Jan Wilm: „Winterjahrbuch“

Jan Wilm Winterjahrbuch Schöffling & Co

Dieser autofiktionale Roman ist der Soundtrack der Gefühlswelt des Autors und besonders seiner Einsamkeit. Jan Wilm reist für ein bezahltes Forschungsanliegen nach Kalifornien, um gerade dort über Schnee zu schreiben. Dabei schmilzt der Schnee in seiner Fokussierung und das Interesse verlagert sich in die eigenen Betrachtungen über Zeit, Vergänglichkeit, Kunst und natürlich die Liebe.

Da es sich um einen Roman handelt, ist die Grenze zwischen Fiktionalem und einem Tagebuch, das von Winter zu Winter reicht, verschwommen. Der erste Winter, die Ankunft in Kalifornien, lässt ein Zaudern zu. Ein Hadern des Protagonisten mit dem neuen Lebensumfeld und das distanzierte Feld, das sich zwischen Leser und der Figur Jan Wilm aufbaut. Ist es erneut einer jener „Ego-Romane“, wie sie bereits kunstvoll von Karl Ove Knausgård oder Gerhard Henschel verfasst wurden? Wieder einer jener Autoren, die ihr Selbst mit all ihren Schwächen und zynischer Melancholie weit ausgefächert vor ihren Lesern ausbreiten? Der Roman wird mit Song- und Literatur-Zitaten, die Jan Wilm begleiten, geschmückt und bietet somit immer mehr eine tiefgründige und literarische Reise, die sich nicht nur für den Leser lohnt. Dieses Buch ist keine Dokumentation des Alltäglichen, sondern eine sich immer mehr verdichtende Komposition, die aus der Einsamkeit der Figur erwächst.

Der Erzähler, Jan Wilm, wurde verlassen und hat großen Liebeskummer. Dieses empfundene „Wir“, dass nun lediglich zu einem ich und du verkommen ist, fehlt ihm und er leidet sehr. Er flieht mehr oder weniger nach L.A., um ein Buch über seine Forschung über Schnee und über Gabriel Gordon Blackshaw, der einst den Schneefall fotografisch in Kalifornien fixiert hatte, zu schreiben. Am Getty Institut liest Jan Wilm dessen Tagebücher, die Biographie und sichtet das vorhandene Bildmaterial. Hierbei ist der Schnee nicht nur ein Forschungsobjekt als Naturereignis, sondern eine wachsende Metapher. Schnee als meteorologisches Ereignis, aber auch als Sinnbild. Schnee als Bild der Einsamkeit, der Kälte und der Reinheit. Was verbindet jeder mit Schnee? Den ersten Schneefall im Winter seiner Kindheit? Schneeweiß wie ein weißes, leeres Blatt oder das Weiß zwischen den Zeilen. Schnee ist, wie alles, immer auch vergänglich. Der Niederschlag in allen Erscheinungsformen ist immer auch ein Teil des Meeres. Schnee ist im Englischen auch ein Verb: to snow und bedeutet täuschen. „Vielleicht lebt man ausschließlich, um sich von seinem Leben abzulenken.“

Je näher der Sommer rückt, desto mehr nimmt die Aufmerksamkeit am gefrorenen Nass ab. Jan Wilm durchbricht dezent seinen inneren Kreislauf und verlässt sein, eventuell sich selbst vorgegaukeltes, Interesse am Schnee. Er beginnt L.A. zu erleben. Er lässt sich auf andere Menschen ein. Doch das Körperliche ist kein Genuss, nur ein leidiges Tun aus dem Trieb heraus. Er verachtet sich und kann sich dadurch niemandem, besonders Frauen, öffnen. Er ist einsam unter Menschen im hell strahlenden L.A. der verspielten Eitelkeiten. Als er sich im Herbst doch endlich öffnen kann und Liebe erfährt, naht erneut der Winter und mit diesem die Abreise. Das Verlassen und die Einsamkeit bleiben ein Bestandteil seiner Empfindungen. Denn der tatsächliche Kern seines Verlassenseins erschließt sich dem Leser gegen Ende.

Ein Werk, das bis in die einzelnen Sätze kunstvoll erarbeitet wurde. Es ist ein literarischer Roman, der bereits beim Lesevorgang durch seine kluge Art fesselt und zu begeistern versteht. Eine Reise in die kalte Einsamkeit auf die die wärmende Sonne Kaliforniens scheint.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Jan Wilm: „Winterjahrbuch“

  1. Das Buch ist mir schon in der Vorschau aufgefallen. Ich glaube, ich komme da nicht herum. Ich habe jetzt schon einige begeisternde Stimmen gelesen. Viele Grüße in den Norden

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