David Grossman: „Kommt ein Pferd in die Bar“

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Das Buch erinnert schon beim Betrachten an ein Album von Tom Waits. Beim Lesen gerät man in einen Sog, der einen bannt und so schnell nicht mehr loslässt. Gleich den Gästen einer Comedian-Veranstaltung, die sich vom Vortragenden etwas Ablenkung erhoffen, aber doch viel mehr bekommen, als sie möchten oder erwarten durften. Der Titel klingt wie der Anfang eines belanglosen, schlechten Witzes. Doch bleibt der Witz im Halse stecken. Der Text wandelt zwischen Lachen und Weinen – Gleich den Polaritäten: Genie und Wahnsinn, Schlaf und Tod.

Das Buch spielt in Jerusalem und handelt von Dovele, der sich selber als Randfigur der Gesellschaft sieht. Er verwendet für sich ein einfaches Bild. Das Bild einer Gruppe von Menschen, die gemeinsam wandern und bei einem lösen sich beim Gehen die Schnürsenkel. Wenn dieser stehen bleibt, um diese zu schließen, gibt es zwei Möglichkeiten: Er ist ein Bestandteil der Gruppe und alle warten oder er wird nicht beachtet und die anderen ziehen desinteressiert weiter. Als letzteres empfindet sich Dovele, der Comedian.

Der eigentliche Erzähler des Romans ist der Richter Avischai Lasar. Dieser wurde von Dovele gebeten, an diesem Abend sein „Richter“ zu sein. Er solle sich ein Bild von ihm und dem Abend machen. Dovele erwartet von ihm eine Rückmeldung, wie er auf der Bühne auf ihn wirkt.

Dovele tritt auf. Er kommt auf die Bühne als hätte ihn jemand zum Auftritt überzeugen müssen. Als würde er auf die Bühne gestoßen. Nachdem er sich berappelt hat, beginnt er zu erzählen. Er erzählt Anekdoten und Witze. Für eine Pointe ist ihm nichts zu schade. Er wirkt wie fast jeder Stand-Up-Comedian zynisch und sarkastisch. Er gibt alles, denn heute ist sein Geburtstag.

Will er dem Publikum überhaupt gefallen? Denn zwischen den Witzen erzählt er seine tragische Geschichte. Hat er deswegen den Richter eingeladen? Beide kennen sich von einem Lager, in dem sie als Schüler militärisch ausgebildet wurden. Will sich Dovele rächen? Was möchte er und warum soll der ehrenwerte Richter dabei sein? Ist es Zufall, dass in der ersten Reihe eine kleine Frau sitzt, die mal seine Nachbarin war? Sie kennt Dovele als den Jungen, der oft auf den Händen ging. Dies tat er, um seine Mutter, zu der er ein enges Verhältnis hatte, zum Lachen zu bringen. Auch scheint die Welt so für ihn erträglicher zu sein. Geht man auf den Händen kann einem auch niemand ins Gesicht schlagen. Dies wird seine Flucht aus der Realität. Die Verschiebung der Wahrnehmung, das Leben steht Kopf und wird dadurch von ihm zum Witz deklariert.

Während seines Vortrages werden die Pointen immer seltener und das Kleinstadtpublikum wird immer ungeduldiger. Aber er möchte seine Geschichte erzählen. Seine Floskel, „wo war ich stehen geblieben“ führt ihn und seine immer mehr reduzierten Zuhörer zurück in seine Vergangenheit. Damals wurde er während des Lagers abgeholt. Aber keiner traut sich ihm zu sagen, was geschehen ist. So geht er dem Offizier auf Händen nach und wird von seinem Zeltkammeraden, dem jetzigen Richter beobachtet. Er soll zu einer Beerdigung gebracht werden, doch jeder der mit ihm spricht, hofft, ein andere möge ihm sagen, wer der oder die Verstorbenen sind. Der Fahrer, der ihn vom Lager zur Beerdigung fährt, versteckt seine Unsicherheit auch hinter Witzen und Anekdoten, die er seiner Schwester und Dovele während der Autofahrt zum Besten gibt.

Gleich dem Publikum wird man durch die Geschichte gefesselt. Man möchte ihm zurufen, endlich weiterzuerzählen. Seine Witze sein zu lassen, um endlich zum Kern seines Vortrages zu kommen. Es ist das Wesentliche, das in uns ist, das er Stück für Stück offenlegt und darbietet. Es geht um Verrat, um Trauer, um Schmerz und um Freundschaft.

Ein großer Roman, der wie ein Kleinkünstler daherkommt, der für sein Publikum eine ganz andere Reise geplant hat, als man als Zuhörer, d.h. Leser erwartet hatte.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “David Grossman: „Kommt ein Pferd in die Bar“

  1. mickzwo

    „Life is what happens while you are busy making other plans.“ J. Lennon

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