Stéphanie Coste: „Der Schleuser“

Der Schleuser erzählt uns eine Geschichte, die wir nicht so schnell verlassen und vergessen werden. Seine Handelsware ist die Hoffnung. Er ist skrupellos und herzlos. Er selbst betäubt sich mit Khat und hat einen sarkastischen Schutzpanzer um sich aufgebaut. Dennoch kommt sein unterdrücktes, inneres Wesen immer mehr zum Vorschein.

Der Schleuser ist Seyoum, ein Eritreer. Sein Vater hat im Unabhängigkeitskrieg gekämpft und als Journalist gegen das Regime protestiert. Die ganze Familie leidet unter den Mächtigen des Landes und verschwindet. Seyoum kann der Gefangenschaft entkommen. In Libyen hat er ein Schleppernetzwerk aufgebaut und sich einen Namen machen können. Er ist einer der Beachteten und wird durch das hohe Schmiergeld, das er zahlt, auch von der Küstenwache meist in Ruhe gelassen. Seine Geschäfte laufen bestens. Sein Gewissen und sein Mitgefühl hat er besiegt und weiß es gut im Innersten zu verbergen. Die Ware Mensch ist ein lukratives Geschäft. Aber eigentlich ist es die Hoffnung, die er verkauft. Er kauft ausgediente Boote von den Fischern, die diese zu Höchstpreisen anbieten. Boote, die eigentlich nur noch auf den Schrottplatz gehören. Durch die Todesrate auf See geraten die Schlepper ins Visier der Politik. Somit gerät die Küstenwache in Bredouille, die den Druck nun auf Seyoum weitergibt.

Es soll die letzte Überfahrt des Jahres durchgeführt werden. Seine Helfer haben Flüchtige durch die Sahara gebracht, die nun über das Mittelmeer Richtung Italien geschleust werden sollen. Die Konkurrenz und die Küstenwache setzen Seyoum immer mehr unter Druck. Sein eigenes Empfinden betäubt er mit Gin und Khat. Dennoch begegnet ihm immer wieder seine eigene Geschichte. Seine Vergangenheit holt ihn ein, denn seine Jugendliebe, mit der der vor Jahren gemeinsame Pläne hatte, steht vor ihm.

Der Roman wurde von Katharina Triebner-Cabald übersetzt und wurde in Frankreich mehrfach ausgezeichnet. Stéphanie Coste ist im Senegal und in Djibouti aufgewachsen und lebt in Lissabon. Ihr Debütroman ist ein kurzweiliges Werk, das einen sehr bewegt und beschäftigt. Die Schleuser-Industrie mit ihren unmenschlichen Machenschaften bekommt ein reales und skrupelloses Gesicht. Neben den Schilderungen um die Macht- und Habgier um das Mittelmeer taucht der Roman auch in die Geschichte und Politik der Länder ein. Der Verlust der Menschlichkeit in der persönlichen Betrachtung des Hauptcharakters, den Schleuser-Netzwerken und der distanzierten Politik stehen im Mittelpunkt des Romans. Somit ist „Der Schleuser“ ein Werk, das die Emotion und den Verstand herausfordert. Ein lesenswerter und lohnenswerter Leseschatz.  

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René Fülöp-Miller: „Die Nacht der Zeiten“

Dieser Leseschatz wurde tatsächlich ausgegraben und ist ein literarisches Ereignis. Sprachlich und inhaltlich überzeugt das Werk und ist nun erstmalig in der deutschen Originalfassung erhältlich. Es ist ein Roman, wenn nicht sogar der Roman, über den Krieg. Ein Antikriegsroman, der vieles in den Schatten stellt. Hierbei vermischen sich die Zeiten, die Orte und die Charaktere und durch das tatsächliche Fehlen des historischen Bezuges ist der Text sehr aktuell. Phantastischer Realismus zieht ein in die individuellen Betrachtungen des Kampfes und in den Weg dorthin.

René Fülöp-Miller lebte 1891 bis 1963 und ist mehr für seine Sachbücher als durch seine Romane bekannt. Er schrieb, auch als er bereits in Amerika lebte, stets in deutscher Sprache. Dieser Roman erschien 1955 somit vorerst nur in der amerikanischen Übersetzung (The Night of Time). Stefan Weidle hat das Originalmanuskript gesucht und gefunden und mit Rolf Bulang, der auch das Nachwort geschrieben hat, herausgegeben.

Die literarische Qualität zeigt sich durch die Sprache und die Kunst, die Natur und das Leben lebendig werden zu lassen. Das Leben findet sich hierbei aber stets in der Umkehr. Das Tödliche, Verderbliche wuchert beständig aus dem Lebendigen. Am Anfang ist es ein Marsch. Dies erinnert an „Die rote Tapferkeitsmedaille“ von Stephen Crane. René Fülöp-Miller hat selbst den Krieg erlebt und viele der Antikriegsromane gelesen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass sein Schaffen sich zu Erich Maria Remarque, Heinrich Böll und Stephen Crane gesellt. Crane hat in der Literatur zum ersten Mal das Individuum in den Kriegsbewegungen betrachtet und zeigte dies ebenfalls durch anfänglich lange und für die Menschen ermüdende Märsche. Bei Fülöp-Miller kommt dabei Neues hinzu. Er zeigt das Unmenschliche auch durch die immer unpassierbare und fast schon unwirkliche Natur. Die Naturbeschreibungen des Marsches Richtung Turka werden immer beschwerlicher. Durch Matsch, Gestrüpp und Erdlöcher, die neben dem Feindesfeuer lebensgefährlich sind. Die Truppenbewegung geht aus der Sicht des Erzählers zu sehr in die Natur hinein und verlässt dabei, ohne am Kampfesplatz zu sein, bereits das Menschliche. Der Erzähler ist Adam Ember und er ist ein Mensch-Mensch (Adam kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Mensch, Ember ist ungarisch und bedeutet auch Mensch) und stapft wörtlich durch den Lehm mit seinen Kameraden. Menschen, die zuweilen eine kleine Bedeutung im Namen tragen. Somit ist auch ein Lemming dabei. Erst ist es einer, dann werden durch die Betrachtung alles Lemminge und wie Lemminge laufen sie dem Kommando hinterher in die Unwegsamkeit, in den Kampf und in den Tod. Wenige überleben den Marsch und die Überlebenden der Einheit erreichen einen Hügel, der lediglich eine Nummer als Namen hat. Diesen sollen sie (wie in dem Antikriegsfilm und Roman „Die Brücke“) unbedingt halten. Adam wird Essensholer, steht dann unnütz herum und wird dann zum Totengräber ernannt. Somit arbeitet Adam erneut mit der Erde und kämpft mit den Lebenden und Toten. Der beschriebene Krieg wirkt anfänglich wie der Erste Weltkrieg, die Schlacht in den Karpaten und doch verlässt die Beschreibung das Zeitliche, Örtliche und verwandelt die Ereignisse zu einem übergeordneten Kampfplatz. Somit wird die Handlung surreal, um das allgemein gültige Grauen zu zeigen. Hierbei ist es immer der Krieg und nicht nur einer. Der Krieg in der Menschheitsgeschichte endete nie und dieser Roman schildert es auf großartige Weise. Die Sinnlosigkeit und die Unmenschlichkeit werden immer lebendiger. Das Werk verdichtet immer mehr seine surrealen-phantastischen Bilder und bringt auch den Witz mit hinein.

Ein herausragendes Werk, das uns die Vergangenheit und Gegenwart des selbstzerstörerischen Menschen aufzeigt. Die Sprache und die Metaphorik laden zum Verweilen in den Zeilen ein. Die Satire gibt dem Tragischen eine angenehme Leichtigkeit.

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Volkhard Hanns: „Drachenberg“

„Drachenberg“ ist ein phantastischer Leseschatz für junge und jung gebliebene Buchliebhaber. Dieser Debütroman von Volkhard Hanns ist ein humorvoller sowie spannender Lesespaß. Ein Fantasy-Roman, der diverse Portale in die Realität öffnet und übersprudelt voll eigenständiger Ideen. Der Drachenberg steht im Kyffhäusergebirge und ist einer der Eingänge in ein unterirdisches Land voller Magie.

Dieser Roman ist durch mich, den Leseschatz, mit zur Welt gekommen. Volkhard Hanns bat mich, sein Manuskript zu lesen. Er würde meine Meinung schätzen und fragte, ob ich Ideen hätte für Verlage, die Interesse haben könnten. Nachdem ich es gelesen hatte, zeigte ich es unter anderem Björn Sülter und nun erscheint es im Verlag in Farbe und Bunt. Daher werde ich auch erneut auf der Buchrückseite zitiert.

Es beginnt mit einer Busfahrt nach Thüringen, in das Kyffhäusergebirge, dem kleinsten Mittelgebirge Deutschlands, das im Volksmund schlicht der Kyffhäuser genannt wird. Das Kyffhäuser-Denkmal verweist auf die Barbarossasage. Hat der damalige Kaiser sich dort versteckt oder hat er etwas Fantastisches erlebt? Das Sagenhafte steht Fiete noch bevor. Er reist zu seinen Großeltern, um diese zu besuchen. Er soll dort eine Zeit verbleiben, denn seine Eltern lassen sich gerade scheiden. Im Bus lernt er Luke kennen, der sich ebenfalls in die Region begibt, weil seine Schwester dort verschwunden ist und er sie nun suchen möchte. Lukes familiäre Verhältnisse sind ebenfalls nicht die Besten und er taucht unter und hofft auf Fietes Unterstützung. Doch hat auch Fiete eigene Probleme und einiges zu bewältigen. Sein Großvater redet wirr und in der Region kommt es zu häufigen Bränden. Die Polizei gerät in einen Strudel aus mysteriösen Tiermorden und sucht die Ursachen und Brandstifter. Doch scheint einer der Polizisten mehr zu ahnen, als er bisher preiszugeben bereit ist.

Das Abenteuer nimmt seinen Anfang, als Fiete im Wald plötzlich von einem Waschbären angesprochen wird. Luke trifft auf Maria, die Enkelin einer Schlossherrin, die ebenfalls verschwunden ist. Maria sucht ein Buch und genau dieses Buch ist es, das durch das Berühren die magische Welt zu öffnen vermag. Alle geraten in eine wundersame Welt und treffen auf Zwerge, Kobolde und sogar auf Drachen. Bei den Zwergen gibt es eine alte Prophezeiung, die sich jetzt, in der Gegenwart, zu bewahrheiten scheint.

Dieses Abenteuer nimmt einen sofort gefangen. Mit viel Herzblut, Humor und Hingabe ist hier eine phantastische Welt Realität geworden.

Volkhard Hanns versteht es, mit der Handlung und den tollen Charakteren zu begeistern. Ich bin froh, dass ich den Roman entdecken und auf dem Weg zum gedruckten Buch Wegbegleiter sein durfte.

Ein Werk, das man aufschlägt und dabei sofort die Realität verlässt. Man traumwandelt durch die Zeilen und letztendlich versteht man die Realität wieder ein Stück weit besser. 

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Frank Göhre: „Harter Fall“

Erneut ist es ein cineastisches Erlebnis, den neuen Roman von Frank Göhre zu lesen. Man inhaliert diesen förmlich, denn die Krimis von Göhre leben von ihrer Schnittigkeit. Die Handlung baut sich durch die kurzen Szenen schnell auf und die Stimmungen und Charaktere werden punktuell erfasst und werden mit jedem Szenenwechsel immer spürbarer und plastischer. Frank Göhre erhält viel Anerkennung und ist auch ein Meister des Noir-Krimis. Durch seine Romane tauchen wir stets ein in die Schattenwelten unserer Gesellschaft. Meist direkt vor unserer eigenen Haustür. Trotz der Düsternis in seiner Literatur ist es immer eine Freude, diese zu lesen. Ein kurzweiliger Trip mit schwarzem Humor und einem charmanten und eigenwilligen Drive. Die Menschen in der Göhre-Welt sind nicht für das Glück geschaffen. In seinem neuen Werk „Harter Fall“ werden wir in zwei Welten katapultiert. Vom Hamburger Kiez nach Jamaika. Beide geprägt durch die Bilder unserer Vorstellungen. Erneut lebt das Buch durch den Klang. Es ist der Klang der Sprache, der Menschengruppen und der Musik. Die Musikclubs auf der Reeperbahn mit ihren schummrigen und dunklen Ecken sind der Ausgangspunkt. Aus Jamaika stammt der Reggae. Diese rhythmische Musik vermischt Tanz mit Politik und ist somit Sinnbild dieses Romans.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Szenenbeschreibung aus dem Kultfilm „The Harder They Come“. Ein jamaikanischer Kinofilm des Regisseurs Perry Henzell aus dem Jahr 1972. Ein Rock-Reggae-Film, der als einer der Wegbereiter des Reggaes für ein internationales Publikum angesehen wird. Hierbei vermischt sich ebenfalls Geschichte mit Musik und Politik.

Es beginnt 1978 in Dänemark. Ein siebzehnjähriges Mädchen macht sich auf den Weg zu ihrem neuen Freund. Sie ist verliebt und will zu ihm nach Flensburg und fährt per Anhalterin in den Süden. 1978/79 kam es im Winter zu der großen Schneekatastrophe in Norddeutschland. Beim Tauwetter wird In Hamburg ein unbekanntes Mädchen tot aufgefunden. Drei junge Männer träumen von der Freiheit. Der Film, „The Harder They Come“, den sie gerade im Kino gesehen haben, hat sie animiert. Sie möchten Jamaika erleben. Sie wollen die Wurzeln des Reggaes erspüren. Die Schwester des einen bleibt in Hamburg, sie erlebt das Kiez-Milieu und die Clubs im Wandel des Jahrzehnts und des Umbruchs.

Die Szenen sind kurz wie Filmschnitte und alles steht miteinander in Bezug. Die Jamaika-Reise und die Geschichte in Hamburg, die der Daheimgebliebenen und die Ermittlungen um die tote Dänin. Alles ist im Privaten, wird aber immer mehr politisch. Freundschaften waren keine oder werden gebrochen und die Kluft in der Individualität und in der Gesellschaft wird immer deutlicher. Schuld trifft auf Sehnsucht nach einer besseren Welt. Doch gibt es meist nur Dunkelheit und Kälte. Zumindest in diesem großartigen Noir-Krimi. Ich bitte um Verzeihung, aber dieser Satz wollte hinaus: Was für eine Göre, der Göhre!

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Ruth Landshoff-Yorck: „Leben einer Tänzerin“

Ein wahrer Zeitblick wird uns durch diesen Roman, die Entstehungsgeschichte und den realen Bezug geschenkt. Eine Zeitreise in die 20er Jahre, in das Nachtleben, die Bars und die ganze fiebrige Stimmung der Metropolen. „Leben einer Tänzerin“ ist ein Roman, doch dient der Romanfigur eine echte Biographie als Vorbild und aus Lena Amsel wird jener schillernde Vogel, um genau zu sein, Lena Vogel. Die damals berühmte Tänzerin Lena Amsel (1899 – 1929) war eine emanzipierte Frau voller Lebenslust und Freiheitsdrang bis ihr Leben auf tragische Weise abrupt endete.

Das Buch war bereits gesetzt und der damalige Verlag sendete Ruth Landshoff-Yorck die Druckfahnen zur Korrektur und Druckfreigabe nach Paris, wo sie sich aufhielt. Doch sollte das Buch nicht erscheinen. Es war das Jahr 1933 und aus politischen Gründen wurde die Publikation zurückgezogen. Aufgrund der jüdischen Hauptfigur, die ein emanzipiertes und kosmopolitisches Frauenbild verkörperte, wurde die Verbreitung dieser Schrift untersagt. Jetzt wird der Roman über ein damals neues Frauenbild voller Freiheitsdrang und Lebenslust veröffentlicht. Ergänzt wird das Buch durch ein Nachwort des Herausgebers, Walter Fähnders. Der Roman über die Tänzerin wird durch das unbedingt zu lesende Nachwort gänzlich abgerundet, historisch eingebunden und durch Wissenswertes ergänzt.

In den pulsierenden Metropolen, Berlin, Wien und Paris liebt und lebt die Tänzerin Lena Vogel. Sie lebt ihren Freiheitsdrang aus und definiert diesen stets neu. Es sind die 1920er Jahre und die modern denkende Frau erfindet sich immer wieder neu. Sie tritt oft als schillernde Persönlichkeit auf und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Kleidungsstil, ihr Erscheinungsbild, ihre Gedanken und ihre Weltsicht sind unkonventionell. Ihre Ehen sind flüchtig und mit den Männern wechselt sie auch oft ihr Gesamtbild. Auch das Landleben versucht sie, für sich zu entdecken. Alles im Leben dieser Tänzerin ist und wird zu einem Tanz.

Ein authentischer Roman, der etwas Dokumentarisches in die Literatur einbindet. Der Stil ist temporeich und die Geschlechterrollen werden neben den gesellschaftlichen Betrachtungen sehr lebendig. Die Schilderungen sind knapp und auf den Punkt kommend formuliert. Ein gradliniger, fast etwas ungehobelter Ton stellt hiermit einen neuen Frauentypus der 20er Jahre in den Vordergrund. Das Buch ist eine lohnende Bereicherung.

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Lu Bonauer: „Tausend Schichten Sommerland“

Erneut ist es die Liebe, die Lu Bonauer betrachtet und wirken lässt. Mit der Novelle „Tausend Schichten Sommerland“ setzt er den Reigen seines Themas fort, das er mit „Die Liebenden bei den Dünen“ begonnen hatte. Seine neue Publikation trug vorerst den Arbeitstitel „Die Liebenden in der Stille“ und beschreibt tatsächlich ein stilles, liebevolles Refugium, das in einen Sog gerät, der die Liebenden in einem Wirbel verfängt und ihre Gefühls-Sphäre verwandelt. Gibt es etwas, das wie aus dem Nichts, in die intime Liebe, in die Zweisamkeit einzugreifen vermag? Die Stille gebärt hier etwas Unheimliches und die Sogwirkung hat ihr Zentrum in einem schwarzen Loch aus Emotionen.

Erzählt wird die Geschichte von Astrid und Tom. Ihre Liebe ist wie ein Blitz. Eine Kraft, die gefühlt alles zu erschaffen vermag. Ihre Leidenschaft und ihr Verlangen sind zart, begierig und sie sind sich selbst stets genug. Ihre keimende und junge Liebe wollen sie in der Einsamkeit auskosten. Ihre Zweisamkeit suchen sie auf einer einsamen Insel. Ihre Nähe ist intim und fern von jeglichem Spannungsfeld der weltlichen Geschehnisse. Die Natur ist geprägt vom Ozean und von Olivenhainen. In der Abgeschiedenheit erleben die beiden ihre Rituale, ihre Albernheiten und ihre tief empfundene Liebe. In dieser Geschichte werden Märchen und Mythen lebendig. Alles wird, wenn es nur durch Emotionen erlebt und erfasst wird, magisch. Die Geschichte der dortigen Olivenbäume wird das Fundament der ersten Begegnung mit der Dunkelheit. Diese Schattenwelt und die empfundene magische Welt fällt den Liebenden wahrhaftig vor die Füße. Die traumhafte Inselidylle wird durch Eigenartiges getrübt. Die Nachbarin, die erst gar nicht zu sehen war, sitzt plötzlich auf dem Schaukelstuhl und wirft grimmige Blicke auf das Liebespaar. Auf einer Erkundungstour geraten die Beiden auf Abwege und stehen auf der Rückfahrt an einem Kreuzweg und entscheiden sich vorerst falsch. Auf diesem Weg fällt ihnen ein Olivenbaum vor den Wagen. Wie von einer unsichtbaren Kraft wurde der starke Baum entwurzelt. Kein Wind weht und keine Alterserscheinung lässt den Vorfall erklären. Später geht ein Flüstern durch die Olivenhaine. Die Liebenden drohen zwischen Licht und Schatten verloren zu gehen. Etwas Mephistophelisches verbeißt sich in die Liebe. Hierbei greift der Vergleich zu Goethe, der ebenfalls fragte, ob es tatsächlich die Liebe ist, die die Welt im Innersten zusammenhält?

Ein Buch über die Romantik, die durch die Liebe geprägt und durch das Umfeld und das Leben beschattet wird. Das anfängliche Glitzern und die Leichtigkeit im Leben und in der Liebe erfahren durch die weltlichen Ereignisse und den entzauberten Alltag eine Schwere, die es zu erkennen gilt. Wie tausend Schichten legt sich hierbei eine Erkenntnis ab und greift trotz der Märchenhaftigkeit gegenwärtige Fragestellungen auf. Fixiert wird hierbei eine Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit, Liebe und nach eventuell höherer Bestimmung.

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Ariana Zustra: „Tot oder lebendig“

Dieser Roman ist voller Leben und wandert viele Grade ab. Er wandelt zwischen ernsten Tönen und klugem Humor und bemisst dabei die menschliche Identität. Am Ende wird trotz des ganzen individuellen Lebensdramas deutlich, dass der einzelne Mensch lernen darf, sich nicht ganz so wichtig zu nehmen. Wir nehmen oft alles sehr schwer, weil wir meinen alles habe eine Bedeutung und wenn es keine gibt, suchen wir krampfhaft eine. Oft hilft eine Portion Pommes, um das einfache Glück zu erfahren. Der Debütroman der freien Journalistin und Musikerin Ariana Zustra ist ein feiner Lesespaß, der mit ganz viel Witz unser alltägliches Sammelsurium an Themen entwirrt.

Anna Thurow denkt, nachdem sie Pommes gegessen und sich geduscht hat, am Abend vor ihrem dreißigsten Geburtstag über Selbstmord nach. Eigentlich möchte sie sich nicht umbringen, sondern einfach nur nicht mehr leben. Wenn die kommenden Jahre werden würden wie die vorherigen, empfände sie die bevorstehende Lebenszeit als lästig. Mit ihrem Leben und Körper hadert sie und empfindet in der Sexualität einen leichten Penisneid. Arbeit ist für sie reine und nervige Pflichterfüllung. Ihre Freunde lernte sie damals im Studium kennen. Sie wollten an einem Nachmittag gemeinsam ein Referat vorbereiten, beschlossen dann aber einen Mittagsschlaf zu halten. Seitdem hat sie jene besten Freunde, die sie um ihren Geburtstag herum auf andere Gedanken bringen und der gedankliche Suizid wird gebannt. Annas Nachbarin bittet sie eines Tages, ihr den Koffer zu packen, denn sie werde am folgenden Tag operiert. Bei der Kleidungsauswahl findet Anna eine Karte einer Heilerin und Hypnotiseurin. Sie glaubt nicht an Hokuspokus und ist nur religiös, wenn die Jesusfigur eine entsprechende Ausstrahlung hat. Somit ist sie fast eher populär-religiös. Dennoch nimmt sie zu der Wahrsagerin Kontakt auf und erhält einen Namen, Andri Aschkenasi und Dubrovnik, beziehungsweise Ragusa genannt. Jene Seele hause in ihr und verursache jene innere Unruhe.  Dies nimmt sie als Anreiz für eine Recherche und möchte wissen, ob es jenen jüdischen Mann in Kroatien tatsächlich gab und begibt sich auf die Reise zu diversen Ursprüngen.

Dubrovnik öffnet ihr neue Portale und sie ist überwältigt von der Schönheit. Sie befreundet sich nicht nur mit dort lebenden Katzen, sondern auch mit Menschen an, die vorerst schweigsam und sonderlich wirken. In der jüdischen Gemeinde trifft sie auf eine Frau, die jenen Andri gekannt hat. Sie lernt durch deren Verwandtschaft auch wieder die Liebe kennen und taucht immer mehr in die Geschichte des Landes ein. Neben den wunderschönen Ausflügen in der Stadt, dem Land, auf See und den traumhaften Inseln erfährt sie immer mehr über die dortige Kriegsvergangenheit Ex-Jugoslawiens und die Naziverbrechen.

Der Roman spielt mit Gegensätzlichkeit. Das pralle, bunte und schöne Leben wird stets von Verlust, Trauer und Tod begleitet. Der feine und kluge Humor wird unterbrochen durch Weltschmerz. Aber dank der Autorin bleibt stets der Schalk im Mittelpunkt. Ein feiner, subtiler Humor behält in jeder Szene die Oberhand. Neben den ernsten Themen, den verdrängten Kriegsschauplätzen der Shoa, Religiosität, sucht das Buch auch humorvolle Antworten zur eigenen Identität und der Sexualität.

Ein unglaublich witziger und existentieller Reisetripp der in Abgründe schaut aber dabei nie den Humor verliert.

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Terézia Mora: „Muna oder Die Hälfte des Lebens“

Erneut sind es die Ungeheuer in unserer Gesellschaft, die Terézia Mora beschäftigen. Der Roman handelt von einer jungen Frau, die in eine Beziehung gerät, die ihr nicht gut tut. Es geht um Abhängigkeit, Erniedrigung und Gewalt. Nach ihren Romanen um Darius Kopp, einen IT-Spezialisten, beginnt die Autorin mit diesem Roman eine Trilogie über Frauen. Dabei schaut Terézia Mora auf unser gesellschaftlich geprägtes Frauenbild und setzt sich mit der Misogynie auseinander. „Die Hälfte des Lebens“ ist der weiterführende Titel und zeigt die beschriebene Lebensspanne des Hauptcharakters, aber versinnbildlicht auch jene Lebensphase, die besonders prägend ist. Eine Frau, die ihre Freiheit nicht findet. Der Freiheitsgedanke wird hierbei im Privaten und im öffentlichen Leben, dem Staatsapparat, beschrieben.

Muna hat keine behütete Kindheit. Der Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Am Anfang des Romans hat die Mutter gerade eine Überdosis Tabletten mit viel Wein zu sich genommen und kommt in die Klinik. Sie überlebt, wird aber weiterhin keine große Hilfe für ihre Tochter sein. In dieser Szene lernen wir Muna kennen. Als sie dem Blaulicht mit der abtransportierten Mutter folgen möchte, findet sie ihr Fahrrad mit aufgeschlitzten Reifen vor und sie reagiert lautstark.  Sie ist gerade volljährig geworden und verliebt. Immer wenn sie einen Zufluchtsort sucht, findet sie diesen im Theater, in dem ihre Mutter tätig ist. Die Rollen, die ihre Mutter mimt, werden durch deren belastete Psyche immer kleiner, dennoch ist Muna meist ein Gast, der sich in den hinteren Reihen oder im Salon aufhalten darf. Sie schreibt und macht ein Praktikum bei einem Magazin. Hier lernt sie den älteren Magnus kennen. Er unterrichtet Französisch und ist Fotograf. Sie ist von ihm begeistert und sofort verliebt. Sie folgt ihm, um mehr zu erfahren. Immer wieder laufen beide sich über den Weg und es kommt zu einer Liebesnacht. Magnus ist danach verschwunden. Der Anfang des Romans spielt in den letzten Zügen der DDR. Den Mauerfall bekommt Muna vorerst gar nicht mit. Auch die Freiheit wird in Folge für Muna eine vermeintliche werden.

Muna beginnt sich in Berlin einzuleben und hat flüchtige Beziehungen. Sie möchte weiterhin literarisch schreiben. Nach den mystischen sieben Jahren begegnet sie wieder Magnus. Muna gibt mehr und mehr von sich auf, um ihm nahe zu sein. Sie erträgt Abweisungen, Demütigungen und Gewalt. Muna hält an ihrer Liebe fest und gibt nicht auf.

Der Roman spielt mit großen Bildern. Das Bild der Heimatlosen zeigt sich im Elternhaus, in den Beschreibungen der Herumirrenden in der DDR und später innerhalb der toxischen Beziehung. Es zeigt auf, wie schnell wir in respektlose oder missbräuchliche Beziehungen geraten können. Der Einfluss, den andere auf uns, unser Leben, die Liebe und die Freiheit haben, ist wohl meist größer als gedacht. Das Individuum wird beeinflusst durch die Gesellschaft, Politik und Beziehungen. Dabei spielen immer die persönlichen Entscheidungen eine Rolle, doch sind diese stets frei? Teréza Mora hat eine Figur erschaffen, die nicht durch mangelnde Bildung, Religionszugehörigkeit oder Familienstand in ihren Lebenslauf gezwungen wird. Dennoch sind es die äußeren Bedingungen, die die junge Frau in der Hälfte ihres Lebens beeinflussen.

Das Buch ist nominiert für den Deutschen Buchpreis und ich, der Leseschatz, bin in diesem Jahr Buchpreisblogger. Das bedeutet, mir wurde dieser Titel als Blogger zugewiesen, den ich hier vorstellen darf. Teréza Mora wurde 1971 in Ungarn geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Für den Roman „Ungeheuer“ erhielt sie 2013 den Deutschen Buchpreis und für ihre Erzählung „Seltsame Materie“ wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Für ihr Gesamtwerk wurde ihr 2018 der Georg-Büchner-Preis zugesprochen. Da sie ferner als Übersetzerin tätig ist, konnte sie ein enormes Sprachgefühl entwickeln und erzeugt durch ihre Texte tiefgründige Bilder. „Muna oder die Hälfte des Lebens“ ist ein schnell zugängiger Roman, der aber nicht einfach ist. Die zügige Vertrautheit mit dem Text liegt an der genauen Charaktergestaltung und deren Entwicklung. Ein großer Roman, der nachhaltige Emotionen und Gedanken erzeugt.

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Jami Attenberg: „Bis hierher war’s ein weiter Weg“

Wohl das persönlichste Buch von Jami Attenberg. Ihre Kunst ist es, uns auf den Weg, den Reisen zu sich selbst und zu ihren Kreationen und Figuren mitzunehmen. Dabei erzeugt sie ein Bewusstsein, daß meistens das Ankommen nicht von größter Bedeutung ist. Ihr Weg ist ein hungriger auf Kunst, Literatur und das Leben. Mit ihren klugen Worten und Geschichten perfektioniert sie von Buch zu Buch den melancholischen Witz. Ihr neuer Roman, fast ein Liebesbrief, handelt von Lebensentscheidungen, von Geschichte und Geschichten und ist ein großartiges Werk, das gespeist ist von übersprudelnden Ideen, Empfindungen und mit sehr viel Leben gefüllten Worten.

Ihr Leben ist mit dem Reisen verbunden. Dabei stellt sie sich die Frage, ob sie tatsächlich eine Reisende ist oder läuft sie von etwas davon? In ihrem ehrlichen, humorvollen Buch erzählt Jami Attenberg vom Schreiben als Berufung und vom Alltag als Lebenskünstlerin.  Kunst als Lebensmitte kann das Nötigste vom Leben des Künstlers abverlangen.

Es ist der Weg von Jami Attenberg. Es ist ihre Kunstreise, die wir verfolgen dürfen. Geschichten, wie sie nur Attenberg versteht zu erzählen. Das Ernste und das Tiefgründige lauern neben dem leichten und einzigartigen Humor. Es fällt schwer, nicht Fan der Autorin und ihren Werken zu sein oder jetzt endlich zu werden. Übersetzung von Barbara Christ.

Die Verlagsvorschau mit Leseschatz-Zitat:

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Luca Kieser: „Weil da war etwas im Wasser“

Die Erde ist aus weiter Ferne eine blaue Murmel mit weißen Schlieren und das Blaue ist der wahre Lebensraum. Der Schritt zurück – oder nach vorn – offenbart diverse neue Perspektiven. Denn um die Perspektiv- und Lebensvielfalt geht es hierbei. Kieser gibt dem Meer, seinen Bewohnern und den Menschen, die sich um den wässrigen Lebensraum bemühen, eine Stimme. Wer dies alles beobachtet ist ein Kalmar, ein Tintenfisch. Die Kopffüßler sind schlaue Tiere. Sie haben mehr Hirne als Herzen, aber von allem genug. Wenn die Arme neben den fühlenden Saugnäpfen eigene Hirne haben, haben sie auch jeweils unterschiedliches und individuelles Bewusstsein. Zumindest in diesem außergewöhnlichen Roman.

Im Zentrum erleben wir den Kalmar, beziehungsweise, die Kalmarin. Alles hängt mit diesem Fabelwesen zusammen. Ein Kopf mit acht Armen und alle erzählen ihre Geschichte. Jeder Arm mit seiner individuellen Persönlichkeit. Diese ist stets als Marginalie auf den Seiten ersichtlich. Ihre Namen geben den Charakter vor. Es sprechen der süße, hehre, blendende, eingebildete, halbe, müde, arme und bisschen schüchterne Arm. Ein Bewusstsein aus einer Viele schwimmt somit im Weltmeer. Ein Wir im Ich erzählt vom Uns und dadurch wird es spannend. Alle tragen zum Ganzen bei und erleben das, was die einzelne Kalmarin erschwimmt, individuell. Ein Tier wird zum Paten unserer nach Individualität suchenden Gesellschaft im schwammigen Wir-Kosmos.

Menschen tauchen natürlich auch auf. Menschen am Meer, die immer wieder über die Zeiten mit Fischfang und Kalmar in Berührung kommen. Menschen, die vom Meer fasziniert und angezogen werden. Auch die historischen, literarischen und cineastischen Werke mit Meeresbezug tauchen auf. Das Menschsein in Bezug auf die Kreativität und die Handlungen. Wir begleiten mit dem Text die Crew eines Trawlers und am Ende lesen wir ein Tagebuch einer Praktikantin auf einem Forschungsschiff. Somit verbindet sich erneut eine Vielstimmigkeit zu einem Ganzen. Ein Roman, der zum Eintauchen auffordert.

Ein faszinierendes und kluges Wechselspiel der gewohnten Sichtweisen. Großartige Unterhaltung, die mit allen Wassern der Meere gewaschen ist. Dieser Roman ist ein nachdenklicher und humorvoller Tauchgang – in die Meere und letztendlich in das ganze Leben.

Vielen Dank, dass ich dieses Buch schon länger begleiten darf und das Manuskript vor Drucklegung lesen durfte. Ich freue mich, dass Luca Kieser mit seinem doch ungewöhnlichen Werk für den Buchpreis nominiert ist.

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