Sandra Weihs: „Bemühungspflicht“

Wohl das Buch der Stunde, denn es zeigt mit viel Witz und Empathie den Versuch der individuellen Selbstachtung gegenüber dem System. Gerade jetzt, wo die Diskussion beginnt, dass Kultur und der Sozialstaat nicht mehr haltbar sind. Ein Roman, den wir allen zum Lesen geben sollten, die mit einem Wohlstandsgrinsen behaupten, uns geht es doch zu gut. Es ist ein Text, der gegenwärtig ist und mit einer besonderen Erzählweise geschrieben wurde. Denn wie sollte das aktuelle Gerechtigkeitsempfinden mit einer einzigen Erzählstimme einfangen werden können? Der Roman wird belebt durch unterschiedliche Perspektiven, die um das Umfeld des Protagonisten agieren. Die eigentliche Ich-Erzählerin ist eine Person innerhalb des Behördenkomplexes, die versucht das individuelle Schicksal zu verstehen und eine tatsächliche Hilfestellung anzubieten. Sie erzählt die Handlung und somit wird der Hauptcharakter aus ihrer Sichtweise zu einem Du, das uns somit alle ansprechen könnte. Denn das geschilderte Schicksal ist realistisch und könnte uns alle betreffen oder berühren.

Es ist ein Text, der auf uns einwirkt und besondere Mechanismen loslöst, die uns emotional mitreißen. Eine Welt, die uns lehrt, dass Geld das einzige ist, das Gewicht hat, aber uns leichter werden lässt. Es ist das System das erkrankt und die Menschen auf beiden Seiten, die beurteilen und abwägen, sind ebenfalls dem Reglement unterworfen, wie jene, die Forderungen stellen und sich den immer abgeänderten Maßnahmen unterwerfen. Die Sozialhilfe ist nur mit auferlegten Bedingungen zu beziehen. Doch wer überprüft jene, die genau diese Regeln überprüfen und die Spielräume deklarieren? Wir haben innerhalb des Systems zu funktionieren. Sollten wir durch das gesellschaftliche Raster fallen und Hilfe benötigen, wird uns eine Bemühungspflicht auferlegt. Um diese geht es im Roman und um dessen Auswirkung, um die Bürokratie und Ungerechtigkeit.

Manfred Gruber hat eine Lehre als Metzger gemacht, weil er als junger Mensch dahingehend von der Familie gedrängt wurde. Ein Beruf, den er nicht mochte und durch weitere private Abzweigungen innerhalb des Lebenslaufes ist er nun Sozialhilfeempfänger. Er lebt in Trennung und hat einen erwachsenen Sohn. Er wohnt allein im geerbten Elternhaus. Die Nachbarn und die Behörden haben jeweils eigene Sichtweisen auf ihn und erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven. Als Manfred, kurz Fred, einkaufen geht, merkt er an der Kasse, dass er sich den Orangensaft nicht mehr leisten kann. Er hat seinen Antrag rechtzeitig und mit allen erforderlichen Dokumenten eingereicht. Dennoch blieb die Zahlung aus und er versucht dies mit den Behörden zu klären, warum er benachteiligt wurde. Sein Antrag wurde noch nicht bearbeitet und neue Bestimmungen sollen demnächst auch für ihn umgesetzt werden, denn er hat ja das Haus und Grundstück. Es gab Vorfälle, die die Behördenmitarbeiter ängstlich werden ließen, weil Antragsteller aggressiv reagierten. Somit verkeilt sich die Sicht zwischen Antragstellern und den Sachbearbeitern. Manfred Gruber versucht stets, den Anforderungen Folge zu leisten und doch ist er auffällig, weil er auch gerne Beschwerdebriefe schreibt und an Misanthropie und unter mangelndem Selbstvertrauen leidet. Geht es noch um Würde, um Erhalt der Lebensbedingungen oder einfach um das einfache Recht auf Leben? Somit schaukeln sich die Stimmungen hoch und die Nachbarn werden Zeuge von Ereignissen, die in Folge sogar die Medien interessieren.

Mit einer enormen Sachkenntnis und Humor tauchen wir in die wechselnden Perspektiven ein, die innerhalb weniger Tage unser gesellschaftliches System beleuchten. Der Misstrauensvorwurf gegenüber den kleinsten Einheiten innerhalb des Wertesystems macht betroffen und lässt es nicht mehr zu, dass weggeschaut wird. Ein eindringlicher Text, der detailverliebt einen großen Kosmos öffnet, der sprachlos macht, uns lachen lässt, wenn es nur nicht so realistisch wäre.

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Shūsaku Endō

Ein bedeutender Roman ist in einer Neuausgabe erschienen. Es ist ein Roman, der uns eine alte und ferne Welt sehr nahe bringt. Es ist wohl einer der bedeutendsten historischen Romane innerhalb der Weltliteratur. Martin Scorsese hat ihn mehrfach gelesen und sich immer gewünscht, diesen zu verfilmen. Dieser Traum ging 2016 in Erfüllung und es ist ein sehr sehenswerter Film entstanden. Für Scorsese ist das Buch ein Lebensbegleiter und die Werke von Shūsaku Endō gehören in den Kanon der Weltliteratur, der gelesen gehört. Der Roman „Schweigen“ stellt jene Frage aus dem historischen Kontext, warum das Göttliche bei unserer menschlichen Grausamkeit schweigt.

Der Roman „Schweigen“ spielt im Jahr 1638 und aus Portugal machen sich Patres auf den Weg nach Japan, denn die katholische Kirche in Rom erhielt die Nachricht, dass einer ihrer berühmten Lehrer und Missionare in Japan seinem Glauben abgeschworen habe. Man wusste von der dortigen Christenverfolgung und Folterungen. Bei der Ankunft erleben die Jesuiten eine entsagungsreiche Welt, die brutal und unmenschlich den anderen Glauben verfolgt. Angesichts dieser Ereignisse, stellen sich die Christen die Glaubensfrage.

Shūsaku Endō ist ein christlich geschulter Autor in Japan. Er lebte von 1923 bis 1996 und studierte französische Literatur in Japan und katholische Literatur in Frankreich. Seine Hauptwerke sind die Romane „Schweigen“, „Samurai“ und „Skandal“. Letzterer hebt sich aus den beiden vorherigen inhaltlich etwas ab. „Samurai“ ist ebenfalls eine literarische Reise in alte Zeiten und „Skandal“ spielt in näherer Gegenwart und behandelt psychologische, ethische und gesellschaftliche Grundfragen.

Jener „Samurai“ ist ein Landadliger, der ein für ihn zufriedenstellendes Leben führt. Doch ist er stets abhängig von der Obrigkeit und er hat zu gehorchen, bei der ländlichen Zuweisung oder neuen Einberufungen. So gehorcht er auch, als er als Abgesandter im Jahr 1613 nach Mexiko, Spanien und Italien geschickt wird, um Handelsbeziehungen zu erkunden. Innerhalb dieser Gruppe befindet sich ein spanischer Franziskaner, der sehr egoistische Ziele verfolgt. Entgegen seiner eigentlichen Weltsicht und Religion, lässt sich der Samurai taufen und wird Christ, um die Mission nicht zu gefährden. Bei der Rückkehr nach Japan haben sich die Verhältnisse gänzlich geändert und Christen werden verfolgt.

„Samurai“ und „Schweigen“ sind Einblicke in fremde und alte Welten und so wunderbar geschrieben, das wir durch diese Literatur sehr viel erfahren dürfen.

„Skandal“ erzählt die Geschichte eines erfolgreichen Schriftstellers, der auf einer Preisverleihung von einer angeheiterten Frau angesprochen wird. Diese behauptet, sie kennen sich aus dem Rotlichtbezirk in Tokyo. Dadurch wird seine Ehe und Ehre bedroht und er versucht jenen lüsternen „Doppelgänger“ zu finden. Doch muss er sich dann die Frage stellen, ob das Abgründige in ihm selbst sein könnte.

Die Werke von Endō sind Bücher, die gelesen werden sollten. Es sind tiefgründige und historische Begegnungen des Abendlandes mit Japan, die durch großartige menschliche Einblicke belebt werden.  

„Schweigen“ wurde aus dem Japanischen von Ruth Linhart und die beiden anderen Werke von Jürgen Berndt übersetzt.

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Hermann Hesse: „Kurgast“

Mit Hermann Hesse beginnt für viele das Entdecken der Weltliteratur. Er hat nicht wegzudenkende Klassiker hinterlassen und ist wohl einer der bekanntesten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Werke prägten eine ganze Jugend und fesseln oder ordnen weiterhin das individuelle Chaos im persönlichen Erwachen. Sein Weltruhm ist unbestritten und doch konnte er sich auch ganz anders zeigen. Sechs Jahre nach dem Erscheinen von „Demian“ und drei nach seiner buddhistischen Bibel „Siddharta“ verfasste er „Kurgast“. In diesem Werk fixierte er seine Erlebnisse im schweizerischen Kurort Baden an der Limmat. Kein anderes Werk von Hesse ist humorvoller. Seine persönliche Überempfindlichkeit sieht er vorerst bei den andern Mitpatienten. Er taucht als zynischer Beobachter auf, der sich als erhaben über die anderen Kurgäste empfindet und  dann doch erkennt, dass er selbst einer dieser Menschen ist und er beginnt über sich selbst zu lachen. Die häufigsten Leiden in diesem Kurort sind Gicht, Rheumatismus und Ischias. Auch Hesse leidet mit und er ahnt nach diesem Aufenthalt wohl noch nicht, dass er ein beständiger Kurgast im Leben werden wird.

Hesse hat den jetzigen „Kurgast“ als „Psychologia Balnearia“ selbst veröffentlicht. Seine Niederschrift wurde später offiziell verlegt und fand seine Bewunderer. Auch Thomas Mann, der etwas später mit seinem Zauberberg etwas Ähnliches und doch etwas ganz anderes erschuf, lobte es. Wir lernen Hesse auf eine unbekanntere, humoristische und selbstironische Weise kennen.

Heute, hundert Jahre nach dem Buchjubiläum, gibt es eine ganz besondere und wunderbare Neuausgabe des Werkes. Der Text basiert auf der damaligen Drucklegung, aber die besondere Aufmachung und Gestaltung ist ein Kunstwerk wie bei der Edition Officina Ludi üblich. Die Schweizer Künstlerin, Karin Widmer hat das Buch illustriert. Sie ist die Urenkelin des Dichters und ihre Feder- und Aquarellzeichnungen sind durch den Stil der 1920er Jahre geprägt. Sie hat sich als Grafikerin einen Namen machen können und wirkt auch als Gerichtszeichnerin. Dieser Stil ist in den Bildern unverkennbar. Die Bilder im Buch wirken wie kunstvolle Schnappschüsse und sie fängt die von Hesse geschilderten Situationen gelungen auf und vertieft das Scherzhafte und Leichte.  Somit kann Hesse ganz persönlich und neu erfahren werden. Das Szenario und Hesse werden toll porträtiert. Hesses Erscheinung reicht vom gebückten und schmerzgepeinigten Mann, saloppen Autor bis zum Bademantel tragenden Kurgast. Es sind aber über 50 Farbzeichnungen und der ganze Umfang wird sehr gesellig dargestellt. Die Direktorin des Hesse-Museums in Montagnola, Regina Bucher, rundet mit ihrem Nachwort die gesamte unterhaltsame Lektüre ab.

Das Buch ist eine wunderbare Einladung, Hesse erneut in sein Leben einzuladen und eine ganz neuen Blick auf ihn und eventuell auch auf sein Schaffen zu bekommen.

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Vea Kaiser: „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“

Nicht nur dem Titel nach, meistert Vea Kaiser ihre Geschichten. Seit ihrem Debütroman „Blasmusikpop“ ist sie im Leseschatz und in der Buchwelt eine konstante Größe. Vea Kaiser schreibt mit sehr viel Liebe, Witz, Sprachverständnis und mit sehr viel Hingabe zu ihren Figuren. Es sind immer die eigenwilligen Protagonisten, die den Romanen viel Leben schenken. Ich habe sie seit ihrem Debüt gerne mit der weiblichen und europäischen Antwort auf John Irving tituliert und erneut konnte sie diese fesche Behauptung kräftig belegen. Das Wortspiel im Titel lässt es erahnen, denn Vea Kaiser hinterlässt keine unbeschriebenen Blätter, sondern prägt die Charaktere und Geschichten mit Inhalten, die Spaß machen, Stimmungen erzeugen, zum Schmunzeln und zum Denken anregen. Wer von der literarischen Welt der Kaiserin bisher nicht süchtig wurde, wird es wohl spätestens jetzt werden.

„Fabula Rasa“ handelt von einer Frau, die aus einfachen Verhältnissen kommt und für sich und ihren Sohn die Geschicke selbst in die Hand nehmen muss. Vea Kaiser schreibt einen Roman, der aber auf einem wahren Fundament gebaut wurde. Die Heldin, Angelika Moser, macht Schlagzeilen als Hotelbuchhalterin, die ihrem Arbeitgeber über Jahre hinweg Millionen von Euro gestohlen hat. Der Prolog erzählt von den persönlichen Besuchen im Gefängnis. Es folgen zehn weitere, die als „Unterhaltung in der Josefstadt“  die Handlung und den jeweiligen Akt, die Hauptabschnitte des Romans, bereichern.

Die Mutter von Angelika Moser ist Hausbesorgerin, also Hausmeisterin eines Wohnkomplexes und lehrt ihre Tochter früh, dass das schöne Leben, der Lebenstanz, für sie lediglich durch den Fernseher ersichtlich wird. Angelika liebt das Wiener Nachtleben und zieht mit ihrer besten Freundin, Ingi, gerne durch die Clubs und Bars. Dabei überspannt Ingi meist den Bogen und flüchtet sich in zu viele Rauschzustände. Angelika arbeitet in der Verwaltung eines Traditionshotels in der Buchhaltung. Das Hotel, das Grand Hotel Frohner, ist Anlaufstelle für betuchtes Publikum und nicht nur während des Opernballs ein Heim für Prominente. Durch ihren Fleiß fällt Angelika dem Inhaber positiv auf. Nicht nur dass Angelika ihm bei einem persönlichen Missgeschick hilft, soll sie für ihn auch die Bilanzen verändern, damit eventuelle Parteien, die Anspruch am Hotel erheben könnten, das Interesse verlieren. Auch der Praktikant wird ihr von der Geschäftsleitung zur Seite gestellt. Dieser übt auf Angelika eine Faszination aus und er möchte sie sogar später mit nach New York nehmen. Doch seine Flatterhaftigkeit und seine familiären Bindungen bringen sie ab von diesen Träumen. Sie überwindet alle Hürden und kann Karriere im Hotel machen. Ihr Privatleben ist durch die Mutter, den bisher unbekannten Vater und ihre Freunde sehr wechselhaft. Ebenso gestaltet sich ihr Liebesleben turbulent und da sie stets weiterhin gerne ausgeht, kommt sie dem Sänger Freddy immer näher. Sie bekommen ein gemeinsames Kind und der Musiker ist mit seinen neuen Lebenssituationen gänzlich überfordert. Somit ist Angelika, um ihr und ihrem Sohn ein gutes Leben zu sichern, bereit, weiterhin die Genauigkeiten in der Buchhaltung und im Leben auszudehnen. Lange macht sie diese Zahlenspielereien, bis sie erneut an ihre Grenzen gerät.  

Ein farbenfroher und sehr unterhaltsamer neuer Roman von der Kaiserin. Der Titel „Fabula Rasa“ verspricht alles, was der Text auch zu halten vermag. Großartige Charaktere treffen auf Fabulierspaß und auf eine toll erzählte Geschichte. Der Roman macht im positiven Sinne süchtig und berauscht durch seine Lebendigkeit.

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Alessandro Baricco: „Abel“

Alessandro Baricco gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Italiens. Lange war es um ihn herum still geworden, doch nun hat er ein Wunderwerk verfasst und verpasst einem althergebrachten Genre einen frischen Anstrich, erfindet dieses fast neu und gibt ihm das Literarische zurück. Es ist ein Western, aber was für einer. Einer, der mit einer Kunstfertigkeit geschrieben wurde, die eine enorme Vielschichtigkeit beinhaltet und philosophisch die Grundfragen des Lebens beleuchtet. Helden, die belesen sind und gleichzeitig es verstehen, mit den Waffen zu sprechen und dabei Philosophen zu zitieren. Das gab es bisher kaum oder selten. Dieser kurze Roman ist episch und dennoch episodenhaft. Er verzaubert und ist bildgewaltig und man möchte diesen eigentlich mit dem Soundtrack von Ennio Morricone lesen. Denn es ist ein italienischer Western der Extraklasse. Der Stoff ist aber wohl schwerlich zu verfilmen. Dennoch hat man beim Inhalieren sofort alte Filmhelden im Kopf, die nun plötzlich alle Facetten des Lebens durchlaufen.

Abel Crow ist eine Legende. Er ist der Sheriff einer Kleinstadt und ist siebenundzwanzig Jahre alt. Seine Mutter wurde wegen einer Angelegenheit mit Pferden erhängt. Seine Erinnerungen an die Kindheit sind auch mit einer enormen Kälte verbunden, und das körperliche Erwachen war fast zu eng an die Mutter gebunden. Er leidet unter schlaflosen Nächten und hat seine Geheimnisse, von denen wohl nur seine große Liebe, die geheimnisvolle Hallelujah Wood, weiß. Schüsse werden in seinem Leben nicht nur für die Jagd oder zum Töten angewendet, sondern auch um Aufmerksamkeit zu erlangen. Er wurde zu einer Legende, als es zu einem Banküberfall in seinem kleinen Städtchen kam. Die Täter traten aus der Bank im diffusen Licht und schleiften Geiseln mit sich. Abel und seine Stellvertreter stellten sich diesen in den Weg. Abel erkennt sofort, dass eine der Geiseln, der Bankdirektor, wohl beteiligt am Überfall ist und seine Geiselnahme nur mimt. Die Räuber treten arrogant auf und haben nicht alle eine benötigte Schläue und Abel kann mit zwei Pistolen gleichzeitig zwei verschiedene Ziele treffen und das Schauspiel beenden.

So beginnt die Geschichte des Helden Abel, der zur Legende wurde und seine Liebe sucht. Hallelujah Wood liebt ihn auch, bleibt aber unerklärlich und geht immer wieder fort. Seine Geheimnisse und Vergangenheit fordern ihn heraus und er muss sich diesen und weiteren Abenteuern stellen.

Alessandro Baricco gibt dem Western ein ganz neues Gewand und stellt innerhalb der sprunghaften und szenischen Handlung existentielle Fragen. Alles ist spannend, schön und klug aufeinander abgestimmt. Alessandro Baricco wurde 1958 in Turin geboren. Er studierte Philosophie und Musikwissenschaften. Er hat Romane und zahlreiche Essays, Erzählungen sowie Dramen verfasst. Sein bekanntestes Werk ist „Seide“. Mit „Abel“ meldet er sich nun ungewöhnlich und doch mit einem passenden Knall zurück. Das Werk übt eine Faszination aus und durch die kurzen Kapitel werden wir in einen Strudel gerissen, der den üblichen Western belebt, verändert und vertieft. Der italienische Western war somit nie weg oder vergessen und ist, zum Glück, immer noch gegenwärtig. Übersetzt von Annette Kopetzki.

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Anna Sanner: „Wie man in Japan Go-go-Girl wird“

Anna Sanner sammelt Erfahrungen. Diese erhält sie durch Begegnungen mit Menschen. Je fremder die Menschen sind, desto ungewöhnlicher sind dadurch auch ihre Erlebnisse und Anna Sanner reizt das Verlangen, diese kennenzulernen stets aufs Neue. Sie studierte Japanologie in Schottland sowie Japanisch-Dolmetschen in England. Ihre Tätigkeiten umfassen den Lehrberuf, den der Übersetzerin, Dolmetscherin und sie war Show-Ninja und Go-go-Girl. Ihr erstes Buch, ihr Memoir ist „Wie man in Japan Ninja wird“. Nun blickt sie erneut zurück, auf die Zeit nach der Ninja-Ausbildung. Sie beschreibt Ihre Zeit in Japan, als sie als Tänzerin im Rotlichtmilieu eintauchte. Es ist ein dezentes Rotlicht mit viel Respekt und weniger Nacktheit. Sie lebte länger in Japan und stolpert, wie auch im ersten Buch, erneut über eine Anzeige. In dieser wird eine Go-go-Tänzerin gesucht. Vor Jahren war sie mal in einer Erotik-Bar, als sie auf den Zug wartete und neben dem finanziellen Aspekt reizt sie wieder eine gänzlich fremde Welt und ihre Menschen. Ihre Motivation sind die Hintergründe, die Geschichten und das Erkennen der eigenen Grenzen.

Ihr neues Buch ist wieder ein Erfahrungsbericht eines ungewöhnlichen Weges. Durch den flüssigen Sprachstil, die einfühlsame Beschreibung der Begegnungen und Erlebnisse erfahren wir sehr viel aus einer uns unbekannten Welt. Das Buch öffnet neue Horizonte und erzeugt eine beständige Neugier. Mit einer sehr offenherzigen Weise schreibt Anna Sanner über Grenzerfahrungen, über Milieus und Kulturen. Durch ihr Wissen und ihre Neugier erfahren wir sehr viel über japanische Kultur. Anna Sanner ist sprachbegeistert und neugierig auf die Welt und gibt dieses nun an uns weiter.

Es ist eine erotische Unterhaltungsbranche, die ihr begegnet. Durch ihre Kampfkunstausbildung und die Liebe zur Bühnenkunst hat Anna mit ihrem Partner schon immer ein Faible für Kleinkunst und Selbstdarstellung. Sie testet sich aus und nimmt die Einstellung als Go-go-Girl an. Dabei bedient sie die Gäste und tanzt in bestimmten Showabfolgen. Der Tanz bleibt immer ein bekleideter, auch wenn Hüllen fallen, bekommen die Gäste niemals alles zu sehen oder geboten. Der Gast darf Geld schenken und sich dem Bühnenrand nähern. Dies ist in den Showteil stets auf besondere Weise eingebunden. Durch diese Entblößung, die aber niemals eine unangenehme Nacktheit darstellt, legt Anna ihre Geschichte bloß. Sie schreibt über ihre Monate als Go-go-Girl, die sie neben ihrer Lehrtätigkeit ausübt. Alles beschreibt sie voller Details, die auch in uns einen Wissensdurst verstärken. Sie tanzt und arbeitet einige Tage in der Woche in der Bar, überbrückt ihre Wartezeiten auf den ersten Zug in einer Jazzbar, in japanischen Bädern oder mit den anderen Tänzerinnen. Durch das Erlernen der Tanzkunst an der Stange und ihrer Sprachfähigkeit, taucht sie immer tiefer in die Geschichten, Lebenswandlungen und Hoffnungen der anderen Frauen und Menschen ein. Auch Anna tritt mit diesem Erfahrungsbericht immer klarerer hervor. Sie wird von Buch zu Buch und von Kapitel zu Kapitel sympathischer und zeigt uns ihre Welt, die fern des typischen Tourismus ist.

Anna hat ihre Komfortzone verlassen und führte ein Doppelleben. Eines am Tage und das andere in der Nacht. Sie traut sich den Sprung in das geheimnisvolle Nachtleben und nimmt uns mit und erzählt ein Abenteuer voller Selbstbestimmung. Anna Sanner versteht es, mit viel Hingabe, Humor und Talent zu schreiben. Ein ungewöhnliches Buch, das uns viel zu zeigen hat.

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Gyrðir Elíasson: „Die Sprache der Möwen“

Lyrik kann zuweilen wie ein Spaziergang in der Natur sein. Es ist alles da und die Gedanken verändern sich. Der Umraum nimmt Einfluss auf den Innenraum und aus dem Blick von innen nach außen fließt auch etwas zurück. Wir Küstenkinder kennen und lieben ihn, den beständigen Klang der Möwensprache, ein Ruf, der nach Freiheit klingt. Die Gedichte von Gyrðir Elíasson schauen auf das Umfeld des textenden Ichs und auf die Welt. Die Sprache der Möwen taucht unverstanden auf und der Betrachtende blickt stets in die Natur, die in ihren Erscheinungsformen Verständnis zu haben scheint. Wirken die Sterne nicht zuweilen wie gelbe Tennisbälle und wir warten darauf, dass ein Schläger in Erscheinung tritt. Dies alles verknetet sich am Ende der Sammlung im Trollteig. Somit wird auch die nordische Sicht einbezogen.

Mit den Gedichten wandern wir nach dem Frühling, ersteigen Hügel im Wind, hinterlegen ein Gästebuch in der Nacht und treffen den Freund der Gräser im Haus unten im Tal. Es sind Texte, die überall die Schönheit zelebrieren, eine Schönheit der Welt und Natur, die seit Anbeginn vergänglich ist. Das, was diese Lyrik vereint, ist die Zugänglichkeit durch die erzählerischen Inhalte, die mit einem zarten Klang Anregungen zum Nachsinnen und Reflektieren anbieten. Es sind Betrachtungen und Gedankengänge, die philosophische Fragen aufwerfen. Der Platz im Leben, der eigene, der gesellschaftliche und der des Menschen innerhalb des Umraums.

Diese zweisprachige Ausgabe ist eine Auswahl an Gedichten von Gyrðir Elíasson, die sein ganzes Können wunderbar einfangen. Aus dem Isländischen wurden die Texte von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer übersetzt. Lyrik und Literatur zu übersetzen verlangt eine ganz eigene Fähigkeit, denn Literatur ist Kunst und jedes Wort ist meist durchdacht und dann nicht nur Vokabular, sondern ein Transporteur, der mit Sinn und Klang passend eingesetzt wurde. Rhythmus und Gerüst müssen sich der Vorlage anpassen. Durch die Gegenüberstellung der originalen Gedichte und der Übersetzungen innerhalb dieses Werkes, können wir versuchen, diese kunstvolle Arbeit zu begreifen.

Es ist sinnvoll, diese Ausgabe, diese Auswahl an Gedichten chronologisch zu lesen. Zumindest beim ersten Erfassen, danach kann immer wieder der Spaziergang durch die Texte von anderer Stelle begonnen werden. Auch wenn wir meinen, alles gesehen zu haben, findet sich immer wieder neues Interessantes. Die Einbildung, etwas verinnerlicht zu haben, kann zum Beispiel auch wie jener Fisch sein, der im dunklen Fischgrund dieser Sammlung zu sein scheint. Das Schöne und Humorvolle findet sich immer, auch in nackten Geröllfeldern, im abgestorbenen Gras und an verregneten Tagen. Diese Gedichte sind Sprachfotografien, die sich, nachdem sie gelesen wurden, anfangen in unseren Köpfen zu entwickeln.

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Michèle Yves Pauty: „Familienkörper“

Familienkörper ist eine Einheit und klingt nach zusammengefügter Harmonie und Zuflucht. Doch kann sich hinter der Begrifflichkeit auch Frankensteins Wesen verbergen, das einst in der Literatur eine menschliche und medizinische Monstrosität ins Leben rief. Darum geht es im Roman, um die familiären Verbindungen. Die Beziehungen sind durch Zeitlinien und durch das Erbe ineinander und miteinander verwoben. Im Negativen und im Positiven haben wir darauf wenig Einfluss und jene Bindungen prägen uns unbemerkt. Das nicht nur im sozialen Umfeld, sondern auch unsere körperlichen Merkmale und unsere Wesenszüge.

Michèle Yves Pauty hat einen außergewöhnlichen Familienroman geschrieben, der sehr mitfühlend und toll geschrieben ist. Es verwebt sich Autofiktionales mit fiktiver Kunst. In diesem Text wird mit Farben, Schatten und mit ganz viel Klang gespielt. Die Sinneseindrücke werden bei der Lektüre angeregt und stets mit tatsächlichen Begebenheiten aus den Zeiten verwoben. Michèle Yves Pauty fixiert Eindrücke und Momente. Dies macht sie als Fotografin und kann dieses Talent, Momente einzufangen und in erfahrbare Medien zu verwandeln, auch in ihrem Debütroman anwenden. Sie hat Fotografie und Deutsche Philologie in Wien studiert, sowie Literarisches Schreiben in Hildesheim und am Deutschen Literaturinstitut. Ferner hat sie auch Theater gespielt und war vor einigen Jahren sogar in Kiel engagiert.

In ihrem Roman setzt sich szenenhaft die Familie zusammen, der Familienkörper wächst mit der Lektüre. Es ist die Geschichte der Autorin, aber geht sie weiter und erzeugt durch die Fragmente, die immer den Bezug zueinander herstellen, eine Nähe zu den Protagonistinnen. Die Handlung streckt sich zeitlich über drei Frauengenerationen. Die Hauptstimme, das Erzählende-Ich, wächst mit ihrer Schwester in den 80er Jahren auf. Ihr Lebensumfeld ist geprägt durch die nahegelegenen Berge. Die Familie lebt vorerst im ehemaligen olympischen Dorf. Die Erzählerin ist das jüngste Familienmitglied und bekommt alles mit, ohne anfänglich alles zu verstehen, was sie erlebt. Denn die Familienverhältnisse sind nicht einfach. Sie wächst gesund auf, ist aber von Krankheit umgeben. Gesundheit erhoffen wir und doch trifft Krankheit alle in unerklärlichem und unterschiedlichem Ausmaß. Während das Kind spielt, passiert es. Die Mutter leidet unter Schmerzen, die sie ohnmächtig werden lassen. Das Kind, weiß was zu tun ist. Die Sanitäter kommen und später sind es die Ärzte, die die Beschwerden herunterspielen. In der medizinischen Behandlung werden weibliche Beschwerden anders behandelt als männliche. Die Frauenbeschwerden werden immer noch nicht gänzlich ernst genug genommen und weiterhin als psychisch verursacht deklariert. Dies seit Generationen. Somit handelt der Roman auch vom sogenannten Medical Gaslighting.

Dieser Familienroman baut Geschichten auf, um auf Geschichten aufmerksam zu machen, die individuell sind und doch das gesellschaftliche Ganze einfangen. Die Handlung spielt hauptsächlich in den 1980er Jahren und Gleichberechtigung ist meist nur ein Gedanke. Der Roman baut neben der Familiengeschichte auch Tatsachenberichte ein, die Einfluss auf die Zeit, den Menschen und die folgenden Generationen nahmen.

Alles ist kunstvoll geschrieben, formuliert und Poesie trifft auf individuelle Eindrücke und Emotionen. Es sind Momentaufnahmen, die wie in der Fotokunst etwas belichten, das in uns reagiert. Ein Wechselspiel zwischen Familie und Gesellschaft, denn die Familie bildet eine kleine Einheit, die in sich alles ausmacht, was wir sind. Erkrankt ein Element, hat dies Auswirkung auf das Ganze und der ganze Menschenkörper ist betroffen. Ein Roman der Verbindungen herstellt, die unbewusst oder bewusst unser gesamtes Gefüge literarisch verbinden.

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Benoit d`Halluin: „Ein Schrei im Ozean“

Nach seinem Debütroman „Nacht ohne Morgen“ hat Benoit d`Halluin mit „Ein Schrei im Ozean“ einen weiteren, raffinierten, spannenden und tiefgründigen Roman geschrieben. Aus drei Perspektiven baut sich ein Gesamtwerk über Liebe, Lebensentscheidungen und den skrupellosen Methoden auf hoher See auf. Die Handlung basiert auf Dokumenten, die der Autor sammeln konnte. Es sind Zeugenaussagen und Berichte. Benoit d`Halluin wollte über das Leid der Ozeane schreiben. Über jene Dramen, die sich unterhalb des Meeresspiegels und auf der Oberfläche der See abspielen. Der Schrecken der modernen Sklaverei steht dabei im Mittelpunkt, aber auch die Wege der Liebe, die sich voneinander abhängig machen können oder in der gewährten Freiheit ihre Bindung finden.

Die Stimmen sind Arun, Oliver und Sophie. Arun und Oliver sind ein Paar und Sophie ist die Schwester von Oliver, die seit Jahren wegen Streitigkeiten keinen Kontakt mehr zu ihrem Bruder hat. Arun ist Kambodschaner und lebt seit Jahren bei Oliver in Paris. Oliver ist besessen von Karriere und verlangt sich und seinem Umfeld viel ab. Dabei ist es eine Fassade, die er damals bereits als Kind gelernt hatte aufzubauen. Er möchte gefallen und es besonders seiner Mutter beweisen. Ihre Eltern trennten sich damals und teilten die Geschwister untereinander auf. Es ist Sophie, die in Rückblicken die ganze Geschichte aus ihrer Perspektive ergänzt. Schon zu Kindeszeiten gab es ein großes Drama, das die Kinder zeichnete. Arun, der in das luxuriöse Leben durch Oliver eintaucht, gewöhnt sich an dessen Launen und ordnet sich unter. Doch ist er glücklich? Auf einer gemeinsamen Reise nach Pattaya, an die Golfküste Thailands kommt es zu einem Streit zwischen Oliver und Arun. Oliver nimmt sich stets seine Freiheiten und ist in er Beziehung nie treu. Arun besuchte im Urlaub seine Eltern, die nicht weit weg leben und danach eskaliert die Stimmung. Arun beendet die Beziehung, da er nicht glücklich ist. Er bricht den Kontakt ab, verschwindet und nach der letzten Textnachricht blockiert er Oliver auf seinem Handy. Arun wankt traurig und im Gefühlschaos in eine gut besuchte Bar im Fischerhafen. Dort meint er einen Exfreund zu sehen, doch ist es ein Fremder, der ihn auch gleich zu einem Drink einlädt. Daraufhin verschwimmt alles, die Gespräche, die Wahrnehmung und das Bewusstsein. Arun wacht später auf, ihm wird Wasser gereicht und er dämmert wieder weg. Als er dann erwacht ist er in einer Kabine auf einem Fischerboot. Seine Kleidung, sein Handy und sein Ausweis sind weg.

Oliver versucht noch während des Urlaubs Arun zu finden und besucht dessen Exfreund. Dieser bestärkt nur die Sicht auf das Ungleichgewicht der Beziehung und sagt, er wüsste, das Arun schön länger an eine Trennung dachte. Oliver kehrt zurück nach Paris und verliert durch den Verlust und den Schmerz den Halt in seinem Leben. Tagebücher von Arun bestärken ihn, an Arun festzuhalten und ihn weiter zu suchen, denn hat Arun wirklich verschwinden wollen?  

In diesem Roman ist das Meer immer gegenwärtig. Die modernen Machenschaften auf See kommen zum Tragen und auch die Konflikte zwischen den Thunfischfängern der Île d’Yeu und den spanischen Fischern. Ebenso jene Praktiken der Sklaverei und des Menschenraubes auf hoher See.

Ein aufwühlendes Werk, das wie die beschriebene Meereslandschaft alle Verfärbungen und Erscheinungsformen annimmt. Der Roman baut sich schichtweise und durch kurze Kapitel auf, die aus den unterschiedlichen Perspektiven erzählen und durch Sophie auch weiter in die Vergangenheit gehen. Das Buch ist unglaublich spannend, klug komponiert und spricht viele ungewöhnliche und bisher unausgesprochene Themen an. Aus dem Französischen wurde der Roman von Paul Sourzac übersetzt. Das gesamte Buch ist ein Kunstwerk durch die für den Verlag typische und aufwendige Gestaltung, Haptik und Bindung.

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Martin Mader: „Am Anfang wieder die Nacht“

Ein politischer Spannungsroman über eine ereignisreiche Silvesternacht, der wie ein Bühnenstück in uns explodiert und nach dem gefallenen Vorhang uns in seiner Sprache und den Bildern gefangen hält.

Martin Mader spielt mit Sprache und hat einen klugen, mutigen und verkanteten Roman geschaffen, der ein Kunstwerk aus poetischem Realismus ist.

Mit Umschlägen voller Geld beginnt es und einem Club droht das Aus. Drei Freunde, drei Perspektiven erschaffen ein Mosaik. Ungezügelt breitet sich ein ganzes Bild aus den Klangfetzen zusammen. Ein Werk über Liebe, Leben und Politik. Immer wieder schweifen die Gedanken aus der Gegenwart zu dem zurückliegenden Ereignis in jener Nacht. Diese Silvesternacht 1999, die ihre Spuren hinterlassen hat und immer noch nachwirkt. Mit enormem Rhythmus baut sich die Handlung auf, die Szene für Szene immer komplexer wird. Anfänglich werden wir in Ereignisse hineingeworfen und das ganze Netzwerk setzt sich erst langsam zusammen. Was bleibt und was ist zu tun, wenn am Anfang wieder die dunkle Nacht alles zu verschlingen droht?  Es geht um politische Verwerfungen, um die Schuld aus der Vergangenheit, die jetzt immer mehr Raum einnimmt.

Dieser Roman verschachtelt unser Gehirn und fängt uns gänzlich auf. In den sprachgewaltigen Monologen wird alles politisch und doch wiederum ganz privat. Ein ungemein rhythmisches Werk voller Treppensätze. Das vorherige Auftreten wiederholt sich, um es zu erweitern oder zu erheben. Beim Auf- oder Abstieg wirbelt poetischer Staub die Geschichte auf. Sätze greifen ineinander, verschlingen sich zu einem nervösen Knoten, der aus unserer Gegenwart besteht. Die Gesellschaft beginnt durch die Szenerie zu schweben und Windstöße aus Sprache und Bildern fliegen auf und verfestigen sich in uns. Wir werden wie ein Kosmonaut in den Kosmos dieses Textes gesogen. Sind geschützt durch eine vermeintliche Distanz. Eine Distanz, die, während sich die Welt verkleinert, immer mehr wächst. Hier sprechen Menschen wie Monolithe, die eine Welt, ihre Welt veränderten. Das Individuelle wird ohne Anerkennung fraglich und Angst und Versagensängste machen uns zu Gespenstern.

Was für ein Sprachmonster, ein Monster, das uns aber keine Angst machen sollte, sondern literarisch zu begeistern versteht.

Ich durfte das Buch bereits als Manuskript lesen und ich werde in der Verlagsvorschau zitiert.

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