Archiv der Kategorie: Erlesenes

Kamel Daoud: „Huris“

Wenn wir lange auf das Wasser blicken, fließt das Meer ebenfalls in uns und breitet sich innerlich aus. So ist es auch mit Literatur. Literatur geht weiter und verbindet Wissen mit Emotionen und Empathie. Der französisch-algerische Schriftsteller Kamel Daoud wurde mit dem Literaturpreis Prix Goncourt 2024 ausgezeichnet. Das prämierte Buch „Huris“ ist ein Roman über den algerischen Bürgerkrieg und seine Auswirkungen. Es ist ein Roman über die Gewalt von Männern gegen Frauen und ein literarisches Meisterwerk, das von einer Frau handelt, die von zwei Stimmen erzählt. Einer, die körperlich ist und verstummt und einer innwendigen, die jene eigentlich hörbare Stimme überstimmt. Es kommt durch die Lektüre eine weitere hinzu, die eigene, unsere, die ebenfalls verstummt vor Scham, Ungläubigkeit und Mitgefühl.

Es ist die Geschichte der jungen Algerierin Aube. Sie wurde als kleines Kind während des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren verwundet und entkam dem Massaker der islamistischen Milizen. Eine tiefe Narbe zeichnet sie. Sie nennt es ihr zweites Lächeln und die beschädigte Luftröhre zwingt sie zum Atmen durch eine Kanüle. Auch feste Nahrung kann sie nicht aufnehmen und ihre Mutter, Khadija, gibt nicht auf, an ein medizinisches Wunder zu glauben und bereist die Welt, um ihre Tochter von ihren körperlichen Leiden zu befreien. Was sie ihrer Mutter bisher nicht traute zu sagen ist, dass sie schwanger ist. Sie möchte das ungeborene Kind vor einem Leben in dieser gewaltvollen Männerwelt bewahren und hat bereits Maßnahmen organisiert, um das Kind in den Himmel zurückgehen zu lassen. Doch bevor sie jenen Schritt geht, erzählt sie dem Kind ihre Geschichte. Sie hat keine hörbare Stimme mehr, eher eine Verlautbarung, doch ihre innere Stimme ist laut und voller Wissen. Dieses überträgt sie nun an das ungeborene Kind und beginnt zu berichten.

Aube betreibt jetzt einen Friseursalon in Oran. Dadurch hat sie wenige Freiheiten und kann anderen Frauen ebenfalls etwas Schönheit und Freiheit schenken, wenn die Männer sich zum Gebet treffen. Es sind Frauen, die für sie arbeiten oder zu ihr kommen, die jene kleine Zuflucht aufsuchen. Frauen, die immer unter der Beobachtung und dem Einfluss der Männer stehen. Sie sind Mütter oder Ehefrauen und doch innerhalb der Gesellschaft nicht toleriert, wenn nicht sogar als Schandfleck deklariert. Gegenüber ihres Salons ist eine Moschee und es keimt ein innerer und äußerer Konflikt zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem strengen Reglement der Gläubigen. Aube erzählt, was sie erlebte und wahrnimmt. Sie nennt das Kind liebevoll ihre Kleine Huri. Ihre  Mutter reiste gerade nach Brüssel, um einen Arzt aufzusuchen, der eventuell Aube heilen und ihre Stimme zurückzugeben vermag. Doch ist auch diese Reise ziellos und Khadija meldet ihre Rückreise an. Somit bleiben Aube nur noch wenige Tage, um Huri alles zu erzählen, denn wenn sie aufhört, sagt sie, will sie Huri gehen lassen. Denn wie kann sie Leben schenken, wenn es ihr selbst fast entrissen wurde? Wie kann sie mehr Liebe schenken, als das Kind in das Paradies zurückgehen zu lassen.

Dieser Roman überflutet uns und eine Stimme, die anfänglich leise und dann immer raumeinnehmender wird, breitet sich in uns aus. Es ist die Klangfarbe von Aubes Bericht und von  allen unterdrückten, misshandelten und gepeinigten Frauen. Ein intensives Leseerlebnis, das bildreich und kraftvoll eine Geschichte erzählt, die sich ins Mannigfaltige steigert. Die Reise geht über die Stimme, zum Labyrinth bis hin zum Messer. Bei der Lektüre werden wir zu Zuhörern und Zeugen. Das ungerechte und unberechenbare Leben wird hier literarisch spürbar gemacht und reißt uns wie eine ungeahnte Flut mit sich und fasziniert. Ein schönes, ein wichtiges, ein unfassbares Werk, das den Inhalt in eine wunderbare Erzählstimme verpackt. Aus dem Französischen wurde „Huris“ von Holger Fock und Sabine Müller übersetzt.

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Stefan Slupetzky: „Nichts wie weg“

Dieser Roman ist wie eine schöne Auszeit. Zwei Menschen, die sich zufällig begegnen und somit mit dem jeweiligen Leben in das andere stolpern und es verändern. Es ist ein humorvoller Roman, der uns wegbringt und die Realität wieder etwas schmackhafter macht.

Es beginnt mit einem Ereignis, das für die Welt unbedeutend ist, aber für den Einzelnen den Untergang der Welt bedeuten kann. Es ist Vera, die ein solches Geschehnis erlebt. Sie ist Konditorin, eine Zuckerbäckerin aus Leidenschaft. Ihre Torten sind optische Kunstwerke, die ebenso geschmacklich stets zu überraschen verstehen. Ihr Mann, Sebastian, beschmunzelt die Gabe seiner Frau, denn er lebt in anderen gesellschaftlichen Sphären. Seine Firma hat sich auf die Vermittlung und den Verkauf von Inseln spezialisiert. Somit hat er es nur mit den ganz Reichen zu tun und dadurch hat er eine sehr abgehobene Weltsicht. Selbst hat er sich auch, als überdimensionale Rücklage, eine Insel gesichert. Das Leben des Wiener Ehepaares scheint auf sicherem Fundament zu stehen, auch wenn Veras beste Freundin, dies nicht ganz so sieht und Vera rät, sich von Sebastian zu lösen, zu befreien. An jenem Tag, an dem das Ereignis eintrifft, das Veras Welt untergehen lässt, passieren mehrere Dinge. Das Ereignis geht auf eine Operation zurück, deren geringe Nebenwirkung Vera aber gänzlich zu spüren bekommt. Sie verliert ihren Geschmacks- und Geruchssinn. Voller Sorgen und Ängste, weil sie nun ihre Berufung verliert, taumelt sie durch die Stadt und erhält einen Anruf ihrer Freundin, der sie besorgt. Um dem Nachzugehen, sucht sie ihren Mann in seiner Firma auf, um in dessen Büro aber genau ihn mit ihrer Freundin in eindeutiger Beschäftigung vorzufinden. Sie willigt in die Scheidung ein, möchte auch nichts weiter von Sebastian, außer die Insel.

Doch wird ihr Leben kurz darauf erneut auf den Kopf gestellt, als sie zufällig Onni über den Weg läuft. Onni wirkt wie ein Bär, der zwei touristisch wirkende Menschen ihrer Rollkoffer beraubt. Vera wird ungewollt Zeugin der Ereignisse und als sie den Männern näher kommt, erkennt sie in den beklauten keine Touristen, sondern mafiaähnliche Gauner. Der Weg von Onni wird von verlorener Kleidung und Geldscheinen markiert und somit läuft sie erneut in Onnis Leben hinein. Onni stammt aus Finnland. Er ist gelernter Kupferstecher und hat angefangen in einem kleinen Postkartenverlag. Nun wurde er soeben aus dem Gefängnis entlassen, weil er auch als Geldfälscher tätig war und jenen zwei Gaunern bis nach Wien gefolgt war, um fehlerhafte Blüten unschädlich zu machen.

Die Begegnung von Onni und Vera hat etwas Skurriles, Heiteres und sehr Liebenswertes. Ein schöner leichter Roman, der richtig gut unterhält, Spaß macht und das Leben, die Liebe, den Mut und den Anstand feiert. Es gibt viel zum Schmunzeln und zum Gernhaben. Die kleinen Handlungs- und Sprachdetails geben dem Ganzen noch einen feinen Glanz und eine verspielte Atmosphäre gibt dem Ganzen seinen Halt. Stefan Slupetzky erzeugt filmreife Szenen und hat einen feinen Wortwitz. Das ganze Buch offenbart in seiner Leichtigkeit einiges an tieferen Gedankenräumen.

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Jake Lamar: „Viper’s Dream“

Ein toller Riff-Ritt in das tönende Harlem. Ein Gangster-Epos und Jazzroman, der die Zeit 1936 bis 1961 in New York fühl- und hörbar macht. Eine Noir-Version des Paten, die schmutzig, düster und voller Straßensound ist und den Klang der damaligen Jazz-Konzerte und Aufnahmen einfängt. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass berühmte Musiker kurze Auftritte im Roman haben.

Dieser Roman hat alles, was die Eigenschaft von Jazz benötigt. Er hat ein enormes Tempo, er improvisiert und spielt mit Harmonien. Wie ein guter Riff, der den Erzeuger sofort wiedererkennen lässt, zeigt sich hier Jake Lamar mit seinem ganz persönlichen Ausdruck und Stil.

Clyde Morton wird von allen Viper genannt und hat in der Unterwelt Karriere gemacht. Frei nach Machiavelli will er gemocht, respektiert und besonders gefürchtet werden. Es ist das Jahr 1961 und er hat gerade seinen dritten Mord begangen. Es ist der erste, der ihn wirklich beschäftigt. Seinem Kontaktmann bei der Polizei hat er den Mord gemeldet und er erhält wenige Stunden, um zu verschwinden. Doch anstatt zu fliehen, bedenkt er sein Leben. Was wünscht er sich, was hat er erreicht und was bereut er? Ist er am Ende wirklich ein Glückspilz?

1936 lebt er in Alabama und träumt von einem Musikerleben in New York. Ein Verwandter bestärkt ihn auch in seinem Beschluss, Trompeter zu werden. Kurzentschlossen bricht er mit seinem Leben und lässt seine Verlobte am Bahnhof verzweifelt stehen. Als er in New York ankommt, hat er auch sofort die Möglichkeit sein Trompetenspiel vorzubringen. Doch hat er kein Talent, aber er spielt bei den richtigen Leuten vor. Menschen, die ihn ihm eine ganz andere Begabung erahnen. In einer der Schaltstellen der Unterwelt darf er als Hilfsjunge anfangen und wird sehr schnell zu Größerem berufen. Er verbreitet Angst und kann sich innerhalb des Drogenhandels gut etablieren. Seine Drogen und der Jazz beleben ganz Harlem. Doch handelt er niemals mit wirklich tödlichen Stoffen und macht sich somit auch unter seinen Lieferanten und Dealern nicht überall beliebt. Er ist ein Bestandteil der Jazzszene geworden, nicht wie anfänglich erträumt auf der Bühne, aber im Hintergrund beflügelt er mit seinen Lieferungen die Musiker. Doch die ganze Szene verändert sich und immer wieder trifft er auf Yolanda, seine große Liebe. Doch bleibt sie meist unerreichbar, wechselhaft und unerklärlich. Auch taucht, als Viper seinen Wirkungskreis ausweiten kann, ein Protegé auf, der seine ganz eigene Note zu spielen versucht, eine Note, die aber in das Harmoniekonzept von Clyde Morton passen könnte.

Dieser Roman swingt und treibt einen Rhythmus an und fräst sich wie ein Ohrwurm in unsere Erinnerungen. Gewalt und die Suche nach Anerkennung prägen das Leben und den Traum dieses Viper. Hier fragt man sich nicht, wer wen ermordet hat, sondern, wer ermordet wurde und warum. Ein Kriminalroman, der voll dunkler Poesie ist. Ein Jazz-Noir-Krimi, der aber nicht nur Jazzliebhaber begeistern wird und bereits hat, denn das Buch wurde schon mit Preisen versehen. Übersetzt aus dem Englischen von Robert Brack.

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Jess Walter: „Der Engel von Rom“

Eine wunderbare Novelle über die Beherztheit, sein eigenes Drehbuch zu schreiben und die persönliche Rolle im Leben zu finden.

1993 begegnet der Erzähler, Jack Riegel, einem Engel in Rom. Die Lichtgestalt verwandelt in eine reale Persönlichkeit, in eine Schauspielerin, die Jack zu seiner eigenen Rolle im Leben verhilft. Es geht um das beständige Problem, wenn wir einer Traumvorstellung hinterherhängen, und wir zu oft vergessen, wie wir uns selbst darin sehen. Rom als Zentrum aller metaphorischen Wege. Auf den Pfaden dorthin und im erlangten Zentrum verlieren wir leider stets die Orientierung.

Ein junger Amerikaner, der sich selbst als unfertiges Projekt tituliert, erhält die Möglichkeit im fernen Rom, in der nahen Umgebung des Vatikans, sich im Leben zurechtzufinden. Er ist ein schüchterner einundzwanzigjähriger Mann, der ein behütetes Leben erfahren hat. Seine Mutter ist Sekretärin der katholischen Diözese in Omaha in Nebraska und sehr fromm und hofft ihr Sohn, Jack, möge Priester werden. Die Mittellosigkeit verbannt Jack in das College in seinem Heimatort. Seine Mutter zeigt ihm nach geringen Lebenslaufwechseln eine Anzeige, in der ein Stipendium in Rom für Priesteramtskandidaten oder Lateinstudenten ausgeschrieben wird. Jack bewirbt sich, übertreibt dezent mit seinen Angaben, denn er hatte bisher lediglich zwei Jahre Latein in der Highschool. Jack macht es auch, weil er sich in seiner Vorstellung von sich selbst verloren hat. Eine Bekannte, die ebenfalls nach Italien geht, verstärkt sein eigenes Bild und er wünscht sich, sie könnte seine Vorstellung bei einer dortigen und zufälligen Begegnung bestätigen. Doch zerplatzt sein eigenes Bild von sich zügig. Er will Schriftsteller sein und er schlendert in seiner Imagination durch Rom mit seinem Ledermantel und verweilt sinnierend in den dortigen Cafés. Doch kaum angekommen, landet er auf dem Boden der Tatsachen. Er hat kaum Geld, um sich den Aufenthalt in der Gastronomie zu leisten, es mangelt ihm an Sprachkenntnissen und seine Unterkunft wird an der Außenmauer als Bolzplatz umfunktioniert.

Sein Studium baut auf einer Lüge auf und diese Erkenntnis trifft ihn und lässt seine Professoren schnell seinen Status erahnen. Als Jack gerade seinen Aufenthalt in Rom in Frage stellt und abbrechen möchte, fehlen ihm erneut die finanziellen Mittel für die Heimreise und er stolpert aus Versehen in Dreharbeiten hinein. Er ist gänzlich geblendet und ahnt nicht, was um ihn herum passiert und er meint, einen Engel zu sehen. Es ist die Schauspielerin, die bisher durch einen grotesken Film für Aufsehen sorgte. Eine Begegnung, die verändernd ist und Jack einen Engel präsentiert, der sehr real ist.   

Ein Buch über das Finden der eigenen Rolle im Leben. Wer schreibt das Drehbuch für den Lebensweg und warum ist es stets so schwer, sich selbst zu erkunden? Das klingt überholt und die Thematik wurde bereits oft in der Literatur verwendet, dennoch ist dies ein Buch, das man allen Freunden und Familienmitgliedern schenken oder geben möchte.

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Milena Michiko Flašar: „Der Hase im Mond“

Milena Michiko Flašar erschafft Buchwunder und schreibt eigentlich die Geschichten, die sie uns erzählen möchte, immer weiter fort. In ihren Werken geht es stets um Vereinsamung, Auflösung, Verlust und Veränderung.

Nach ihren wunderbaren Werken „Ich nannte ihn Krawatte“, „Herr Kato spielt Familie“ und „Oben Erde, unten Himmel“ hat sie ein Buch herausgebracht, das Geschichten beinhaltet. Es sind Erzählungen aus Japan und Milena Michiko Flašar vertieft damit ihren literarischen und kulturellen Bezug zu Japan und geht weiter, als sie es mit ihren vorherigen Romanen tat. In ihren Werken erzählt sie dabei die Geschichten über Hikikomori, also dem gesellschaftlichen Rückzug, von Familiensystemen und unserer Rolle in der Gesellschaft. Sie schafft einen Gedankenraum um Kodokushi, dem einsamen Tod und über die gegenüberliegende Lebensenergie. Ihre jetzigen Geschichten verlassen dezent die Bodenhaftigkeit und verlieren sich in der für Japan typischen Metaphorik des phantastischen Realismus, die auch zum Beispiel Murakami spielend beherrscht. Diese Sammlung an Geschichten begeistert, verwundert und lässt uns mit Herz und Verstand unser Umfeld ganz neu betrachten. Milena Michiko Flašar zeigt in der Kürze ihr ganzes Können, ihr Mitgefühl und lässt uns am Wunder der Literatur teilhaben. Ihre Sprache ist schön, verspielt und setzt der Melancholie stets den Humor gegenüber. Ihre Betrachtungen tanzen um Wünsche, Sehnsüchte und um die Flüchtigkeit des Seins. Dieses Buch verbindet alles, was Milena Michiko Flašar sagen möchte und uns fühlen lässt. Ein großartiges Werk.

Wir treffen auf einen Autor, der seine Geschichte erzählt. Sein Erfolg war plötzlich da. Wie seine Liebe, die ihn inspirierte. Eine Frau, die einem Fuchs ähnelte und dann verschwand. Seine Suche beflügelt das spätere Werk. Das Wilde in uns, das wir zu bändigen versuchen, belebt die Titelgeschichte. Es ist jene Kraft, die im Verborgenen lauert und meist ungesehen ihre Wirkung zeigt. Doch wenn sie gesehen und zugelassen wird, ist das Tor zur anderen Seite des Mondes geöffnet. Ein Mann, der sein Glück kaum fassen kann, denn er war stets in der Mittelschicht und seine Leistungen immer mittelmäßig. Doch durch das Auftreten des Schwiegervaters ändert sich subtil einiges. Unsere Spiegelung kann für uns lebendig werden, wenn wir vergessen unser eigenes Leben zu sehen. Ein Paar, das ständig seine Trennung plant, kommt nicht dazu, weil sie im Haus gegenüber ihr eigenes Leben beobachten. Der idyllische Traum von einem Leben in einer Hütte in einem Grashügel kann sich umwandeln und Fragen aufwerfen, wer tatsächlich jenen Traum hatte und eine Liebe ins Leere verlaufen ließ? Die Gefühlswelt lebt in diesen Geschichten und umspült uns, wie eine der Figuren, die im medialen Nachklang eines Tsunami versinkt. Das Leben besteht aus so unterschiedlichen Facetten und diese können nicht einfach nur in Hell oder Dunkel erfasst werden. Milena Michiko Flašar erspürt die Vielfältigkeit und verwandelt diese in japanische Geschichten, die aber auch den europäischen Blick einbinden und auch das hiesige Grauen der Menschenvernichtung während des Holocaust mit einbeziehen. Dennoch sind alle Geschichten voller Leben und das ganze Buch bereichert unsere eigene Lebenssicht.

Die Handschrift und die Weise, wie Milena Michiko Flašar erzählt, ist einzigartig, gleicht sich aber immer mehr der japanischen Literatur an und erschafft, um in ihrem Bild aus einer der Geschichten zu bleiben, eine Masse an wunderbaren Erinnerungen. Sie erweitert ihren bisherigen literarischen Horizont durch eine surreale-real-phantastische Erzählebene. Ein Buch, das uns verweilen lässt in poetischen Bildern und Klängen und uns diverse Gedanken zum weiteren Betrachten hinterlässt.

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Esther Becker: „Notfallkontakte“

Sobald wir uns diesen Notfallkontakten hingegeben haben, ist die Welt um uns verschwunden, verändert und doch die Alte geblieben. Die Erzählungen sind so kurz und gut, dass wir mit einem literarischen Blinzeln rechnen können, das aber im Sichtfeld alles beleuchtet. Alltägliches birgt Situationen, die Seltsames, Hoffnungsloses und Bizarres sein können. Es sind unterschiedliche Momente, die aber in folgenden Erzählungen aufblitzen könnten. Die Geschichten sind humorvoll, nachdenklich und immer empathisch. Empathie kommt auch in der Umkehrung vor, gerade dann, wenn der Luftraum der gewöhnlichen Menschen durch wenige Bestimmende verringert wird. Es sind Texte, die uns gefühlt hier und dort blaue Flecken verursachen könnten, die aber glücklicherweise in der Dunkelheit nicht zu erkennen sind, aber dennoch etwas länger bleiben. Das kleine Buch ist sehr vielfältig in seinen Weltbeschreibungen, so dass es wie eine sehr große Teeauswahl wirkt und wir dann doch den Kakao kredenzt bekommen. Mit diesem fein gezeichneten Figurenpark beschäftigt man sich gerne und ist bei jeder neuen Geschichte überrascht und die Lebenswelt kann sich in der Realität verrücken.

Die titelgebende Geschichte lässt uns den Trennungsschmerz spüren. Ein Abschied und eine Löschung der Kontaktdaten im Smartphone mögen schnell gehen, aber fallen sie leicht? Der Krankenhausaufenthalt, der äußere und innere Menschlichkeit offenbart. Es taucht ferner eine Frau auf, die versucht keine Spuren im Umfeld zu hinterlassen, weil ihre Wege bereits von anderen vor ihr gegangen waren. Zumindest im Schnee. Die Liebesunfähigkeit lässt eine Verletzung wachsen, die dann doch den Wunsch anregt, sich zu zeigen. Zu deklarieren, dass man da ist, auch wenn dies lediglich mit gelber Körperflüssigkeit in der Winterlandschaft hinterlegt wird. Der Luftraum kann dünner werden, wenn wir als Gesellschaft eine Spaltung zulassen, die sich anhand von Arm und Reich zeigt. Familien, die bereits den Kindern üppige Feiern, Kleider und Fahrzeuge ermöglichen, erziehen somit ebenfalls kleine Unsympathen, die für sich sogar eigene Straßensperren verlangen. In den Erzählungen kann auch das Unheimliche Einzug halten. Seien es Äste, Arme oder einfache Ängste, die sich unserer bemächtigen. Auch schwarze Löcher öffnen sich. Erst sind es kleine Flecken, die in der Küche punktuell den Raum einfordern und beständig wachsen und alles in sich aufnehmen. Die Anziehungskraft der schwarzen Löcher kann auch auf die Magie dieser Erzählungen angewendet werden. Denn sie ziehen uns an und lassen uns das Umfeld gänzlich ausblenden. Doch gerade das Umfeld ist es, das durch diese Texte verstärkt in den Fokus gerückt wird.

Esther Becker schreibt unterhaltsam, klug und poetisch. Eine Kurzprosa, die ab und zu lyrisch wird, immer die Bodenhaftung trotz der Phantastereien behält und stets mit einem ganz eigenen Ton geschrieben ist. Ein Ton, der aus einem Klang zwischen Witz und Gesellschaftskritik schwingt. Alles ist aber belebt durch genauste Aufmerksamkeit gegenüber der Menschlichkeit, die hier in der Kürze sehr lebendig wird.

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Tobias Sommer: „Wer das Ende verrät“

Wer Tobias Sommer kennt weiß, dass in seinen Harmonien meist tiefe Abgründe lauern. Zuletzt zeigte er es mit seinem Roman „Das gekaufte Leben“ und davor mit dem wirklich herausragenden Leseschatz „Jagen 135“. Ich weiß, wir dürfen noch viel von Tobias Sommer erwarten, denn es lauern bei ihm Manuskripte, die ich bereits lesen durfte. Er wird hoffentlich seinen Bekanntheitsgrad erweitern dürfen und eventuell dann zum Reigen der wichtigen Stimmen der Gegenwartsliteratur gehören. Er schrieb in „Jagen 135“:  „Das Glück der Menschen ist die Unwissenheit über den Weg dorthin.“ Das ist eines seiner Credos für seine Werke.

Jetzt hat er einen Krimi geschrieben. Keinen ganz gewöhnlichen, denn es ist ein Buchhändler, der ermittelt. Dafür, dass Tobias Sommer nun einen fiktiven Kollegen als Helden deklariert, gebührt großer Dank! Ein Kollege, der durch seine Umtriebigkeit mir sehr ähnelt, wurde mir sofort ins Herz geschrieben. Die Literatur von Tobias Sommer lebt von den Stimmungen, die diese jeweils erzeugen.

Die Handlung spielt an der nordfriesischen Küste, nahe Dänemark, in einem kleinen Dorf, in dem ein gutes Miteinander gepflegt wird. In der Mitte gab es einst eine Apotheke, die nun als Buchhandlung umfunktionalisiert wurde. Somit wird hier weiterhin für das Wohl der Menschen gesorgt. Moritz Wendtal ist der Inhaber, der seine Aufgabe innerhalb der Literaturwelt sehr ernst nimmt und seine eingekauften Bücher zelebriert und die Menschen mit seiner Begeisterung für die Bücher anstecken möchte. Beim Bürgermeister Gerhard Brix, von allen Brixmeister genannt, wurde eingebrochen. Es wurde nichts entwendet, nur verwüstet und ein mysteriöses Gedicht taucht auf. Das Interesse des Buchhändlers ist geweckt und sein erster Fall entwickelt sich … Mehr soll hiermit nicht gesagt werden, denn wer verrät schon das Ende?

Ein kurzweiliger und toller Buchhändler-Krimi-Spaß!

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Christopher Ecker: „Die leuchtende Reuse“

Ein pensionierter Lehrer gerät in ein Abenteuer, das sein Leben und die Wirkungskraft der Literatur in ein verrücktes Labyrinth wirft. Mit jedem Kapitel verändert sich die Umgebung, Wände verschieben sich und die Aussichten werden erneut sortiert. Die Welt der Literatur besteht aus Büchern und aus der Visualisierung durch Film und Theater. Besonders die Bühnenkunst ist eng an die Lebendigkeit des individuellen Lesens gebunden. Damit spielt Christopher Ecker und erzeugt Bilder, die an Murakami, Poe oder sogar an Kafka erinnern. Die Spannweite seiner verwendeten Verweise ist stets mannigfaltig. Das Erkennen seiner Anspielungen ist aber niemals nötig, um seine Literatur zu verstehen. Wenn wir diese erahnen, macht es einfach nur noch viel mehr Spaß. Seine Werke bespielen immer den Grad zwischen Unterhaltung und anspruchsvoller Literatur und mit „Die leuchtende Reuse“ findet alles seinen Anfang. Ecker schreibt Romane, Lyrik, Kurztexte und nutzt auch die Fabel, um seine Geschichten zu fabulieren. „Die leuchtende Reuse“ ist eine Neuveröffentlichung, es ist die vom Autor neuüberarbeitete Ausgabe von 1997, die mit einem Nachwort von Kai U. Jürgens ergänzt wurde.

„Die Leuchtende Reuse“ ist somit in der Ecker-Welt der Anfang und beinhaltet schon alles. Seine kommenden Werke finden hier einen Wiederhall und sein geübter Blick verbindet sich in einer Welt, die Realität und magischen Realismus vereint. Alles ist möglich, alles ist ein Gedanke, ein Witz oder ein philosophisches Bildnis. Alles ist aber mit sehr viel Hingabe geschrieben, so dass sich uns nichts verschließt, sondern alles gefügig und lesbar ist. Das Versteckte zeigt sich dem geübten Ecker-Leser oder gärt im Unterbewusstsein der hinzugewonnenen Buchmenschen, die seine Welt erneut oder wieder entdecken dürfen. In seiner Literatur zeigt sich die reale Welt, die eine Kehrtwende zum Unmöglichen macht und das Surreale und Phantastische einlädt, um unsere Gegenwart zu verzaubern oder zu entzaubern. Diese Ausgabe ist somit eine Wiedereinkehr in seine Sprachwelt oder die Möglichkeit, seine Literatur neu für sich zu entdecken.

Das ganze Buch ist ein Labyrinth aus kurzen Kapiteln, die wie ein Krimi beginnen. Doch das Kriminalistische löst sich zügig auf und verwandelt sich in ein kunstvolles Mosaik, das Hieronymus Bosch gemalt haben könnte. Dabei kommt aber der Spaß niemals zu kurz, denn unser Leben ist zuweilen wie ein Witz. Ein Witz, der aber unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu oft erklärt werden muss und somit seine Pointe verliert. So lernen wir auch Josef Gripke kennen. Ein ehemaliger Lehrer, der einem Nachbarsjungen versucht einen faden Witz schmackhaft zu machen. Der Junge ist selbst in seiner Welt gebannt und kommuniziert gerade mit dem Straßengully. Gripke erfährt von seinem Freund Richard van Aaken, einem Schauspieler, der in einer Klinik ist, dass dessen Zimmernachbar Rescher auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Rescher habe sich, trotz der Fixierung buchstäblich in Luft aufgelöst. Ebenso ist dessen Lektüre von einem  Arthur Machen, „The four Impostors“, vom Nachttisch verschwunden. Die Rätsel faszinieren Gripke und er beginnt, Detektiv zu spielen. Die fehlende Lektüre hat eine ähnliche Historie wie einst die Entstehungsgeschichte um „Tausendundeine Nacht“. Wer erzählt wem hier Geschichten und welche Geschichten sind hinzugefügt oder gänzlich ersponnen? Der eigentliche Erzähler meldet sich auch dezent zu Wort und erklärt, dass Gripke ein guter Freund ist. Ist der Erzähler jener Fischer, der wie der König der Fischer im Parzival-Universum auf Mitgefühl hofft? Gripke besucht die Frau des verschwundenen Rescher und erfährt, dass dieser unter Rommel innerhalb einer Luftlandeeinheit in Afrika stationiert war. Diese Einheit ist 1942 in der Wüste spurlos verschwunden und einige sind erst Jahre später wieder aufgetaucht. Wiederholen sich die Ereignisse? Von einem Experten erhält Gripke eine Namensliste der Wiederkehrer und beginnt anhand dieser die damalige Geschichte zu rekonstruieren, die in der gegenwärtigen Welt von Gripke von Bedeutung sein könnte. Die Handlungsverläufe werden immer vielfältiger und die Magie des Lebens gewinnt immer mehr an Gewichtung. Eine Magie, die aber zwischen Realität, Fiktion und Phantasie verweilt. Gripkes Frau, die auf Kur ist, aber ebenfalls einen Schatten verbirgt, ruft ab und zu an. Dabei ist Gripke selbst durch eine Frau in der Wand seines Haus abgelenkt. Die Sinne werden beim Lesen angespitzt und vollziehen einen Sinneswandel. Was ist Wirklichkeit? Ist der Fischer eine Figur, die alles erträumt, fixiert oder die Figuren wie Marionetten tanzen lässt? Die Reuse ist geflochten und sie fängt uns ein und beginnt immer mehr zu leuchten. Doch ist diese Reuse wohl auch nur ein Tunnel mit einem Ende aus Licht. Letztendlich ist es Christopher Ecker, der die Reuse ausgeworfen hat.

Eckers Romanwelt überfordert nicht. Sie unterhält und erzeugt Spannungen, die uns unsere Welt begreifbarer machen können. Ecker verneigt sich mit seinen Werken vor Poe, Kafka und vielen anderen Meistern, ohne uns damit zu überbeanspruchen. Er verwebt die Unterhaltung mit Spielereien und lässt uns dann mit unseren Gedanken in unserem noch luftleeren Raum stehen. Diesen Raum füllen wir mit jeder neuen Lektüre. Ecker erzeugt Welten, Typen und klangvolle Gedanken und ist wohl eine gebürtige Antwort auf die Buchwelt von Murakami. Er lebt und schreibt hier bei uns an der Kieler Küste – also sei mein Aufruf erlaubt, der jetzt den Bogen zu Helge Schneiders „Schwedenurlaub“ spinnt: „Rein in die Reuse“.

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Maren Ernst: „Vierzig Mädchen“

Es gibt sie, jene Verlage, die nicht nach den kommenden Bestsellern Ausschau halten, sondern nach Perlen der Weltliteratur, die uns die Welt verständlicher machen. Dabei werden Werke verlegt, die uns durch ihr Wissen und die erzeugte Empathie Themen nachempfinden lassen, die uns durch die Lektüre wachsen lassen und die Gegenwart durch die Geschichte, die Fiktion, greifbarer werden lässt. „Vierzig Mädchen“ von Maren Ernst erweitert bewusst oder unbewusst unseren Horizont, den bereits Oliver Hösli mit seinem Roman „Mit Aprikosen“ geöffnet hat. Beide Romane spielen in Kirgistan. Unser Leben verändert sich beständig. Der Fortschritt macht auch in Kirgistan nicht halt. Das Paradiesische weicht der Technologie und die Natur und die Gesellschaften passen sich immerwährend an.

Es ist ein Roman über persönlich wirkende Einblicke in die jüngere kirgisische Geschichte. Es ist ein Spiel mit unterschiedlichen Weltsichten und Kulturen. Es geht um Menschlichkeit und stellt dabei starke Frauen in den Mittelpunkt. Der Titel geht auf die Legende zurück, dass die kirgisischen Frauen besondere Fähigkeiten haben. Es sind mutige Kämpferinnen, die Rivalitäten zu schlichten verstehen. Dabei wird ein Daseinsplan beschrieben, der stets durch Scheitern und Wiederauferstehung geprägt wird. Kirgistan heißt aus dem Kirgisischen übersetzt: Vierzig-Mädchen-Land. Der Debütroman von Maren Ernst lässt diese starken Frauen lebendig werden und knüpft literarisch ein Kulturen und Zeiten überspannendes Band.

Marie lebt in Deutschland und fühlt sich von Land und Kultur Kirgistans angezogen. Trotz Arbeit und Studium in Norddeutschland, bleibt sie mit Kirgistan stets verbunden. Während eines Aufenthalts in Kirgistan besucht sie ein Event. Eine Show, fast schon ein gesellschaftlicher Zirkus, lässt sie auf Pia treffen. Eine fast schon drängende Einladung, eines der Heime zu besuchen, verändert alles. Marie, die durch Pia eine neue Erfahrung macht, findet innerhalb einer Gruppe von Frauen eine neue und wichtige Lebensaufgabe. In dem Heim beobachtet Marie Kinder, die wie vergessene Objekte ausharren. Heimkinder sind hier nicht zwingend Waisen. Es sind Sozial- beziehungsweise Systemwaisen. Die Arbeit mit den Kindern lässt etwas Inneres bei den Betreuern und Kindern aufbrechen. Zuwendung finden in diesem Roman alle, denn es werden unterschiedliche Schicksale fokussiert. Kirgisische Lebensgeschichten, die nun mehr oder weniger den Fortgang der Handlung prägen. Somit öffnet die Lektüre eine Vielschichtigkeit und bedient sich einer poetischen Sprache. Es entsteht ein Gedanken- und Gefühlsraum, der nicht alles aussprechen muss, um durch die Reduktion etwas Stilles und Menschliches zum Erklingen zu bringen.

Ein Buch, das uns über uns staunen lässt. Über unsere positive Kraft, Hinwendung, aber auch über unsere systematischen Schattenwürfe. Wir können dankbar sein, dass es solche Verlage gibt, die mit Herzblut und Hingabe solche wichtigen Werke verlegen, die aus ihrer Nische gerne weiter heraus strahlen dürften und sollten.

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Steven Uhly: „Death Valley“

Steven Uhly irritiert, provoziert und unterhält stets ungemein. Wenn er ein Buch veröffentlicht, ist es immer wie ein kleiner Paukenschlag, der eine Schwingung verbreitet, die uns bewegt, zum Nachdenken anregt, erheitert und uns mit unserer Weltsicht konfrontiert. Mit seinem neuen Roman vermischen sich gänzlich die Realitäten. Es ist Steven Uhly, der schreibt, erzählt und uns seine Geschichte erzählt, die uns aber hadern lässt und die Frage aufwirft, was Wirklichkeit ist und was Fiktion? Es sind Grenzen zu denen wir gezerrt werden. Grenzen zwischen den Wahrnehmungen, den Klischees und letztendlich sogar zu jener Linie zwischen Ernst, Unterhaltung und Humor. Der Witz fährt auf diesem Trip lautstark mit.  Der Titel verspricht moderne Western-Romantik. Death Valley ist für diesen Road-Trip wohl kein besserer Ort. Dabei benutzt Uhly die Polaritäten unserer Bilder aus Kultur und Gesellschaft. Star Wars trifft hierbei auf Weltliteratur, das Tal des Todes wird belebt durch Menschen, die unsere Vorstellungen, bestätigen oder gänzlich neu beflügeln.

Es ist Steven Uhly, der in Erscheinung tritt. Er bezeichnet sich erneut als ein Misanthrop und muss sich mit diversen Menschen abfinden und herumschlagen. Durch die Begegnungen und zwischenmenschlichen Berührungen versucht er, sein Menschenbild aufzubessern und das Verachtende und leicht Arrogante abzulegen. Doch fällt es ihm anhand der absurden Abenteuer schwer. Er reist nach Amerika und fährt mit einem Luxusauto durch das Naturschauspiel des Death Valley. Somit begibt er sich in den Nationalpark und in die endlosen Weiten der Western-Welt und zu jenem intimen Feind eines Todesssterns.

Der Erzähler macht sich auf den Weg von Deutschland nach Las Vegas und dann weiter quer durch das Tal des Todes. Hier ist seine Mutter verstorben. Sie war mit ihrem Partner dort und beide sind verunglückt. Das Ableben konnte nicht typischer und tragischer sein. Sie sind zu Pferde unterwegs gewesen, gestrauchelt und zu Tode gestürzt. Uhly möchte seine Mutter heimführen oder je nach Kostenumfang dort beerdigen. Zeitglich macht sich auch der Sohn des neuen und nun auch verstorbenen Lebenspartners auf die Reise. Hans Butt ist es, der bisher nur negativ aufgefallen war. Besonders durch seine Weltsicht und rassistischen Ansichten. Der Erzähler macht somit ein persönliches Wettrennen daraus, weil er als erstes bei den Verstorbenen und am Unglücksort eintreffen möchte. Denn es geht auch um das elterliche Haus, die angesammelten Antiquitäten und den sagenhaften Goldschatz seiner Mutter, die als Bankräuberin anscheinend Goldbarren versteckt hatte.

Der Flug beschert Uhly die ersten skurrilen Begegnungen. Eine reiche Familie, die ebenfalls wegen einer erbschaftlichen Klärung anreist, verschafft ihm die ersten Einblicke in die Scheinwelt Amerikas innerhalb der ländlichen Trostlosigkeit. Der glitzernde Luxus lässt den Erzähler untreu werden, die Versuchung des Glamourösen spüren und verhilft ihm als Leihgabe zu jenem Luxuswagen. Auf der Reise trifft er auf weitere Menschen, Aliengläubige und klischeehafte Amerikaner. Dabei stellt er sich die Frage, was die wirklichen amerikanischen Einwohner sind, sind es die Menschen der First Nation oder jene, die das Land seit der Eroberung und Vertreibung beleben? Durch einen Zufall trifft er bereits unterwegs auf Hans, der mit seinem Leihwagen eine Panne hat und nimmt diesen mit. Das ungleiche Paar macht sich nun gemeinsam auf die Reise. Eine Fahrt durch diverse Drehorte bekannter Filme in einem Auto, dessen Navigationssystem, zur gänzlichen Erheiterung des einfacheren und Film-Nerds Hans, Darth Vader imitiert. Dabei beobachten sie sich, ihr Menschenverständnis und die gesellschaftlichen Spiele, wenn es um Macht oder Geld geht. Am Ende verstärkt sich die Großartigkeit des ganzen Romans.

Dieser Roman wirft wie ganz nebenbei unsere aktuellen und globalen Fragen ein und belebt unsere eigene Welt voller Lügen, Wahrheiten und individuellem Urteilsempfinden. Steven Uhly versteht es stets, uns in seinen Bannkreis zu ziehen. Seine Texte sind reale Parallelwelten aus Traurigkeit, Politik, Menschlichkeit und trotz der beschriebenen Dramen auch immer urkomisch. Es gibt im Buch einen englischen Satz, der als Fazit funktionieren könnte: „This beautiful sadnes of being alive“.

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