Sonja Rüther: „Einraumpalast“

Sonja Rüther schreibt Unterhaltungsromane, die stets Themen behandeln, die trotz der Leichtigkeit eine Tiefe zulassen, wenn man diese möchte. Es geht im Roman um die Liebe zu Büchern, die Liebe an sich und um das Bild, das wir uns voneinander machen. Das Spiel mit Klischees, Rollenfunktion und Erwartungen wird hier gekonnt behandelt und stets verwandelt, so dass sich immer neue Fährten innerhalb der Entwicklung und des Handlungsstrangs öffnen. Die Handlung kreist um die sich verändernde Verlagslandschaft. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der in der dortigen Poststelle anfängt und Einblicke in den herstellenden Buchhandel erhält. Dabei trifft er auf eine Frau, die ihn fasziniert, ihre Geheimnisse hat und in ihm anfänglich ein Helfersyndrom erweckt.

Die Figurenzeichnungen sind sehr authentisch und die Handlung wird gleich den Charakteren wechselhaft. Der erste Eindruck muss nicht immer der Richtige sein. Matthis ist innerlich jung geblieben und liebt es, frei zu sein. Im Liebesleben und im beruflichen Alltag. Er hangelt sich von Gelegenheitsarbeit zu diversen Jobs. Er möchte sich nicht verbiegen lassen. Denn er ist Heavy-Metal-Fan und zeigt dies auch gerne mit seinem Kleidungsstil. Solange er aber Jobs annimmt, die ihn nicht überfordern und er mit wenig Gehalt auskommt, darf auch keiner sein Aussehen kritisieren. Sein Freundeskreis ist ihm sehr wichtig und diesen stellt er über alles, was mit dem Erwachsenwerden bei einigen an die jeweiligen Grenzen stößt. Besonders, wenn die Lebenspartner nicht die Leidenschaft für die brachialen, aber noch melodiösen Metal-Konzerte teilen, die die Clique so oft wie möglich im Jahr zelebriert.

Matthis hat einen neuen Job. Er liebt Bücher und hat nun eigentlich eine traumhafte Einstellung gefunden, die ihn auch nicht sehr überfordert. Er arbeitet in der Poststelle eines Verlages, der als Familienunternehmen auf alte Traditionen baut. Das Verlagsprofil besteht aus guter Unterhaltung mit Anspruch und qualitativ hochwertigen Druckerzeugnissen. Doch schwindet in der Gesellschaft immer mehr die Wertschätzung für solche Werke und der Verlag hadert mit seinem Profil. Matthis verbringt ungern Zeit mit den Kollegen, nicht weil er die Menschen scheut, er aber lieber für sich ist und in der unteren Teeküche liest. Doch nutzt diese Teeküche auch Lovis. Lovis Antworten und Erscheinung sind zuweilen für Matthis nebulös, aber gerade dies fasziniert ihn. In Folge erfährt er, dass sie die Tochter des Verlegers ist und mit dem zukünftigen Verlagsleiter verlobt ist. Der kommende Verlagsleiter hat eher das Wirtschaftliche des Verlages im Blick. Dabei ist der Buchhandel stets ein Vermittler zwischen Kultur und Wirtschaft. Matthis, der Bücher liebt, kann durch Lovis auf die Programmgestaltung Einfluss nehmen. Denn ein eigentlich abgelegtes Manuskript, das er zufällig gefunden hat, begeistert ihn.  Auch kommen sich Matthis und Lovis näher. Sie, die auch musikalisch begabt ist, lernt durch ihn die Freude der lauten Musik kennen. Doch hat sie ihr Geheimnis und eine tragische Vergangenheit, die sie gekonnt verbirgt. Matthis Freunde raten ihm, sich nicht zu verlieben, doch könnte es hierfür bereits zu spät sein.

Ein Roman, in dem es um vieles auf sehr unterhaltsame Weise geht. Die Klischees eines Traditions-Verlages treffen auf einen Metalhead. Verlage in ihrer herkömmlichen Weise werden oft als antiquiert hingestellt und Metalheads als dümmlich. Nicht bei Sonja Rüther. Hier hat alles seinen realen Bezug und seine authentische Wahrnehmung.

Somit ist dieser Roman eine Liebeserklärung an die Kunst, die Bücher und die Musik. Der Freiheitswunsch und die Vielfältigkeit sind der Antrieb dieses Buches. Vielfalt in der Gesellschaft aber auch in der Welt der Literatur. Erneut schafft es die Autorin, mit wenig skizzierten Sätzen eine Nähe zu den Figuren und deren Handlungsfeld aufzubauen. Die Liebe zum Geschichtenerzählen und zum Lesen wird auch durch die Bezüge und Anspielungen verdeutlicht. Zum Beispiel die Namen Matthis und Lovis erinnern an jene Räuberburg von Lindgren, in der Ronja ihren Freiheitsdrang in den Donnerdrummel rief. Hier erschallt nun die moderne und unterhaltsame Antwort in einem Einraumpalast.

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