Jan Drees: „Sandbergs Liebe“

Sandbergs Liebe Jan Drees Secession

Ein Roman über psychische Gewalt, in dem der Partner innerhalb einer Beziehung desorientiert, manipuliert und verunsichert wird.  Das Selbstbewusstsein löst sich durch die vermeintliche Liebe immer mehr auf. Jan Drees erwähnt in „Sandbergs Liebe“ auch den Roman „Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami.  In beiden Romanen ist der Protagonist letztendlich bereit, alles für die Liebe zu opfern. Der Charakter Sandberg ist gleich seinem Namen ein Berg, der lediglich aus Sand gebaut wurde und sich immer in Auflösung befindet.

Doch beginnt die Beziehung voller Glück und Anziehung. Kristian Sandberg hat sein Studium beendet und nach seiner Reise nach Teneriffa deutet alles auf einen positiven Aufschwung in seinem Leben hin. Er bekommt den ersehnten Berufseinstieg in einer Literaturagentur. Er lebt für die Literatur, liest ständig und schreibt viele Rezensionen. Doch ist er einsam und sehnt sich nach der großen Liebe. Er nutzt eine Dating-App, in der Hoffnung endlich eine Frau kennenlernen zu dürfen, die in einer Beziehung nicht mehr sich selbst sucht, sondern sich erwachsen und interessiert auf eine feste Zweisamkeit einlassen kann.

Er lebt sich beruflich immer mehr ein und da er auch neu in Hamburg ist, wo sich seine Agentur befindet, erkundet er nebenbei die Hansestadt. Eines Abends auf einer Außenterrasse eines Cafés meldet sich seine Dating-App. Diese wirbt mit weniger Verkuppelungen, dafür aber mit gezielten und passenden Vorschlägen. Nach kurzem und charmantem Chatten, kommt es auch zu einem ersten realen Treffen mit Kalina. Sie ist Zahnärztin, gebildet und wirkt einfühlsam. Es kommt zu einer romantischen Annäherung, doch da beide in der Vergangenheit Beziehungsprobleme hatten, deuten sich schon in kleinsten Gesten Kommunikationsschwierigkeiten an.  Doch sind diese Probleme durch reine Missverständnisse entstanden? Kalina beginnt immer mehr Raum einzufordern, aber öffnet sich dafür sehr wenig. Sie grenzt sich ab und fordert auch von Kristian, sich von seinen Freunden und ehemaligen Freundinnen zu lösen. Sie will, dass er ganz zu ihr steht und ihr verspricht, sie niemals zu verlassen. Kristian ist bereit, sich für die Liebe ganz in diese Beziehung zu stürzen und ist anfänglich auch glücklich. Doch wird aus seiner Liebe eine Abhängigkeit und er verliert immer mehr sein Selbstbewusstsein. Durch kleine Gemeinheiten, Ausgrenzungen und falsche Behauptungen entstehen Verletzungen, die ihn immer mehr in einen Abgrund treiben. Er tut alles Erdenkliche, um ihr seine Liebe zu beweisen, doch die anfängliche Euphorie beginnt zu kippen. Kristian bleibt passiv und beginnt immer sich selbst in Frage zu stellen. Sein Selbst verschwindet zunehmend, während Kalina dies durch ihre perfiden Spiele weiter vorantreibt.

Der Roman macht psychische Gewalt sehr erlebbar. Der Text ist beklemmend, nachvollziehbar und wirkt nach dem Lesevorgang länger nach. Jan Drees hat ein großes Gespür für die Zweisamkeit und die Ursprünge der Gewalt. Diese emotionale Gewalt und ihre tiefen Verletzungen werden in ihrer ganzen Entstehung und Auswirkung für den Leser erfahrbar.  Doch fragt man sich beim Lesen, da man die Geschichte nur aus Kristians Perspektive hört, ob man ihm ganz trauen kann. Das ist einer der Kunstgriffe dieses Romans. Der auktoriale Erzähler taucht lediglich am Anfang und am Ende auf und sagt, die eigentliche Handlung wird von Sandberg erzählt. Doch gibt es immer zwei Wahrheiten. Es gibt sowohl die Perspektive von Kristian Sandberg als auch die von Kalina. Doch jetzt gibt es noch eine weitere Sicht auf die Wahrheit, die des Lesers, der noch länger mit den Figuren und der Geschichte zu tun haben wird.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Jan Drees: „Sandbergs Liebe“

  1. Pingback: Sandbergs Liebe – Lesen mit Links

  2. Hallo,

    das klingt nach dem, was oft „Gaslighting“ genannt wird? In meinen Augen eine oft unterschätzte Form von psychischer Gewalt. Bisher habe ich meist nur persönliche Geschichten gehört, in denen die Dynamik anders herum lief, mit dem Mann als Täter – aber warum soll eine Frau so etwas nicht machen können…

    „Gefährliche Geliebte“ wartet hier noch darauf, dass ich es lese, aber „Sandbergs Liebe“ klingt auch interessant, das wandert mal auf die Merkliste.

    LG,
    Mikka
    [ Mikka liest von A bis Z ]

    • Empfehle hierzu auch eine Reportage auf dem Zündfunk (Bayern 2), die vom Autor moderiert und auch mitgestaltet wurde. Da geht es genau um dieses Gaslighting und wie gefährlich das eigentlich ist.

  3. Pingback: [Rezension]: Jan Drees – Sandbergs Liebe – Lesen macht glücklich

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