Gábor Fónyad: „Als Jesus in die Puszta kam“

Ein irrwitziger Ritt auf dem Grat zwischen Wahrheit und Wahn. Ein Roman, der unser mediales Jetzt mit seinen ganzen Facetten auf die Hörner nimmt.

Wir lernen Ludwig kennen, einen phlegmatischen jungen Mann, der in Wien lebt und in einem Spielwarengeschäft „Murmeln & Co.“ tätig ist. Die Einstellung verdankt Ludwig nicht seinem Verkaufstalent oder dem Fachwissen, sondern lediglich der Tatsache, dass seine Familie aus Ungarn stammt und er das Ungarische beherrscht. Dies verleiht, so meint der Besitzer, dem Laden in der Wiener Innenstadt mehr Glaubwürdigkeit und einen Hauch von Exotik. Die innerste Zuwendung zu seiner Tätigkeit findet Ludwig in einem Lemuren-Stofftier, dem er auch alles beichtet und erzählt, wenn keiner im Ladengeschäft zugegen ist. Er ist auch bemüht, diesen Lemuren vor potentiellen Kunden zu verstecken.

Ludwig ist in seinem bisherigen Leben ziellos durch seine biographische Prärie getrieben worden. Die Prärie ist eine der Westernmethapern, die sich in Folge immer wieder durch den Text weben. Denn Ludwig ist Western-Fan und vieles, was nun auf ihn einwirkt, birgt den Stoff für ein modernes Wild-West-Abenteuer. Unser Held, der sich eher wie ein Antiheld durch die Handlung bewegt, ist kein Weltverbesserer und schon gar nicht ein Erlöser. Doch eines Tages wird er wahrlich heimgesucht. Man hat in ihm den wiederkehrenden Messias gefunden. Eine Glaubensgemeinschaft in Ungarn meint, die Zeit der Wiederkehr des Heilsbringers ist gekommen. In Ludwig sehen sie ihren Messias. Die Zeichen sprechen für sich. Am Tag seiner Wiedergeburt sollen laut der Bibel Posaunen erklingen und zur Geburt von Ludwig hat ein Orchester gespielt und es waren himmlische Töne zu vernehmen. Auch seine Narben sprechen eine eindeutige Sprache. Diese und viele andere Zeichen sind der Gemeinschaft Wegweiser genug und Ludwig wird eingeladen, nach Ungarn zu reisen, dem Land aus dem ihrer Ansicht nach Jesus in Wahrheit kam. Somit nimmt Ludwig Urlaub und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise. Dabei schlittert er immer weiter in dubiose Verstrickungen.

Ein Roman, der voller Witz und Tempo ist. Das phlegmatische Wesen des Antihelden wird durch einen irrwitzigen Plot getrieben, in dem sich unsere Gegenwart wiederfindet. Puszta als Bild unserer ganzen Welt. Theorien, Wahrheit und Wahn können je nach Auslegung schnell benannt und auch widerlegt werden. Wie es gerade im Blickwinkel des Betrachters richtig erscheint. Die Bedeutung und Deutung einer Sache liegt neben den Fakten auch stets in der individuellen Interpretation und Auffassungsgabe.

Ein richtig toller und lesenswerter Roman. Alles findet hier seinen Platz: Wahrheit, Verschwörungen, Liebe und Fanatismus. Der Autor moralisiert trotz der Thematik niemals, sondern entwickelt einen Lesedrive, der begeistert und zum Nachdenken und Lachen anregt. Diesem Jesus kann man gerne in die Puszta folgen.

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