Jana Hensel: „Keinland“

Jana Hensel Keinland Wallstein

Jana Hensels Debutroman ist ein sehr ungewöhnlicher und stiller Roman. Die Handlung ist eher eine Erinnerung, ein Festhalten an Bildern und an erlebten Momenten. Der Liebesroman wird aus der Sicht von Nadja erzählt. Die Reflexion beginnt mit dem Ende, das am Anfang des Romans erzählt wird. Nachdem Martin gegangen ist, beginnt Nadjas Rückblick. Es ist eine Liebe mit der Hoffnung auf Versöhnung. Denn es ist eine verfremdete Liebe zwischen Tel Aviv und Berlin. Beides Städte in Ländern, die ihre besondere und eigene Geschichte mit Mauern und Grenzen haben.

Die Beziehung beginnt, als Nadja von ihrem Chefredakteur einen Auftrag bekommt. Sie soll eine Reportage über Länder schreiben, in denen es Mauern gab. Länder, in die man nicht einfach so reisen konnte oder aus denen man nicht einfach so herauskam. Sie kennt sich mit diesem Thema aus, denn obwohl die DDR nie erwähnt wird, wird deutlich, dass Nadjas Vergangenheit in dieser wurzelt. Sie nennt es stets nur das falsche Land. Sie hat den Mauerfall erlebt, aber ihr sogenanntes falsches Land bleibt auch in ihr als geliebtes Land verankert. Denn sie hat unter anderem weiterhin eine Vorliebe für schmucklose Plattenbauten. Die Hässlichkeit der DDR als sinnliches Bild der erlebten Kindheit.

Sie möchte ein Interview mit Martin Stern führen. Er ist jüdischer Abstammung von Holocaust-Überlebenden. Seine Eltern lebten als Displaced Persons in Deutschland und Martin wuchs als Jude in Frankfurt am Main auf. Jetzt lebt er in Tel Aviv und fühlt sich dennoch immer dazwischen. Er ist weder in Deutschland noch in Israel heimisch. Martin und Nadja fühlen sich zueinander hingezogen. Es keimt eine Liebe in Ihnen und es entsteht eine tiefe Innigkeit. Bei ihren Treffen kommen sie sich näher und besonders ihr erstes Rendezvous lässt ihn den Wunsch nach einem Kind äußern, dass wohl in Ihr den Wunsch nach Familie, Geborgenheit und Liebe erweckt und somit ihr Herz erobert. Dennoch sind diese Szenen nie kitschig, denn als er dies sagt, befinden sie sich in einer hässlichen Bar am Strand. Martin wird ihr ein Rätsel, denn er geht immer mehr auf Distanz. Sie ist es in der Beziehung, die wohl mehr empfindet. Es ist auch stets ihre Geschichte, die wir zu lesen bekommen. Es sind ihre Erinnerungen an die Treffen und Gespräche. Bis er plötzlich wieder geht, still und leise, während sie schläft und er nur noch in den sozialen Medien auftaucht, über die die beiden trotz der Entfernungen und Grenzen miteinander verbunden sind.

Es sind Nadjas Erinnerungen, somit ist der Text voller Konjunktive, voller Widersprüche und die Handlung wird durch kunstvolle Zeitsprünge erzählt. Ihre Gespräche sind hin- und hergerissen. Sie nähern sich oft an, um wieder auf Abstand zu gehen. Sie wünschen sich Nähe und bitten dabei um Freiraum und sagen, der andere möge weggehen. In Sätzen, in denen Nadja etwas liebt, sagt sie auch gleich wieder, dass sie es hassen würde. Ihre Beziehung besteht aus inniger Nähe, aber auch einer großen Fremdheit. So glimmt ein beständiges Wechselspiel aus Emotionen, Geschichte und Wehleidigkeit. Ihr Liebe ist intensiv und könnte Länder und Grenzen überbrückend sein. Ist ihre Liebe von Anfang an unmöglich? Könnte nicht eine Nähe trotz der Distanz zueinander entstehen?

Der Roman spielt mit Ländern, die immer andere Namen bekommen: Meinland, Deinland, Keinland, falsches Land und heiliges Land. So wünscht sich Nadja ein nationenunabhängiges Idyll. Sie möchte mit Martin ein eigenes Land, eine Heimat finden. Sei es nur ein kleines, bescheidenes Zimmer.

Der Roman ist ein Liebesroman, aber auch ein literarisches Werk mit vielen Themenkomplexen. Der historische Kontext ist die Beziehung zwischen Deutschen und Juden. Der Holocaust und die Gründung Israels. Kann Liebe eine Brücke, die Rettung werden und warum versagen wir so oft oder schweigen, wenn man es nicht sollte? Jana Hensel schweigt zum Glück nicht, sondern hat einen sehr literarischen Roman geschrieben, der sich um Herkunft, Heimat, Schuld und Schicksal dreht.

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