Temur Babluani: „Sonne, Mond und Kornfeld“

Dieser Roman ist eine Reise durch Geschichte und Emotionen. Er verbindet den Abenteuerroman mit dem historischen- und dem Liebesroman. Das Politische wird hierbei persönlich und es entsteht ein Panorama von Georgien, das in den 1970er Jahren beginnt und den Bogen bis in die Gegenwart schlägt. Die ganze Handlung wird sehr bildreich und lebendig erzählt und fesselt bis zum Ende.

Es beginnt 1968 in Tbilissi in einem Ortsteil, der gänzlich in kleinen und großen Netzwerken verwurzelt ist. Die Mafia, die kleinen Ganoven und die einfachen Menschen müssen sich vor den Spitzeln des KGB hüten. Alles wird von allen Seiten beobachtet. Ein summendes Misstrauen beherrscht den Alltag und viele Unwägbarkeiten werden durch Bestechung oder Gewalt gelöst. In dieser Welt wächst Dschude auf. Er ist siebzehn Jahre alt und macht gerade seinen Schulabschluss. Er könnte eines Tages die Schuhwerksatt seines Vaters übernehmen, doch möchte er lieber zur Kunstschule, denn das Zeichnen liegt ihm sehr. Die Armut beherrscht das Leben und wenn eine neue Hose benötigt wird, wird diese auch gerne von der Trockenleine in einem anderen Stadtteil organisiert. Sein Freund Chaim bittet ihn eines Tages um einen Gefallen, er soll Filmbänder nach Russland bringen. Vorher soll Dschude die Tasche mit den Filmen im Zimmer von Manuschaka, die er über alles liebt, verstecken. Immer mehr verstrickt sich damit Dschude in die Machenschaften des organisierten Verbrechens und wird am Ende ausgenutzt. Bei einer Übergabe kommt es zu einer Hinrichtung und die Pistolen werden dann Dschude in die Hand gedrückt und er wird fortan als der Mörder gesucht. Er steckt nun in der Zwickmühle, verrät er die Mafia und riskiert dadurch sein Leben oder stellt er sich den Behörden und verkürzt dann seine Haft durch die Verlegung in Arbeitslager. In der Hoffnung, daß seine Liebe zu Manuschaka überlebt, stellt er sich für das Verbrechen, das er nicht begangen hat. Seine jetzige Odyssee beginnt in einem Straflager in Ostsibirien. Seine Reise durch Sibirien, durch russische Gefangenenlager und Gefängnisse offenbart ihm die sinnlose Gewalt und lehrt den Kampf ums Überleben. Die Irrfahrt endet Jahrzehnte später in einem veränderten Tbilissi. Die Rosenrevolution hat vieles verändert und das Land ist unabhängig geworden.

Die ganze Handlung nimmt einen gefangen und gebannt folgt man der Geschichte voller Freundschaft, Liebe und letztendlich der Historie einer ganzen Region.

Temur Babluani, 1948 in Swanetien geboren, ist ein bekannter Filmregisseur, Drehbuchautor und Schauspieler. Er studierte am Staatlichen Theaterinstitut Tbilissi. „Sonne, Mond und Kornfeld“ ist sein Debütroman, der von Rachel Gratzfeld aus dem Georgischen übersetzt wurde und bereits Preise erhielt.

Ein wunderbarer, lebendiger Roman, der einen ins Herz und im Verstand trifft. Ein Epos voller Sprachbilder, Härte, Humor und Schönheit.

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Neue Prosa aus Schleswig-Holstein 2022/23

Am 20.11.2023 wurde der Literaturpreis „Neue Prosa“ und die dazugehörige Anthologie gefeiert. Die Preisverleihung fand im Literaturhaus Schleswig-Holstein statt. Ein toller Preis und eine großartige Förderung für die Literatur Schleswig-Holsteins.

Die Jury bestand aus Ruth Bender (Kulturredakteurin Kieler Nachrichten), Jan Christophersen (Schriftsteller), Svenja Lanz (Kulturredakteurin NDR), Dr. Maike Schmidt (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien der CAU Kiel) und Hauke Harder (Buchhandlung Almut Schmidt).

Ich durfte die Laudatio für Kai Solvind, den Preisträger halten. Wir, die Jury, haben uns durch die Texte gearbeitet und alle genauestens geprüft und besprochen. Aus mehr als 100 anonymisierten Einsendungen von Prosatexten bis 20 Seiten haben wir uns als Jury entschieden. Die Anthologie vermittelt mit den ausgewählten Texten einen Eindruck der lebendigen literarischen Szene Schleswig-Holsteins.

Kai Solvind las aus seinem Siegertext. Ferner lasen Dara Brexendorf, Nikola Anne Mehlhorn und Arne Suttkus. Alle Vortragenden zeigten die Vielfalt der Literaturszene und machten neugierig auf die gesamte Anthologie.

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Verena Prantl: „Glas“

Ein raffinierter Roman, in dem sich alles gekonnt fügt. Alle Bilder, jedes Wort sind bei der Handlungsentwicklung wichtig. Es geht um das Getrenntsein und das Erkennen der Persönlichkeit. Glas ist der Titel und dieses ist als Material hart, aber sehr zerbrechlich. Oder soll der Titel eine Anspielung auf die Filmwerke von M. Night Shyamalan sein? Die Trennung, die Vertreibung und die ewige Suche nach dem Gegenstück, nach Harmonie und einer inneren Ruhe sind Themen, die bereits in der Biblischen Vertreibung aus dem Paradies, dem Garten Eden, erzählt werden. Erkenne ich mich? Wer bin ich wirklich und kann ich meinen Erinnerungen trauen? Die Spiegelung des Selbst zerspringt in diesem Roman immer mehr und spielt dabei mit unserer Wahrnehmung und der Wahrnehmung der Figuren. Ein unkonventioneller und herausfordernder Text, der eine Spannung aufbaut und diese bis zum Ende aufrechthält und dabei philosophische Fragen einstreut. Die Perspektiven wandeln sich und ziehen uns direkt mit hinein. Es sind distanzierte Blicke, intime Sichtweisen und Tagebuchnotizen, die langsam das gebrochene Bild zusammenfügen.

Eva ist eine junge Frau, die unter Selbstzweifeln leidet und sich selbst nicht zu begreifen vermag. Am Anfang steht ein brutaler Überfall und sie verreist, um das zu verarbeiten und kehrt wieder heim. Doch war das alles ein Traum? Sie trifft sich oft mit ihrer Freundin Mirjam, die alles verkörpert, was Eva an sich selbst vermisst. Eva empfindet sich oft als Nebenfigur in ihrem Leben. Bis Aaron auftaucht, der Evas Wesen eher als sie selbst zu erkennen scheint. Doch das Selbstbewusstsein zerbricht immer wieder, denn es scheint sie jemand beständig zu verfolgen. Durch die wachsenden Ängste und Zweifel strauchelt sie in Realitätsverluste.

Der Roman ist voller Anspielungen und Tiefen. Die Namen sind biblischen Ursprungs und die Handlung baut durch die kunstvolle Sprache eine manische Stimmung auf. Ein literarisches Spiel mit den Figuren, mit den Wahrnehmungen und letztendlich mit uns, die das Buch lesen. „Glas“ ist ein Erlebnis! 

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Jens Wawrczeck: „How to Hitchcock“

Jens Wawrczek ist ein absoluter Hitchcock-Fan. Schon als Jugendlicher wurde er auf dessen Kinofilme aufmerksam. Dann aber sollte Alfred Hitchcock sein Leben besonders gestalten, denn, wie jeder Fan der Drei ??? weiß, ist Jens Wawrczek die Stimme des zweiten Detektivs Peter Shaw. Jens Wawrczeck ist Sänger, Schauspieler Synchronsprecher, Hörspielsprecher, Hörbuchinterpret sowie Autor.

Sein Buch „How to Hitchcock“ ist seine spannende Reise durch das Hitchcock-Universum. Das Buch macht neugierig auf die Filme, die fast alle wirkliche Meisterwerke sind. Für Jens Wawrczek gibt es keinen einzigartigeren Regisseur, der seine eigenen Ängste, seinen Humor und Obsessionen in Filme verwandelt hat. Hitchcock hat die Filmlandschaft verändert und geprägt. Seine Kamerafahrten sind stets besonders. Er war der Auffassung, man ginge aus demselben Grund ins Kino wie auf den Rummelplatz, sprich in die Geisterbahn. Gemeint ist der gepflegte Grusel und der Überraschungsmoment, der nur durch eine gut aufgebaute Geschichte und die genaue Platzierung funktioniert. Hitchcocks Filme bereiten einen angenehmen Nervenkitzel und begeistern noch heute. Die Leidenschaft prägt bereits in jungen Jahren Jens Wawrczek, der nun uns ein Portal öffnet, das ganze Film-Universum neu oder wieder zu entdecken. Sind alle Mütter, wie Mrs Bates, Monster? Wie werden die Ehen in den Filmen dargestellt? Wer sind die wahren Schurken? Was sind die Schattenseiten mancher Meisterwerke? Der Bezug zur Literatur ist oft gegeben, denn viele Filme von Alfred Hitchcock basieren auf literarischen Vorlagen. Doch hat Hitchcock daraus oft etwas ganz eigenes gemacht und die Romanhandlung zu seinem Stoff umgewandelt. Jens Wawrczek hat die Vorlagen aufgespürt und benennt diese. Lohnenswert ist auch die Hörbuchreihe, die er im eigenen Hörspiellabel herausbringt, denn hier spricht  Jens Wawrczek nach dem Motto: „Zuerst der Roman, dann der (Hitchcock) Film, jetzt das Hörbuch“ die Romanvorlagen ein, die den Meisterregisseur inspiriert hatten.

Jens Wawrczek ist somit ein absoluter Kenner der Hitchcock-Welt. Nicht nur, weil Hitchcock die Schirmherrschaft der ersten Drei ???-Bücher und -Hörspiele übernahm. Wie in den Filmen tauchte Hitchock auch in den ersten Folgen auf und nahm die jungen Detektive ernst und gab ihnen Anstoß für einige spannende Fälle. Nun sind es die Anstöße von Jens Wawrczek, die uns neugierig machen auf seinen Blick auf den Hitchcock-Kosmos. Ein launiges und tolles Buch und für alle Filmfans eine Pflichtlektüre!

Am 01.06.2018 war Jens Wawrczeck unser Gast in der Buchhandlung. Seit unseren Kindertagen ist uns diese Stimme ein wahrer Freund geworden. Ein Freund, der durch viele Produktionen ein treuer Begleiter ist und nun tatsächlich ein Freund unserer Buchhandlung geworden ist. Für uns war es eine große Ehre, dass ein Künstler, der mit seinen Kollegen die Ostseehalle füllt, bei uns gelesen hat. Aber er liest nicht nur, er lebt seine Rollen und haucht allen Figuren und Szenen viel Leben und Liebe ein.

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Der Schnipsel

Der Schnipsel ist ein Literaturmagazin, das einen jährlichen Raum für literarisches Schaffen junger Menschen bietet. Es kann Prosa, Lyrik, Essays, Fotokunst, Zeichnungen und Illustrationen oder zuweilen auch Comics beinhalten. Der Schnipsel kommt aus Kiel, die Autorinnen und Autoren kommen aus der Region oder von ganz woanders her. Wichtig ist, der Text konnte die Redaktion überzeugen. In der 23. Ausgabe, die den Titel „ach, eigentlich alles“ trägt, versammeln sich Beiträge zum Thema Kommunikation.

Es geht um Verständigung. Das Leben wird immer visueller. Das schnelle optische Erfassen nimmt leider Oberhand in unserem Alltag. Im menschlichen Miteinander ist es der Blick, der das erste Erkennen suggeriert. Durch Kommunikation kommt dann das tiefgründige Erfassen. Die Kommunikation kann durch Reden, Schreiben, oder durch das Gespräch erfolgen. Doch funktioniert eine Verständigung auch durch Signale, durch Mimik, durch Schweigen und in der Stille. Die Botschaften können auch einfach durch ein Handeln übermittelt werden. Alle Autorinnen oder Autoren haben sich mit diesen ganzen Facetten beschäftigt. Die Kommunikationsformen sind vielfältig, wie die Literatur. Dabei sind die Botschaften stets abhängig vom Sender und Empfänger. Somit tauchen Signale auf, Nachrichten in Brotdosen oder in ganz kleinen Gesten. Das Fehlen der Gespräche steht ebenfalls im Mittelpunkt. Das Unaussprechliche oder die Angst durch das Gesagte ins Leben des Zuhörers zu sehr einzugreifen oder durch das Gesagte dem Zuhörer zur Last fallen zu können. Es sind die sensiblen Themen, die in der Mitteilung schwerfallen. Tod, Trauer, Erkrankung oder Seelenschmerz werden oft im gewöhnlichen Gespräch ausgeklammert. Dann ausgesprochen kann es weitere Wunden aufreißen. Ferner gibt es Gesagtes auch in Leerstellen „Ich bi n ich t“ zu entdecken.

Der Wunsch nach Fernsignalen oder der Bereitschaft mit Pflanzen zu reden ist der Wunsch nach Distanz oder natürlicher Nähe. Dabei hat die innere Stimme ebenfalls eine wichtige Funktion. Doch wenn zum Beispiel viel Sauerkraut gegessen wurde, können die inneren Geräusche auch irreführend sein. Humor, Leichtigkeit kann auf Tiefe treffen. Die Texte sind alle gut und berühren. Ein Magazin, das einlädt sich mit frischer Literatur, sich selbst und dem Gegenüber zu beschäftigen. Das Ich kann ein Du nur im Abglanz zu sich selbst erkennen, aber je mehr ein Ich an Empathie besitzt, desto mehr kann das Du im Ich erwachen. Also ist der Schnipsel auch eine Aufforderung, sich Zeit für Literatur zu nehmen, denn diese lässt uns gehörig wachsen.

„ach, eigentlich alles“ sagt es, denn eigentlich ist alles gesagt. Aber nur eigentlich, denn das Geschriebene und Gesagte muß noch empfangen werden. Der Versuch gelingt nur durch Mitteilung und durch Sprache. Diese Mitteilungen kunstvoll in Sprache zu verwandeln, ist diesen Schnipseln gelungen. In der 23. Ausgabe sind Beiträge von: Destina Yildirim, Philipp Laue, Sarah Rinderer, Sophie Wischnewski, Clemens Braun, Oliver Gehrmann, Paula van Well, Caro Reichl, Ly Böhnlein, Kathrin Wilk und Thomas Steiner.

Mehr über den Schnipsel: https://derschnipsel.org/

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Bente Faust und Claus-Peter Lieckfeld: „Das Süderende der Welt“

Die sieben Leben des Jürgen Rickmers

Ein Buch über einen der erfolgreichsten Kapitäne des 19. Jahrhunderts. Es ist ein Roman, der sich mit dem Charakter eines Sachbuchs vermischt und mehrere Stimmen beinhaltet. Es ist die Geschichte von Jürgen Rickmers von der Insel Föhr. Mit dem Roman bekommen wir einen spannenden Einblick in die Jahre 1850 bis 1895. Das Zentrum dieser Welt ist Föhr mit der Verbindung zu New York und den ganzen Weltmeeren.

Das Friesendorf Süderende auf Föhr lässt erahnen welche traditionsreichen Kapitänsfamilien einst in diesem Dorf gelebt haben. Das Dorf hält an den alten Traditionen fest und ist durch die reetgedeckten Häuser mit deren Schmalgiebeln und der prachtvollen Kirche auffällig. Die Kirche St. Laurentii in Süderende und St. Johannis in Nieblum erzählen durch ihre „sprechenden“ Grabsteine viele solcher Geschichten.

Bente Faust ist Musiker, Theatermacher und Podcastproduzent und ein Nachfahre von Jürgen Rickmers. Als sein Onkel das Haus in Süderende verkaufen muß, findet Bente Storm auf dem Dachboden eine alte Seekiste. Es ist die Seemannskiste seines Ururgroßvaters. Es ist genau jene Kiste, die Jürgen Rickmers das Leben rettete. Der Inhalt sollte Faust jahrelang beschäftigen. Nach einem Podcast schrieb er nun mit Claus-Peter Lieckfeld den vorliegenden Roman. Jürgen Rickmers hatte bereits damals mit Broder Stern, einem Skribent, sein Leben zu Papier gebracht.

Jürgen Rickmers war ein reicher und bekannter Kapitän. Bereits mit 23 Jahren wird er zum Kapitän auf einer amerikanischen Dreimastbark ernannt. Er befährt die Weltmeere. Durch seine Beziehungen zu Amerika wird er einer der reichsten Männer Schleswig-Holsteins und kann sich früher zur Ruhe setzen und sich und seiner Familie ein gutes Leben gönnen. Doch vorher hat er viele Abenteuer erlebt. Sein größtes ist der Anfang des Romans. Er überlebt, was damals nicht möglich war, einen Taifun.

Ein Roman über ein bewegtes Leben. Ein Föhr-Roman, der in die ganze Welt der damaligen Seemannszeit blickt.

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Matthias Hübener: „Die indische Kugel“

Wir haben in unserer Entwicklung die Realität immer weiter entzaubert. Durch die Bücher von Matthias Hübener wird das Leben wieder etwas magischer. Seine Werke machen neugierig auf die Welt. Nach „Vom Libellenflug“ lädt uns Matthias Hübener erneut ein, ein literarisches und globales Abenteuer zu erleben. In „Die indische Kugel“ geht er einen Schritt weiter und der Einstieg ist ein unheimlicher. Doch versteht es der Autor immer wieder, das Gute im Menschen und in seiner persönlichen Geschichte freizulegen. Eine Kugel, die raum- und zeitlos ist und in uns etwas erweckt, ist der Grundstein der vorliegenden Gedankenwelt. Das Böse ist am Anfang nur ein Gedanke. Dieser Gedanke verführt, rollt wie eine Kugel in jeden Winkel und entfacht dadurch zuweilen Böses, wenn wir es nicht anders zu betrachten lernen.

Es ist eine spannende Geschwistergeschichte, die in New York beginnt. Es kommt zu Unglücksfällen, die bei einem Architekten ihren Anfang nehmen. Er befindet sich in einem verlogenen Telefongespräch mit seiner Ehefrau, als ihm eine kleine Kugel begegnet. Kurz darauf gerät er in einen tödlichen Unfall und ein Müllmann findet auf der Straße jene Kugel, die durch einen weiteren Unglücksfall zu einem Arzt gelangt, der sie in seine Arbeitskleidung, die er zur Wäscherei bringt. Somit wandert diese Kugel und übt auf alle eine enorme Faszination aus. Allen, die mit der Kugel in Berührung geraten, stößt etwas zu. Die Ermittlungen, die für die Polizei unzusammenhängend wirken, verlaufen im Sande.

Paul und Lynn sind Geschwister und geraten in den Strudel der Ereignisse. Sie sind die Kinder eines der Opfer und ziehen zu ihrem Onkel, einem begnadeten Schachspieler aus England. Er ist ein gelehrter Mensch, der seine Geheimnisse zu haben scheint und sich sehr in der Philosophie, besonders der indischen Weltsicht auskennt. Er ist jemand, der etwas zu bewahren scheint. Als Lynn und Paul erwachsen sind, ereignet sich erneut ein tragischer Wendepunkt in ihrem Leben, der ebenfalls etwas mit der funkelnden Kugel, die durch die Welt rollt und eventuell die Gedanken beeinflussen kann, zu tun hat. Sie geraten in eine spannende, gefährliche und abwechslungsreiche Geschichte.

Dies sind Abenteuerwelten, die voller Momente sind, die tiefgründige Gedanken zulassen und dabei enorm zu unterhalten wissen. Das vorangestellte Motto des Buches und die Handlung spielen auf das menschliche Dilemma hin. Das Gute und das Böse sind zwei Gedankenkonstrukte, die wir alle in uns tragen. Die Geschwister als polarisierendes Bild, die vereint sind und doch sinnbildlich eine andere menschliche Natur verkörpern. Gleich Yin und Yang, das als ein Ganzes von zwei Energien beeinflusst wird. Dabei spielt im Roman das Konzept des gewaltfreien Denkens aus der indischen Philosophie eine enorme Rolle. Auch beim Schach, dem Lieblingsspiel des Onkels, geht es um den geschickten Kampf zwischen Hell und Dunkel. Die Züge, die in der Partie gezogen werden, können innerhalb des Spiels nie Böse sein. Die Handlung erstreckt sich von New York, England, Schottland und Indien zu den magischen Orten, die auch in uns ankern. Die Kugel, die sich ausdehnen kann wie unsere Emotionen, ist nur eine Projektionsfläche unserer eigenen Empfindungen, seien diese gut oder böse.

Die Gedankenspiele von Matthias Hübener verbinden Welten und ihre Kulturen und sind geeignet für alle Menschen, die das Umfeld mit magischen Augen sehen wollen. Bücher, die man bereits als junger Erwachsener erfassen kann, denn es drängt sich der Vergleich mit Jostein Gaarder auf.

Diese Besprechung wurde vorerst im Bücher Magazin abgedruckt.

Matthias Hübener liest bei uns in der Buchhandlung. Siehe bei unseren Veranstaltungen.

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Daniel Kehlmann: „Lichtspiel“

Foto mit freundlicher Genehmigung STUDIO Filmtheater Kiel

Dieses Lichtspiel ist großes Kino. Erneut spielt Daniel Kehlmann mit wahren Begebenheiten und leiht sich für seine Charaktere im Roman Personal aus der Geschichte. Dieses Mal tauchen wir tief ein in die Filmgeschichte. Im Zentrum des Romans steht Georg Wilhelm Pabst, ein Filmregisseur, der den Nazis entfloh, durch einen Misserfolg in Hollywood nach Deutschland zurückkehrte und in Hitlers Reich versucht, weiterhin zu überleben und Filme zu machen. Der Roman wandert von einem „Draußen“ über das „Drinnen“ zum „Danach“. Kehlmann verbindet seinen feinen Witz mit dem bedrückenden Weltbild des Nationalsozialismus und lässt uns durch verschiedene Perspektiven schauen.

Das Vorspiel, der kleine Vorfilm, bei den Aufzeichnungen einer Talkshow, wo ein etwas dementer Weggefährte von Pabst auftritt, zeigt bereits den Humor und setzt einen der Spannungsbögen. Denn es geht um die Dreharbeiten zu „Der Fall Molander“. Wurde dieser Film fertiggestellt? Der Talkmaster und sein Gast reden aneinander vorbei, je nach geistiger Verfassung und Begrifflichkeit. Dieses nicht verstehen Können oder Wollen setzt sich gleich in der kommenden Szene in Amerika fort. Anfang der 1930er-Jahre sucht G.W. Pabst sein Glück in Hollywood. Er und seine Familie sind in die Metropole der Filmindustrie ausgewandert. In Europa ist er berühmt, er hat unter anderem Greta Garbo entdeckt und mit ihr gedreht. Die Produzenten in Hollywood wollen ihn für einen Film gewinnen, doch er hat eine eigene Idee, die er verwirklichen möchte. Das Gespräch verläuft nicht nur wegen der Sprachbarriere aneinander vorbei und letztendlich macht Pabst den Film, dessen Manuskript er furchtbar findet. Er warnt, doch man hört nicht auf ihn und als der Film floppt, gibt man ihm sogar die Schuld. Da er als Emigrant in Amerika wohl so schnell als Regisseur nun keine weiteren Projekte erhält und seine Mutter ihm schreibt, sie würde seine Hilfe benötigen, kehren sie zurück. Über Frankreich reisen sie zurück nach Österreich, nun Ostmark. Der Beginn des Krieges überrascht sie und die Grenzen werden geschlossen. Die Hoffnung auf eine erneute Flucht wird durch die Umstände vereitelt. Pabst hatte in Amerika bereits Kontakt mit dem Nazi-Propagandaminister. In Hollywood drohte Pabst dem Minister, nun verdrehen sich die Machtverhältnisse. Die Nazis wollen das Filmgenie für sich gewinnen, doch versucht Pabst diesem Becircen zu widerstehen, dreht aber weiterhin Filme. Seine Familie versucht, aus der Situation das Beste zu machen. Am Anfang war der Sohn voller Ängste, doch dann wandelt sich seine Sicht und er fügt sich und findet sein Weltbild im Nationalsozialismus. Die Schattenseiten werden im Roman durchbrochen durch lichte Momente voller Leichtigkeit und Humor. Dennoch zeigt sich ab dem Abschnitt „Drinnen“ die Machtgier vieler Menschen und deren Bereitschaft, diese brutal auszuleben. Die Beklemmung wird im Roman förmlich spürbar. Somit ist dieser Roman ein Werk über die Geschichte des Kinos, aber auch der Blick in die Verführungskunst des Bösen. 

Ein literarischer Roman, der aber eine angenehme Leichtigkeit hat und wunderbar unterhält. Die Realität aus der Geschichte wird szenenhaft eingefangen und die beschriebenen Bilder und Charaktere wachsen beim Lesen in der eigenen Phantasie zu einem großartigen und cineastischen Gesamtwerk. Wie im Film kommt es auf die guten Perspektiven, die agierenden Figuren und letztendlich auf den guten Schnitt an. Alles ist im „Lichtspiel“ gekonnt ausgewogen. Ein toller neuer Kehlmann.

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Mirko Bonné: „Alle ungezählten Sterne“

Mirko Bonnés Romane sind immer ein Refugium in das man stets gerne eintritt, um dort länger verweilen zu dürfen. Ein neuer Roman, der die Bonné-Merkmale trägt. In der anfänglichen Stille verbirgt sich die später aufbrausende Vielfalt. Erneut sind es nach dem Roman „Nie mehr Nacht“ Brücken, die ein Leitbild darstellen. Das Menschliche, das unsere Gesellschaft prägt und ausmacht, wird immer polarisierender und ausgrenzender. Die Verbindungen zueinander sind dann jene Brücken, die aus Empathie, Zuwendung, Verständnis und letztendlich aus Liebe gebaut werden müssen. Auch wenn die vermeintliche Distanz noch so groß wirkt. Der Abbau solcher Brücken geht leider meist schneller als der darauffolgende Wiederaufbau.

Benno Romik ist pensionierter Brückenkommissar in Hamburg. Mit etwa 2500 Brücken gilt die Hansestadt als eine der brückenreichsten in Europa und seine Aufgabe war die Sichtung und die Instandhaltung der Brücken, die oft im normalen Straßenverkehr meist unbemerkt überfahren werden. Seine Lebenstage scheinen gezählt zu sein. Gerade hat ihn ein neuer junger Arzt mit einer tödlichen Diagnose konfrontiert. Um Klarheit zu bekommen, möchte Benno eine Nacht auf seinem Balkon verbringen. In dieser Nacht knallt Hollie Magenta in sein Leben. Er beobachtet sie und weitere selbsternannte „Zertrümmerfrauen“, wie diese einen parkenden Wagen anzünden. Er gewährt der durch die Sprengung leicht verletzten Hollie Asyl in seiner Wohnung. Die Ansichten und der Altersunterschied wirken unüberwindbar. Doch je mehr sich beide kennenlernen, erkennen sie, dass keiner so ist, wie er für den anderen erscheint. Als Hollie eines Abends weitere Zertrümmerfrauen einlädt, wird deutlich, dass ihre Pläne weitreichend sind. Hollie, eigentlich Hanna, möchte beim bevorstehenden großen Anschlag nicht mehr mitmachen und aus der Gruppe, die sich nach dem G20-Gipfel weiter radikalisierte, aussteigen. Benno hilft, aber ist Hanna ehrlich zu ihm oder nutzt sie seine Gutmütigkeit lediglich aus? Immer mehr verstrickt sich Benno in diese und seine Geschichte. Seine Zeit wird knapp. Aber wenn die Tage gezählt sind, was sind dann in der Umkehrbetrachtung jene ungezählten Tage? Unser eigener Kosmos kann niemals den ganzen erfassen. Dies wird allein durch den Blick in den Himmel deutlich, denn wie viele Sterne sehen wir tatsächlich? Immer mehr verbindet Benno seine Vergangenheit mit den aktuellen Geschehnissen. Er reflektiert, warum seine Ehe gescheitert ist und der Kontakt zu seiner Tochter schwierig und letztendlich ganz abgebrochen ist. Seinen Halt erhält er durch eine damalige Kollegin, zu der er eine tiefgründige Freundschaft pflegt und es zeigt sich immer mehr, wem seine Liebe gilt.

Mirko Bonné schreibt Lyrik und Romane und versteht es, seine Gedanken und Emotionen in Wortbilder einzufangen. Er führt seine inhaltlichen Themen durch Ausdruck und Stilistik fort. In diesem Roman arbeitet er viel mit Klammern. Somit wird bereits durch die Sprache etwas Zugehöriges ausgegrenzt. Wie in seinen Romanen üblich beginnt alles zart, leicht melancholisch, um dann immer tiefer in die Themen einsteigen zu können. Das Melancholische weicht einem dezenten Witz und am Ende bleibt ganz viel positive Lebensenergie bestehen. Dieser Brückenschlag zeigt unsere aufgewühlte Gegenwart mit ihren brüchigen Facetten. „Alle ungezählten Sterne“ ist Literatur, die unterhält, bildet und Freude bereitet. Die Handlung baut sich wie eine Fahrt auf einer steilen Brücke langsam auf und am Wendepunkt nimmt diese enorm Tempo auf und man schlittert nur noch dem Brückenende entgegen.

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Sven Recker: „Der Afrik“

Sven Recker erzählt mit seinem dritten Roman eine bewegende Geschichte über die Abschiebung armer Menschen. Nach seinem Roman „Fake Metal Jacket“ ist Recker erneut kritisch. „Der Afrik“ hat durch die knappe, aber pointierte Sprache und Bildsetzung einen enormen Sprung, in Hinsicht auf die vorherigen Werke, zur kunstvollen Literatur gemacht.

Die Geschichte ist bewegend, stimmt nachdenklich und beruht auf wahren Begebenheiten. Trotz des Blicks in die Vergangenheit, ist das Werk von enormer Aktualität. Der Roman erzählt von Franz Xaver Luhr. Er lebt außerhalb der Gemeinschaft, fast wie ein Einsiedler und er meidet und wird gemieden. Er ist ein wortkarger Mann, den die Dämonen der Vergangenheit stets begleiten. Er hat etwas Weltenthobenes an sich, das naiv wirkt. Zwiesprache hält er beständig mit seinem imaginären Begleiter, dem Kinderschreck Nachtkrapp. Doch ahnt keiner, was er wirklich macht. Er gräbt tief in die Erde, unter den Weinberg Afrika und sinnt auf Rache. Eines Wintertages sitzt ein Junge vor seiner Hütte. Er hat einen Zettel dabei auf dem steht: „Je m´appelle Jacob. Tu es famille.“

Viele Missernten und ein enormer Bevölkerungszuwachs führten in Deutschland im 19. Jahrhundert zu Unruhen, Not und Armut. Viele Menschen flohen und suchten ihr Glück in der Ferne. Besonders in Amerika. Auch der Vater von Franz hatte es versucht. Ein grünblauer Stein und ein Traum erinnern Franz an seinen Vater, der ums Leben kam. Sie lebten in Pfaffenweiler, ein Weindorf in der Nähe von Freiburg. Die Gemeinde, besonders die Obrigkeit, wollte sich der Armen entledigen und versprach diesen Menschen ein besseres Leben in Algerien. Die Reise beziehungsweise die Schiffspassage  würde ihnen bezahlt werden. Zur Finanzierung wurde ein Waldstück abgeholzt und das Land zum Weinberg umfunktioniert. Diese Rebfläche wurde „Afrika“ genannt. Noch heute steht dort ein Denkmal, denn 1853 brechen 23 Familien in die französische Kolonie Algerien auf. Doch auch dort erwartet die Auswanderer nur Elend, Armut und Leid. Unter ihnen der fünfzehnjährige Franz und seine Mutter. Die Bitte um Rückkehr verweigert die Gemeinde Pfaffenweiler den insgesamt 132 Menschen. Doch einer schafft es und kehrt heim. Es ist Franz, den alle nach seiner Rückkehr Afrik nennen.

Es ist die Geschichte des alten Franz, der sich erinnert. Durch seine Wortkargheit bekommt auch der Roman etwas Archaisches. Durch die Verknappung erhält der Text etwas Lyrisches und gibt den Gedanken und Emotionen mehr Raum. Die Erinnerungen an die Auswanderung, das Leben in Algerien und seinen Freund Djilali verbinden sich mit der Gegenwart des eigentlichen Erzählstrangs, als jener Junge plötzlich im Leben von Franz auftaucht. Die Erzählbögen verbinden somit auch die Historie mit unserer Gegenwart. Ein beindruckender Roman.

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