Yves Ravey: „Taormina“

Taormina ist eine wunderschöne Stadt, die sich an die Hügel an der Ostküste Siziliens schmiegt. Der Ort hat mehrere Ebenen und zeigt alle Kulturen, die hier gelebt haben. Diese traumhafte Kulisse ist Schauplatz eines Miniromans, der viel erzählt und düster und spannend ist wie ein Krimi. Hierbei steht im Mittelpunkt eine moderne Trinacria, das Symbol Siziliens. Denn es sind im Roman drei Hauptthemen: der Tourismus, das organisierte Verbrechen und die Flüchtlingsströme. Dabei lebt der Roman von kurzen Szenen, Andeutungen und Bildern und ist ein Meisterwerk des Minimalismus und der Verdichtung. Schwarzer Humor trifft auf Spannung und erzählt eine perfide Geschichte.

Das Ehepaar Melvil und Luisa erhoffen sich viel von einem gemeinsamen Urlaub. Sie leben in Frankreich und in ihrer Ehe kriselt es gerade gehörig. Ein kultureller Strandurlaub soll die Gemüter und die Partnerschaft beruhigen und retten. Sie haben eine Woche Sizilien gebucht und haben für jeden Tag einen kulturellen Höhepunkt geplant. Abends am Flughafen gelandet holen sie den Leihwagen ab und wollen nach Taormina fahren, wo im unteren Teil der Stadt ihr Hotel gelegen ist. Die Stimmung ist bei den Beiden noch angespannt, dennoch versuchen sie sich auf die kommende Erholung einzulassen und zu freuen. Luisa möchte unbedingt als erstes zum Strand. Auf der Autobahn können sie bereits das Meer sehen und Melvil biegt an der ersten Möglichkeit ab, um zur Küste zu gelangen. Dabei geraten sie an einen Strandabschnitt, wo gerade viel gebaut wird und es lediglich eine Snackbar gibt. Als sie in der Dämmerung umkehren passiert es, sie fahren etwas an. Da dort viel Baumaterial liegt, vermutet Melvil, dass wohl nichts Schlimmes passiert sein könnte. Er hält an, steigt aber nicht aus und besänftigt Luise, die meint etwas Schemenhaftes gesehen zu haben, einen Hund eventuell? Da es bereits spät ist, wollen sie nicht das Hotel und das dazugehörige Personal aufschrecken und übernachten in einem kleinen Ort vor einem kleinen Laden im Wagen. Am kommenden Tag fahren sie weiter nach Taormina und versuchen, den Vorfall zu vergessen und nun endlich den Urlaub zu genießen.

Doch das Drama beginnt, denn Luisa, die Italienisch spricht, liest in der Zeitung, dass ein Kind von einem Migrantenlager tödlich angefahren wurde. Wenn sie nun den Schaden des Leihwagens der Versicherung melden oder sogar zur Polizei gehen, geraten sie sofort in den Verdacht. Waren sie es denn überhaupt, die das Kind angefahren haben? Sie finden mit der Hilfe eines Kellners des Hotels eine Autowerkstatt, die den Schaden schnell und diskret beseitigen kann. Doch das Netzwerk um die Mechaniker und den Tourismus ist gut aufgebaut und schnell geraten Melvil und Luisa in einen Wirbel, der den geplanten Urlaub bald in eine Hölle verwandelt.

Ein kurzweiliger Noir-Roman, der knapp erzählt ist, dennoch genau hinschaut und neben dem Spannungsbogen enorm viel Raum für Gesellschaftskritik schafft. Schuldzuweisungen, Eigenschutz und Persönlichkeitserhalt sind wichtiger als soziale Belange. In kurzen und tollen Szenen wird ein umfangreiches Psychogramm entworfen. Aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller.

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Anna Gien: „Paris · Rot“

Dieser Roman erschließt sich nicht sofort. Er ist dabei kein Kunstwerk, das lediglich mit Können protzt, sondern leichtfüßig, fast schon dunkel-elegant eine traumwandlerische Wirklichkeit erzeugt. Ist es eine Nacht voller Träume? Träume, in denen sich Ängste, Sehnsüchte, Begierde mit Phantasien und persönlichen Visionen buhlen? Dabei kommt es zu einer Reduktion der Persönlichkeit. Die Namen der Figuren verweben, verschwinden und tauchen wieder auf. Alle textlichen Abschnitte wirken surreal und märchenhaft. Die Rollen, in die jene Figur schlüpft, sind wandelhaft. Sind es ihre Charaktere oder jene, die sie für die Besucher spielen soll? Ein Hurenspiegel über dem Bett und die ominösen Männer, die auftauchen, zeigen eine Möglichkeit. Die Metropole Paris weckt schon immer durch die Vorstellung Lust und Lebenslust. Das Rouge mit dem sexuell aufgeladenen Varieté ist ein Bestandteil der Metaphorik. Denn alles ist hier Symbol und erzeugt Bilder, die voller Sinnlichkeit sind und von raubtierhaften Wesen und Menschen bevölkert werden.

Die Königin der Nacht ist ein Mädchen mit vielen Namen. Sie hat einen Zufluchtsort gefunden, das Hotel D´Avalon. Dieser mythische Ort wird ihr Refugium. Die Welt um sie droht zerstört zu werden und alles, was ihr nun bleibt, sind ihre Traumflüchte. Doch sind es Träume? Sind es geforderte Lebensspiele? Wie bei jeder Weissagung, erscheint auch hier ein Komet und Namen und Inhalte zeigen sich als falsch. Wenn das Positive im Leben schwindet, sucht das Ego Erklärungen und klammert sich am Positiven. Das Schöne, das lustvolle Leben versucht den Geist zu belohnen. Besonders wenn die Apokalypse sich ankündigt. Der Symbolismus in der Literatur versucht dem Materialismus, den großen Veränderungen und der Bedrohung des Untergangs in Bezug auf die Gesellschaft und die Natur etwas Erklärendes entgegenzuhalten. Die Wertigkeit löst sich auf, wenn Umbrüche unsere Leben bedrohen. 

Das Mädchen im Hotel als Begehrende oder Begehrte wirbelt durch Ernstes, Verstörendes und durch eine Welt, die unrealistisch real wirkt. Die Episoden und Szenen sind grotesk, voller angedeuteter Erotik und trotzen stets den gesetzten Weltbildern. Die Traumwelt verwebt, verdichtet und macht vieles dunkel, damit das Helle gesehen werden kann. Das intime Leben verwandelt sich. In den Tiefen des Erlebten, in diesem Labyrinth aus erdachten Emotionen und empfundenen Realitäten zeigt sich eine Vielfältigkeit.

Der Text fordert, gibt dabei nicht an. Die Bilder sind überbordend, aber nicht überlaufend. Ein Kaleidoskop, das letztendlich den Blick auf uns wirft und die Symbole erschließen sich. Ein rebellisches Werk, das in Tiefrot gemalt wurde und Paris als Klischeehandlungsort gerecht wird, um daraus ein Vielfaches zu erzeugen. Mit dem Buch reist man aus der Wirklichkeit, um in diese benommen zurückzukehren. Ein Buch das still erobert und zuweilen lautstark erobert werden will. Die Sinnhaftigkeit und das träumerische Verwirrspiel erklären sich nur durch eigenes Betrachten.

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Danilo Pockrandt: „Das Lepomu und andere Wunderwesen“

Danilo Pockrandt erforscht das Phantastische. Zuletzt erschien von ihm: „Daliegen wie eine Falltür“ (siehe hier im Leseschatz). Im Dämmerzustand verweilen wir noch im Land der Träume und die sich androhende Realität begrenzt dieses Land anfänglich noch freundschaftlich. Dies ist der Kern seiner Kurztexte. In seinem Bilderbuch, an dem Kinder und Erwachsene gleichviel Freude haben werden, sind es erneut textliche Miniaturen und gemalte Wesen, die aus einem wahrscheinlichen Mikrokosmos entsprungen sein könnten. Zumindest wirken die Wunderwesen wie Insektoide. Ein Bestimmungsbuch der Fabelwesen, die aus dem Kopf von Pockrandt in unsere Welt gesprungen sind und es sich durch die Lektüre nun bei uns sehr gemütlich machen. Beim Durchblättern und Stöbern erkennt man Wunderliches, Humorvolles und stets Phantastisches. Jede Wesensbeschreibung birgt tolle Entdeckungen und die dazugehörigen Fabelwesenzeichnungen regen die eigene Phantasie an. Die Wunderwesen werden immer vertrauter und, wenn man genau schaut, haben alle stets etwas mit uns zu tun. Jede Charakterisierung wird durch eine untere Kurznotiz ergänzt, die den humorvollen Horizont erweitert.

Wir begegnen Wesen mit großen Köpfen für große Gedanken, die im Kreis laufen. Uns läuft der großartige Beramock über den Weg und fragt zischelnd wo denn das Meer sei. An der Küste angekommen, können wir dann auf den Wanderdünen den Hangdünenläufer beim Faulenzen beobachten. Durch das Bestimmungsbuch können wir ein Tazek erkennen, lernen, warum es Wesen gibt, die keine Hände ausbilden mögen und viele, viele mehr.

Die Texte und Tuschezeichnungen von Danilo Pockrandt sind für große und kleine Entdecker ein feiner Spaß. Alles ist unterhaltsam, witzig und erzeugt Zugänge zu anderen Welten, die wiederum doch die unseren sind. Ein Bestimmungsbuch voller Wunder.

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Karin Peschka: „Dschomba“

Wir tanzen, um uns vom Ballast zu befreien, um Vergangenes von uns abzuschütteln und um uns ein wenig frei zu fühlen. Die auslösende Szene in dem Roman „Dschomba“ beschreibt einen Tanz auf einem Friedhof. Die Haupthandlungsorte sind der Eferdinger Pfarrfriedhof und die Gastwirtschaft des Ortes. Somit verwebt sich hierbei die Geschichte zwischen gastlicher Geselligkeit und geistlicher Trauer. Der Tänzer ist der Serbe Dragan Džomba, der im November des Jahres 1954 fast halbnackt zwischen den Gräbern tanzt. Er singt dabei ein Wiegenlied. Sein Treiben wird als pietätlos erachtet. Die Beobachtungen der Dorfgemeinschaft schwanken zwischen Neugier, Abneigung und Aggression. Der Dechant beruhigt die Gemüter und gibt ihm ein Quartier im Pfarrhof.

Dragan Džomba ist auf der Suche. Dort wo es kaum noch Spuren der Geschichte gibt, sucht er genau diese. Er lebt in der Gemeinschaft weiter als Fremder. Er erlebt Anfeindungen, Argwohn und Freundschaft. Als alter Mann sitzt er in der Gastwirtschaft an seinem Stammplatz. Das Fremde bleibt stets dem Fremden haften, auch wenn er bereits jahrelang Teil der Gemeinde ist. Die junge Wirtstochter beobachtet und bedient ihn. Er trinkt abendlich lediglich einen Schnitt Bier. Es entsteht eine Neugier und eine Verbindung und die eigentliche Geschichte kristallisiert sich langsam heraus. Die Handlung kreist um den Serbenfriedhof und das Kriegsgefangenenlager, das dort während des Ersten Weltkrieges errichtet wurde.   

Es geht um die Geschichte, aber auch um die Gegenwart. Stets ist es das Fremde, das innerhalb einer Gemeinde die unterschiedlichsten Reaktionen, Gefühle und Aktionen heraufbeschwört. Der Roman wirkt sehr authentisch und verwebt Fiktives mit Wahrheit. Karin Peschka ist in Eferding, Oberösterreich, geboren und kann auf ihre sozialen Tätigkeiten zurückgreifen. Das Wissen über die Vergangenheit des Ortes, in dem sie aufgewachsen ist, verarbeitet sie sehr literarisch. Ihr Aufwachsen in einem Gasthof und die Begegnungen hauchen dem Roman das entsprechende Leben ein. Ziemlich schnell verwurzelt man mit den Zeilen im Gasthof und dem Ort und lauscht den Geschichten über die Lebens- und Schicksalswege. Der Text will anfänglich etwas erobert werden, bereitet dann aber in Folge viel Freude. Das Verträumte trifft hier auf Geschichtliches und regt dabei durch die Sprache die Sinne an. Die Charaktere treten aus dem Nebulösen immer deutlicher hervor und mit ihnen auch ein feiner, leicht böser Humor. Der blinde Fleck in der Historie der Ortschaft und die Frage nach Heimat sind die Hauptthemen des Romans.

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Tomer Dotan-Dreyfus: „Birobidschan“

Dieser Roman webt ein Spiel aus Zeiten, Geschichten, Wahrheit und Fiktion. Dabei entsteht ein Teppich, der einem großartigen Flickwerk gleicht und bereits auf dem ersten Blick offenbart, wie klug, skurril, humorvoll und wunderbar das Buch ist. Ein verspielter Text, denn er kreiert Wort-, Kopf- und Gefühlsbilder. Märchenhaftes offenbart hierbei weltkluge Poesie. 

Tomer Dotan-Dreyfus Debütroman handelt von dem jüdischen Ort Birobidschan und wurde von ihm auf Deutsch geschrieben, wobei seine Muttersprache Hebräisch ist. Der Text ist eine Umkehr oder ein Versuch, die Zeit zu betrachten. Zeit, die linear wahrgenommen wird, verläuft nicht an einer Linie entlang. Sie ist eine Linie, die verbindet. Himmelsrichtungen und Orte werden durch diese Linie hartnäckig gestreift. Manchmal ist diese Zeitlinie aber auch rund. Gleich einem Ring, der sich verkleinern lässt oder sich fast ins Unendliche auszudehnen vermag. Zeit bewegt sich wie Rauch. Kann die Zeit umkehren? Kann sie das Innere nach außen kehren? Der Autor ist nun Herr dieser Elemente, muss aber aufpassen, so erkennt er selbst, denn wenn er zum Beispiel einen Bären in die Handlung setzt und abgelenkt wird, kann es passieren, das er Figuren verliert.

Stalin plant eine jüdisch-sozialistische Siedlung an der Grenze zu China. Was geschichtlich in den 1930er Jahren scheiterte, ist nun der Handlungsort des Romans. Dabei vermischen sich Vergangenheit, Gegenwart und Dichtung. Die übersprudelnden Geschichten handeln von den Bewohnern dieses Shtetls. Den Ort gibt es noch heute. Birobidschan ist der einzige Ort auf der Welt, in dem Jiddisch zur Amtssprache ernannt wurde. In diesem Ort treffen viele Linien zusammen, auch die Transsibirische Eisenbahn verbindet diesen weitentlegenen Ort mit dem Rest der Welt. Die gebrachte Zeitung ist zuweilen zwei Wochen alt, aber zu lesen gibt es auch den Birobidschaner Schtern. Die Siedlung in Sibirien liegt zwischen den Flüssen Bira und Bidschan, die hier zusammenfließen. Diese Ortschaft gibt den Rahmen für den im Roman beschriebenen magischen Realismus. In der Realität des Romans soll es ein Judentum ohne Antisemitismus geben. Die Handlung umfasst mehrere und hüpft innerhalb von Generationen und ist eine komisch-dramatische Gesellschaftsstudie. Das Politische wird märchenhaft und die Fabel kehrt ein ins private Leben.

Die Menschen, die Ur-Birobidschaner sind Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichten. Dabei wird geliebt, sich Sorgen gemacht und die kleinen Abläufe werden zu Weltgeschehen. Unterschiedliche Familiengeschichten verweben sich. Das menschliche Idyll gerät in einen Fluß, der letztendlich vieles aus den Fugen fließen lässt. Fremde und der oben genannte Bär tauchen auf und es werden Tote gefunden. Hierbei mischen sich Witz, Drama und die Lebens- beziehungsweise Zeitlinie, wird zackig, rund oder verlässt dabei ihre vorgesehene Bahn.

Ein herrlicher, kluger Spaß, der verzaubert. Die Realität birst und wird zuweilen auf den Kopf gestellt, um die Geschichte und Gegenwart aus anderer Perspektive neu zu erleben.

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Buchpreisbloggen 2023

Ich freue mich unglaublich, denn ich bin in diesem Jahr bei den Buchpreisbloggerinnen und Buchpreisbloggern dabei.

Literatur im Gespräch: Ab dem 22. August, mit Bekanntgabe der Nominierten, stellen wir 20 Buchbloggerinnen und Buchblogger die 20 nominierten Titel des Deutschen Buchpreises vor. Wir lesen dabei mindestens je einen der 20 nominierten Romane. Einer der nominierten Titel wird uns zugelost, über den wir schreiben, sprechen und diskutieren dürfen.

Ich bin sehr gespannt und freue mich auf meinen Titel, auf die nominierten Werke und daß ich dabei sein darf.

Es lohnt sich bereits, sich jetzt mit den Bloggerinnen und Bloggern zu beschäftigen, alles tolle Buchmenschen.

Mehr auf: https://www.deutscher-buchpreis.de/news/eintrag/die-buchpreisbloggerinnen-2023

Mein Blog: Leseschatz und Leseschatz-TV (YouTube)

#DeutscherBuchpreis #dbp23 #buchpreisbloggen

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Carl Nixon: „Kerbholz“

Der Roman lebt von der Landschaft, die einen fast zu verschlingen droht. Das üppige Leben und die Kraft der Natur stehen der inneren Leere des Menschen gegenüber. Eine Welt, in der wir das gröbste Raubtier sind, gibt viel Raum für psychologische Betrachtungen.

Carl Nixon, geboren 1967 in Christchurch, Neuseeland, wurde durch  Kriminalromane bekannt. Er schreibt aber auch großartige und ausgezeichnete Romane und Kurzgeschichten. Seine Perspektiven sind vielschichtig und greifen stets ineinander, so auch in „Kerbholz“. Dabei webt sich die Landschaft Neuseelands kunstvoll in die Handlung ein und verbleibt niemals als eine einfache Kulisse. Das Menschliche, das Düstere erhält dadurch einen natürlichen Rahmen. Die Bedrohung durch die Wildnis wirkt auf den ersten Blick beklemmend, um dann letztendlich das größte Raubtier zu präsentieren. 

Eine Familie aus London ist gerade nach Neuseeland gezogen, weil der Vater Karriere machen möchte und hier eine neue Stelle erhalten hat. Bevor er seine Arbeitsstelle antritt, möchte er mit seiner Frau und den Kindern das Land kennenlernen und mit einem Mietwagen Neuseeland bereisen. Bei einer verregneten Nachtfahrt kommt er von der Straße ab und das Auto fliegt mit den schlafenden Kindern die Böschung herab in den Fluss. Nur die drei Kinder auf dem Rücksitz überleben. Das Mädchen ist es, die sich sofort, trotz des Schocks, um die Brüder kümmert. Einer ist schwer am Fuß verletzt und bekommt starkes Fieber und der andere hat seinen Kopf gestoßen und wirkt apathisch. Sie finden eine Höhle aus Wurzelwerk und versuchen Wärme mit Hilfe der Kleidung des Vaters zu erzeugen. Die Suche nach der Straße oder nach Nahrung bleibt erfolglos. Durch den Schock und den Hunger bekommt die Natur immer mehr Unheimliches und sie meint Menschen oder Gespenster zu sehen. Dies passiert im Jahr 1978.

2010 erhält die Schwester von der beim Unfall verstorbenen Frau einen Anruf. Bisher ist der Verbleib der Familie ungeklärt. Oft hat sie die Familie gesucht, doch wurden sie dann später für tot erklärt und es gab sogar eine Trauerfeier. In Neuseeland wurde nun eine Leiche gefunden. Der Junge muss noch einige Jahre überlebt haben. Bei ihm fand man die Uhr des Vaters und ein Kerbholz. Ein Kerbstock ist eine Zählliste, um Zeiten festzuhalten oder er diente dazu, Schuldverhältnisse zu fixieren. Somit kommen Fragen auf und die Geschichte bahnt sich erneut in das Leben der Schwester der Verstorbenen. Wo hat er Junge überlebt und wer hat womöglich mit ihm überleben können? Was ist damals passiert?

Die Handlung wird erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven und wechselt in den Zeiten. Die Suche und der Kampf der Kinder, die versuchen in der Natur zu überleben. Die Kinder werden gefunden. Ein barscher, wilder Mann mit ungepflegten Dreadlocks und seinen Hunden nimmt sich der Kinder an. Wenn sie überleben wollen, sollen sie mit ihm kommen. Sie landen auf einer heruntergekommenen Farm und es stellt sich heraus, dass den vermeintlichen Rettern günstige Arbeitskräfte sehr gelegen kommen.

Der Mensch als anpassungsfähiges Wesen in seinem Kampf ums Überleben und um die Freiheit in einer überladenen Natur. Ein psychologischer Spannungsroman, der die Landschaft heraufbeschwört und diese als Gegenstück zu den Protagonisten stellt. Der Reichtum steht der inneren Dürre gegenüber. Im Text steht mehr als auf den ersten Blick ersichtlich. Ein packendes Werk über Familie, Überleben und die Wildheit im Umfeld und in der Psyche. Der Roman wurde aus dem Englischen von Jan Karsten übersetzt.

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Leo Gilbert: „Seine Exzellenz der Android“

1907 schrieb der Ingenieur und Wissenschaftsjournalist Leo Silberstein unter dem Pseudonym Leo Gilbert den Roman „Seine Exzellenz – der Automat“. Ein satirischer und phantastischer Roman, der wieder entdeckt und verlegt wurde. Es geht um künstliche Intelligenz und um den entmenschlichten Automatismus. Der Fortschritt, die Wirren der Zeit und die Kriege zeigen, dass sich die Technologien entwickeln, aber wir als Menschheit oft stehen geblieben sind. Hierbei rücken mechanisch handelnde Menschen und menschliche Maschinen in den Fokus dieses herrlichen Romans. Der Roman kann als einer der ersten Science-Fiction-Romane über künstliche Intelligenz gelesen werden. Der Autor war philosophisch und naturwissenschaftlich gebildet. Er referierte oft über sein Wissen, besonders über technologische und philosophische Themen. Er starb 1932 in Wien. In den 1930er Jahren war sein Werk das Opfer der Nazis. Das Buch wurde aus allen Bibliotheken entfernt. Zum Glück wurde das Buch nun erneut entdeckt und kann und sollte gelesen werden. Der Originaltitel wurde leicht verändert, um die aktuellen Diskussionen neben die historische Betrachtung zu stellen.

Der erste Satz läutet bereits die Stimmung ein. „Es war gegen das Ende des Jahrtausends der Technik …“ Somit zeigt der erste Satz den Beginn der phantastischen Erzählung und auch gleichzeitig die Kritik an der Glorifizierung der Technologie. Der norwegische Wissenschaftler Frithjof Andersen haust im vierten Stockwerk eines Gebäudes mit missgestimmten Mitbewohnern. In seiner Wohnung gehen ungeheuerliche Dinge vor. Aus späterer Sicht könnte dies an Victor Frankenstein erinnern. Der Physiker und Ingenieur kreiert einen Androiden, dem er durch mathematische, chemische und physikalische Prozesse Leben einhaucht. Dieser Automat reagiert auf Stichworte und kann bald schon längere Passagen vortragen und lernen. Er handelt selbständig und erhält individuelle Merkmale. Er imitiert den Menschen und durch den lebendigen Körperbau gelingt die Maskerade. Die Entwicklung ist nicht zu stoppen, ein Ausschalten ist nicht vorgesehen gewesen und die menschliche Maschine emanzipiert sich immer mehr. Sie wird Großindustrieller und später sogar zum Minister ernannt. Es kommt zum Kriegsgeschrei und spätestens als die Gefahren für die Menschen jetzt immer größer werden, sieht sich Andersen in der Verpflichtung einzugreifen.

Das Thema Mensch und Maschine war damals etwas Neues. Die Ironie zwischen vermenschlichten Androiden und roboterhaften Menschen ist dennoch von einer Aktualität, dass es eine Freude ist, diesen Schatz neu entdecken zu dürfen. Politisches, unterschiedliche Ideologien und die Frage nach der Menschlichkeit werden auf sehr humorvolle Weise beleuchtet. Wie im Text die Themen, die unsere gegenwärtigen Diskussionen beleben, bearbeitet werden, macht großen Spaß. Das Buch ist witzig und philosophisch. Mit einem Geleitwort von Rudolf Goldscheid und einem Nachwort zur Neuausgabe von Nathanael Riemer.

Diesem Leseschatz ist eine große Leserschaft zu wünschen! Ein scharfer und satirischer Blick auf unsere Welt aus der fast vergessenen Vergangenheit. Das Buch ist eine Sensation und eine herrliche sowie altmodische Reise in die Moderne.

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Johanna Wurzinger: „Und das Universum schweigt“

Die Figuren im Roman „Und das Universum schweigt“ sind auf der Suche nach sich selbst und nach Zufriedenheit. Es geht um die vielen Geschichten, die jede Begegnung mit sich bringt, und die einen Menschen letztlich formen.

Das Leben ist konfus und kompliziert. Durch die Schnelllebigkeit und die Fülle an Wissen und Unwissen, die uns permanent umgibt, ist die persönliche Verwirrung ein individuelles Füllhorn an Orientierungspunkten. Dabei versucht der moderne Mensch beständig, einen Anker zu werfen, um die Welt sich langsamer um die eigene Achse drehen zu lassen, damit man den herumschwirrenden Blick endlich fixieren kann. Doch die Frage, wo sich die eigene Weltsicht festigen kann, muss jeder für sich finden. Egal wie wild wir es dabei treiben, das Universum schweigt meist beharrlich zu unseren Bemühungen.

Es sind die Figuren Viktor und Patrizia, die durch das Leben strudeln. Ungefestigt und stets auf der Suche. Patrizia ist widerspenstig und möchte aufbegehren, oft wimmert in ihr ein dagegen sein wollen. Sie hadert mit den Menschen und mit dem Establishment. Viktor will nicht angepasst sein und ist gegen Konsum, Egoismus und Selbstgerechtigkeit. Somit wandeln beide zwischen Rebellion und Resignation, bis sie sich zufällig begegnen.

Die Handlung ist ausufernd, mäandernd und strudelt über, wie unsere fiebrige Gegenwart. Genau in dieser schwirrenden Hitze treffen die beiden Protagonisten in der Hölle eines mallorcinischen Billighotels aufeinander. Patrizia und ihre Freundin machen Urlaub und wir begegnen ihnen erstmalig beim Frühstück. Selbst in dieser kleinen Szene wird die ganze Unsicherheit der Charaktere deutlich.

Viktor arbeitet in Wien als Lektor. Der Verlag ist spezialisiert auf diverse Weltsichten und mannigfaltige Theorien. Da die Themen alle kontrovers, divers und beleg- und wiederlegbar sind, strauchelt Viktor durch dieses Wissen. Er schreibt selbst und wird missverstanden. Er ist genervt und betrunken, als er beschließt abzuhauen. Er bucht einfach einen Flug und lässt sich vom Taxifahrer zu einem Hotel bringen. Erst am kommenden Morgen fragt er sich, wo er gelandet ist. Dies trifft auf das Leben beider Protagonisten zu. Wo landen wir im Leben und sind uns unsere eigenen Ziele bewusst? Viktor, der ein Welterklärer ist, der keiner sein wollte, trifft auf Patrizia und beide erahnen einen Weg.

Figuren, die mit sich und den Menschen hadern. Mutlosigkeit, Verwirrung, Frust und Aufbegehren entstehen durch die Überfülle und Schnelllebigkeit, die wir gegenwärtig erleben. Die überhitzten Gemüter wollen Sand im Getriebe der Gesellschaft sein. Sand taucht auch als Bild auf, der an der feuchten Haut klebt und am Strand doch stets einladend wirkt.

Johanna Wurzingers Debüt ist ein Füllhorn an Gegenwärtigkeit und mit viel Zynismus und Witz erzählt. Fast mühelos verwebt sie die Handlungshappen zu einen Gesamtbild und versteht dabei gut zu unterhalten. Das Buch lässt sich fließend lesen und das ganze Konstrukt fügt sich logisch zusammen.  

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Jose Dalisay: „Last call Manila”

Die Würde der Existenz steht in diesem vielfältigen Roman im Mittelpunkt. Denn was ist das menschliche Leben wert? Der respekt- und würdelose Umgang mit Menschen, die keine Lobby haben oder mittellos sind, ist ein globales Phänomen und großartig in dem vorliegenden Roman mit einem lakonischen Ton eingefangen. Das Werk liest sich wie ein Krimi und ist dabei ein Gesellschaftsroman. Der philippinische Autor Jose Dalisay erzählt vom Alltags- und Überlebenskampf. Es geht um die philippinischen Menschen, die in weit entfernten Ländern, wie Europa, Arabien, Skandinavien oder den USA, unter entwürdigenden Umständen arbeiten, um Geld für ihre Familien zu verdienen.

Es beginnt mit einem Zinksarg, der in einer Holzkiste aus Jeddah in Saudi-Arabien per Luftfracht auf dem Flughafen in Manila angeliefert wird. Die Frauenleiche wird anfänglich das Opfer von bürokratischer Missachtung. Es kommt zu einigen Verwechslungen und auch dadurch zu einem falschen Benachrichtigungsschreiben an eine Familie, die ihren ermordeten Sohn im Empfang nehmen wollten. Doch ist es eine Frauenleiche, die nun in der Airport-Halle lagert. Die Begleitscheine weisen den Überresten den Namen Aurora V. Cabahug zu. Ein Polizist namens Walter soll den Sarg nun in die Heimatstadt der Verstorbenen transportieren. Er kennt den Namen der Frau. Er hat sie gerade als Sängerin „Rory“ in einer Bar gesehen. Es kommt nun heraus, dass die Tote die Schwester der Sängerin ist und unter deren Namen als Dienstmädchen nach Saudi-Arabien vermittelt wurde und schon länger als vermisst gilt. Die Sängerin und der Polizist wollen den Sarg nachhause bringen und es kommt zu weiteren makabren Ereignissen.

Neben der Handlung und der Hauptfrage, was der Toten passiert ist, geht es um die Einblicke in die Gesellschaft, in der es fast in jeder Familie mindestens eine Frau oder einen Mann gibt, die in anderen Ländern unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Ein Roman mit dem Bild unserer heutigen Gesellschaft aus der philippinischen Sicht. Jose Dalisay zählt zu den bedeutendsten Autoren der Philippinen. Die Handlung liest sich spannend und die Frage, wie kam die Frau in Saudi-Arabien ums Leben, erzeugt einen enormen Lesesog. Die ganzen Nebenschauplätze ufern dabei nicht aus, sondern belegen ein gesellschaftliches Menschenbild. Die Handlung bleibt dabei stets voller Überraschungen. Der Klang des Textes überzeugt durch seine Distanz aus der auktorialen Perspektive. Die Sprache erklingt dabei zuweilen bitter, lakonisch und erzählt wird auch mit schwarzem Humor. Doch ist einem dabei nicht immer zum Lachen zumute.

Der Roman zeigt die Kluft zwischen Arm und Reich und den Menschen, die innerhalb der Gesellschaft einen Wert vermitteln und jenen, die ein Schattendasein ertragen müssen. Es geht ums Überleben, Gerechtigkeit, die tagtägliche Gewalt und Politik. Dabei wird die Schieflage unserer Weltstruktur auf groteske Weise deutlich und die kleinen, tragischen Geschichten werden ganz groß. Übersetzt wurde der Roman aus dem Englischen von Niko Fröba.

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