Jürgen Bauer: „Ein guter Mensch“

Jürgen Bauer Ein guter Mensch Septime

Ein intensiver Roman, der in einer nahen und möglichen Zukunft spielt. Es ist eine verdorrte, trostlose Welt. Erneut wird Mitteleuropa von einer Hitzewelle erfasst und die schlechte Versorgung ist der Keim von Kriminalität.  Die sozialen Strukturen der Gesellschaft geraten ins Wanken und die Politik wirkt hilflos. Wasser, das in Zukunft wohl kostbarste Gut, wird immer knapper. Die Menschen versuchen an die Küsten zu fliehen. Mit seinem dritten Roman stößt uns Jürgen Bauer in eine solche Welt und schreibt sehr fesselnd. Er baut eine anspruchsvolle Spannung auf, die seine Angstvisionen körperlich spürbar werden lassen. Es wird wohl dieses Buch sein, das Jürgen Bauer in der Welt der Literatur ein Stück weit bekannter machen wird. Sein Werk ist stets literarisch und klug komponiert und zeigt uns unsere eigenen Abgründe. „Ein guter Mensch“ ist wohl das von ihm zugänglichste Werk und durch die Thematik wird es hoffentlich eine große Leserschaft erreichen.

Im Roman wird vieles angedeutet und mit großartigen Bildern vollendet. Es kommen sowohl unsere aktuellen Themen vor, sowie jene, die uns, sollte es tatsächlich zu wenig gute Menschen geben, zukünftig beschäftigen werden.

„Vielleicht gibt es nicht zu viele Menschen“, erwiderte Marko. „Sondern einfach nur zu wenig gute.“

Die Wasserverteilung wird streng kontrolliert und rationiert. Das Versorgungssystem scheint dem Bedarf der Menschen kaum gerecht zu werden und ist lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein. Marko und sein Freund Berger sind Fahrer eines dieser mit Wasser gefüllten Tankwagen, die täglich zu den Menschen, unter anderem Flüchtlinge oder sogenannte Durstige, fahren. Die meisten Menschen, die geblieben sind, haben sich mit der Situation abgefunden. Auch Marko, dessen Frau, die ursprünglich aus der Türkei kam, bereits geflohen ist, bleibt und versucht seinen Beitrag zu leisten. Auch fehlen ihm anfänglich der Wille und das Geld, um das Land Richtung Norden zu verlassen. Dann ist da noch Norbert, Markos alkoholkranker Bruder, der den Hof der Familie nicht aufgegeben mag. Marko kümmert sich um Norbert und gibt den Glauben an das Gute im Menschen nicht auf und versucht, für sein Umfeld das Leben erträglicher zu machen. Seine Perspektive beginnt sich zu verändern als eine Frau, der er Wasser verweigert hatte, sich vor seinen Augen die Pulsadern aufschneidet, damit sie ins Krankenhaus kommt, um dort mit Nahrung und Wasser versorgt zu werden.

Später wird er Zeuge einer sehr schnell wachsenden Bewegung. Anfänglich war es ein Kind, das ihn mit einer Wasserpistole angespritzt hatte. Dann findet er Flugblätter, die die Menschen auffordern, doch mit dem nassen Gut wieder verschwenderisch umzugehen. Meist sind es junge Menschen die von einer mysteriösen Frau angeführt werden. Diese Organisation nennt sich „Die dritte Welle“. Sie sehen die Entwicklung in drei Zügen, d.h. Wellen an: die erste war die der Verschwendung, dann kam die Entbehrung und sie, die dritte Welle, steht für die Freude. Sie machen in der Stadt diverse Aktionen, um auf den kommenden Kollaps hinzuweisen und demonstrieren mit ihrem dekadenten Auftreten gegen das Ungleichgewicht der Verteilungen. Ihre Zentrale ist passend in einem stillgelegten und trockenen Schwimmbad. Berger und Marko beginnen die Rationierungen und das ganze System in Frage zu stellen und ihre Weltsicht erneut zu überdenken.

Jürgen Bauer hat eine Dystopie geschrieben, die sehr erlebbar ist.  Beim Lesen spürt man förmlich die Hitze, den Staub und den Durst. Es ist eine trostlose, ausgetrocknete Welt, die an den im Text angedeuteten Film „Wall-E“ erinnert. Erneut verstehen es einige Menschen, auch aus dieser Not ihren Nutzen zu ziehen. Das Buch erzählt sehr fesselnd die Handlung innerhalb eines halben Jahres während eines heißen Sommers in naher Zukunft. Doch ist die Zukunftsvision nah am aktuellen Zeitgeschehen und den kulturellen Entwicklungen. Denn Jürgen Bauer verwebt im Text Anspielungen auf andere Werke aus Film, Literatur und Musik. Oft begleitet einen beim Lesen ein passender Soundtrack, der fast schon dezent sarkastisch im Text Erwähnung findet. Als Beispiel sei der Song von Fury in the Slaughterhouse: „Time to Wonder“ genannt.

Der Roman lässt einen nicht ungerührt und man beginnt sein eigenes Verhalten zu reflektieren und hofft, gleich Marko, stets das Richtige, d.h. das Gute zu machen.

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Siehe auch Jürgen Bauer: „Was wir fürchten“ und im Leseschatz-TV: Jürgen Bauer und „Ein guter Mensch„. Ferner die Besprechung von Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de

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