Namensliste für Findelkinder. Später bleibt es meist bei Kiku. In einem Waisenhaus trifft er auf den gleichalten Hashio Mizouchi, der ebenfalls ein Münzschließfach überlebt hat. Übler Geruch war seine damalige Rettung. Kiku und Hashi sind traumatisiert und auch als Kinder geht ihnen das Bild des Schließfaches nicht aus dem Kopf und begleitet sie in der spielerischen Phantasie. Sie wachsen im Waisenhaus und bei Pflegeeltern auf. Später macht einer seinen Weg als Sportler und der andere wird Rockstar. Sie leben in einer Zwischenwelt, in einem anarchischen Ortsteil von Tokio, der durch  Kriminalität und Prostitution geprägt ist. Hashi sucht seine Sexualität und beide die menschliche Nähe und Liebe. Kiku möchte auch Rache und bekommt dabei Unterstützung durch seine Freundin, die vor ihrer Familie geflohen ist, aber ein Krokodil mitbringt. Die Rachepläne gehen aber über die Suche nach der Mutter hinaus. Ein rätselhaftes Gift taucht auf und auch Hashis Karriere endet. Ein surrealer Trip beginnt in einem Japan der nahen Zukunft. Ein Coming-of-Age-Roman über Identität, Selbstwertgefühl, Rache und Macht. Die Resignation, Verzweiflung und Machtlosigkeit werden mit jeder weiteren gelesenen Zeile stärker erfahrbar. Innerhalb der modernen Machtzentren der Städte regen sich hier die niederen Instinkte. Die Entwicklung und die Vernichtung spitzen sich gehörig zu und die Protagonisten und die Handlung spielen mit unseren Emotionen und dem Verstand.

Wer Murakami mag, wird auch Murakami lieben. Die Wandelbarkeit und die Wahrnehmung unserer Welt verändern sich durch deren Bücher. 

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Martina Junk: „Wo der Wald beginnt“

Ein beindruckender Debütroman. Es geht um eine Freundschaft und um die Wiederfindung des Vertrauten. Es ist ein Spiel zwischen dem Land- und dem Stadtleben. Dabei wird überall die Furcht vor Veränderung und dem Fremden spürbar. Ein Roman über Lebensentscheidungen und über unsere ausgelagerten Ängste und unsere gedachten zwischenmenschlichen Hierarchien. Dieser tiefsinnige und doch kurzweilige Roman erinnert an „Martiniloben“ von Marlen Schachinger.

Kim reist aus der Stadt zu ihrer Freundin Anne und hofft auf schöne Tage auf dem Land. Anne war oft für sie ein Vorbild gewesen. Sie hatte etwas an sich, das sie begeisterte und faszinierte. Sie planten damals gemeinsam ein Blumengeschäft und ein Café zu betreiben. Dann lernte Anne ihren Mann kennen und verließ Berlin. Hat Anne sich verändert oder hat Kim sie anders wahrgenommen? Der Umzug von Anne hat die Freundschaft verändert. Nun wollen sie diese durch wenige Tage, die Kim sie besucht, auffrischen. Anne lebt in einem großen Haus mit riesigen Fenstern, die das Drumherum einfangen. Um das Dorf gibt es einen Wald und sonst nicht viel. Weite Wege muss man machen, um einzukaufen oder Erledigungen zu tätigen. Somit benötigt jeder ein Auto, das im Carport untergebracht ist. Das Landleben zeigt sich anders, als es sich Kim gedacht hatte.

Die Menschen sind wortkarg und misstrauisch. Auch wenn Anne mit ihrem Mann und den Kindern dort schon länger wohnt, sind sie immer noch die Zugereisten, die Fremden, die nach weiteren Karriereschritten wohl auch weiterziehen werden. Anne fällt es schwer, sich in im dortigen Leben zu integrieren. Ihr Mann ist oft lange bei der Arbeit. Als Kim anreist, ändert sich daran wenig. Anne will sich für Kim Zeit nehmen und auch die Nachbarn einbinden. Sie sagt, sie wäre dort glücklich. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Denn warum haben alle Gärten hohe Zaunanlagen und die Türen sollen stets geschlossen bleiben. Warum dürfen die Kinder nie alleine in den Garten und schon gar nicht in den Wald? Seltsame Geschichten werden sich um den Wald erzählt. Menschen, die dort vagabundieren und es wird erzählt, es gäbe dort auch etwas Bedrohliches.  

Die Dorfbewohner sind ein eingeschweißtes Netzwerk und alles Äußere wirkt in ihren Augen feindlich. Neben der Wohlfühlatmosphäre des Landes gibt es die Angst vor Einbrüchen, wilden Tieren und den Gerüchten um den Wald. Der Wald als mystischer Ort, der eine Region der Erholung und Naturverbundenheit ist, aber auch, aus alten Zeiten kommend, etwas Bedrohliches beherbergen kann. Wo der Wald beginnt ist somit eine Grenze, die wir uns lediglich denken. Es geht dabei um Abgrenzung und Ausgrenzung. Wir alle sehen uns und die Menschen in unserer Umgebung stets mit der eigenen Wahrnehmung. Das persönliche Umfeld ist, auch in Zeiten der Globalisierung, sehr klein. Auch wenn Berlin eine Großstadt ist, trifft man in seinem Wohn- und Lebensraum oft dieselben Menschen. Die Gesellschaft und wir alle gewöhnen uns an Ausgrenzung und sogar an Missachtung. Dies kann im Kleinen, aber auch im Großen geschehen. Wir stellen uns selbst oft in ein eigenes Licht und schauen auf andere herab oder herauf, ohne es zu merken, zu wollen oder es uns zu wünschen.

Ein spannender Roman, der subtil die Zwischenmenschlichkeit in allen Facetten beleuchtet.

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Juri Felsen: „Getäuscht“

In diesem Roman tritt uns ein introvertierter Held entgegen, der ganz genau Tagebuch führt. Er leidet, schmachtet und jammert. Dies aber auf glamouröse Weise, die zu begeistern versteht. Es sind elegante Satzkaskaden, die eine Gefühlswelt zu einer raumfüllenden Literatur machen. Der Erzähler lebt nach der Russischen Revolution in den zwanziger Jahren als Emigrant in Paris, der Welthauptstadt der Künste. Es ist eine bedeutende Stadt der russischen Emigration geworden. Die Oktoberrevolution 1917 hat viele in die Flucht getrieben und einige davon ließen sich in Paris nieder. Die meisten wurden mittellos und agieren zum Beispiel als Taxifahrer oder arbeiten schwer in den Werken von Renault. Viele hatten den Weg über Berlin genommen, doch wurde dann Paris die Metropole der russischen Kultur im Ausland.

Der Autor, Nikolai Bernhardowitsch Freudenstein kam 1894 in Sankt Petersburg zur Welt. Die jüdische Familie sah sich zur Flucht gezwungen, als die Beschränkungen zunahmen. Die Reise ging über Lettland und von dort immer weiter Richtung Westen. Es erschienen bereits Texte von ihm, aber er wurde gänzlich in Paris schriftstellerisch tätig und nannte sich Juri Felsen. Der Poet saugte die Stadt in sich auf und plante einen mehrbändigen Romanzyklus um einen Schriftsteller. Er wird mit Proust verglichen und beeinflusste seine Generation. 1943 wurde Juri Felsen nach Auschwitz deportiert und ermordet. Sein Werk geriet in Vergessenheit und wurde jetzt wiederentdeckt und von Rosemarie Tietze übersetzt und mit einem Vorwort versehen. Das Buch beinhaltet ferner ein Nachwort von Dana Vowinckel.

Der Erzähler führt Tagebuch und hält sein Innenleben fest. Er betrachtet sich genauestens und empfindet sich dem Umfeld enthoben. Doch als ein Teil der Gesellschaft ist er hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Anerkennung und Distanzierung. Er erkennt, zu seinem Bedauern, dass er doch viele Gemeinsamkeiten mit den anderen hat und wohl auch genauso sang- und klanglos verschwinden wird. Er hat Geldsorgen, er macht sich allgemein viele Sorgen und Gedanken. Äußerlichkeiten interessieren ihn weniger. Er ist sich selbst Betrachtung genug. Dabei stellt sich eine Wehmut ein, die aber mit bittersüßem Humor eingefangen wird. Er wird liebestoll, denn ein Brief einer Bekannten aus Berlin kündigt den Besuch ihrer Nichte Ljolja in Paris an. Das was er über Ljolja hörte und weiß, lässt seine Gefühlswelt aufbrodeln. Mit Hochspannung erwartet er ihre Ankunft. Sein Wunschdenken und seine Phantastereien übertreffen dabei die Realität. Ljolja ist charmant und klug, doch weniger an ihm interessiert, als er es wünscht. Dadurch stellt er seine Beschützernatur und sein liebreizendes Sein immer mehr in Frage und verrennt sich in seinen Gedanken, die ihn und sein Handeln auch ins Lächerliche führen.

Ein eleganter, kluger und scharfzüngiger Roman. Die Tiefen des Innenlebens werden ganz genau beleuchtet. Dabei pendeln die Betrachtungen zwischen Melancholie, Wehmut und Humor. Ein Roman, der in den Reigen der Weltliteratur gehört. Juri Felsen ist ein kluger Sprachkünstler und Gefühlsdompteur.

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Wolfgang Brammen: „Die Nacht des Halligfeuers“

In diesem Kriminalroman wird das Biikebrennen ein feuriger Auslöser für eine Handlung, die durch das Setting, der Halligwelt, viele Besonderheiten erfährt. Das Biikefeuer ist ein uralter, tief verwurzelter Brauch in Nordfriesland. Dabei wird ein großes Biikefeuer entfacht, um den Winter zu vertreiben. Aber es gibt auch ältere Deutungen und  Mythen. Wurde es zum Abschiedsgruß der Walfänger oder zur Verbannung böser Geister entfacht? Es sind Holzscheite, die oft eine Figur zuoberst tragen und immer am 21. Februar zum Lodern gebracht werden.

Die Besonderheiten der Landschaft treten in diesem Roman besonders hervor und zeigen die Kenntnis und Liebe des Autors über die und zur Region. Wie es bereits in der Krimi-Reihe um den „Holländer“ von Mathijs Deen der Fall war, erfährt man viel über Beschaffenheit, Gebräuche und über die Natur des Wattenmeeres. Durch den Tatort auf einer Hallig Anfang der achtziger Jahre werden die Ermittlungen besonders erschwert. Es ist die fiktive Hallig Uthoog. 

Der Bürgermeister sieht vor den Feierlichkeiten nach dem Rechten, er überprüft die Wetterlage und besichtigt den gewaltigen Holzstoß, den alle gemeinsam aufgestellt haben. Es ist dunkel und er sieht kurz zwei Menschen, die sich auch bei diesem ungemütlichen Wetter rauswagten. Am Tag des Biikebrennens sind alle Bewohner und Touristen am Strand. Am kommenden Tag wollen der Bürgermeister und seine Gehilfen auf dem Biikeplatz aufräumen und das noch schwelende Holz zum schnelleren Auskühlen ausbreiten. Dabei machen sie einen grausigen Fund. Ein Mensch wurde im Feuer verbrannt.

Wurde das Feuer zum Mord genutzt oder sollte ein Leichnam verschwinden? Warum hat beim Verbrennen keiner etwas gemerkt? Wer ist der Tote und wer denkt sich so einen Mord aus? Für die Halligmenschen würde der Bürgermeister seine Hand ins Feuer legen. War es ein Gast und ist dieser noch auf der Hallig oder konnte er mit der Fähre bereits entkommen? Haben sich Täter und Opfer in den jeweiligen Verzeichnissen der Unterkünfte eingetragen? Wer wird überhaupt vermisst? Wer ist der oder die Tote?

Der Bürgermeister ruft die Polizei vom Festland an. Er wünscht sich den Kriminalkommissar Holthaus, der bereits vor einiger Zeit auf der Hallig tätig war. Sein Wunsch wird erhört und der Kommissar reist an. Die Spurensicherung muss ebenfalls anreisen und da keine reguläre Fähre mehr am Wochenende fährt, beginnen die ersten Probleme.

Jasper Holthaus kennt die Hallig, denn einst kam es hier durch eine Sturmflut zu einer Heimsuchung auf dem Friedhof, der durch das aufbrausende Meer einen Sarg in die Fluten entließ. Dies ist die Vorgeschichte der Protagonisten, die in der Novelle „Das Grab auf der Hallig“ beschrieben wird. Muss aber nicht vorher gelesen werden, um dem Inhalt folgen zu können. Der Kommissar, der sich im Pastorat einquartieren konnte, beginnt nun um die Geschehnisse des unvorstellbaren Biikebrennens herum zu ermitteln. Doch muß er dabei das Wetter ebenfalls mit einbeziehen, denn ein Sturm, ein Hochwasser könnten die Spurensuche zunichtemachen.

Dieser Roman baut eine angenehme Spannung auf und fängt das Halligleben mit seinen Besonderheiten, dem Charme, der Natur und ihren Menschen glaubhaft ein. Wolfgang Brammen ist ein belesener und kulturinteressierter Autor, der sich aber dem großen Literaturbetrieb entzieht. Er ist ein Freund unserer Buchhandlung und er liebt gut geschriebene Geschichten, zu denen er selbst nun eine weitere hinzugefügt hat.

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Sabine Peters: „Die dritte Hälfte“

Ein feiner Roman über den Lebensabschnitt, in dem der Blick zurück mehr Raum einnimmt als die Zukunftsvisionen. Die Handlung wird eingefangen durch eine Arztpraxis und die dort agierenden Menschen.  Es ist viel mehr als ein Arztroman, denn es werden existentielle Fragen gestellt. Ein gesellschaftliches Mosaik wird durch die unterschiedlichen Perspektiven, Generationen und sehr kurzweiligen Szenen entworfen. Die dritte Hälfte des Lebens sinniert über die Überforderung des Alterns, das Leben, die Kultur und die eigene Geschichte und Persönlichkeit. Unser ganzes gegenwärtiges Leben wird hier schmunzelnd, fragend und leicht philosophierend in ein sehr unterhaltsames Flickwerk eingebunden.  

Hermann Dik, kurz Doc genannt, ist abgekämpft, ausgebrannt und innerlich müde. Doch er macht weiter, er praktiziert noch und ist für seine Patienten da. Work-Life-Balance ist für ihn ein Fremdbegriff. Jeder Patient, der sein Arztzimmer betritt, kann sich seines Gehörs sicher sein. Es sind die unterschiedlichen Geschichten und Anliegen, die die Menschen zu ihm treiben. Das Altern fällt Doc schwer, besonders das Alleinsein. Dabei ist der Witwer nicht einsam. Seine Schwester und die Nachbarin sind da. Beide meinen es gut. Mit der Nachbarin trifft er sich regelmäßig, um Filme zu sehen, um dann doch einzuschlafen. Die Sorgen um deren Sohn treiben sie um, denn dieser wird immer mehr ein Aktivist. Durch die Patienten und die Arzthelferin bekommt der Roman unterschiedliche Perspektiven. Gesellschafts- und Kulturkritik wird dabei spürbar. Das Wegbleiben der Lesekultur und der Kultur überhaupt wird durch die Schwester und besonders durch den alten und guten Freund von Doc, Brummer genannt, verdeutlicht.  

Die Welt als buntes Spiel. Haben wir alle bei der Geburt unsere Grundeinstellung erhalten? Können wir dem Ich nicht entkommen? Was passiert uns im letzten Lebensabschnitt und was machen wir daraus? Wie gehen wir damit um, wenn die kleinen körperlichen und seelischen Wehwehchen einsetzen?

Ein ruhiger, sehr unterhaltsamer und kluger, sowie eigensinniger Roman. Ein einfühlsames, melancholisches und menschenfreundliches Werk, das auch am Lebenswitz nicht spart.

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Rasha Khayat: „Ich komme nicht zurück“

Ein berührender Roman über Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach Nähe und Zuwendung. Die Einsamkeit steht dabei im Mittelpunkt der Betrachtung und der Wunsch nach gemeinsamen Erinnerungen. Ferner spürt Rasha Khayat, wie in ihrem Debütroman „Weil wir längst woanders sind“ den Begrifflichkeiten Familie und Freundschaft nach und füllt diese mit viel Leben und Liebe.

Die Protagonistin Hanna, die im Ruhrgebiet bei ihren Großeltern Theo und Felizia aufgewachsen ist und eine Zeit weg war, kehrt zurück. Diese Heimkehr lässt sie erinnern, sich finden und auf Zuwendung und Vergebung hoffen. Neben ihren Großeltern fand sie in der Freundschaft zu Cem und Zeyna eine Wahlfamilie. Es sind die Achtziger Jahre, in denen sich ihre Freundschaft festigt. Die Herkunft hatte in ihrer eingeschworenen Gemeinschaft keine Bedeutung. Hanna und Cem kennen sich schon etwas länger als Nabil mit Zeyna, seiner Tochter, plötzlich auftaucht. Sie sind dem Krieg aus dem Libanon entflohen, wo Zeyna ihre Mutter verlor. Diesen Verlust kann Hanna nachempfinden, denn ihre Mutter starb bei einem Unfall. Die drei werden unzertrennlich in den ersten Jahren, dann treten immer mehr die Unterschiede hervor. Die Angst von Cems Familie und von Zeyna und ihrem Vater wächst, als Flüchtlingsheime Opfer von Brandstiftungen werden und später, am 11. September 2001, verändert sich erneut das Umfeld und damit auch das innere, familiäre Empfinden. Doch hält ihre Freundschaft, gerade weil Cem stets als Ruhepol die Dramen zu besänftigen versucht. Doch ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt und ein Ereignis, über das Hanna mit Cem nicht sprechen mag, erzeugt einen Bruch zwischen Hanna und Zeyna.

Hanna, die ebenfalls den Geburtsort verlassen hatte, kehrt heim und zieht in das Haus ihrer Großeltern. Sie verfällt einer Traurigkeit und einer Einsamkeit, die sie langsam versucht aufzuarbeiten. Sie besucht Freunde, die sich aber verändert haben, und es fehlt ihr an Zuneigung und Innigkeit. Diese fehlt besonders, denn es ist die Zeit der Pandemie mit den Abstandsregelungen und Lockdowns, die die Vereinsamung beschleunigen. Cem lebt noch dort und hat seinen Lebensmittelpunkt gefunden. Doch weicht sein Lebensinhalt von Hannas Vorstellung ab. Sie erkennt, dass wir Menschen oft zu etwas machen, was sie nicht sind. Man sieht, was man sehen möchte, was man benötigt und was einen verbindet. Dabei übersieht man oft das wahre Bild, das dem gemachten aber sehr ähnlich ist. Doch die Vertrautheit zwischen Cem und Hanna ist sofort da, war nie weg. Doch sind es die ungesagten Worte, die zwischen ihnen stehen. Worte, die, so empfindet Hanna, ganze Bibliotheken füllen könnten. Wann traut sie Cem zu sagen, was damals zwischen ihr und Zeyna passierte? Kann Hanna Zeyna finden und ihre Geschichte endlich abschließen und die Freundschaft erneut beleben?  

Rasha Khayat schreibt sehr lebendig und direkt. Wird in ihrer Prosa aber auch lyrisch und verwendet passende Wiederholungen wie einen Refrain, um den Gefühlsmoment zu vertiefen. Es geht um Ausgrenzung, Freundschaft und die Sehnsucht nach Entgegenkommen, Verbundenheit und Nähe. Es sind stets mehr Dinge, die uns alle vereinen als tatsächlich unterscheiden oder trennen. Ein einnehmendes, spannendes und schönes Buch.  

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Matthias Wittekindt: „Hinterm Deich“

Matthias Wittekindt schreibt Kriminalromane, die sehr still wirken, aber stets ganz genau hinsehen und gerade dadurch eine vielschichtige Handlung aufbauen. Die erwähnte Stille, bedeutet aber nicht, dass es sich bei den Werken um Cosy-Crime handelt. Weit gefehlt. Die Krimis behandeln stets Gesellschaftliches und sind mit einem großartigen Personal bestückt. Somit sind diese Krimis wunderbar geeignet, um in eine stimmungsvolle Handlung abzutauchen und richtig gut unterhalten zu werden.

Das aktuelle Buch „Hinterm Deich“ ist der fünfte Band um den pensionierten Kommissar Manz. Es sind die Erinnerungen des Kriminaldirektors a.D. Manz. Er erinnerte sich bereits an die Jahre 1990, 1978, 1961 und 1984. Jetzt wandern seine Gedanken an die Küste und in das Jahr 1964, als er noch Polizeianwärter war. Dies ist der Clou der Romane, das Erinnern. Denn können wir diesen Erinnerungen stets trauen? Vermischt sich Erlebtes mit Erdachtem? Der Lesespaß wird gerade dadurch gefördert, dass die Handlung springt zwischen den Zeitebenen. Denen des gealterten und denen des jungen Mannes, der sein Praktikum in dem Dörfchen Sandsiel absolviert. Das Erinnern an die Vergangenheit geht einher mit den jetzigen Gedanken aus der Gegenwart. 

In der Gegenwart hat Manz Freunde eingeladen und erhält dann einen Anruf, der ihm Sorgen bereitet. Seiner Mutter geht es nicht gut. Die ganze Familie plant eine Fahrt zu der Mutter und auf dem Parkplatz eines Baumarktes und bei Feierlichkeiten beginnen die Erinnerungen an sein neunzehnjähriges Selbst.

Während der Ausbildung soll er praktische Erfahrungen machen. Er lässt sich in die Dienststelle in dem abgelegenen Dorf an der Nordseeküste versetzen. Während die anderen Polizeianwärter die großen Städte bevorzugen, geht er ausgerechnet an die Küste. Er hatte in der Disko ein Mädchen kennengelernt und will zu dieser hin. Doch ist diese nicht sehr begeistert. Der junge Mann ist aber nicht lange betroffen und das Liebesleben entwickelt sich nicht nur im Kopf. Somit sind seine Schwärmereien ein beständiger Begleiter, als er mit dem Damenrad der Vermieterin die Ortschaft erkundet. Große Ereignisse passieren nicht im Dorf. Doch dann kommt es zu einem schweren und tödlichen Verkehrsunfall. Manz soll Erkundigungen einholen und stößt auf diverse Geschichten. Gerüchte und Wahrheiten buhlen umeinander. Die Aufklärungsarbeit öffnet das ganze Dorfleben. Berichte über Pestizide, Missbrauch und Rache kann Manz sammeln. Das Dorfleben und die richtige Polizeiarbeit werden nun aus der Perspektive des älteren Manz geschildert.

Ein wunderbarer, reduzierter Kriminalroman, der verlangt, sich auf die Stimmung einzulassen, um den ganzen Lesespaß zu erhalten. Der Roman ist ohne viel Blutvergießen spannend und trumpft mit seinen Beobachtungen und dem ganz feinen und stillen Humor.

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