Mesut Bayraktar: „Wunsch der Verwüstlichen“

Man könnte den Roman als eine dezente Renaissance des klassischen Sturm und Drangs deuten. Doch viel gradliniger, klarer und fast schon emotional sachlich fixiert der Autor eine Italienreise, die letztendlich eine Reise zu sich selbst ist. Italien – schon immer ein Sinn- und Traumbild des Reisenden. Italien weckt eine Sehnsucht nach Sonne, Zitronen, Kunst und Freiheit. Erneut erinnert es an den Sturm und Drang durch Goethes Italienreise. Goethe erlebte durch seinen Reisebericht einen Freiheitschlag, den sich der Protagonist in „Wunsch der Verwüstlichen“ noch erarbeiten muss. Es sind die Kriege, die die Charaktere in die Handlung zwingen. Kriege, die tatsächlichen, aber auch die inneren, die körperlichen und die seelischen Kämpfe werden betrachtet. Der Roman hat eine einfache Tiefe, die sich schnell erfassen lässt, spielt dann aber auch mit treffsicheren und nachklingenden Sätzen. Mit einer Leichtigkeit werden ganz nebenbei Anspielungen auf Literatur, Mystik und auf länderübergreifende Kultur eingewoben.

Karl und Can sind Brüder, die sich erst nach Jahren wiedersehen. Sie waren als Kinder ein gutes und brüderliches Team. Dann kam es zu einem Bruch und nach einer Ewigkeit sieht Karl Can bei der Bestattung der gemeinsamen Mutter wieder. Erneut wechseln sie kein Wort miteinander. Jeder trauert in sich gekehrt und dem anderen gegenüber verschlossen. Beide bekommen nach der Beisetzung einen Brief der Mutter, in dem diese sie bittet, eine gemeinsame Reise, als ihren letzten Wunsch, zu machen. Egal wohin, aber die Brüder sollen gemeinsam Urlaub und Zeit miteinander verbringen. Beide nähern sich zögerlich den anderen an und der Plan, zu reisen, wird Wirklichkeit, da Can am kommenden Tag nach Italien fahren möchte, weil er dort etwas zu erledigen hätte. Karl könne mit.

Karl ist es, der die Geschichte erzählt. Dabei wandert seine Erinnerung während der Reise zurück in die gemeinsame Kindheit und seinen weiteren Werdegang. Dabei reflektiert er sein Leben und stellt dieses immer mehr in Frage. Karl ist der Studierte in der Familie. Anfänglich vom Vater belächelt, weil er nichts Handfestes lernt und macht. Der Vater ist aus der Türkei nach Deutschland gekommen und kann dem anfänglichen juristischen Werdegang des Sohnes nicht viel abgewinnen. Er ist dann, als Karl Richter wird, sehr stolz auf seinen Sohn. Der Vater ist nun, als die Geschichte beginnt, schon länger tot. Karl ist verheiratet und hat zwei Kinder. Doch sein berufliches und familiäres Leben wirkt auf ihn in Folge immer blasser. Can, der aus seinem Leben spurlos verschwunden war, hat sich mit Gelegenheitsjobs durchgekämpft. Nun reisen die beiden nach dreizehn Jahren des Schweigens gemeinsam nach Italien. In Verona treffen sie auf Nastasja. Sie ist ein Kriegsflüchtling aus der Ukraine und wirkt anziehend auf Karl. Die weitere Reise nach Florenz wird zum Wendepunkt.

Ein Brüderkonflikt und der Bezug zur Herkunft stehen immer wieder im Mittelpunkt. Durch Can und Nastasja lernt Karl sich selbst zu erkennen. Seine biographischen Erinnerungen zeigen einen Mann, der sich selbst unsicher war und dies mit Erhabenheit stets überspielte. Scham spielt neben den inneren Kämpfen auch eine besondere Rolle in der Entwicklung der Protagonisten, die durch den Text sehr lebendig werden. Dabei hat der Roman nie etwas Verklärendes. Die Gefühlsmomente sind frei vom überladenen Sturm und Drang, sondern real nachzuempfinden. Durch die Sprache, die zuweilen sehr klugen Sätze und die gelungenen Bilder ist das Werk ein erinnerungswürdiges Leseerlebnis.

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