Antonia Bontscheva: „Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere“

Der trügerische erste Blick könnte dem Buch nicht gerecht werden. Denn anfänglich könnte man meinen einen seichten  Roman zu lesen. Der Wunsch nach tiefgreifender Veränderung im Leben geht mit dem Besuch beim Friseur einher. Die Frisur als Lebensabschnitt mag wohl nur bedingt ausreichend sein. Doch verfängt man sich in dem Werk, wird man getragen von einer bereichernden Leichtigkeit. Es ist eine autobiographische Familiengeschichte, in der die Selbstbehauptung eine zentrale Rolle spielt.  

Die Ich-Erzählerin lebt seit den 90er Jahren mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Bremen. Sie sind nach der Wende aus Bulgarien gekommen. Ihr humorvoller Blick auf die Kulturen, die Eigenheiten und die handelnden Figuren hat zuweilen auch etwas Abrechnendes. Sie hadert mit sich, dem Werdegang und besonders mit der Liebe. Durch die Lage ihrer Wohnung und das soziale Umfeld fühlt sie sich immer heimatloser. Als ihr Vater stirbt reist sie nach Bulgarien zurück und stellt sich den Erinnerungen und den Konfrontationen. Besonders prägend und charakterstark treten die Frauen aus der Handlung hervor. Besonders die ältere Generation spart nicht mit Lebensweisheiten, die erhört, aber meist nicht befolgt werden. Die Reise zurück ist auch eine Reise der Klärung.

Der deutsche Alltag in einem Mietshaus und der Ehemann, der in ihr eine Frau sieht, die er nach seinem Wunsch noch gestalten kann, lassen die Erzählerin an ihrem bisherigen Schicksal zweifeln. Ihr Bruder und ihre Mutter kommen nach den Trauerfeierlichkeiten mit nach Bremen. Die Mutter erkennt sofort das lieblose Umfeld. Die Sehnsucht nach Liebe hatte die Erzählerin in einer kurzweiligen Affäre mit einem Mann, dem sie Deutschunterricht gab und schwanger von ihm wurde. Die Mutter der Erzählerin erkennt und sieht viel schneller, was im Umfeld der Erzählerin geschieht und fordert diese zum Handeln auf.

Ihr Ehemann, der das Bild, das er von seiner Frau hat, liebt, aber nicht sie, wie sie ist, hält fest an althergebrachten Ritualen, auch in der Sexualität. All diese Momente und der Tod ihres Vaters lassen die Protagonistin am Schwarzen Meer ihr Leben tiefgründig durchleuchten. Ihr zur Seite stehen dominierende Frauen, die stets die Familienfäden spannen. Die Handlung vollzieht sich somit im Wechsel von Erinnerungen, Selbstreflexion und kulturellen und gesellschaftlichen Konflikten. Es ist kein überfüllter Gefühlsroman, sondern, wie oben bereits angedeutet, eine dezente Abrechnung mit den Menschen, die zuweilen wie Ballaste in der persönlichen Entwicklung sind. Denn die Erzählerin muss erkennen, welche Verbindungen im Leben wichtig und welche zu kappen sind.

Ein leichtgängiger Roman, der im Fortgang der Handlung immer mehr an Tiefe zulässt. Da es eine sehr persönliche Geschichte ist, hat der Roman etwas Leidenschaftliches – in der Abrechnung sowie in der Selbstbehauptung. Mit Humor und Hingabe zu den Charakteren gewinnt der Text an Zugkraft und glänzt durch den ironisch, lakonischen Stil.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Antonia Bontscheva: „Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere“

  1. Ich mag ja solche Bücher sehr, daher vielen Dank für die interessante Buchvorstellung.:)

  2. Klingt nach einem Must have. Danke für die Buchvorstellung

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