Archiv der Kategorie: Erlesenes

Josefine Rieks: „Wenn euch das gefällt“

Wir inszenieren uns und unsere Welt. Dies zu jeder passenden Gelegenheit und wenn möglich beständig. Ein erzeugtes Rauschen um uns macht uns glücklich. Doch hat diese moderne Pop-Welt, die durch die heutigen Technologien jeder ohne viel Aufwand erzeugen kann, neben den Erscheinungen im Scheinwerferlicht auch Schattenseiten. Was wenn in dieser Plastikwelt, die doch das Ökologisch-Gesundheitliche zelebriert, als spürbares Gefühl nur noch Gewalt erzeugt wird? Josefine Rieks taucht mit ihrem Roman ein in diese Influencerblase und mit einer fast schon sachlichen Erzählstimme wird ein groteskes Bild der Gesellschaft gezeigt. Dabei werden Erinnerungen an Bret Easton Ellis, Ryu Murakami, Ute Cohen oder Anne Hashagen wach. Der Titel unterstellt eine Bereitschaft, die eben abgewandelt sogar Shakespeare gefallen hätte. Wobei bei Rieks die Liebe und die Komödie fehlen. Nach „Serverland“ und „Der Naturbursche“ zeigt Josefine Rieks auf uns als Gesellschaft und möchte herausfordern und provozieren. 

Treffen, Ausflüge oder kulturelle Ereignisse werden nicht aufgesucht, um sich zu unterhalten, zu bilden oder Spaß zu haben. Die Menschen um die Erzählerin gehen hin, um es festzuhalten und, das ist sogar wichtiger, sich dabei zu inszenieren. Dabei kennen sie sich ganz genau aus mit ihrer Körperwirkung und der fixierten Ausstrahlung. Monique, kurz Mon genannt, verdient ihren Lebensunterhalt, wie ihre Freundinnen, durch Kooperationen. Wobei der Begriff Freundinnen schon etwas zu weit und positiv gegriffen ist. Denn Innigkeit kommt nicht wirklich auf. Die Gespräche sind, wie die Wohneinrichtungen, oberflächlich, steril und kühl distanziert, beziehungsweise designt. Mon weiß genau um ihr Erscheinungsbild. Sie ist trainiert und wohlgeformt. Sie kennt ihre DNA-Analyse, weiß um ihre Verdauung und um Produktinhalte der Pflegemittel und Ernährungsprodukte. Bei gemeinsamen Treffen geht es auch mehr um das Arrangement der gereichten Häppchen, um die Lebensmittelunverträglichkeiten und um die Netzwerke. Natürlich wird dabei lediglich alkoholfreier Wein konsumiert. Die gemeinsame Zeit wird oft auch kurzgehalten und Zwischenmenschliches meist gemieden. Mon zieht auch Sport dem Sex vor. Es ist ebenfalls wichtig, ein Alleinstellungsmerkmal zu haben, meist ein optisches, ein natürliches, ein feiner Makel zum Beispiel, wie bei einer ihrer Freundinnen. Fakten sind wichtiger als Emotionen und eine Übernatürlichkeit strahlt stets über das Eigene, Wahre und Natürliche. Das diese Fassade nicht standhalten kann, ist verständlich. Und die Wohlfühlzeit mit Kuscheldecke auf dem französischen Balkon mit Real-Life-Anspruch untermalt mit Naturgeräuschen verändert sich. Der Wettkampf der Frauen, wer den passenderen Werbepartner hat oder die Vorträge über Produktinhalte oder Nahrungswirkung suchen sich ein anderes Ventil. Zumindest bei Mon. Mon lernt jemanden kennen und es ist ein Anfang, es beginnt mit körperlichen Grenzüberschreitungen. Zuweilen sogar mit gegenseitigem Genuss. Ein Malstrom eskaliert und reißt die Kulisse der inszenierten Welt in Stücke. Das eingehaltene Maß, die Machtkontrolle werden zu maßlosen Erfahrungen, eventuell die einzige Chance, überhaupt noch etwas zu empfinden.

Erneut feiert Josefine Rieks die Demontage. Das Spiel ist kein wirklich neues, aber ein moderneres und bleibt sprachlich kühl und distanziert, um beim Lesen den Gefühls- und Gedankenraum zu erzeugen, den diese Geschichte benötigt.

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Torsten Woywod: „Mathilde & Marie“

Torsten Woywod schenkt uns mit seinem literarischen Debüt ein Refugium. Der Handlungsort ist Redu. Der Name leitet sich von Begriff réduire ab und bedeutet reduzieren. In der gegenwärtigen Zeit, wo sich Begebenheiten, Umstände, Meinungen und Werte fast stündlich verändern, ist es eine Wohltat, Orte zu finden, in denen die Zeit anders ist. Doch wird dabei deutlich, wie misstrauisch wir geworden sind. Wir trauen dem Schönen, den Stillen nur noch kaum. Das einfache und bewusste Erleben deklarieren wir oft als verklärt. Warum können wir nicht einfach mehr gedankenlos und sorgenfrei genießen? Torsten Woywod hat einen besonderen Ort gefunden und lädt uns ein, Teil dieser reduzierten Welt zu werden. Es ist der Wunsch ein größeres Miteinander zu finden. Unsere Mitmenschen wertzuschätzen, zuzuhören und die Lebensorte bewusst zu erleben. Der Autor ist ein Buchmensch und somit ist es nicht verwunderlich, dass die Wirkungskraft der Literatur einen besonderen Stellenwert erhält. Nicht nur die Schönheit des Ortes, sondern auch die Magie, die uns empfängt, wenn wir eine Buchhandlung betreten, erhält einen Stellenwert. Dies alles gilt es zu erhalten, so der Wunsch des Buches.

Redu ist ein Dorf in den belgischen Ardennen. Die Zeit wirkt hier stehengeblieben. Der Kirchturm steht windschief und die zwei Uhren zeigen unterschiedliche Zeiten an. Nicht wesentlich verändert, aber doch etwas versetzt. Dies spiegelt den Charakter von Redu, denn hier wird bewusster gelebt. Es ist ein Bücherdorf mit einigen Buchhandlungen und doch ohne Konkurrenz. Die Reise beginnt mit einer Fahrt mit dem Bäcker. Auch dieser übt sein Handwerk noch sehr herkömmlich aus und weiß, daß Warten meist wichtiger ist als Handeln. So zumindest beim Bearbeiten seiner Teigware. Der Bäcker fährt zurück ins Dorf und mit dabei sind die Isländerin Jónína, die schon seit Jahren in Redu lebt und eine der Buchhandlungen betreibt und Marie. Jónína war unterwegs und hat im Zug Marie getroffen. Die jüngere Marie hat gerade eine schwierige Zeit und ist einfach aus Paris aufgebrochen. Ohne wirkliches Ziel, nur weg wollte sie und hat zufällig Jónína getroffen, die sehr einfühlsam und verständnisvoll sie nun bei sich aufnimmt. Marie kommt in Redu an und erlebt eine Lebensgemeinschaft, die von der Umgebung und dem Miteinander geprägt ist. Der Internetzugang funktioniert nur eine Stunde am Tag und es gibt im Dorf nur einen Fernseher. Durch Spaziergänge mit einem Hund lernt Marie das Leben dort zu schätzen. Die Landschaft ist waldig und sehr bergig. Diese Idylle hat aber auch andere Seiten und es taucht die ältere Mathilde auf. Diese schreibt Tagebuch und beobachtet den Neuankömmling misstrauisch.

Marie beginnt, sich im Bücherdorf zu integrieren. Sie hilft in der Buchhandlung und lernt, wie Jónína als Buchhändlerin es schafft, in Menschen wie in Büchern zu lesen und stets passende Lektüre zu finden. Immer mehr tauchen wir in diese Welt ein. Durch das schöne Setting und die liebevoll gezeichneten Charaktere. Mathilde, die am Anfang nur eine kleinere Rolle einnahm, tritt immer deutlicher aus ihrem Schatten hervor. Es geht um die Sorge, womöglich einen anderen Blick auf das gewohnte Leben zu erhalten. Doch liegt es an uns, Schlüssel zu finden, die uns neue oder andere Orte zu zeigen vermögen. Es müssen nicht immer gänzlich andere und stark versetzte Orte unserer bekannten Welt sein. Diese Versetzung wird bereits anhand der zwei Uhrzeiten im Dorf angezeigt. Dieser Roman zeigt unaufgeregte Schlüsselmomente, die uns neue Wege, Welten oder Möglichkeiten zeigen. Diese Schlüssel finden wir immer in der Literatur, bei unseren Mitmenschen oder in den Orten selbst. 

Torsen Woywod hat einen Ort für uns erschaffen, der uns innehalten lässt. Der uns entschleunigt und uns zeigt, wie wichtig es ist, zuzuhören und Empathie zu entwickeln. Womit könnten wir besser Empathie erlernen, als durch das Wunder der Literatur?

Torsten Woywod ist in der Buchwelt kein Unbekannter. Frauke Meurer und Torsten Woywod gründeten zum Beispiel ihren eigenen Verlag „Woywod & Meurer“ und hatten den Buchhandelsliebling „Leonard und Paul“ von Rónán Hession verlegt. Nun hat Torsten seinen ersten Roman geschrieben, der alle seine Leidenschaften offenlegt.

Wir freuen uns sehr auf die Lesung  am 07.04.2026 mit Torsten Woywod bei uns in der Buchhandlung Almut Schmidt. Er wird bei uns aus seinem Roman „Mathilde & Marie“ lesen und darüber sprechen.

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„Lesebuch Klaus Johannes Thies“

Als wir noch staunen konnten, waren wir klein und die Welt ganz groß. Jetzt erscheinen wir größer und die Welt haben wir schrumpfen lassen. Wäre es möglich, die Welt unzerdacht wahrzunehmen? Wahrnehmen beinhaltet die Wahrheit und doch hadern wir beständig. Der kindliche Blick muss nicht naiv sein, darf aber das Überstülpen des Eigenen gerne minimieren, damit nicht meine Wahrheit, sondern das Ersichtliche erfasst wird. Diese eigene Reduktion mit dem melancholischen Schalk hat Klaus Johannes Thies perfektioniert. Neu ist jetzt sein Lesebuch erschienen, das zusammengestellt wurde von Hannes-Martin Rüter. Für Leser, die diese Thies-Welt neu betreten, eine gelungene Einladung und für Kenner ist es eine Rückkehr in Bekanntes und Unbekanntes. 

Es sind Minis, Kurztexte, die uns überraschen und staunen lassen. Thies hält alles fest: Gesehenes, Erlebtes, Erdachtes und Erfühltes. In der Kürze schweift er ab, um doch um den Kern zu tanzen. Lebenslust und Gedankenfrust erschaffen einen Klang, der uns berührt, schmunzeln lässt und vereinnahmt. Dabei schweift sein Blick durch seine Fenster zu der äußeren Welt und dabei spiegelt sich in dem Wahrgenommenen stets das Selbst. Die Thiesschen Stücke sind kunstvoll arrangierte Kurzprosa, die seine Beobachtungen, Gedanken, Imaginationen und Erinnerungen fixieren. Lakonisch, witzig und bekümmert klingen diese Versatzstücke. Alles unterliegt einem melancholischen Grundton, der dennoch zu erheitern versteht.

Die Reihenfolge der Texte im Lesebuch unterliegt den vorherigen Erscheinungswerken. Es sind Texte aus den vorherigen Büchern zu finden (Textauswahl aus den Jahren 1986 bis 2020), aber im zweiten Teil des Buches „Aus dem Archiv“ befinden sich ausschließlich bisher unveröffentlichte Texte. Diese Prosaminiaturen beschreiben Verkopftes und Gefühltes. Gefühle, die durch Sehnsucht, Schmerz, Einsamkeit und von Wehmut gezeichnet sind. Es sind Orte, die durch ein Fenster betrachtet werden. Eine reale Glasscheibe, die abgrenzt, beschützt und doch wie eine Membran das Äußere vom Inneren nur vermeintlich trennt. Das Fenster kann ebenfalls imaginär sein und lediglich die innere Welt des Beobachters nach außen stülpen. Wir sitzen mit Klaus Johannes Thies in irgendeinem Zimmer, irgendwo auf der Welt und schauen. Dabei werden unsere Köpfe größer. Unglaublich große Köpfe, in denen durch die Lektüre innerhalb von Sekunden eine ganz eigene oder neue Welt entsteht.

Saloppe Satire trifft auf ernsthafte Weltbeobachtung und erschafft ein poetisches Niemandsland. Verspielte Fragen und verklingende Antworten zeigen auf, was passiert und wiederum gar nicht passiert. Denn wenn nichts passiert, stellen wir uns zumindest viel vor und dieses „Aus dem Nichts“ wächst in uns kontinuierlich und wird zu einer, zu unserer Welt. 

Siehe auch Leseschatz-TV: Klaus Johannes Thies: „Tango ohne Argentinien“

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Thorsten Nagelschmidt: „Nur für Mitglieder“

Mitglied innerhalb der Gesellschaft und der Familie sind wir alle. Dies kann zuweilen Fluchtinstinkte und den Wunsch nach Abnabelung hervorrufen. Die emotionale Bindung ist stets menschlich, kann aber auch durch Haustiere ausgelöst werden. Die familiäre Bindung kann auch neugewonnen oder sogar eine fiktive sein, denn wir werden in der Literatur oder in einer guten Serie durch die Protagonisten heimelig. So auch im fiktiven und doch autobiografischen Roman von Thorsten Nagelschmidt, der etwas von einer Selbststudie hat und erzählt, wie er sich nach Gran Canaria zurückzieht, um gänzlich die Kultserie „Die Sopranos“ zu sehen.

Diese Serie hat für Aufsehen gesorgt, weil sie in ihrer Erzählweise einzigartig ist. Ein Mafia-Epos trifft auf ein psychologisches Familiendrama. Großartige Figurenzeichnung trifft auf Witz und Drama und hat die Serienlandschaft verändert. Im Roman von Nagelschmidt wird auch der Vergleich zur Literatur gezogen und Proust oder Foster Wallace werden genannt. Dies funktioniert wirklich gut, denn Thorsten Nagelschmidt ist ein grübelnder Künstler. Er ist Autor, Sänger, Texter und Gitarrist der Band Muff Potter. Der Bandname zeigt bereits seine Liebe zur Literatur, denn hier grüßt dezent Mark Twain. 

Der Erzähler, Torsten selbst, meidet das Weihnachtliche. Das alljährliche familiäre Zeremoniell erweckt in ihm den Fluchtmodus. Meist feierte er das Fest durch Ablenkung mit Alkohol und Party. Doch kaschiert dies nur den Blues, die Melancholie und in diesem Jahr hat er einen ganz anderen Plan. Er hat kulturelle Lücken und möchte diese, besonders bei der erwähnten Serie, endlich schließen. Er bucht eine Reise nach Gran Canaria und ist sich bereits dabei seiner Luxusposition bewusst. Er kann einfach verreisen und sich dem Alltag entziehen. Doch ist das Ziel dabei unerheblich, denn er möchte schon Strand erleben, aber dies nur als Beiwerk, denn er möchte die Tage dort nutzen, um „Die Sopranos“ ganz zu sehen. Jeden Tag acht Stunden, damit er alle Staffeln schafft. Er möchte dabei eine Distanz zu allem schaffen. Auch das Hotelzimmer soll weit oben sein. Doch hat er All-Inclusive gebucht und hat somit mit den Miturlaubern und dem Personal Berührungspunkte. Er macht sich über alles seine Gedanken und Notizen. Er beschreibt alles, was er sieht und dabei empfindet. Beim Essen, am Pool und natürlich alles in Bezug auf den Sopranos-Clan. Dieser hat ebenfalls Vorbilder, nicht minder die Corleones von Puzo. Die Sopranos zitieren gerne große Mafiaepen. Im Mittelpunkt Tony Soprano, der eine Psychiaterin aufsucht, weil er doch das eine oder andere Problem hat. Dies gab es vorher nicht, ein Mafiaboss, der sich psychiatrische Hilfe holt. Die familiäre Verlustangst wird durch eine Entenfamilie gleich in der ersten Folge symbolisiert. Der Bericht eines Urlaubs, der eine Selbstflucht auf eine Sehnsuchtsinsel darstellt und dann noch ein weiteres Refugium innerhalb einer großartigen Serienfamilie erschafft. Dabei sind die beobachteten Touristen gleichwertig in der Beobachtungsphase, wie jene aus dem fiktiven Mafiaumfeld. Humorvoll, charakterstark und mit Tiefgang ist hierbei ein Roman entstanden, der mit Running Gags und mit einer intimen Offenheit den realen Alltag mit der Kunst verbindet. Was bedeutet Familie? Was macht Einsamkeit mit uns und warum hegen wir den Wunsch nach Abgrenzung?

Ein gelungener Lesespaß, der besser funktioniert, wenn man auch die Serie „Die Sopranos“ kennt, aber wohl auch ohne funktionieren würde, sollte aber spätestens jetzt den Reiz auslösen, ebenfalls diese Serie schnellstens zu inhalieren. 

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Ekaterine Togonidze: „In deinem Schlaf“

Erneut spricht Ekaterine Togonidze Themen an, die in der großen Betrachtung oft ungesehen blieben. Ihr neues Werk ist ein ungewöhnlicher und ergreifender Roman, der in seinen Szenen vieles zu vermitteln versteht. Es ist ein menschliches, gesellschaftliches Werk, das somit das Private politisch werden lässt. Die georgische Autorin Togonidze beschäftigte sich bereits in ihrem Roman „Einsame Schwestern“ literarisch mit der körperlichen Behinderung. In dem Werk „In deinem Schlaf“ ist der Ausgangspunkt das Resignationssyndrom. Ein Kind, das seiner vertrauten und beschützenden Umgebung beraubt wird und durch Ängste in einen katatonischen, komaähnlichen Zustand fällt. Dies ist ein seltenes Phänomen und tritt zum Beispiel bei Flüchtlingskindern auf. Doch ist dies nur eines der Themen im vielschichtigen Roman, der mit einer Leichtigkeit geschrieben ist.

Die Erzählweise bedient sich des cineastischen Wechselspiels der szenischen Perspektivenwechsel. Dies gelingt dadurch glaubwürdig, da die Protagonistin, Nia Kandelaki, Schauspielerin ist und für den Film arbeitet. Sie hatte bisher nur kleinere Erfolge und wurde auch als Double einer gefragten Darstellerin gebucht. Gerade bei einem solchen Dreh, als sie einen Stunt für die Kollegin macht, passiert das Unglück. Aber nicht ihr, sondern ihrer zehnjährigen Tochter Gabriela. Ein verheerendes Erdbeben durchrüttelt Tiflis und auch das bisherige, geregelte Eheleben. Denn Gabriela, kurz Gabi genannt, fällt in einen komaähnlichen Zustand, nimmt wohl die Stimmungen im Umfeld unbewusst auf und schläft nun bereits seit sechs Monaten. Demna, der Vater von Gabi, ist während des Bebens panikartig geflohen und hat seine Tochter alleingelassen. Nia gibt seitdem Demna die Schuld am Krankheitsbild und verweigert ihm den Kontakt. Ihre Liebe war eine aufrichtige und begann während eines Winterausflugs. Sie waren ein Paar, das sich so gesehen und geliebt hat, wie sie jeweils sind. Dies brach nun vor sechs Monaten ab, auch wenn einer der behandelnden Ärzte rät, dass der Vater zur Genesung viel beitragen würde, bleibt Nia bei ihrem Beschluss.

Sie spricht für eine Filmproduktion eines berühmten Regisseurs vor und bekommt die Hauptrolle. Der Film handelt von einer Frau, die während des Georgisch-Abchasischen Krieges fliehen musste. Bei den Dreharbeiten erkennt Nia die Parallelen zu ihrem Leben, denn die Filmfigur hat ebenfalls eine Tochter und Demna, ihr Mann, ist ebenfalls einer der vielen Flüchtlinge aus diesem Bürgerkrieg. Warum hat Demna während des Erdbebens und dem Lärm der einstürzenden Mauern so reagiert? Warum hat er sich nicht um seine Tochter kümmern können? Als Schauspielerin kämpft sie in ihrer Rolle, aber auch im realen Leben um das Leben ihrer Tochter und die Geschichten verknüpfen sich. Die Filmhandlung, die Erinnerungen und die Erlebnisse zwingen Nia zu einer Reflexion ihrer Entscheidungen. Sie lernt wieder genauestens Hinzusehen und nicht nur ihre Gefühle gelten zu lassen. Im Georgischen bedeutet „ich sehe dich“ ebenfalls „ich liebe dich“ und diesen Wechsel, ob es lediglich die Wahrnehmung oder das Gefühl ist, muss sie erneut hinterfragen.

Ein fesselnder Roman über ein Trauma, einen Bürgerkrieg und einen andauernden Konflikt. Hierbei werden das individuelle Schicksal und das Privatleben durch die öffentlichen und politischen Entwicklungen geprägt. Der einzelne Schlaf als Fluchtmodus aus den unerträglichen Konflikten der Menschheitsgeschichte wird durch diese Literatur zum Wachmacher. Aus dem Georgischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Katja Wolters.

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Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“

Der Philosoph Peter Bieri schrieb als Pascal Mercier Romane, die stets ganz penibel unsere existentiellen Fragen betrachten. Er verstarb 2023 und hinterließ Kultromane, wie „Perlmanns Schweigen“, „Nachtzug nach Lissabon“ und „Lea“. Die Schwerpunkte seiner philosophischen Arbeit lagen in der Analytischen Philosophie, Erkenntnistheorie und Ethik. Diese komplexen Fragen um unsere Existenz verwob er spielerisch in seine großen Romane. Nun wurden Erzählungen gefunden, fünf Texte, die unter dem Titel „Der Fluss der Zeit“ zusammengefasst sind. Diese zeigen sein Können und erzeugen eine erstaunliche Faszination, die mit jeder Erzählung eine persönliche Bindung und Nachwirkung zum Gelesenen erschaffen. Diese Kurztexte sind auf das Wesentlichste reduziert und beschreiben mit einer Leichtigkeit das Tiefgründige.

Die Erzählungen beleuchten Wendepunkte oder Momente im Leben, die gegenwärtig große Veränderungen verursachen können. Die Figuren sind meist gänzlich im Fokus auf diese minimalen bis gravierenden Umstände und verlieren dadurch den Halt im Fluss des Lebens. Die Veränderung geschieht oder droht lediglich zu kommen. Wobei wir dabei stets Gefangene unserer Gedanken werden. Ein Mann, der wegen seines starken Hustens den Arzt aufsucht und ihm eine Gewebeprobe entnommen wird, kann tagelang an nichts anderes mehr denken, als an jenen sehnsüchtig erwarteten Befund aus dem Labor. Auch die Reise mit seiner Frau nach Paris kann ihn nur gelinde von einem gedanklichen Unheil ablenken.

Die Geschichten werden eröffnet mit einer Hausübergabe. Die neuen Besitzer kommen zur Schlüsselübergabe, weil der vorherige Besitzer in ein Pflegeheim zieht. Dieser wartet auf jenen Moment, hat alles kleinlich vorbereitet und die Schlüssel linienförmig abgelegt. Doch zögert er seinen Auszug hinaus, möchte noch mit dem neuen Besitzerpaar durch die Räume gehen, auf Bestimmtes hinweisen und zeigen. Zum Beispiel, die von der Nachbarschaft bewunderte Weihnachtsbeleuchtung. Minutiös werden diese quälenden Stunden fokussiert. In den weiteren Texten lernen wir einen Menschen kennen, der in sein Studentenzimmer kurz zurückkehren kann und die Zeit sich kurzfristig zurückdreht, aber den Betrachter verändert in den gedanklichen Zeitfluss stellt. Ein Mann der sich vom Balkon stürzt, weil er den Lärm nicht ertragen konnte. Ein anderes Ehepaar nimmt sich eines Pianisten an, der mit einer Handverletzung vorerst nicht mehr seiner Berufung nachgehen kann und sein Vermieter verstirbt und sich das Mietverhältnis auflöst. Das befreundete Paar, das gut geerbt hat, kauft diese Wohnung und schenkt sie dem Künstler. Dadurch droht die Freundschaft in Folge zu zerbrechen, weil sich doch der Wunsch nach Dankbarkeit zeigt und die Großzügigkeit sehr einengend werden kann.

Wie empfinden wir Freiheit? Wie können wir Emotionen oder Gedanken abstellen, um das wahre Leben noch begreifen zu können? Ist Angst ein guter Berater und wie gehen wir mit lebensbedrohlichen Krankheiten um, wenn der tatsächliche Befund auf sich warten lässt? Hierbei geht es stets um Selbstbestimmung, Fremdeinflüsse und unsere eigenen Gedankenzellen. In diesen kurzen Texten spürt man stets den großen Mercier, der uns nach seinem Tod weiterhin literarisch überraschen kann.

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Kat Eryn Rubik: „Furye“

Ein Roman, der uns mitreißt und einen Sog entwickelt, als würde man in einem Auto Platz nehmen, das immer mehr beschleunigt und auf einen Abgrund zurast. Es sind Furien, jene Rachegöttinnen aus der Mythologie, die hier auftreten. Ihr Auftritt kommt etwas verzögert und erst mit der Erinnerung. Denn es ist eine Frau, die in einer Metropole als Musikmanagerin tätig ist. Sie lebt in einer Scheinwelt und genießt die Anonymität innerhalb des Tumults. Sie hat den eigenen Geschmack vergessen und auch ihre Gefühlswelt verbarrikadiert. Ihr Vater ist gestorben und ein Anruf lässt sie in eine Panikattacke geraten. Ein Anruf, der sie in ihre Vergangenheit reisen lässt. Real und in ihren Notizen. Sie fährt nach zwanzig Jahren zurück in jene trügerische und schöne Stadt am Meer. Dabei ihr damaliges Notizbuch, das damals in seinem Bericht abbrach und erst jetzt neu mit Leben gefüllt wird.

Ihre Erinnerungen gehen zurück in die Zeit, als sie mit Ihren Freundinnen Meg und Tess zu jenen Furien wurde. Sie bekommt den Namen Alec. Alle drei haben andere Namen, aber sie nennen sich leicht abgewandelt nach jenen mystischen Wesen. Alecs Eltern sind damals geflohen, waren Lehrerin und Ingenieur und müssen nun putzen und Taxi fahren. Tess Vater prügelt seine Frau und Meg ist eine furchtlos wirkende junge Frau mit einer alkoholkranken Mutter. Alle haben andere Hintergründe und  werden doch unzertrennliche Freundinnen. Dabei stoßen sie auf die Liebe und auf furchtbare Männer. Zum Beispiel einen gemeinen Sportlehrer und einen einsamen Kneipenwirt, dessen Träume vor den Augen der minderjährigen Frauen zerplatzen. Doch verbirgt dieser Sommer noch viel mehr und in der Gegenwart reist Alec nun zurück und trifft auf die Vergangenheit.

Ein Roman, der immer schneller wird und das Drama erst nahe am Abgrund offenbart. Doch fährt die Hoffnung immer mit. Der Roman zeigt die Brüchigkeit des Lebens. Besonders die Flüchtigkeit der Jugend. Ein Spiel zwischen Armut und Wohlstand, Traum und Wirklichkeit. Dabei treffen unsere Furien auf die nicht immer glorreichen Männerfiguren. Ein rasanter und fühlbarer Ritt durch die Zeit und durch unsere Gesellschaft.

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Charles Derennes: „Ungeheuer am Nordpol“

Eine Perle der französischen Literatur wurde erstmals ins Deutsche übersetzt. Ein Abenteuerroman, der durch die Werke von Jules Vernes und H.G. Wells inspiriert wurde und bereits 1907 erschienen ist. In einer Zeit, als es noch weiße Flecken auf den Karten gab und der Traum vom Fliegen Realität wurde. Am Ende des 18. Jahrhunderts werden die ersten Flüge mit Heißluftballons durchgeführt. Die Welt wird kleiner, elektrischer und das noch Unbekannte will ergründet werden. Es ist eine Zeit der Erfindungen und Entdeckungen. Auch die Literatur verwandelt sich. Mit Jules Verne reisen wir unter den Meeren, in die Tiefen der Erde und fliegen zum Mond. Mit Wells wird sogar die vierte Dimension befahrbar. In dieser aufregenden Zeit verfasst Charles Derennes diesen Roman. Das Werk ist ein klassischer Abenteuerroman, der, wie bei Verne, Science-Fiction mit einbindet und somit ein Wegbereiter des Steampunk ist. Die Geschichte erinnert an die „Geheimnisvolle Insel“ von Verne und verbirgt in sich auch etwas von jenem Cthulhu-Mythos, den Lovecraft etwas später zum Leben erwecken wird. Die Erzählweise ist fiktiv, spielt mit Fakten und Fantasie und möchte ihre Leser durch die literarische Spielerei, die eine reale Berichtserstattung vorgaukelt, das Erzählte glauben lassen. Der erfindungsreiche Mensch stellt sich stets über die Dinge und als er die Welt erfahren kann und in das Unbekannte eindringt, wird ihm seine Position bewusst und er erkennt, es gibt neben ihm noch andere und eventuell ebenfalls hochentwickelte Spezies. Somit stellt das Abenteuer grundlegende Lebensfragen.

Es beginnt mit dem Fund eines außergewöhnlichen Skeletts, einem Anthroposaurus. Es folgt der Bericht zweier Abenteurer, die mit einem Ballon zum Nordpol reisen. Dort stoßen sie auf große echsenartige Wesen. Die Hauptentdeckung ist, dass jene Reptilien hochintelligent und technisch hoch entwickelt sind. Kann eine Kommunikation gelingen? Und was ist das für eine alte, fremde und doch so moderne Welt?

Diese Entdeckung macht Spaß zu lesen. Die wissenschaftliche Phantastik wird mit Illustrationen ergänzt. Übersetzt von Dieter Meier, der auch ein sehr lesenswertes Nachwort verfasst hat.

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Max Bronski „Die Josephsbrüder“

Max Bronski und „Die Josephsbrüder“ zeigt, wie dicht ein Roman erzählt werden kann, wie wenig Raum Vielschichtigkeit benötigt. Erneut ein Krimi des preisgekrönten Autors Franz-Maria Sonner, der seine Krimis als Max Bronski schreibt. Ein Text, der ausgefeilt und pointiert großartig unterhält. Es ist erneut sein Held, der nichts Heldenhaftes hat, Gossec, der mit seinem Trödelladen in einer Flaute steckt. Er ist aufgewachsen im Waisenhaus und bezeichnet seinen größten Einfluss als Lemmy Kilmister. Er trinkt gerne mit seinem Freund Julius ein Bierchen. Wenn sie beim Bier zusammensitzen, verflüssigt sich die empfundene Härte des Lebens. Am Anfang des Romans liegt Gossec am Boden und erwacht durch die Kälte des Bodens. Er erwacht niedergeschlagen im Kloster der Josephsbrüder. Es fing damit an, dass er Julius in seiner Firma ausgeholfen hat. Julius betreibt das Unternehmen CatSecurity. Der Name kommt wohl durch die Katzenliebe der Partnerin Tita, ohne die die Sicherheitsfirma nicht denkbar wäre. Aus religiösem Vorbehalt bittet Julius ihn, bei der Anfrage aus dem Kloster behilflich zu sein. Warum benötigt ein Kloster ein Sicherheitssystem? Bei den ersten Gesprächen zeigt sich, die Josephsbrüder sind eventuell nicht dass, was sie zu sein scheinen. Sie agieren auch als Goldschmiede und Restauratoren. Nachdem die Schutzvorrichtungen angebracht und installiert wurden, meldet sich die Versicherung des Klosters, denn es gibt Unstimmigkeiten und einen Einbruch. Gossec beginnt zu ermitteln und eine spannende und windige Geschichte entfaltet sich. Denn es gibt trotz der Haupthandlung sehr viel Nebenschauplätze und Entwicklungen. 

Erneut ein Bronski, der viel Freude macht. Bronski bietet kurzweilige Unterhaltung, die innerhalb der Krimiliteratur etwas Einzigartiges ist. Sein Sprachklang, Witz und genaues sowie verknapptes Erzählen begeistern immer wieder.

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Vernesa Berbo: „Der Sohn und das Schneeflöckchen“

Es beginnt mit zwei Blicken aus dem Fenster. Es ist das Jahr 2022 und Dada oder Schneeflöckchen genannt, steht in Berlin am Küchenfenster, der Blick durch die Glasscheibe gibt ihr das Gefühl, es gibt noch Unerzähltes. Es ist ihr Schutzraum mit dem Blick auf die Ereignisse. Dada arbeitet in Berlin als Übersetzerin. Sie ist bei einem Gerichtsverfahren involviert, das gegen einen Kriegsverbrecher geführt wird, der in den 1990er Jahren Grausamkeiten während der Belagerung in Sarajevo begangen hat. Der zweite Blick durch das Fenster ist der von ihrer Schwester, Dijana, die damals Sohn genannt wurde. Sie schaut im Frühling 2022 aus dem Fenster in Sarajevo. Sie beginnt, sich zu erinnern und denkt an Dada, an den Tag, als sie verschwand. Die Gedanken kehren bei beiden zurück an den Krieg und noch weit davor, als sie noch dachten, nichts würde sie jemals trennen können.

Vernesa Berbo wurde in Priboj, Jugoslawien, geboren. Dies ist ihr Debütroman, der kein Kriegsroman ist, es ist ein Werk über die Liebe von Geschwistern und richtet sich gegen jegliche Gewalt. Die Autorin schreibt über etwas, das sie erlebt hat, denn sie studierte Schauspiel an der Staatlichen Akademie für Schauspielkünste in Sarajevo und kam 1993 als Kriegsflüchtling nach Berlin.

Die Gedanken der Schwestern kehren zurück in das Jahr 1992. Es gibt zwei Stimmen, die auktoriale erzählt die Perspektive von Dada und die Ich-Stimme stammt von Dijana. Dada ist wie eine Schneeflocke in das Leben geweht und wird seitdem Schneeflöckchen genannt. Warum Dijana Sohn gerufen wird, erklärt ihr Vater lediglich mit einem Lächeln. Dijana ist selbstbewusst, leidenschaftlich und immer für Dada da. Sie ist die Beschützerin für ihre jüngere Schwester. Der Krieg überfällt sie und macht aus Freunden Fremde und Feinde. Die Belagerung und die damaligen Ereignisse werden nicht groß erklärt, denn es ergibt sich aus den Situationen. Ereignisse, die das Damalige und selten Beschriebene aufgreifen und durch das jetzige Weltgeschehen eine bewegende Aktualität erhalten. Sie sind jung und genießen das Leben. Sie treffen sich mit Freunden und plötzlich ist da überall eine Bedrohung. Plötzlich wird von Scharfschützen gesprochen, plötzlich kündigen Bekannte die Freundschaft und grenzen sich ab. Es kommt zu Aufständen und zu Krawallen auf der Straße, die Geschwister geraten hinein und hier kommt es zum Wendepunkt, als die eigene Familie verletzlich wird. Doch das Kämpfen erzeugt Wut. Dijana ist entschlossen, sie stellt sich den Widrigkeiten, während Dada an die Liebe denkt, bis fatale Ereignisse alles verändern.

Das Familiäre und das Leben in der belagerten Stadt werden Ausgangspunkt für gesellschaftliche Zerrissenheit. Die Schilderungen des Romans zeigen besonders das Leben von Frauen in umkämpften Regionen. Das bleibende Trauma strahlt bis in das Jahr 2022 und der Versuch, den Alltag wiederzufinden, steht dabei im Mittelpunkt. Ein spannender und sehr berührender Roman über das, was unser Leben zerreißen könnte und über jene Liebe, die uns den Frieden schenkt.

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