Richard Russo: „Immergleiche Wege“

Richard Russo Immergleiche Wege Dumont

Richard Russo versteht es, stets gekonnt auf großartige Weise zu unterhalten. Seine Romane und Erzählungen sind geprägt durch Melancholie, Witz, Tiefgang und Empathie. Mal wieder versteht es Russo, in kleinen Begebenheiten, Episoden oder Bildern ganze lebensumspannende Fragen zu analysieren und zu verdeutlichen. Mit viel Hingabe zu seinen Figuren schaut er immer ganz genau hin und öffnet jene kleinen Wunden, die zu Teilen in seiner literarischen Betrachtung sehr humorvoll sind.

Russos Werke, für die er vielfach ausgezeichnet wurde, sind in der Regel umfangreiche und sehr lesenswerte Romane. „Immergleiche Wege“ beinhaltet vier Erzählungen: „Reitersmann“, „Stimme“, „Eingriffe“ und „Milton und Marcus“. Allen Geschichten eint die Frage nach Authentizität. Leben wir das Leben, das wir uns selbst gewünscht haben? Die Protagonisten sind alle bereits etwas älter und aus den besten Lebensjahren heraus. Alle sind sozial und gesellschaftlich gut verbunden und gehen anständigen Berufen nach. Doch hadern sie alle an einem gewissen Punkt im Leben. Mit viel Humor, Mitgefühl und Hingabe führt uns Russo genau zu diesen Punkten, diesen Schmerzpunkten der existentiellen Fragen, die sich seine Charaktere stellen.

Janet ist eine erfolgreiche Dozentin, die durch ihre Arbeit und einen Plagiatsfall ins Grübeln über sich selbst und ihre bisherige Karriere gerät. Janet stellt sich auch die Frage, wie weit ein Text auch den Autor sichtbar macht. Sollte ein guter Aufsatz, gute Literatur nicht auch stets etwas vom Verfasser offenbaren?

Nate, ein etwas wuschiger Literaturprofessor, verliert sich auf den labyrinthischen Wegen von Venedig in seinem eigenen Gedankenirrgarten. Er und sein Bruder sind mit einer kleinen Gruppe auf Europareise. In Venedig verliert er sich immer mehr in seinen eigenen Zweifeln und die Anreise in der Lagunenstadt wird geprägt durch einen unausgesprochenen Zwist zwischen den Brüdern. Während Nate Anschluss an die Gruppe sucht, geraten seine Gedanken in seine Vergangenheit. Seine Karriere hat einen Tiefpunkt erlitten als eine hochbegabte aber kränkliche Studentin seinen Jane Austen-Kurs aufsuchte.

Ray ist ein krebskranker Makler, der nicht nur durch den Einbruch im Immobilienmarkt und die Wirtschaftskrise ins Straucheln gerät. Als Texaner sich für seine betreuten Objekte interessieren, hilft er einer Freundin deren angesammelte Lebensinhalte zu sortieren und deren Haus zu verkaufen. Dabei wird er sich immer mehr seiner eigenen Lebenssituation bewusst.

In der letzten Geschichte lernen wir Ryan kennen, einen gealterten Drehbuchautor, der in der Vergangenheit lediglich für einige Verfilmungen die Vorlagen bearbeitet hatte, ohne große Erwähnung im Abspann zu erhalten. Während er sich durch das Schreiben von regulären Büchern über Wasser halten kann, bekommt er einen Auftrag aus alten Zeiten. Ein altes Drehbuch, von dem er bisher nur den Anfang geschrieben und einem Freund zugespielt hatte, ist wieder aufgetaucht und man möchte ihn erneut engagieren.

Dieses Quartett an Figuren und Erzählungen lassen den Leser aufhorchen, schmunzeln und grübeln. Einige Erzählstränge sind sehr anrührend und doch durch melancholischen Witz geprägt. Alle Charaktere lehren uns, weniger mit dem Leben zu hadern. In den Momenten, wo man durch den Text emotional und herzlich berührt wird, taucht stets die Liebe zum Leben auf.

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