Archiv der Kategorie: Erlesenes

Isabella Straub: „Nullzone”

Unsere komplexe Welt schrumpft und wandert gegen Null. Doch die Null, die mathematisch für den Ausgleich zwischen Plus und Minus steht, also für Nichts, ist philosophisch der Punkt, der alles beinhaltet. Unsere aktuelle Welt pendelt durch unsere hochgelobte Gegenwart zwischen Nullen und Einsen. Der Differenzraum ist die Unendlichkeit. Doch was ist diese? Das Unendliche dehnt sich aus, hat kein Ende. Wie ein Donut, der uns laut diesem Werk das Universum gut erklärt. Wir können unendlich lang in eine Richtung laufen und kommen nie ans Ende. Dies klingt nach einem Hamsterrad oder erinnert an die Werke und Visionen von Larry Niven. Isabella Straub macht daraus einen überwitzigen Roman, der das Jetzt beleuchtet und eine kluge, pointierte Satire ist.

Wo bleibt unsere Menschlichkeit, wenn der Lebensraum immer beengter und reglementierter wird? Haben wir als Individuum ohne Image oder Nutzen für die Allgemeinheit ein Recht auf Lebensraum? In diesem witzigen und doch zugespitzten Gegenwartroman prallen unterschiedliche Lebensweisen aufeinander. Dabei liebt einer der Protagonisten besonders  die vollendete Zukunft. Doch ist diese eine Vision, die kommen könnte, und hoffentlich, weil sie im Kommenden liegt, noch abwandelbar ist, trotz der grammatischen Vollendung.

Dieser Roman hat einen enormen Drive und fesselt durch die Kurzweil, die in ihrem Witz vieles aus unserer Gegenwart verdreht, betrachtet und zugespitzt in Frage stellt. Die Nullzone ist ein moderner Lebensraum und hier treffen wir auf eine Hausmeisterin, einen Zukunftsforscher und einen Paketboten. In der Mitte steht der Kratzer, der Wolkenkratzer, dessen Umgebung umgebaut werden soll, aber nun durch die aktuellen Baumaßnahmen im Umfeld in Schieflage geraten ist. Soziales Wohnen trifft auf Modernisierungen und auf die Anforderungen der Gesellschaft und wird finanziert mit Wunsch auf Gewinnoptimierung. Somit werden die Menschen im Kratzer mit der Zwangsräumung bedroht.

Elfi betreibt schon in Folgegeneration den Posten der Hausmeisterin des Hochhauses. Sie verteilt und bestimmt die Zuteilung der Waschmünzen und sorgt für die ordentliche Müllbeseitigung, Rattenbekämpfung und nun auch um die Sammelliste gegen den Abbau und die Räumung. Ihr Sohn ist von einer Weltreise niemals zurückgekehrt und doch meint sie ihn auf einem Foto erkannt zu haben. Ist dies möglich? Denn es ist das Bild, das mit einem Satelliten auf dem Weg ist, um fremdes Leben zu finden. Gabor, ein Zukunftsforscher gerät in eine Lebenskrise. Seine gesundheitlichen Werte sind nicht zum Besten bestellt und seine Lebenspartnerin möchte in jene Nullzone ziehen. Wohnwaben, die mit der künstlichen Intelligenz erzeugt und bestückt sind. Gegossene Betonwohnungen, die fast schon an einen Insektoiden-Lebensraum erinnern. Dann ist da noch Rachid, der als Paketzusteller große Träume hat und den Auszubildenden in seinen Businessplan einbezieht. Drohnen sollen die Flut an Bestellungen ohne menschlichen Kontakt zustellen, als würde die Sendung sich vor dem Empfänger aus Zauberhand materialisieren. Doch auch ihre Wünsche haben Grenzen und hadern mit der menschlichen Endlichkeit, die zuweilen erst beim Wasserlassen gegen Baumaschinen empfunden werden kann.

Trotz der ganzen Ironie hat das Buch etwas sehr Kritisches und Menschliches. Was erzeugen wir, wenn wir nur noch digital denken oder bestellen? Was passiert mit unseren Lebensräumen, wenn das Leben selbst immer teurer und Wohnen ein Luxus wird?

Dieser Roman ist ein frecher Donut, der sich schnell inhalieren lässt und wohlige Zeiten verspricht. Doch die Verdauung kann humorvoll sein, aber auch ihre Zeit beanspruchen. „Nulllzone“ ist ein aberwitziger Roman.

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Colette: „Chéri“

Colette, eigentlich Sidonie-Gabrielle Claudine Colette ist eine bedeutende Wegbereiterin der Literatur, besonders der französischen und der feministischen. Ihre Werke strahlen bis in die Gegenwart und haben an Aktualität wenig eingebüßt. Ihr Leben und Werk verbinden sich und sind eigentlich selbst Geschichte genug, um noch mehr Anerkennung zu erhalten als bisher. Zumindest im deutschsprachigen Raum steht sie noch nicht im gebührenden Licht. Dies konnte auch die Filmbiografie „Colette“ (2018) von Wash Westmoreland mit Keira Knightley und Dominic West leider nicht groß ändern. Sehenswert ist der Film unbedingt, denn er verschafft einen Einblick in das Leben und Werk der besonderen Autorin, deren Werke zu den Klassikern gehören. Ihr bekanntestes Werk ist „Chéri“, das in einer schönen, bibliophilen und neuen Übersetzung von Renate Haen und Patricia Klobusiczky erschienen ist. Ein informatives Nachwort verfasste Dana Grigorcea.

In dem Roman von 1920 werden aktuelle Fragen behandelt. Ist Liebe alles und kann sie uns Glückseligkeit schenken, uns sogar verjüngen? Meist sind es männliche Protagonisten, die ihrem Begehren nachgeben und dies formulieren. Colette verlässt bereits damals diese Geschlechterklischees. „Chéri“ sorgte damals für Empörung und kann somit heute umso mehr begeistern. Es geht um die Endvierzigerin Léa, eine ehemalige Kurtisane, die eine Liebesbeziehung zu einem viel jüngeren Mann, jenem titelgebenden Chéri, führt. Ihre Gefühlswelt, ihr Begehren stehen dabei in der genauen Beobachtung. Das Sezieren der gesellschaftlichen Verpflichtungen, Bilder und Umbrüche wird unterstützt durch die Dialoge, die giftig-zynisch formuliert sind. Die Sprache verwebt die Anspielungen und den gesprochenen Tiefgang mit einer faszinierenden Leichtigkeit. Es ist eine körperliche Bindung, die beiden viel bedeutet, aber auch jeweils das Unmögliche vor Augen führen. Es bedeutet auch nicht das Ende der Beziehung, als er eine jüngere Frau heiratet. Das Frivole erhält in diesem Spiel neben dem psychologischen Tiefgang seine Bühne und dreht die üblichen Verhältnisse der Gesellschaft frech und lustvoll um. Inspiriert wurde der Roman durch das eigene Leben der Autorin. Als Sechsundvierzigjährige geht sie eine Beziehung mit ihrem minderjährigen Stiefsohn ein, und führt diese, wie ihre Romanfigur, fünf Jahre fort.

Alles um Colette erzeugt eine Neugier. Alles strotzt und trotzt dem Althergebrachten und beschreibt mit spitzer Feder den Konventionen gebührende Gegenstücke. Sie inszeniert sich und ihre Werke. Alles ist bühnenreif und provokant. Durch ihre Heirat mit dem erfolgreichen Pariser Schriftsteller und Theaterkritiker Henry Gauthier-Villars, den alle lediglich als Willy kennen, kommt sie vom Land in die Weltmetropole. Sie wandeln in der Gesellschaft und bleiben sich nicht treu. Er erkennt ihr Talent und nutzt sie aus. Er, der Schriftsteller, lässt nämlich schreiben. Sie schreibt eine erfolgreiche Romanreihe, die er unter seinem Namen veröffentlicht. Es geht um die Ich-Erzählerin „Claudine“, die den Werken auch die Titel gibt und beinhaltet viele biographische Geschichten. Willy versteht es, diese Romanwelt zu vermarkten und durch das Merchandise und die Fortsetzungen bekommen die Werke damaligen Kultstatus. Die Ehe hält nicht und nach der Scheidung schreibt sie weiter, erlernt Pantomime und ist auf den Bühnen zu erleben. Einiges sorgt für Skandale. Sie schreibt Literatur, Bühnenwerke und ist journalistisch tätig. Durch ihr Leben und ihren Beziehungen lernt sie empathisch und lebensnah zu schreiben. Die beschriebenen Frauenschicksale sind psychologisch durchdacht und fallen durch den unkonventionellen Lebensstil auf. Sie kritisiert, merkt auf und spielt mit den gesellschaftlichen Erwartungen. Lange blieb sie unterschätzt, ungesehen, aber ihr Ansehen wuchs und darf nun durch die großartige Neuübersetzung von „Chéri“ gerne weitere Beachtung finden. 

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Molly MacCarthy: „Kleine Fliegen der Gewissheit“

Dieses Werk hat bewusst oder unbewusst die Literatur, zum Beispiel die Werke von Annie Ernaux oder Tove Jansson, inspiriert und beeinflusst. „Kleine Fliegen der Gewissheit“ ist der Titel einer autofiktionalen Erzählung von Molly MacCarthy, die 1924  als „A Nineteenth-Century Childhood“ erstmals erschien. Das Werk beschreibt somit eine Kindheit im 19. Jahrhundert und wurde 2024 neuverlegt. Es ist eine Erinnerungserzählung, die ein behütetes Leben beschreibt, voller Zuwendung zur Literatur. Das ländliche Leben und das ganz genaue Hinhören und Hinschauen werden hier zelebriert. Es ist ein impressionistisches Werk, von einer Autorin, die in der Welt der Literatur stets im Schatten steht, aber diese genauso prägte. Molly MacCarthy war es, die den Begriff der „Bloomsberries“ prägte und den legendären „Bloomsbury Memoir Club“ ins Leben rief. Sie ist die Cousine von Virginia Woolf und erschuf progressive Literatur, die innerhalb dieses literarischen und künstlerischen Zirkels Gehör fand. Diese Ausgabe beinhaltet ein Vorwort von Tobias Schwartz, der auch den Text aus dem Englischen übersetzt hat. Dieses lesenswerte Vorwort stellt das Werk ausgiebig vor und reiht es in den historischen Kontext ein. Ebenfalls befindet sich in der Ausgabe ein Essay von Virginia Woolf.

Somit ist diese Ausgabe ein historisches und literarisches Ereignis. Der Titel suggeriert eine flatterhafte Flüchtigkeit. Es ist eine Innenkehr, eine Zimmerflucht, die ein Aufwachsen im neunzehnten Jahrhundert beschreibt. Die Erzählweise ist persönlich und doch olympisch. Somit entsteht eine Nähe und eine Distanz, die uns verführt und die Zeit lebendig werden lässt. Der Blick ruht auf dem Biederen, dem Wohlstand, ohne es bewusst zu deklarieren. Die Betrachtungen schweifen als Beispiel durch den gepflegten Garten, das Anwesen und erzählen vom Unterricht bis hin zu dem Versuch der eigenen Definition. Dabei schwingt das Ereignislose und das im Leben Besondere hervor. Die Autorin bemüht sich um Wahrhaftigkeit. Dies gelingt ihr stets, auch mit einem zuweilen ironischen Ton. Aufmerksamkeit trifft auf Zerstreuung und Kunst auf Unterhaltung. Ihre Welt wurzelt im gebildeten Bürgertum. Theater, Musik und Literatur prägen die Weltsicht und das Exzentrische ist ein Schutzschirm des Introvertierten. Hier wird verknappt, aber punktiert dem Einsamen und dem Wünschen und Empfinden der Zugehörigkeit nachgespürt und literarisch fixiert. Eine junge Frau, die sich plötzlich dem Behüteten enthoben fühlt und auf die Probleme des Weltlichen stößt. Somit ist dieses Buch ein literarisches Dokument aus einer vergangenen Zeit und berührt uns dennoch impulsiv im Jetzt.

Ein berührendes, althergebrachtes und unterhaltsames Werk, das in den Kanon der großen Weltliteratur gehört.

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Benjamin Myers: „Strandgut“

Benjamin Myers schreibt Bücher, die unsere Welt aus der Gefälligkeit heraushebeln.  Mit fast schon einfachen Bildern entfernt er den Ballast aus unserem Leben. Denn mit dem Titel „Strandgut“, direkt übersetzt „Seltene Singles“, spielt er mit Dingen, an denen wir festhalten und jene, die wir von uns lösen sollten. So ist auch die Metapher vom Strandgut zu verstehen, etwas das das Meer preisgibt, abstößt oder bearbeitet am Strand ablegt. Benjamin Myers legt uns die Entscheidungen in die Hand, etwas mitzutragen oder stets Suchende zu bleiben. Es ist ein Entwicklungs-, aber auch Musikerroman, der den Soul, also das Herz und die Seele in den Mittelpunkt stellt. Musik, Kunst und Literatur, wenn sie aus der Seele kommt, ist bleibend. Dies im Gegenstück zu den herzlos produzierten Werken, die uns einen schnellen Kick und den Produzenten viele Klicks beschaffen.

Es ist die Geschichte von Bucky und Dinah. Beide sind im Leben irgendwie als Schiffsbrüchige gestrandet. Sie in England, in dem Küstenort Scarborough. Sie ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Ihr Mann ist lebensuntüchtig und klaut auch zuweilen gerade in dem Laden, in dem Dinah arbeitet. Alle haben ihre Süchte, die sie am Leben halten. Der Sohn ist abhängig vom Internet und der dort kalkuliert eingesetzten Persönlichkeit aus Fernost, mit der er meint, verlobt zu sein. Dinah liebt es, im Meer zu schwimmen und sich in die kalten Fluten zu stürzen, um dem deprimierenden Alltag zu entkommen. Auch vergöttert sie die Musik und freut sich auf das anstehende Festival.

Bucky lebt in den USA und hat seine Frau verloren. Sein Körper schmerzt überall. Somit nimmt er immer Schmerztabletten. Er hat als Kind im Kirchenchor gesungen und wurde entdeckt. Er bekommt die Möglichkeit, zwei Singles mit seinen Soulsongs aufzunehmen. Doch dieser Anfang ist auch schon das Ende seiner Musikerkarriere. Durch ein Lebensdrama und ungerechte Verstrickungen landet er kurz in Haft und muss einen Verlust erleiden. Auch den Tod seiner späteren Frau erträgt er kaum. Er ist jemand, der sich stets anstellen muss, auch in der Apotheke um seine Schmerzmittel zu bekommen. Dieses Mal benötigt er eine größere Menge, denn er hat eine Einladung erhalten. Er soll seine Songs live spielen, auf einem Festival in England. Er kann es kaum glauben, aber da er das Land noch nie verlassen, noch nie live gesungen hat und noch nie am Meer war, macht er sich auf die Reise.

Dinah holt ihn am Flughafen ab und er erfährt, dass sie ein großer Fan ist und er in dieser Region, wenn nicht sogar in Europa, eine Legende ist. Seine Songs, die er damals zu einem Spottpreis verkauft hatte, sind für viele der Soundtrack ihres Lebens geworben. Er kann es kaum glauben und zweifelt an der Ehrlichkeit des Gesagten und an sich. Alles vernebelt sich in seinem Kopf. Auch, weil er im Flugzeug seine Tabletten liegengelassen hat. Somit macht er in der Fremde einen kalten Entzug. An seiner Seite steht Dinah, die sich um ihn kümmert und fit machen möchte, damit er endlich seinen ersten Auftritt erleben kann. Beide stürzen sich in die Lebensfluten und finden den Willen, es mit den neuen Gegebenheiten aufzunehmen.

Es geht um das Weitermachen, an den Glauben an sich und um die Kunst zu unterscheiden zwischen den Dingen, die wichtig und unwichtig sind. An welchen sollten wir festhalten und welche können wir getrost den Fluten überlassen? Das Althergebrachte und das tatsächlich Geschaffte sind im Leben beständiger als alles, was Schnelllebigkeit und nur kurzweilige Ablenkung verspricht. Dieser Roman ist irgendwie beides. Kurzweilige und sehr schöne Unterhaltung, die dann aber doch wie nebenbei jene Themen in uns anstößt und zum Erklingen bringt. Der Roman wurde aus dem Englischen von Werner Löscher-Lawrence übersetzt.

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Tobias Premper: „Sommer Ende“

Ein feiner, makabrer Sommerspaß. Als würde Pulp Fiction Literatur, denn dieser Roman, der aus szenenhaften Miniaturen besteht, stellt alles auf den Kopf, versucht es zumindest. Das vermeintlich Triviale ist nur gespielt, denn viel gibt es hier zu finden und in einem ganz lakonischen Ton entzündet sich am Anfang eine Zündschnur an einer Explosion und wir ahnen noch nicht, was diese Feuerlunte noch anzurichten vermag. Tobias Premper bezeichnet sich als Grenzgänger und so ist auch sein Schaffen zu verstehen. Im Leseschatz ist er bereits durch „Gelati! Gelati!“ aufgefallen. Er ist ein Meister des Kleinen, das sich aufbaut und dann das Versteckte sichtbar werden lässt. Mit Tempo und Witz hat er erneut einen zündigen Sommerhit gelandet.

Ein Berliner Ehepaar fährt über das Wochenende aufs Land. Ein Testament verspricht Millionen. Beide hintergehen und betrügen den Lebenspartner. Wollen das Geld und dann denn anderen verlassen, am besten gänzlich beseitigen. Menschen, die sich nahe sind, aber ihre Distanz gehörig erweitert haben. Ihr Wochenendausflug gerät aus den Fugen. Mit dem Fortgang der Handlung spielen der Erzähler und sein Autor mit den Gattungen und Möglichkeiten der Literatur. Es wird auch nach Auswegen gesucht. Dabei wird gehupt, gestritten, geprügelt und es wachsen weitere Gedanken. Nichts wird fokussiert und doch wird alles belichtet.

Wissenswert ist, dass der Roman durch den Film von Jean-Luc Godard „Week End“ inspiriert wurde. Doch ist die Kenntnis des Films für das Verständnis nicht erforderlich. Der Roman kann somit als eine literarische Cover-Version angesehen werden. In beiden macht sich ein Ehepaar mit ihrem Auto auf den Weg, um ein Testament zu empfangen. Auf der Fahrt geraten sie in einen Stau und Unfall und begegnen diversen Menschen. Darunter Wegelagerern, Möchtegern-Philosophen, Verrückten und Kannibalen. Auf einer Autofahrt endet der Sommer und das Leben strudelt in einen Alptraum. Das Buch transportiert die Handlung von Frankreich nach Deutschland. Es bedient sich auch nicht nur der filmischen Handlung, sondern schweift ab, macht Schnitte und der Erzähler greift ein.

Der Roman hat 103 Kapitel und diese sind kleine Miniszenen. Gleich am Anfang fährt ein Ferrari Cabrio mit einer lachenden Frau und einem Mann durch eine luxuriöse Gegend. Das Leben in diesem Viertel ist herrlich, glücklich und ein bisschen dämlich. Gerade als eine Hummel erneut und bräsig gegen eine Fensterscheibe fliegt, explodiert eine Bombe im Auto ohne ersichtlichen Grund. Dies ist der Einstieg, der das Kommende schon einschließt. Denn es bleibt ruppig, absurd und komisch-poetisch. Denn dieses Buch geht nicht Seite für Seite voran, sondern cineastisch Minute um Minute. Die Kapitel enden im offenen Satz, um dann im folgenden Kapitel diesen aufzugreifen. Dadurch ergeben sich Anschlussfehler und Zeitsprünge, die mit uns spielen. Der Witz und das Lesetempo erhöhen sich durch die fettgedruckten Textfragmente, die einseitig zum Beispiel das Wochenende feiern. In diesem Roman bleibt nichts beständig. Dies ist auch der Hauptkern der Handlung. Auch die Hauptfiguren, verändern sich namentlich. Darauf weist uns aber der Erzähler persönlich hin.

Eine Autoreise, die an Tempo zunimmt und uns warmen, heißen und nicht gerade geruchsneutralen Wind ins Gehirn bläst. Ein aberwitziges Spiel, das uns spiegelt und Hoffnung schenkt. Eine Hoffnung, die aber auch eine Abzweigung ins Nirgendwo machen könnte.

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Pippa Goldschmidt: „Deutschstunden“

In der Literatur von Pippa Goldschmidt ist immer alles miteinander verbunden. Was wir sehen und lesen ist irgendwie mit dem verbunden, was da ist oder Geschichte war. Diese Verbindungen sind komplex und weben ein Netz, das sich immer weiter ausdehnt. Wie der Kosmos, der sich auch nicht durch Raum und Zeit begrenzen lässt. Pippa Goldschmidt ist promovierte Astrophysikerin und arbeitete mehrere Jahre als Astronomin am Imperial College, anschließend im öffentlichen Dienst, u.a. in der Weltraumbehörde. Jetzt hat sie zur Literatur gefunden. Denn jede Gleichung ist lediglich ein Versuch, das Universum, die Welt oder das Leben annähernd verständlicher zu machen. Das hat die Literatur mit der Naturwissenschaft gemeinsam. Mit „Weiter als der Himmel“ und  „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“ nahm uns die Autorin bis zu den Sternen mit. Doch ist der Blick in den Himmel stets der Blick zu uns. „Deutschstunden“ ist ein persönliches Werk, eine eigene Reise in die Vergangenheit ihrer Familie und ist ein erzählendes Sachbuch. Diese Rückkehr hat sie in ihrer Muttersprache geschrieben und ihre Verlegerin Zoë Beck hat es übersetzt.

Pippa Goldschmidt wuchs in London auf und lebt heute als Autorin in Berlin. Sie lebt jetzt in dem Land, aus dem ihr Großvater fliehen musste. Diese gegensätzliche Reise enthebt sich der Zeit und verbindet diese durch die jeweiligen Ereignisse. Ihr jüdischer Großvater ist 1936 vor den Nazis nach England geflohen. Hier wurde Pippa Goldschmidt geboren. Sie hat viel Zeit in Deutschland verbracht und denkt über einen Umzug nach. Sie beantragt nach dem Brexit die deutsche Staatsbürgerschaft. Ernst, ihrem Großvater, wurde die Staatsbürgerschaft entzogen. Das deutsche Grundgesetz garantiert den Nachfahren, als eine der Wiedergutmachung, ihre Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen. Da Pippa sich nun auf ihren Großvater beruft, fragt sie sich, wer er war. Denn sie weiß kaum etwas über ihn, lediglich dass er im Ersten Weltkrieg für und im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland gekämpft hatte.

Die Reise und die Ankunft in Deutschland nutzt Pippa, um in die Geschichte einzutauchen. Sie nimmt Deutschstunden und macht reale und gedankliche Reisen in Raum und Zeit. Die Sprache vermengt sich mit der Geschichte. Die Astrophysikerin belichtet ihre Erlebnisse mit der Biographie ihrer Familie und der Geschichte der Juden. Es wird somit deutsche und europäische Geschichte, die durch die Weltkriege, den Brexit, die Pandemie geprägt wird. Dabei bewahrt sich die Autorin ihren Humor. Neugierig und reflektiert schaut sie sich Dokumente und Geschehnisse an und verwebt alles mit Empathie. Es wird durch ihre Sprache und ihrer Weltsicht sehr persönlich. Ihre Weltsicht ist die einer Sternenforscherin, die den Blick auf das große Ganze wirft. Der Blick zurück, von den Himmelskörpern zu uns, kann nur als eine Einheit begriffen werden. Somit wird auch zum Beispiel die Relativitätstheorie ganz neu oder doch wie üblich eingebunden.

Diese Reise ist eine Rückkehr und eine Rekonstruktion, die uns bestürzt, unterhält, staunen und zuweilen auch schmunzeln lässt. Die Liebe zur Naturwissenschaft und Literatur ist in jedem Kapitel spürbar. Pippa Goldschmidt versucht, die Menschlichkeit zu bewahren und mit diesem Buch aufzuzeigen. Eine Menschlichkeit, die zuweilen verloren ging oder geht, aber niemals verschwinden wird. Es ist ein Text, der sich ausdehnt und gleich dem Kosmos sich durch andere Materie, andere Ereignisse verformt, einverleiben lässt oder die Flugbahn, d.h. die Perspektiven verändert. Pippa Goldschmidt hat ihre Sprache gefunden und kann tolle Geschichten um ihre politische, wissenschaftliche und menschliche Weltsicht herum schreiben. Sie beweist mit jedem ihrer Texte, wie wichtig es sein kann, die Welt, wenn nicht sogar den ganzen Weltraum, zu ordnen.

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Ayelet Gundar-Goshen: „Ungebetene Gäste“

Ayelet Gundar-Goshen verwandelt erneut innere Konflikte in äußere. Ihre vorherigen Werke, zum Beispiel „Löwen wecken“ oder „Wo der Wolf lauert“ waren Romane voller Psychologie und Schuldfragen. Es sind Situationen, die in Unachtsamkeit oder in der Abgrenzung wurzeln und in Verstrickungen aus Lügen, Scham, Rache oder Selbstschutz ausufern.

„Ungebetene Gäste“ spielt mit gesellschaftlichen Bildern aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Ansichten. Dabei entsteht ein Psychodrama um Verantwortung, Mitgefühl und Gerechtigkeit. Ayelet Gundar-Goshen schaut in unsere menschlichen Abgründe und inszeniert diese literarisch-cineastisch. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama übersetzt.

Es beginnt in Tel Aviv. Naomis Mann, Juval, hat einen Handwerker beauftragt, die Balkonbalustrade auszubessern. Naomi ist nicht begeistert, als dieser, ein Araber, bei ihr in der Wohnung auftaucht. Sie versucht ihren einjährigen Sohn Uri von dem Arbeiter fernzuhalten. Doch ist dieser freundlich und weckt das Interesse des Kleinkindes. Die Anwesenheit des Fremden lässt Naomis Vorurteile wachsen und sie fühlt sich nicht sicher. Als der Handwerker die Toilette benutzt und sie kurz abgelenkt ist, weil sie Kaffee kocht, passiert das Unglück. Uri ist auf den Balkon gekrabbelt und hat aus Versehen einen Hammer zu Fall gebracht. Dieser tötet auf der Straße einen jungen Mann und die Aufregung ist groß. Naomi handelt schnell, nimmt Uri an sich und geht zurück in die Küche. Somit fällt später nicht der Verdacht auf die israelische Familie, sondern gleich auf den arabischen Arbeiter, der sofort als Terrorist verhaftet wird.

Avram arbeitet bei dem Händler Stas, der ihn nicht nur im Laden als Aushilfe beschäftigt, sondern vorrangig für die anstehende Wahl, Plakate hängen lässt. Dies meist zu dunkler Stunde. Es sind die Unruhen und die aufgewühlte Stimmung, die jeden Tag spürbarer werden. Stas hat einen Sohn, einen Teenager, der das Opfer des herabstürzenden Hammers wird. Somit keimen in Stas Rachegedanken und Avram wird in seine Welt immer mehr hineingerissen.

Naomi ist weiterhin in Schockstarre und agiert wie gelähmt. Aus Angst und zum Schutz ihrer Familie. Die Schuldgefühle sind da, aber sie versucht diese stets zu verdrängen. Der inhaftierte Handwerker hat ebenfalls eine Familie und sein Sohn war mit ihm zum Mittagslunch verabredet. Und als dieser in einer peinlichen Situation in die Wohnung von Juval und Naomi kommt, um seinen Vater abzuholen, verstricken sich die Familienwege. Es ist aber nur Naomi, die die ganze Wahrheit kennt und diese auch lange verschweigt. Als sie mit ihrer Familie von Tel Aviv nach Lagos zieht, wird das Netz aus den Verstrickungen nicht gelöst, sondern nur weiter gedehnt und enormer Spannung ausgesetzt.

In diesem spannenden Roman prallt viel aufeinander und alles keimt in den Vorurteilen, den inneren Blockaden und Ängsten. Das Spiel zwischen Menschlichkeit, Unmenschlichkeit, Stadt, Land und Wahrheit und Lügen wird durch die Autorin gut ausbalanciert.

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Neues aus der lyrischen Schatzkiste

„entschämungen“ von Siljarosa Schletterer

Sobald wir uns entblößt empfinden, regt sich die Scham, jene Emotion, die uns Peinlichkeit empfinden oder uns verlegen werden lässt. Sogar eine Demütigung erzeugen kann. Dies passiert, wenn der Schutzraum zerbricht. Eine Bekleidung oder eine Ummantelung, die unseren Kern vor dem äußeren Umfeld bewahrt. Die Scham nimmt Bezug auf einen inneren Prozess, wird aber viel zu oft auf das Körperliche reduziert. Auch in der Sprache ist das Körperliche schamhaft bekleidet. Somit ist der Lyrikband von Siljarosa Schletterer der Versuch, unser körperliches Gedankenkonstrukt durch sinnliche Sprache zu entschämen.

Die anatomische Begrifflichkeit geht mit dem allgemeinen Verständnis einher und begrenzt die eigentliche Wahrnehmung, Sexualität und Gefühlswelt. Die Annäherung an das Körperverständnis verlangt eine Eigenliebe. Bei der Sehnsucht nach Berührung wird Respekt, Liebe und Hingabe vorausgesetzt. Dabei ist eine Achtsamkeit nötig, damit durch die Körperlichkeit keine Verletzung verursacht wird.  Diese Entschämungen benennen den Sprachgebrauch, um diesen gänzlich neu zu kreieren. Können wir der Körperliebe, mit unseren gewöhnlichen Worten verkleidet, noch trauen? Die Wortspiele der Lyrikerin und Umbrüche im Vokabular und Zeilensatz lassen uns aufhorchen und dem Sinngehalt nachspüren. Der poetische Rhythmus verwandelt den Klang und erzeugt neue Räumlichkeiten und Bezüge. Die körperlichen Zuschreibungen, die meist anatomisch ernüchternd sind und die Scham durch die Wortdistanz sachlich entkräften, werden durch diese Lyrik neu geordnet. Die Scham, die Erniedrigung wird aus ihrem Trauma durch das literarische Hinsehen befreit.

Dies ist eine Aufforderung, auf den eigenen Körper zu hören und Mut zu haben, die Stimme zu erheben. Siljarosa Schletterer hat als Lyrikerin diese Kraft und lädt uns ein, in ihre ganz eigene Poesie durch die gegliederten Kantanten zu wandeln. Es sind Liebesgedichte, die durch Klang und Inhalt die gesetzten Formen und Normen erweitern. Das Lyrikbuch wird durch drei Grafiken von Franz Wassermann ergänzt.

„Falterfragmente / Poussière de papillon“ von Franziska Beyer-Lallauret

Der Gedichtband „Falterfragmente“ von  Franziska Beyer-Lallauret spielt ebenfalls mit einer Körperlichkeit. Doch keimen hier auch der Humor und das Märchenhafte. Der Falter als Sinnbild des leichten Fluges. Durch den Titel wird bereits die Assoziation mit der Buntheit, Natürlichkeit und der Zartheit gesetzt. Eine Zartheit, die in sich eine Fragilität verbirgt. Diese Lyrik ist zweisprachig, denn die Texte liegen hier in der deutschen und französischen Version vor. „Falterfragmente / Poussière de papillon“ ist auch der ganze Titel. Das Universum in diesem Werk ist überfüllt und doch schwebend und die Bestimmung der Zeilen wird auf dem ersten Blick fragmentarisch versteckt. Somit entfacht sich eine spätere Wirkung, wie es bei Poesie zuweilen erwünscht ist. Es ist ein feminines Universum mit märchenhaften Bildern. Diese Bilder wirken zuweilen verklärt und zeigen doch die Zerbrechlichkeit der Realität. Wir werden durch die Zeilen angesprochen und eingeladen, in einer vermeintlich behüteten Welt zu verweilen.

Es ist ein Gedichtband mit Bildern von Johanna Hansen und einem Nachwort von Patrick Wilden. Durch diese Lyrik schält sich ein Erkennen heraus, das uns berührt. Einiges ist überfüllt mit Bildern. Die Sprache ist raffiniert verspielt und alles ergießt sich zu einem Zusammenspiel. Der Mikrokosmos und das Natürliche versuchen hier den ganzen Kosmos einzufangen und durch den Flügelschlag der Poesie verändert sich die fragmentarische Sicht.

Rätselhaftes und Verwurzeltes sprechen von Kindheit, Heimat, Natur und unseren Träumen. Es sind eigensinnige Verse, die sich durch den Klang und die Bildgewalt in uns in Bewegung setzen. Das ganze Buch ist ein bibliophiler Wunderraum.  

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Joakim Zander: „Ein ehrliches Leben“

Was ist ein ehrliches Leben? Wenn wir etwas Authentisches erschaffen möchten, müssen wir bereit sein, dafür Risiken einzugehen. Doch wie weit darf dieses Risiko überspannt werden und birgt diese Unsicherheit nicht auch stets eine Gefahr? Joakim Zander spielt mit Authentizität, der Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit und der gesellschaftlichen Zerbrechlichkeit. Dabei ist sein Roman erneut ein spannendes Werk, das mit der Offenlegung der Mechanismen der Abhängigkeit und Zugehörigkeit unsere Bereitschaft durchleuchtet, die gesellschaftlichen, sowie sicheren Wege zu verlassen.

Joakim Zander spürt dem jugendlichen Wunsch nach einem freien Leben nach. Eine Freiheit, die sich eigene Wege aus den angepassten Strukturen sucht. Doch mündet diese Freiheit oft missverstanden in Anarchie und verletzt das Eigentum oder das Leben anderer. Joakim Zander benennt diese Begrifflichkeiten, ohne diese gänzlich zu definieren oder zu moralisieren, dies geschieht im Leseprozess ganz individuell. Joakim Zander fiel bereits sehr positiv mit seinen Politik-Thrillern um  Klara Walldéen auf, die mit „Der Schwimmer“ ihren Anfang nahm. Nun hat er einen Roman geschrieben, der wie ein Liebesroman beginnt, um dann ganz gehörig den Spannungsbogen auszudehnen und die Weltsichten aufeinanderprallen zu lassen und zu verdrehen.

Am Anfang muss sich der schwedische Erzähler, ein Autor, vor einem Spiegel-Journalisten in Hamburg rechtfertigen, warum sein gerade erschienener Roman unmoralisch gelesen werden könnte. Als Jugendlicher ist Simon, der spätere Autor, ein guter Schüler. Das Lernen fällt ihm leicht. Er liest gerne und träumt davon, Romane zu schreiben, die etwas bewirken. Doch zerplatzt dieser Traum, weil er keine gute Geschichte zu erzählen vermag. Er ist ständig gelangweilt und möchte das Kleinstadtleben verlassen. Er schreibt sich in Lund in die juristische Fakultät ein. Jura als Spielregel, um die Welt zu verstehen und um sich eine spätere Freiheit leisten zu können.  Sein Vater hat ihm ein WG-Zimmer organisiert. Hier wird ihm täglich seine Herkunft vorgespielt, seine Mittelmäßigkeit, denn er gehört nirgends wirklich dazu. Seine Mitbewohner und Vermieter sind reiche Studenten, die ihn lediglich als Dienstpersonal akzeptieren. Er hört von einer Demonstration in Malmö und hofft auf ein Spektakel und geht seiner Neugier nach. Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und der Polizei. Simon gerät unschuldig hinein, hilft und ihm wird geholfen. Dabei lernt er die junge Frau Max kennen. Es entsteht eine Freundschaft und Simon verliebt sich in Max, die ihn ihren Freunden vorstellt. Diese exzentrische Clique wohnt zusammen und wirkt belesen, gebildet und rebellisch. Die Gruppe lebt nach ihrem Freiheitsempfinden und radikalen Idealen und akzeptiert Simon, wie er ist. Doch sind sie ihm gegenüber auch immer ehrlich? Gerade Max, die er liebt? Das Leben verändert sich, bekommt eine neue Dimension und die Langeweile schwindet, verlangt aber enorme Risiken. Als Simon merkt, in was er hineingerissen wird, ist es zu spät, um aufzuhören. Er wird nach einer Mutprobe in Kopenhagen einer von den „Banditen“, wie sie sich selbst nennen.

Die gesellschaftlichen Spitzen werden nicht überzogen. Obwohl Klischees auftauchen, wie zum Beispiel Uhren und Surfen, die jeweils als Statussymbol oder Sinnbild der Freiheit und Hingabe  angesehen werden, gelingen die erzeugten Bilder und eine vielschichtige Handlung baut sich auf, die das soziale Gefüge wanken lässt. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann und Thomas Altefrohne übersetzt.

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Feridun Zaimoglu: „Sohn ohne Vater“

„Sohn ohne Vater“ ist ein ganz persönliches Werk, das versucht die Leere nach dem Tot des Vaters zu verstehen und zuzulassen. Der Verlust und der Schmerz erzeugen eine Wirrnis im Herzen und im Kopf, die der Handlung seine Haltung verleiht. Denn es wird ein Roadtrip, der den Wirklichkeitsbezug zu entkräften vermag und doch ist es Feridun, der als Erzähler auftritt und dann sein Ich in seiner Kunst verschwinden lässt.

Feridun Zaimoglu schlüpfte bereits in einige Persönlichkeiten in seiner Roman- und Bücherwelt. Seine Kunst ist es dann stets, die Realität durch Fiktion auszuhebeln. Der in Kiel lebende Autor behauptet diesmal, es selbst zu sein. Diese Romanrealität erhält durch den persönlichen Verlust einen Tiefgang, der viel Raum für Emotionen erzeugt und mit diesen Gefühlsmomenten spielt. Die innere Einsicht bekommt durch die lange Reise eine Erdung, die neben dem Durcheinander in der Seele auch das Chaos auf die Straßen Europas trägt und eine enorme Spannung erzeugt.

Feridun ist nicht unser direkter Nachbar, aber doch wohnen wir im selben Viertel und kennen uns bereits flüchtig gut. Ich hatte ein Anliegen an ihn und rief ihn an, er nahm ab, sagte er sei in der Türkei bei seiner Mutter und sei ganz entrückt und fokussiert und würde sich erst aus Kiel wieder melden. Durch dieses kurze Gespräch, bekommt das vorliegende Buch eine noch deutlichere Klarheit.

Es beginnt ebenfalls mit einem Anruf. Seine Mutter ruft an und sagt, sein Vater sei in der Türkei gestorben. Um dies zu begreifen und den Schmerz zu erfassen, irrt er durch Kiel. Er ruft seine Schwester an und beide weinen. Das eigene Gesicht scheint in der Trauer zu zerbrechen. In der Odyssee durch Kiel trifft er auf Bekannte und solche, die es gerne wären. Er sagt, er habe keinen guten Tag. Er müsse zu seinem Vater, der bereits beigesetzt wird. Er leidet unter enormer Flugangst und hat einen Führerschein, den er aber nicht nutzt. Um sich vom Vater verabschieden zu können und um bei der Mutter zu sein, ist eine Reise nötig. Freunde, die er besucht, kommen auf die Idee der gemeinsamen Reise. Geld muß organisiert werden, denn eine Reise kostet und als Künstler ist das Geld oft knapp. Seine Freunde leihen einen Wohnwagen und einer fährt Zaimoglu durch Europa. Eine lange Fahrt durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien in die Türkei.

Seit dem Anruf der Mutter ist der Kopf voller Erinnerungen an den Vater. Aus Ehrfurcht siezt der Sohn die Eltern. Erinnerungen an seine Kindheit, Jugend und das angefangene Medizinstudium. Sein Vater kam als Arbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Es sind Erinnerungen an viele Leben, Möglichkeiten und Geschichten. Geschichten, die für einen jetzigen Geschichtenerzähler nicht immer verbindlich sind. Somit werden die vergangenen Momente mehr Gefühlsfragmente und folgen nicht zwingend einer realen Logik. Menschen, die uns am nächsten stehen, können zu Seltsamen und auch zu Fremden werden. Der Vater als gebildeter Mann, der bei der Arbeit, in Feriensiedlungen und innerhalb des Lebensumfeldes für Aufsehen sorgte. Dies lag nicht allein an seinen gefärbten Koteletten. Er konnte stets vermittelnd eingreifen und sah Deutschland als seine Heimat an. Dies alles macht sich der Erzähler und Feridun zu eigen. Doch durch den Verlust fremdelt der Erzähler und die ganze Welt wird ein fremder Ort. Er ist unter Menschen und doch allein und ringt mit den Gedanken und Gefühlen. Auf der Fahrt trifft er auf seltsame Menschen, gerät in brenzlige Situationen und hat bei der Einreise Probleme, weil die Fahrzeugpapiere lediglich Kopien sind.

Durch die Trauer und den Aufbruch verrutschen die Wahrnehmungen. Hat sich alles tatsächlich so ereignet? Soll der Erzähler den Fahrer unterhalten oder stört er durch seine Geschichten und Gefühlsmomente?

Ein sehr persönlicher Roman über Verlust, Liebe, Aufbruch und letztendlich Ankommen. Das Wirren im Erzähler gibt den Klang des Textes vor. Feridun swingt sich beim Lesen und Schreiben stets ein, um seinen Ton zu finden. In diesem Werk spielt er mit den Tönen und Lebensperspektiven und reißt uns mit. Ein typischer und doch untypischer Zaimoglu, der zu begeistern versteht und uns direkt in die eigenen Empfindungen und Fragen reisen lässt.

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