Arno Geiger: „Unter der Drachenwand“

Arno Geiger Unter der Drachenwand Hanser

Eine Gebirgswand kann sowohl als Versteck als auch als Schutz dienen. Das Gebirgsmassiv, das sich hinter der Handlung aufbaut, hat auch symbolisch etwas Bedrohliches. Die Felswand als Mauer zwischen dem Ersichtlichen und dem Kommenden, das im Ungewissen liegt. Die Handlung spielt in den Bergen im Salzkammergut unter dem Bergrücken der Namensgebenden Drachenwand. Es ist das Jahr 1944 und der Krieg befindet sich in seinen letzten Zügen. Aber noch ist er nicht vorbei und die Frage ist, wann der Frieden einzieht? Die Menschen, die im Schatten der Drachenwand agieren, hoffen darauf, dass es endlich besser werden möge. Die vieldeutige Beklemmung der über tausend Meter steilen Felswand ist eine Metapher und jene Drachen im Namen könnten Pate stehen für die inneren Dämonen, die sich in den Protagonisten durch den Wahn des Kriegs eingenistet haben.

Veit Kolb, der gewissenhaft Tagebuch schreibt, ist erst 24 Jahre alt. Er ist seit mehr als fünf Jahren Soldat. Eigentlich möchte er Elektrotechniker werden, doch hat er bisher nur den Schrecken des Krieges erlebt. Als Soldat hat er gelernt diesen hinnehmen zu müssen. An der Front war der Krieg weniger erschreckend für ihn als jetzt, wo er sich verwundet im Genesungsurlaub befindet. Jetzt lauern ihm seine Dämonen auf. Er leidet unter Schmerz-, Panik- und Angstattacken. Seine körperlichen Wunden heilen mühselig. Sei Genesungsurlaub begann bereits zuvor bei seinen Eltern in Wien. Über seinen Onkel, der Polizist in dem Dorf der Gemeinde Mondsee ist, organisiert er sich ein Zimmer unter der Drachenwand. Seine Zimmerwirtin ist eine barsche, führertreue Frau, die ihn als Drückeberger ansieht. So ist die Stimmung eine fiebrige. Jeder misstraut irgendwie jedem und die Angst, als Verräter oder dergleichen angezeigt zu werden, ist überdeutlich. Lediglich der Bruder der Zimmerwirtin, der von einer Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt und lediglich „Brasilianer“ genannt wird, wagt es offen zu reden. Er rät Kolb stets klug zu handeln und hält darüber hinaus mutige Ansprachen gegen das Regime und die Nazis. Diese, die Nazis, die wirklichen Bösen, haben in diesen Kriegsroman keine großen Auftritte. Es sind die Einzelschicksale, die kriegsgeschädigt nun zu Wort kommen. Kolb trifft auf die Lehrerin Margarete, die ihre Schülerinnen, jene Landverschickten, an den Mondsee begleitet. Kolb versucht der Lehrerin näher zu kommen, doch verschließt sich diese vor ihm. Die Liebe lernt Kolb später mit seiner Nachbarin Margot kennen. Margot ist eine junge, verheirate Frau, die mit ihrer Tochter im selben Haus wie Kolb untergekommen ist.

Dem Krieg ist Kolb nur vorerst entkommen. Hier unter der Drachenwand erlebt man ihn durch die über die Berge fliegenden Luftgeschwader. Neben den Tagebucheinträgen von Kolb gibt es dann noch die Briefe. Es sind die Schreiben von Kurt aus Wien, der Liebesbriefe an seine Cousine ins Kinderheim am Mondsee sendet. Briefe der Mutter von Margot, die vom Krieg und dem Bombardement in Darmstadt berichtet und die des jüdischen Zahntechnikers Oskar Meyer. Seine bestürzenden Briefe schildern sein Schicksal der zu spät angetretenen Flucht.

Dieser Kriegsroman handelt von Menschen, die verwirrt, verletzt und abgestumpft sind. Sie alle hält die Hoffnung auf baldigen Frieden aufrecht. Der Roman lebt durch die Stimmung. Es sind besonders die kleinen Details, die den Text aufwerten. Durch die verschiedenen Protagonisten leben die furchtbaren Passagen des Krieges und des Naziterrors erneut auf. Ein kluger und bewegender Roman über die Auswirkung des Krieges.

Arno Geiger ist ein ganz genau beobachtender Autor, der bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Dies, sein aktuelles Werk, ist ein historischer Stimmenfang, der sehr einfühlsam die Zeit Ende des Zweiten Weltkriegs rekonstruiert. Ein Roman über das Schicksal, das Überleben und die Möglichkeit sowie Hoffnung auf Freiheit und Liebe.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Arno Geiger: „Unter der Drachenwand“

  1. Arno Geiger mag ich sehr – Danke für diesen Buchtipp.

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