Juan Pablo Villalobos: „Das Alibi“  

Am Ende bleibt nichts, wie es war oder ist doch alles so, wie es war. Haben wir es nur phantasiert? Das ist die Frage, die sich hier literarisch stellt. Nichts in diesem Buch ist wahr, heißt es vorweg, nur das, was wahr ist. Somit gaukeln uns der Erzähler und der Autor einiges vor und wir haben unseren Spaß daran. Wenn in uns etwas wächst, sich etwas festgesetzt hat und sich unsere eigene Welt darüber stülpt, kann daraus eine Perle oder ein Polyp wachsen. So ergeht es auch Juan Pablo – Autor und alter Ego in „Das Alibi“. Die Begriffe „Friseur und Briefe“ zieren den Originaltitel, der nun aus dem mexikanischen Spanisch von Carsten Regling übersetzt erschienen ist. Das Alibi verweist auf die Bescheinigung für eine bestimmte Zeit gegenüber dem Partner, dem Arbeitgeber oder gegenüber der Justiz, wenn es sich um eine Tatzeit handelt. Also was ist passiert? Sofern überhaupt etwas geschehen ist, ist es unglaublich viel, was Juan Pablo zu berichten hat. Denn er hat als Autor ein Problem. Er ist glücklich. Somit befürchtet er, diese Aussage am Anfang könnte das Ende des Romans sein und was soll er schreiben? Denn gute Literatur entsteht aus Ereignissen, Dramen und wurzelt meist im Unglück. Das Autofiktionale berührt, wenn es authentisch ist. Aber was, wenn das Glücklichsein vorherrscht?

Seinen Namen kennen wir. Alle anderen wollen nicht in Erscheinung treten. Auch seine Kinder möchten nicht, dass er sie für seine Literatur verwendet. Also bleiben sie das Mädchen und der Halbwüchsige. Auch seine Frau ist lediglich die Brasilianerin.  Er stammt aus Mexiko und sie sind beide nach Barcelona gezogen und leben dort mit ihren Kindern. Sie sind glücklich und er zelebriert das dort erhältliche mexikanische Essen und die spanische Lebensgewohnheit, die seiner ähnelt. Das erste Alibi benötigt seine Frau, als er sich in einer gastroenterologischen Klinik untersuchen lässt und sie ihn begleitet. Gegenüber ihrem Arbeitgeber benötigt sie einen Nachweis, den er ihr am kommenden Tag beschaffen möchte. Doch die Empfangsdamen wittern den Versuch eines möglichen Betruges und wollen nur ihr persönlich das Dokument ausstellen. Als seine Frau, als er noch da ist, ihn anruft und fragt, ob alles geklärt sei, ist er gänzlich überfordert. Er sagt ja und verzettelt sich. Er wird auch auf einem Schreibkurs, den er in einer Buchhandlung gibt, in etwas verwickelt. Ein Mann sucht seine Nähe, weil er behauptet, auch schreiben zu wollen. Er habe viel erlebt und wolle es verewigen. Doch wie sich in Folge herausstellt, möchte dieser nur Fotos mit dem bekannten Autor machen, um seine Abwesenheit andernorts zu erklären. Auch ein Friseurbesuch, den Juan Pablo macht, verwickelt ihn. Er geht in einen Salon, wo die Friseurin Zeit hat. Warum diese nichts zu tun hat, macht ihn nur kurz stutzig und sieht dann, dass ihre eine Hand geschient ist. Beim Haarescheiden passiert es, sie schneidet sich, weil sie ihr Handwerk nicht richtig ausüben kann, eine Fingerkuppe ab. Mit halbfertigem Haarschnitt und einer fremden Fingerkuppe bleibt er nun allein mit seinen Gedanken und sollte wohl handeln. Gegenüber der Versicherung wird er wohl aussagen müssen, aber warum wird die Fingerkuppe nicht benötigt? Was passiert mit den Fotos, die der Besucher des Schreibkurses von ihm gemacht hat und wer benötigt eigentlich wen für welche Alibis? Jetzt hat Juan Pablo genug erlebt, um darüber schreiben zu können, oder ist er es selber, der sich ein Alibi beschaffen wollte? Oder schreibt er nur, um schreiben zu können?

Ein kurzer, sehr unterhaltsamer Lesespaß, der uns in eine Handlung hineinwirft, die nichts belässt, wie es ist und dabei die Wirkungskraft der Literatur beweist und uns dadurch selbst glücklich macht.

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Archie Oclos: „Die Straßenkatzen von Manila“

Ein Bild und nur drei Worte die jeweils alles erfassen. Die Geschichten der sechs Straßenkatzen und ihr Leben auf den Philippinen sind ein berührendes, zu Herzen gehendes Kunstwerk. Es sind gezeichnete Geschichten, die sich im letzten Kapitel vereinen. Übersetzt hat es Jan Karsten.

Die Schönheit verbirgt sich in der Trostlosigkeit der menschlichen Metropole. Streuner, die es gelernt haben alles genauestens zu beobachten, um schnell Schutz zu finden, Essen zu ergattern und um zu überleben. Dabei wird der Blick der Katzen ein Blick auf uns und die Tiere verkörpern Gesellschaftsbilder, in denen sie leben. Ein Bild und drei Wörter erzählen ganze Geschichten. Dabei ist genaues Hinsehen und Empfinden nötig, um das ganze Werk zu erfassen. Wir begleiten die Samtpfoten, die auch nicht alle unversehrt auftreten, durch verwinkelte Gassen, zu Jeepney-Terminals, Werkstätten, Hinterhöfen und in Garküchen. Ihr Blick wird unser Blick auf das dortige Leben und auf das Miteinander. Was bedeutet es als Lebewesen sich in den Städten und auf der Straße behaupten zu müssen?

Archie Oclos ist ein philippinischer Künstler. Seine Werke beschäftigen sich mit politischen und sozialkritischen Themen. Im Mittelpunkt stehen Ungerechtigkeit und Korruption. In „Die Straßenkatzen von Manila“ erzählt er in sechs Kapiteln eine Geschichte. Sechs Katzenperspektiven, die am Ende zusammengeführt werden. Nach den jeweiligen großen Abenteuern werden sie eine Gruppe und im chaotischen Gewirr der Straßenkabel, dem Durcheinander der Straßen finden sie ein Zuhause, einen Karton, in dem Katzen sich stets geborgen fühlen. Dies Bild bleibt am Ende ein Motiv des Zusammenhalts.

Wir lernen die weiße Katze vom Jeepney-Terminal kennen. Das Terminal ist ein Ort der Ankunft und der Abfahrt. Jeepneys sind landestypische Verkehrsmittel, die ersetzt werden sollen und die Armut der Fahrer wird hier sichtbar. Die Katze sucht Schatten und wird mit dem Blick nach oben Zeuge der Notlagen und der Sorgen. Dann ist da das Duo aus der Garküche. Es sind zwei Katzen, die sich in den Gerüchen weiden und letztendlich doch nur die Abfälle abbekommen. Der Hunger ist spürbar und der Kampf ums Überleben wird sichtbar. Der Pirat von der Reifenwerkstatt hat einen scharfen Verstand und ein enormes Wahrnehmungsvermögen. Ein Politiker fällt negativ auf, der mit seinen Bodyguards die Räumlichkeiten der Werkstatt in Anspruch nimmt. Dabei ist es letztendlich der Katzenpirat, der sich an dem menschlichen Gebahren zu rächen versteht. Eine Prinzessin aus der Wohnanlage hat ein gutes Heim, aber empfindet Einsamkeit und Abenteuerlust und verbündet sich am Ende mit der ganzen Meute. Batman heißt eine Katze, die in einer Mall einen Sicherheitsbeamten trifft, der seine Arbeit verloren hat.

Alle Katzen blicken auf ihre Welt, die die unsere ist. Sie streunen durch das Leben und zeigen uns, wie es auf den Straßen zugeht.

Ein Bild pro Doppelseite und drei Wörter. Mehr benötigt dieses Katzenkunstwerk nicht, um unser Herz zu erobern.

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Ulrike Damm: „Die Poesie des Buchhalters“

Ulrike Damm öffnet Sprachräume. Erneut stellt sie mit ihrem Roman essentielle Lebensfragen. Die Suche nach dem Lebensinhalt und Glück. Sie verbindet stets visuellen Ausdruck mit Wort und Inhalt. So auch in dem vorliegenden Buch, in dem sich visuell eine zweite Stimme und Perspektive im unteren, abgetrennten Abschnitt ein – und ausblendet. Ihre Werke sind sinnlich, klug und kunstvoll.

Ulrike Damm schreibt und macht als Künstlerin ihre Texte begehbar. Sie verbindet Literatur mit interaktiven und visuellen Elementen und stellt als Künstlerin ihre Bücher auch in Kunsträumen aus. Sie schreibt ihre Texte zweifach, am Computer und mit der Hand. Somit entsteht Literatur als Buch und als ausstellbares Kunstwerk. Eine Literatur voller Weisheit und einfühlsamer Beobachtungen. Ulrike Damm ist Künstlerin, Autorin und Verlegerin.

Der Roman spielt mit Lebensperspektiven. Ein Buchhalter, der beruflich und privat analysiert, abwägt und die Balance halten möchte. Es ist Justus Kratz der verheiratet war, jetzt zu seiner ehemaligen Frau ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Er wohnt zur Miete. Seine Vermieterin Rose schreibt oft und bittet ihn, ihre Post mitzunehmen. Einen Brief hat er nicht aufgeben. Aus einer Laune heraus. Er hat sich hinreißen lassen und diese kleine Tat, diese minimale Verfehlung, bringt sein Leben durcheinander. Er hat sich über sich selbst erschrocken und den Brief versteckt. Doch es wird Rose auffallen und sein Gewissen meldet sich. Auch etwas, was er nicht kannte, die Neugier, die sich krankhaft bei ihm bemerkbar macht. Dann kommt es auch zu Treffen mit Rose, deren Perspektive sich im unteren Seitenabschnitt des Buches einblendet. Wem schreibt Rose, wer hat das Glück, ihre fixierten Gedanken zu erhalten? Er hat den Brief behalten und geöffnet, seitdem ist er ratlos. Rat, den er sich bei Kollegen, Freunden und sogar bei Rose erhofft. Er stellt sich seit seinem kleinen Fehlverhalten wesentliche Fragen. Ein kleines Handeln wirkt sich in seinem Leben groß aus. Kann er seinen Zwängen entkommen, wie lebt man richtig und was ist es wert?

Wir erleben den Alltag des Buchhalters, der sein Leben plant und ein Bewusstsein für Verantwortung und Gewissenhaftigkeit hat. Wie sich seine Lebenssicht durch einen emotionalen Anreiz verwandelt. In zugänglicher Poesie werden einfache Bilder komplexer und das Spiel der Lebensperspektiven wird bizarr, wie es das Leben ist. Ein Roman, der Gedankenräume erzeugt und ein Erlebnis ist.

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Mary Shelly: „Mathilda“

Ein kleines Meisterwerk, das posthum veröffentlicht wurde und sich mit den großen Themen der Autorin, Feinfühligkeit und Einsamkeit, befasst. Erneut ist es auch die Macht des Natürlichen, die beständig durch ihre Literatur glänzt. Ihr bekanntestes Werk ist „Frankenstein“ und beinhaltet auch wie „Mathilda“ die Suche und Sehnsucht nach Lebensenergie, Zuwendung und Liebe. Mary Shelly (1797 – 1851) schrieb Romane, Kurzgeschichten, Essays, Theaterstücke, Biographien und Lyrik. Sie gab ferner die Werke ihres verstorbenen Mannes, Percy Bysshe Shelley, heraus und war befreundet mit Lord Byron, aufgrund dessen Einladung am Genfer See sie die Idee zu Frankenstein entwarf. Wie im vorliegenden Werk geht sie der Frage der Monstrosität nach. Im Kleinen und Großen. Denn denken wir an Frankenstein, ist es meist nicht der Arzt und Wissenschaftler, sondern der moderne Prometheus, der uns in den Sinn kommt. Doch wer ist das gesellschaftliche Monster? „Mathilda“ wurde übersetzt von Stefan Weidle, der auch ein kurzes und wissenswertes Nachwort verfasste. Hier geht es um die Entstehung des Textes, warum dieser nicht zu Lebzeiten der Autorin erschien und wie weit dieser autobiografisch zu verstehen ist.

Mathilda schreibt 1819 in Florenz an ihren nahen Freund Woodville. Am Ende ihres Lebens sinniert sie über ihren Lebensweg, über ihr kurzes Glück und den Weg in den seelischen Schmerz. In ihrem Einstieg fällt der Name Ödipus und lässt bereits Vermutungen zu. Das Lebensglück war in jungen Jahren spürbar, doch zog es sich dann immer mehr von ihr zurück. Doch will sie nicht vorweggreifen, sie möchte dem treuen Freund alles genaustens erzählen und beginnt.

Ihr Vater verliebt sich und seine ausufernde Liebe wird erwidert. Das vermählte Paar bekommt kurz nach der Trauung ein Kind, Mathilda. Doch die Mutter stirbt kurz nach der Geburt und der Vater zieht sich in ein auferlegtes Exil, sozusagen auf weltweite Distanz, zurück. Mathilda wächst bei der herzlosen Tante in Schottland auf. Als sie sechzehn Jahre ist, meldet sich der Vater in London zurück. Mathilda ist voller Glück und wagt zu hoffen. Sie verbringen eine schöne Zeit. Voller Liebe und Zuwendung. Das Glück, dass aber greifbar wirkt, verrinnt. Die Liebe übersteigt das Normale und als sich ein junger Mann um Mathilda bemüht, kippt die Stimmung und Düsternis wirft sich über die Beziehungen. Erneut fliegt Mathilda in einen tiefen, seelischen Abgrund. Auf dem Weg dorthin und auf die darauffolgenden Verzweigungen schaut Mathilda, nun in Italien lebend, zurück.

Ein Werk voller Romantik und Schmerz. Sehr subtil wird hier das Innenleben seziert und das Bild von Familie, Beziehung und Bindung erhält Polaritäten aus kurzen Lichteinfällen, die aber erst durch die Dunkelheit auffällig werden. Diese Novelle hat einen Sprachklang und eine Intensität, die durch Handlung, Themen und Charakterisierungen eine eigenwillige Spannung aufbauen. In ihren Roman gibt es viele Anspielungen auf bedeutende Werke der Weltliteratur. „Mathilda“ zählt mit dieser Wiederbelebung auch dazu. Ein neu gehobener Klassiker.

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Toine Heijmans: „Irrfahrt“

Die Irrfahrten auf See hat es bereits bei Homer gegeben, Ein Held, der durch das Schicksal in eine Verkettung von Abläufen gerät. Bei einer solchen Odyssee sind unbekannte Zuwächse und Überraschungen beständige Wegbegleiter. Die Irrfahrt als Metapher und als Abenteuer. Ein raffinierter und unglaublich betörender Roman, der für unsere Empfindungen eine Übermacht einnimmt und die Grenzen der Wahrnehmung regelrecht übersegelt. Ein Törn, in dem Gezeiten, die See und das Umfeld die Kontrolle übernehmen. Denn wie es im Text steht, übernimmt das Meer irgendwann das Denken, wenn wir damit aufgehört haben sollten. Für den Erzähler ist gerade das Leben auf dem Meer besser als irgendwo anders. Doch je näher er der Küste kommt, desto stärker wird seine Bindung zum Land spürbar. Die Welt saugt ihn wieder ein und seine Gedanken, Sorgen und Ängste verfestigen sich. Auf seiner letzten Etappe begleitet ihn seine siebenjährige Tochter auf seinem Segeltörn und ein Sturm zieht auf. Er bleibt ruhig, denn er kennt das Meer und weiß, Überleben beruht auf Routine. Er ankert und will das Unwetter nahe der Küste aussitzen.

Diese Etappe, von Dänemark bis in die Niederlande ist der Abschluss seines Segeltörns. Er hat sich eine Auszeit genommen und ist für Wochen im Atlantik und in der Nordsee unterwegs. Auf dem Festland sind seine Frau Hagar und die Tochter Maria. Er suchte die Einsamkeit und hat sich auf das Meer zurückgezogen. Nun auf der letzten, unbedenklichen Überfahrt, die zwei Tage dauern soll, möchte er seine Tochter dabei haben. Hagar, die ihre Ängste nicht benennt, nicht begeistert ist, gibt nach und somit geht Maria mit an Bord. Vater und Tochter sind nun in der Abgeschiedenheit und der Rest der Welt nur noch ein Gedankenkonstrukt am Horizont. Sie haben eine losgelöste Zeit auf dem Boot. Doch nun, auf den letzten Seemeilen, schlägt das Wetter um. Maria schläft, während er das Boot nahe dem Festland verankert. Dann ist Maria plötzlich verschwunden. Auch ihr Kuscheltier ist weg, dabei schlief sie doch soeben noch.

Die Perspektiven und der geradlinige Horizont verschieben sich mit jeder weiteren Seite. Dieser Roman, eher eine Novelle, hat eine enorme Sogkraft. Mit einfacher und zugänglicher Sprache baut sich hier ein Spannungswerk auf, das mit der Nähe zum Festland, immer mehr Tiefe erhält. Der Titel und die Handlung erinnern an Homer und Melville.  Die Irrfahrt ist nicht auf das Nautische bezogen, sondern es geht auch um das Ankern im Leben als Ehepartner und als Vater. Der Text spielt mit uns sehr geschickt und die Windrichtung ändert sich und mit ihr auch die Handlungströmung. Der Clou erinnert ferner an den Roman „Einhandsegeln“ von Kortmann. Die Beziehung von Mensch und Meer ist dabei der Einstieg für Gedankenbilder, die sich dann um das Miteinander verfestigen.

Dieser Literaturtörn wurde bereits mehrfach übersetzt und sogar verfilmt und ausgezeichnet. Aus dem Niederländischen ist der Roman von Ilja Braun übertragen worden.

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Frank Göhre: „Sizilianische Nacht“

Wieder ein echter Göhre. Mit schnittigen Szenen verführt uns die Handlung nach Sizilien und das Abenteuer erhält seinen Höhepunkt in einer mediterranen, unheilvollen und fiebrigen Nacht. Die Grundlage für diesen Roman ist das Ende der Lebensgeschichte eines exzentrischen Dandys, Autors und Erfinders. Göhre nennt ihn Jean Paul Durand und er macht seine Geschichte zu seiner. Gemeint ist aber Raymond Roussel (1877 bis 1933) und mit diesem Kriminalroman findet das Geheimnis jener bis heute ominösen Nacht eine mögliche Erklärung.

Durand ist ein Schriftsteller, Weltreisender, Erfinder und Schachtheoretiker. Seine aufsehenerregendste Erfindung ist das Wohnmobil. Sein Dasein verdankt er einem riesigen Vermögen, das ihm seinen Lebensstil und seine Süchte finanziert. 1933 reist er von Paris nach Palermo. Begleitet wird er von seinem neuen Chauffeur und Aleksandra Wojcik, die lediglich Madame genannt wird. Er möchte nach Sizilien, weil er bei den Feierlichkeiten um die heilige Rosalia, der Schutzpatronin Palermos, dabei sein möchte. Es ist das Fest des Lebens und der Lebensfreude. Im Grand Hotel et Des Palmes quartiert er sich mit seinen Begleitern für eine längere Zeit ein. Seine Anwesenheit erzeugt eine ehrfurchtsvolle Stimmung bei dem Hotelbetreiber und dem Personal. Auch werden sogenannte ehrenvolle Freunde aus der Mafia auf ihn aufmerksam.

Das Hotel hat eine lange Geschichte und hat mit dem neuen Gast eine weitere zu erwarten. Durand ist launisch, krankhaft und tablettensüchtig. Diese führt er in rauen Mengen stets bei sich. Madame sorgt für sein Wohl und fährt zwischendurch zurück nach Paris, um beim Vermögensverwalter, Durands Neffen, Geld zu organisieren. Da die Summe sehr hoch ist, wird der Neffe misstrauisch und vertraut Madame nicht. Befolgt aber dennoch die Anweisungen, bittet aber den ehemaligen Chauffeur, Madam nachzureisen und diese im Auge zu behalten. Die Treffen mit den ehrenwerten Freunden lassen vermuten, dass höhere Kreise Interesse an der Erfindung des Hotelgastes haben. In Palermo wird das ausschweifende Fest der Heiligen gefeiert und die Faschisten demonstrieren ihre Macht. Es ist eine denkwürdige Nacht auf Sizilien. Es ist die letzte Nacht von Durand. Der Hotelpage findet ihn tot in seinem Zimmer. War es eine Überdosis? Was plante die Mafia, was die Madame und was ist mit dem verschwundenen Chauffeur? War es ein Versehen, ein Suizid oder steckt etwas ganz anderes hinter den Ereignissen? War es ein ausgeklügeltes Spiel, Willkür oder ein Unfall?

Ein Roman vor einer wahren Kulisse. Göhre schreibt erneut klug, kurzweilig und bildreich. Die Handlung befördert uns hinein in das gärende Palermo während vieler Machdemonstrationen, die die Welt erschütterten. Das Ableben eines Mannes, der vieles in der Kultur beeinflusste, wird hier spannend aufgegriffen und zu einem typischen Göhre umgewandelt. Er schreibt Bücher, die wahres Kopfkino beinhalten.   

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Melara Mvogdobo: „Großmütter“

Ein komprimierter und fragmentarischer Roman, der zwei Leben beschreibt, die in unterschiedlichen Ländern die schlechte Behandlung und das erniedrigende Dasein der Frau darstellen. Das Fragmentarische ist so kunstvoll eingesetzt, dass sich in der Kürze der Abschnitte und durch die poetische und ehrliche Sprache jeweils ein ganzes Leben offenbart. Eines in Afrika und eines in der Schweiz. Das Kunstvolle in der Sprache zeigt sich auch in der Aufwendigkeit des Buches, das die parallel verlaufenden Leben in zwei Schriftfarben darstellt. Die beiden Frauen sind nicht gleich jene Großmütter. Sie sind es aber gegenwärtig, haben eine Distanz zum Vorherigen geschaffen und reflektieren. Es gab einen Moment, eine späten, der zeigte, dass es reicht, dass sie genug erduldet haben und sie jeweils einen Schlussstrich ziehen, der der Wut Freiraum gibt und sogar Rache zulässt. Es sind zwei Frauen, die trotz der Enttäuschungen und Erniedrigungen beide einen Kern aus Liebe und Kraft in sich bewahren konnten. Dieser Kern bricht nun durch die kurzen Texte auf. Der Roman ist ein schwermütiges, aber auch ein enorm beglückendes Werk.

Sie stellen sich die Frage, warum sie dasselbe weitergeben, warum sie die Liebe nicht gezeigt haben.  Die Liebe zu ihren Kindern und zum eigenen Leben. Die Erkenntnis kommt und lässt die Großmütter erzählen. Ein hartes Leben auf einem Schweizer Bauernhof. Zuneigung, Liebe und allgemein Gefühle wurden nicht gezeigt. Diese waren weiblich. Wut ja. Die Wut durfte gelebt werden. In Kamerun ist es kein armes Leben, aber ebenfalls ein dominiertes. Der Traum von Bildung wird zerschlagen. Dann kommen die Männer, die bestimmten, die Verursacher und die Peiniger. In der Schweiz musste sie schon als Kind hart mitarbeiten, bei den Eltern und später auf einem anderen Hof, während der Hauswirtschaftsjahre. Dort kommt es zu einer Begegnung mit dem Knecht und ein uneheliches Kind ist da. Dieses Kind wird ihr genommen und ein Ehemann bestimmt. Auch in Kamerun ist der Weg kein leichter. Sie wird ermahnt, nicht der Vielehigkeit zuzustimmen. Auch wenn dann die ganze Familie aufschreien wird, auch die mahnende Stimme. Bei der Eheschließung beschließt sie ein Leben sans Polygamie und bringt ihren Mann gegen sich auf. Es bleibt nicht nur bei bösen Blicken und Verwünschungen, sondern sie erhält einen beständig aggressiven Mann. Da sie nur Mädchen zur Welt bringt, hält sich der wütende Ehemann nicht an die Vereinbarung. Aus Schutz und Liebe entzieht sie ihren Töchtern die Zuwendung und erkennt daran ihren wahren Kern und beginnt diesen zu befreien, um spätestens bei den Enkeln offen zu sein, die jene Freiheit wiederum ihr wünschen. Auch in der Schweiz ist der Lebensweg an den Mann gebunden. Bis ins Alter und mit dessen Krankheiten. Das Altenheim als gemeinsamer Ort, der ihren inneren Kern sie erkennen und auch ihre Freiheit finden lässt. 

Beide Leben unterschiedlich und doch so ähnlich. Die Unterdrückung und Demütigung sind gleich, trotz der unterschiedlichen Kulturen. In der Verknappung der Texte wird sehr viel Emotion und Herz spürbar. Eine Zuwendung zum Leben, die sich trotz der Pein ihren Weg freibricht. Auch wenn das Erkennen später kommt, gibt es Chancen und Wege. Dieser Roman ist ein wunderbarer, trauriger und literarischer Ausbruch, der uns ganz viel schenkt. 

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Nils Westerboer: „Lyneham“

Endlich mal wieder eine kluge Weltflucht. Ein Science-Fiction Roman, der eine vielschichtige und spannende Handlung aufbaut. Der Autor versteht es, neben dem Erzählstrom viele Gedankenmuster loszubrechen, die durch die verwobene Handlung mehrere Dimensionen öffnen. Auch die Metaphorik wird durch den Lesefluss zu einem literarischen Bilderrausch.

Die Handlung spielt auf einem extrasolaren Mond, der als Trabant zu dem Planeten, den er umkreist, Lebensbedingungen erzeugen kann, die ein überleben möglich machen. Dafür ist Terraforming noch vorgesehen und notwendig. Der faszinierende Mond wird Perm genannt, nach der Periode jenes Erdaltertums vor 252 Millionen Jahren. Doch bevor die Handlung sich auf den Mond stürzt, erleben wir im Prolog einen Marshmallow-Test. Die zukünftige Wissenschaftlerin wird als Kind getestet. Wenn sie in einer gewissen Zeitspanne den Marshmallow nicht essen würde, bekäme sie einen weiteren. Doch was ist, wenn sie diese Süßspeise gar nicht mag und warum wissen dies ihre Eltern nicht? Hierbei zeigt sich, wie wichtig es ist, stets alle Fakten zu kennen, um die Gründe des Handelns zu verstehen.

Ihre Familie ist es, die das Abenteuer erlebt. Die Erde stirbt und die Menschen wandern aus. Am Raumhafen, kurz vor dem Einchecken, spricht die Mutter mit ihrem Mann und fliegt nicht mit. In den Stasiskammern eingelagert erreichen sie Perm und stürzen in die neue Welt. Henry Meadows hat Geburtstag und ist zwölf Jahre alt geworden. Seine Feier hat er sich anders vorgestellt und bei der Ankunft in der neuen Heimat werden alle sehr durchgerüttelt. Die Lebensumstände sind sehr bedrohlich. Die Luft lässt sich nicht atmen, alles wirkt toxisch und die Tierwelt verbreitet Angst und Schrecken. Die Tiere beherrschen zudem besondere Tarnvorrichtungen. Es gibt auf Perm Berge, deren Gipfel in den Kosmos ragen und sphärische Flüsse. Die Heimat ist somit noch nicht fertig. Irgendetwas scheint die Umwandlung verhindert zu haben. Der Alltag wird für Henry auch aus Schule bestehen und die Lehrkraft ist eine künstliche Intelligenz, die einst für Bohrungen zuständig war. Alles ist anders, feindlich und fremd. Wo ist die Mutter und wie lange waren sie überhaupt unterwegs?

Mildred Meadows war zurückgeblieben, um einen neuen Antrieb abzuwarten und ihre Familie zu überholen. Sie will für alle das Beste aus der neuen Welt herausholen. Was ist schiefgelaufen und warum ist die Mutter für ihre Familie nicht da, die sie sehnsüchtig erwartet. Es mehren sich die Zeichen, dass die Mutter schon da war, vor langer, langer Zeit und sie hat eine Warnung hinterlassen.

Dieser Science-Fiction ist ein gelungener Ritt durch Raum und Zeit. Die Ideen sind nicht nur kurze Anregungen für eine Weltraumhandlung, sondern der ganze Roman ist gehaltvoll und sehr spannend und toll erzählt. Dieser Flug geht schnell vorbei, schüttelt uns durch und hinterlässt einen Hohlraum in unserer Realität.

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Stefan Györke: „Tizianas Rosen“

Ist dies ein Krimi, wie es auf dem Buch steht? Erneut hat Stefan Györke einen Roman geschrieben, der sich auf mehreren Ebenen lesen lässt. Es könnte ein Krimi-, aber auch ein Liebesroman sein, doch entpuppt sich das Werk als etwas mehr. Mit enormer Leichtfertigkeit wird hier eine Handlung aufgebaut, wo am Anfang suggeriert wird, der Fall sei bereits gelöst. Doch dann werden kunstvoll die Entwicklung der Handlung und die manipulative Zweisamkeit aufgebaut, die die Möglichkeiten durcheinanderwirft und stets die Spannung aufrechterhält.

Stefan Györke ist nach seinem Medizinstudium als Notfallmediziner tätig und weitet seine Lebensleidenschaft auf die Literatur aus. Seine Werke begeistern durch seine Sprache, durch die Vielschichtigkeit der Handlung und die lebendigen Figuren. „Tizianas Rosen“ ist gekonnt durchkomponiert wie eines seiner vorherigen Werke „Die Liebe der Skelette“, das hier im Leseschatz bereits sehr positiv aufgefallen war.

Die Lösung des Kriminalfalls am Anfang des Romans, wo Tiziana durch ihr Geständnis von der Verdächtigen zur Täterin wird, wirft Fragen auf. Nicht nur bei der ermittelnden Polizei. Eine Woche vor dem Verhör hatte sie noch vom Toten einen Strauß Rosen erhalten mit einer Karte, wo er sich als Narr bezeichnete. In Gedanken meinte aber sie, die Närrin gewesen zu sein.

Tiziana hat sich von ihren Eltern aus Sizilien gelöst und beginnt ihr eigenes Leben in der Schweiz zu leben. Sie findet einen Job in einem Ingenieur-Büro, wo sie alles für die unorganisierten Entwickler regelt. Doch nach einem Höhenflug der Firma geht diese pleite, aber die Tätigkeit von Tiziana blieb nicht ungesehen. Eine angesehene Anwaltskanzlei bittet sie zum Vorstellungsgespräch. Die Inhaber und Partner wirken freundlich und die Räumlichkeiten elegant. Die Einarbeitung findet durch die Chefsekretärin statt und schnell hat sich Tiziana eingelebt. Sie wird für den befähigten und baldigen Partner der Kanzlei Ulrich Vanderhoff tätig sein. Als sie ihn zum ersten Mal sieht, ist es Liebe auf dem ersten Blick. Er beginnt ebenfalls sie zu umwerben. Doch die Tätigkeit im Büro steht stets an erster Stelle und das Arbeitspensum ist enorm hoch. Ein emotionales Wechselspiel beginnt beruflich und privat. Die private Bindung bröselt, aber beruflich macht sie alles, was er ihr aufträgt. Auch schreibt sie die Grußkarten an seine Liebhaberinnen. In dieser Phase nähert sie sich auch ihren Eltern wieder an. Die sizilianische Vergangenheit streift immer ihr Leben. Durch die Eltern und durch Ulrich Vanderhoff, der einst als Schwertschlucker auf der italienischen Insel umherzog.

Ulrich Vanderhoff ist das Opfer, er wurde ermordet aufgefunden, mit einem Strauß Rosen, der ihm im Hals steckt. Ein Ritualmord aus dem Mafiamilieu oder eine Beziehungstat? Der Verdacht führt auch zu Tiziana, die die Tat gesteht. Doch glauben will es ihr keiner.

Ein verstrickter Kriminalroman, der sich literarisch und humorvoll durch seine Handlung windet. Als Krimi legt er stets neue Verdachtsmomente aus. Durch die Charakterisierungen gelingt ein sensibles Herantasten an die Ereignisse. Der Roman wurde mit Hingabe und Witz geschrieben und macht Spaß zu lesen.

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Katharina Bendixen: „Eine zeitgemäße Form der Liebe“

Auch die Liebe und die Fürsorge durchwandern zeitgemäße Veränderungen. Somit ist wohl nichts unveränderbar. Oder doch? Ist der Mensch immer noch dasselbe Tier und nur die Umstände zerren an uns? Nicht mehr wir werden vom Vorübergehen an den Käfigstäben müde, sondern der Käfig dürfte ermüden. Diesem Käfig entkommen oder benennen die Geschichten von Katharina Bendixen. Es sind Kurzgeschichten, die von Eltern, besonders Müttern, und ihren Kindern erzählen. Die Ängste einer Mama, die nicht immer die von einer Mutter sein müssen. Das Buch beinhaltet klassische Kurzgeschichten, aber auch Alltagstexte, die magisch und surreal werden, Chatgespräche und zukünftige Abituraufgaben. Alles in Bezug zu den Ansprüchen unseres zeitgemäßen Mutterverständnisses. Die Kurzprosa ist sehr unterhaltsam, führt uns unsere Absurditäten vor Augen und ist sehr witzig.

Die Überforderungen des Alltags und die der Mutterschaft werden mit jedem Text aufs Schärfste analysiert. Die etwas längeren Texte werden durch Träume unterbrochen. Träume, die aber auch genauestens die Seelenpein einer Überstrapazierung bebildern. Immer stehen die Liebe, die familiäre Hinwendung und unsere ganzen Widersprüche im Fokus. Sei es bei einer Frau, die bei der Sendungsaufgabe in der Post ihre Kinder verliert, vergisst und erst durch das Einschlafen aufwachen kann. Ein Mädchen, das sich einen Sonnenblumenkern ins Ohr steckt und somit einen verwurzelten Körper mit Blumen aus dem Ohr bekommt. Ein Löwenjunge ist verhaltensauffällig in einer Tagesstätte und durchläuft bürokratische Maßnahmen. Oft eskaliert die Stimmung, die Machbarkeit oder die Kommunikation, wie in einer Eltern-Chatgruppe. Die Träume zeigen Muscheln, die Steine aufnehmen, um daraus Perlen zu erschaffen, die dann ein mütterliches Wechselspiel zwischen den Steinen und dem Weichtier erzeugt. Die Ablenkung beim Zubereiten des Abendbrotes kann ebenfalls folgenreich sein. Der titelgebende Text ist die Rede einer Wissenschaftlerin, die diese bei einem Kongress im Jahr 2055 gehalten hat. Diese Rede handelt von der Depression, die Mütter oder Eltern bekommen könnten. Durch die Überforderung der Eltern hatte die Therapeutin eine zeitgemäße Idee. Eine Mutter sorgt sich stets aus Liebe. Wenn diese Liebe weniger wäre, könnten sich auch die Probleme minimieren. Wir suchen uns ja auch die Wohnung und die Arbeit aus. Sollte diese zu unserem Lebenswandel, Lebensmoment nicht passen, wechseln wir. Warum also nicht auch die Kinder? Ein Kindertausch macht somit aus False-Müttern True-Mütter. Problematisch sind dann die Vatergefühle, falls überhaupt messbar und die der Großeltern, aber dafür werden ebenfalls Lösungen gefunden. Die Menschlichkeit zeigt sich auch in der aktuellen Abschlussprüfung. Die Deutschkenntnisse werden märchenhaft genutzt, um auf die Mutterschaft aufmerksam zu machen. In Gesellschaftskunde dürfen dann auch gerne die Mitschüler denunziert werden. Alle diese bissigen und humorvollen Texte werden umspielt von den Momenten des Aufwachens und Einschlafens, denn die Kinder müssen ja auch wieder rechtzeitig geweckt werden.

Unsere gestresste Welt wird hier witzig und zynisch beobachtet und sehr unterhaltsam in Texte gegossen. Ein irrer Spaß, der nicht nur Eltern gefallen wird. Bendixen spielt mit unserem Chaos im Kopf und entwirrt dieses wieder, wie jene verknoteten Bänder in einer der Geschichten.

Siehe auch Leseschatz-TV mit einer kleinen Lesung:

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