Yeoh Jo-Ann: „Zweckfreie Kuchenanwendungen“

Ein wunderbarer Roman, der Herz und Kopf berührt. Ein außergewöhnlicher Text, der uns nach Singapur mit seinen gesellschaftlichen und kulturellen Errungenschaften sowie kulinarischen Raffinessen entführt. Das Werk spielt mit großen Bildern und richtet sich gegen die Leistungsgesellschaft. Besonders Singapur ist geprägt durch ein strenges, High-Tech-orientiertes Staatsbild. Diesem Bild setzt die Autorin, Yeoh Jo-Ann, die Resignation, die Armut und die Obdachlosigkeit gegenüber und wurde mit dem Epigram Books Fiction Prize ausgezeichnet. Auch die deutsche Übersetzung besticht durch den übertragenen und lebendigen Sprachklang. Übersetzt von Gabriele Haefs.

Das Buch lebt von den sympathischen Charakteren, die sich nicht dem Leistungsdruck hingeben. Sukhin Dhillon ist Lehrer für englische Literatur und mag die gesellschaftlichen Zusammenkünfte und Verpflichtungen nicht. Innerlich rebelliert er gegen alles, was zur Pflichterfüllung gehört. Er lebt in seiner Sprachkunstwelt und liest in den Pausen lieber Stephen King oder den Wüstenplaneten-Zyklus, bevor er sich auf oberflächliche Kollegiums-Gespräche einlässt. Er hat einen Freund, der versucht, ihn ins gesellschaftliche Leben zu integrieren. Auch seine Eltern versuchten, ihn zu verkuppeln. Doch diese Versuche scheitern kontinuierlich. Besonders die Frauen, die sich nicht für seine Leidenschaften begeistern können, haben bei ihm wenige Chancen. Seine Liebe gilt dem Lesen und Kuchenessen. Dabei hatte er eine große Liebe, die ihn aber damals wegen zu hoher Erwartungen an die Zweisamkeit verlassen hat.

Der traditionelle chinesische Feiertag, das „Chinese New Year“ soll in der Schule gefeiert werden und Sukhin soll Dekomaterial besorgen. Als er in Chinatown die Besorgungen macht, stolpert er über eine Kartonbehausung. Kartonage hat in seinem Leben einen besonderen Stellenwert. Seine Eltern sammeln Kartons, die sie eventuell benutzen wollen, aber auch aus nostalgischen oder weniger nützlichen Gründen. Der innere Kartonberg in den Räumlichkeiten seiner Eltern steht der Kartonbehausung auf der Straße gegenüber, über die er nun fällt. In dieser kargen Wohnstätte lebt eine Obdachlose, die ihn erkennt und anspricht. Es ist seine alte Liebe Jinn.

Jinn hatte für eine Event-Agentur gearbeitet, die verschwenderische Veranstaltungen für reiche Menschen organisiert. Doch wie sich nun herausstellt, lebt Jinn seit sechs Jahren auf der Straße und scheint ihr Leben so zu mögen. Sie und Sukhin treffen sich regelmäßig und sie weiß den mitgebrachten Kuchen sehr  zu schätzen. Lebensmittel stellen für sie einen besonderen Mittelpunkt dar. Sie weiß die Genüsse, die Vielfalt der Gemüse- und Obstsorten zu würdigen. Sie organisiert mit weiteren Hilfsbedürftigen Lebensmittel aus Abfallcontainern und kocht Essen für Arme und Obdachlose. Auch Sukhin macht nun mit und lernt eine neue Sichtweise kennen. Warum Jinn aus der Leistungsgesellschaft ausgestiegen ist, erfährt Sukhin bei seinen Besuchen peu à peu.

Ein lebenskluger, bildreicher und wunderschöner Roman voller Herzlichkeit. Märchenhaftes wird angedeutet und große Literatur zitiert, somit spielt der Roman stets mit Gegensätzlichkeit, mit Parallelen und taucht dabei ein in unsere Gesellschaft und zeigt dabei ein von den meisten  übersehenes Leben. Dabei verklärt der Text niemals und ist gänzlich durch den Sprachklang und die Sinnlichkeit gut zu erfassen. 

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