Michel Houellebecq: „Serotonin“

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Houllebecqs Roman ist ein Aufschrei und ein Aufschwingen in Sorgen, Angst und Trauer. Der Schmerz entlädt sich auf eine fast schon pervertierte Weise. Es beginnt mit dem Blick ins Private, um dann den Bogen zum Öffentlichen zu schlagen. Das Buch hat einen seiner Höhe- und Wendepunkte als der größte Song der Rockgeschichte erwähnt wird. Der Aufbau, der Titel und die transportierte Emotion des Liedes sind gekonnt eingesetzte Parallelen zum Roman.

Der wohl schönste Moment im Leben des Protagonisten ist als er die Platte des Konzerts von Deep Purple, das in Duisburg aufgezeichnet wurde, abspielt. Es ist ein Bootleg aus dem Jahr 1970. Immer wieder hört er einen bestimmten Song. Anfänglich sind es die leisen Töne, die die Meisterschaft von John Lord bereits erklingen lassen. Dann kommt der der Einsatz von Ian Gillan, der vom zarten leisen, fast einem Sprechen, zum Singen übergeht, um dann der Musik und Emotion folgend sich immer mehr hineinsteigert und vom Singen ins Schreien übergeht. Der erhabene Break, der von Ian Paice eingeleitet, aber von der ganzen Band unterstützt wird, ist eine Mischung aus Herrlichkeit, Effizienz und Größe. Dann wird der zweite Teil des Übersongs vollzogen und die Band sowie Ian Gillan schwingen sich erneut empor und der Gesang endet in einem blanken Schrei, der das Ende des Stücks „Child in Time“ einläutet. Es ist ein Song, der berührt, verstört und immer wieder durch Größe glänzt. Ist Houllebecq jenes Kind der Zeit, dass die Linie zwischen Gut und Böse erblickt hat? Das Buch ist ein Werk unserer Zeit. Es ist großartig, abstoßend und umwerfend. Es ist ein literarischer Blick in die moderne Gesellschaft mit ihren Beziehungen, Politik und Wirtschaft.

Der Roman ist aus der Perspektive eines Bukowski-ähnlichen Charakters geschrieben. Der 46-jährige Protagonist zieht Bilanz und rechnet mit sich, den Frauen in seinem Leben und mit der Gesellschaft ab. Er zieht sich aus dem Leben zurück. Er möchte sich ausklinken, verschwinden – einfach weg sein. Diese Entscheidung ist in ihm gewachsen, als er von den Eskapaden seiner japanischen Lebensgefährtin erfährt. Die Entscheidung, alles zu lösen, seine Beziehung, sein Arbeitsverhältnis und die luxuriöse Wohnung in Paris, ist wohl auch dem neuen Antidepressivum zuzuschreiben, das er neuerdings einnimmt. Der Wirkstoff soll die Aufnahme und Produktion von Serotonin verbessern. Die Wirkung von Serotonin auf das Herz-Kreislauf-System ist sehr komplex und vielschichtig. Dies entspricht auch dem weiteren Verlauf der Handlung und den Aussagen.

Der Protagonist beginnt, mit allem zu hadern, alles in Frage zu stellen. Seinen Namen, seine Beziehungen und seine Lähmung, selbst zu handeln. Seine Gedanken sind anfänglich triebhaft. Der Trieb, die Begierde und das Sexuelle werden dann immer stiller. Dies liegt wohl auch am Medikament, das ihm seine Libido raubt. Er wohnt in Hotels und blickt auf sein Leben zurück. Er schaut in die Vergangenheit und bangt um die Zukunft. Doch wird es die Gegenwart sein, die sich tödlich entwickelt. Seine Beziehungen sind es, die ihn sehr beeinflusst haben und immer noch prägen und handeln lassen. Auch seine berufliche Aufgabe, die französischen Erzeugnisse aus der Landwirtschaft und Molkerei global zu vermarkten, regt ihn an, sich über die Gesellschaft und ihr Konsumverhalten seine Gedanken zu machen. Diese Grübeleien werden immer lauter und enden in jenem Aufschrei, der an „Child in Time“ erinnert. Er trifft einen alten Studienfreund und zieht in einen von dessen zu mietenden Bungalows. Sein Freund ist Landwirt und vermietet Zimmer und Bungalows, um wirtschaftlich am Leben bleiben zu können. Er ist Milchbauer und versucht, biologisch und human alles richtig zu machen und betreibt keine industrielle Aufzucht. Aber je mehr er und seine Kollegen in der Landwirtschaft alles korrekt zu machen versuchen, desto schwerer kommen sie über die Runden. Hierbei wird der Protagonist ein stiller apathischer Zeuge, der auch bei einer pädophilen Beobachtung nicht tatsächlich zu handeln vermag und somit erkennen muss, wann und wo er sich selbst und seine Freunde und Lebensgefährtinnen verraten oder verlassen hat.

Ein Roman, der weniger Glückshormone ausschüttet, aber dennoch durch seinen liebes- und lebensmüden Antihelden das Leben des Lesers bereichert. Ein Roman unserer Zeit.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Michel Houellebecq: „Serotonin“

  1. Die ersten dreißig Seiten bei Houllebecq sind stets Weltklasse, nur baut er dann leider ab, füllt auf … Da ist er halt ganz Profi. Ein guter Einstieg und ein guter Schluss, an den Rest erinnert sich kein Mensch. Bukowski-ähnlicher Charakter? Naja, ich weiß nicht, aber stimmt, ein Roman unserer Zeit. Das kann er.

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