Alexander Ilitschewski: „Der Perser“

Suhrkamp Der Perser

Ein komplexer, tiefgreifender Roman, der ganze Welten umschlingt.

Ich hatte neulich mit einem befreundeten Autor über unsere Lesegewohnheiten gesprochen. Er meinte, er merke schon, wenn ein Buch schwer in der Hand liegt und gewichtig scheint. So ein Buch ist auch „Der Perser“, ein literarischer Brocken, der erobert werden muß. Aber jede Seite und jede Episode ist es dann auch wert erobert worden zu sein. Ein facettenreiches, tiefgründiges Buch. Etwas Franzen schimmert beim Lesen durch, etwas aus „Unschuld“ wird bei mir beim Lesen wachgerufen. Wobei der vorliegende Roman noch mehr Tiefgang und Literatur beinhaltet.

Der Erzähler Ilja, ein Geologe, Weltbürger und Hobbyfotograf, kehrt in seine alte Heimat am Kaspischen Meer zurück. Es beginnt als eine Dienstreise. Der Geologe, der sich für die Eingeweide des Planeten begeistern kann, reist im Auftrag eines internationalen Konzerns nach Amsterdam. Er ist in den Neunzigern nach Amerika ausgewandert und lebt nun in Kalifornien. Früher hat er mit seinem Freund, dem iranischen Flüchtlingskind Hașem, Szenen aus seinem Lieblingsbuch nachgespielt. Es ging um Kees, den Tulpenadmiral. Die Tulpe war für Hașem die Blume des Paradieses. In der Gegenwart, in Amsterdam, fällt Ilja dieser alte Traum wieder ein. Er reist in seine Heimat Baku und auf die Halbinsel Abșeron am Kaspischen Meer, seit den Zeiten der Nobels und Rothschilds Standort der Ölförderung. In der aserbaidschanischen Steppe findet er seinen damaligen Schulfreund wieder.

Hașem, der titelgebende Perser, schlägt nicht nur Ilja in seinen Bannkreis. Beide verbrachten ihre Jugend in der damaligen Sozialistischen Sowjetrepublik und haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Hașem, ein Kenner der Fauna und Flora, engagiert sich für die Falkenzucht. Was Ilja aber besonders fesselt, ist neben Hasems schlichter Naturverbundenheit auch dessen Liebe zur Lyrik und Hang zur Mystik, die in den Religionen fußt, deren Wurzeln aber in der Spiritualität und Heilkunde liegen. Dadurch wird dieser verehrt wie eine Art Guru. Ein Charakter, von dem für alle eine Faszination ausgeht. Ilja möchte bleiben, bis es zu tragischen Verwicklungen kommt. Seine Existenz wird durch Hașems Lebensweise in Frage gestellt und es kommt zu wechslungsreichen Handlungssträngen, die gleich Plattentektonik oder Erdbewegungen vieles aufwühlen.

Ein umfangreicher Roman, der trotz seiner Länge und Komplexität nie langweilt oder langatmig ist. Man rutscht durch die Schauplätze, die historischen Landschaften, in denen einst die Weltreligionen zusammenfanden und die heute eine sensible Zone sind.
Der Text ist gefüllt mit Metaphern, die vom Leser entdeckt werden können. Der Roman hat eine hohe Sprachqualität und ist gespickt mit historischen, spirituellen und literarischen Verweisen. Ein stimmgewaltiger Gegenwartsroman eines großen aktuellen russischen Autors. Ein Buch, das zum Denken animiert und herausfordert durch seine Aura des Geheimnisvollen.

Es gibt ein aufschlussreiches und spannendes Arbeitsjournal des Übersetzers. Ein Blick da hinein lohnt sich auf jeden Fall. „Natürlich hat ein Roman keine Bebilderung nötig. Entscheidend sind die Bilder, die der Text im Kopf des Lesers freisetzt.“ Siehe: „Der Perser: Bilder eines Romans“

Zum Buch

4 Kommentare

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4 Antworten zu “Alexander Ilitschewski: „Der Perser“

  1. teerdurchzogen

    Das Arbeitsjournal sieht in der Tat spannend aus. Danke für den Tipp!

  2. Tatjana

    Danke für den Hinweis auf das Arbeitsjournal des Übersetzers. Ich habe alles durchgelesen ohne das Buch vorher gelesen zu haben. Ich fand es sehr spannend und aufschlussreich.Ich fand gut,dass der Übersetzer die Textpassagen mit Fotos oder mit den historischen Fakten erklärt hat und dass er diese Informationen mit den Lesern geteilt hat. Es steckt eine Menge Arbeit dahinter. Und es ist jedem überlassen, ob er das Journal nutzen möchte oder nicht.
    Demnächst muss ich nur ausreichend Zeit finden um das Buch mit möglichst wenig Unterbrechungen durchzulesen.

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