Olga Grjasnowa: „Gott ist nicht schüchtern“

Olga Grjasnowa Gitt ist nicht schüchtern Aufbau

Ein Roman, der von den beginnenden Unruhen in Syrien, dem Krieg und der daraus resultierenden Flucht handelt. Es sind drei Schicksale, die dem Krieg und dem Schrecken entkommen wollen und als Flüchtlinge nach Berlin kommen. Der Roman liest sich wie ein Abenteuerroman und lässt nichts aus. Viele der geschilderten Schrecken und Gewaltszenen möchte man eher der literarischen Dystopie zuordnen, leider entsprechen sie aber der Realität und erinnern an die Nachrichten jener Tage.

Im Vordergrund stehen zwei Hauptcharaktere, die 2011 in Syrien sind, als der Arabische Frühling anbricht. Der Roman beginnt mit der Landung eines Flugzeugs in Damaskus. Hammoudi fliegt zurück in seine alte Heimat, um Formalitäten zu erledigen. Er hat gerade sein Medizinstudium in Paris abgeschlossen und eine Stelle als Spezialist in einer Pariser Klinik bekommen. Da sein Pass abgelaufen ist, fliegt er nach Syrien, um in Damaskus seine Papiere in Ordnung bringen zu lassen. Im Amt wird ihm jedoch seine Ausreiseerlaubnis entzogen und er muss in Syrien bleiben.  Seine Stelle in Paris wird ihm gekündigt, bevor er sie antreten konnte. Seiner Verlobten, Claire, erzählt er vorerst nichts und der Kontakt zu ihr wird immer geringer. In Damaskus begegnet er bei einer Schlüsselübergabe der anderen Hauptfigur im Roman, Amal. Sie werden sich im Roman nur noch einmal zufällig in Berlin über den Weg laufen und doch sind ihre Schicksale durch die Revolution in ihrem Land miteinander verknüpft.

Amal ist eine junge syrische Schauspielerin, die von einer Karriere beim Film träumt. Sie und ihr Freundeskreis, meist gebildete Kunstliebhaber, treffen sich oft, um zu demonstrieren. Oft werden diese Demonstrationen aufgelöst und es kommt zu vielen Verhaftungen. Auch sie wird vom Regime wahrgenommen und beobachtet, inhaftiert und verhört. Sie lernt Youssef, einen angehenden Regisseur kennen und beide kommen sich näher. Ihr friedlicher Protest wird ein Bürgerkrieg und man wird Zeuge unmenschlicher und willkürlicher Gewalt.

Hammoudi muss eine ärztliche Prüfung ablegen, damit er in Syrien praktizieren kann. Diese Prüfung besteht er nur stillschweigend mit Bestechung und bleibt als einziger Arzt in der Region bis zur Übernahme des Islamischen Staats tätig und gründet eine nicht erlaubte Hilfsorganisation nebst Lazarett. Als sein Leben auch in Gefahr gerät, bezahlt er Schleuser, die ihn mit Schlauchbooten nach Griechenland bringen sollen.

Amal flieht  mit Youssef in die Türkei und sie können sich mit einem Schauspielangebot eine weitere Passage nach Europa leisten. In Berlin laufen sie Hammoudi und Amal zufällig über den Weg. In Deutschland werden sie mit Bürokratie und Missgunst konfrontiert. Auch Amals Karriereträume werden fast ins Lächerliche gezogen.

Vieles ist im Roman berücksichtigt und die rohe Gewalt, die viele Menschen zur Flucht treibt wird bildreich dargestellt. Es gibt aber eine Figur, die mehr Beachtung findet als die anderen. Der Charakter, der am Ende die meisten Gefühlsregungen im Leser verursachen könnte, bleibt etwas zu wenig nahbar. Der Roman ist aber viel mehr als eine Aneinanderreihung von Geschehnissen und bietet Stoff zum Nachempfinden. Es ist ein Buch, das die Wahrheit schmerzhaft beleuchtet und ist voller Bilder, die das Grauen und die Massaker erlebbar machen. Es wird das syrische Leben vor und nach dem Umbruch verdeutlicht. Die Machenschaften der Schlepper, die maroden Schiffe und die fremdenfeindlichen Übergriffe auf Flüchtlingsheime in Deutschland werden nicht ausgelassen. Das Buch ist wichtig, da es uns alle angeht und wir es durch diesen Roman nachempfinden können, was es heißt, diese Schicksale erlebt zu haben.

Ein Roman, der allein durch die erzählte Geschichte funktioniert und viel Empathie weckt. Einige Figuren hätten mehr Tiefe haben dürfen, aber dies ist durch die Wichtigkeit des Stoffes und den guten Ansatz der Autorin ein winzig kleiner Kritikpunkt. Das Buch ist bis zum Ende spannend und man geht klüger aus ihm hervor. Die drei Abschnitte des Buches sind durch Karten abgesetzt, die uns aus der Region herauszoomen und im astrologischen Sternenhimmel enden. So werden wir durch den Text in eine Welt gezogen, die unsere ist, aber erst durch genaues Hinschauen und Zuhören ihr wahres, schreckliches Gesicht zeigt.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Olga Grjasnowa: „Gott ist nicht schüchtern“

  1. Olga Grjasnowas Bücher haben immer geniale Titel und klingen vom Inhalt her sehr interessant. Leider hat mich „Der Russe ist einer der Birken liebt“ sehr enttäuscht, weil ich finde, dass es sprachlich schlecht war und die Autorin einfach nicht erzählen kann. Sollte ich ihr noch eine Chance geben?

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