Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“

Arundhati Roy Das Ministerium des äussersten Glücks Fischer

Nach zwanzig Jahren ist nun ein neuer Roman von Arundhati Roy erschienen. Aber nach ihrem Weltbesteller „Der Gott der kleinen Dinge“ war die indische Autorin niemals still. Sie hat sich politisch und sozial betätigt und mit ihrem Ruhm viel erreichen können. Sie veröffentlichte Essays und Reportagen und „Das Ministerium des äußersten Glücks“ wirkt nun als Folge daraus, wie ein Mosaik aus all ihren Recherchen und Aufrufen. Denn das Buch ist voll. Voll mit Geschichten und Konflikten. Der Roman ist politisch sowie poetisch und zeigt, dass trotz großer Unterschiede im Leben, im Geschlecht, in der Politik und im Glauben immer Hoffnung, d.h. Glück möglich ist.

Die Familie Bargum, die in der ummauerten Altstadt von Delhi lebt, wünscht sie endlich einen Jungen. Als das vierte Kind während eines Stromausfalls geboren wird, legt die Hebamme das Kind in die Arme der Mutter und meint, es sei ein Junge. Doch die Mutter erkennt beim späteren Ertasten den Irrtum. Sie entdeckt versteckt hinter dem Jungen ein kleines Mädchen und hofft, das „falsche“ Körperliche würde wieder abfallen oder von alleine weggehen. Sie traut sich nicht, es ihrem Mann zu erzählen, der dem Kind stets die kriegerische und männliche Geschichte des Landes erzählt. Das Kind Anjum wächst auf und fühlt sich immer mehr als eine Frau, die gefangen ist in einem männlichen Körper. Sie ist eine Hijra, sie gilt sie weder als Mann noch als Frau. Hijras werden in den Gesellschaften üblicherweise als Mitglieder eines dritten Geschlechts erachtet, die meist in Gemeinschaften unter sich leben. Es gab Zeiten, da genossen Hijras ein gewisses Ansehen. Heute leben sie am Rande der Gesellschaft und leben vom Betteln und Prostitution. Anjum verlässt mit fünfzehn Jahren ihre Familie und zieht in das Haus der Träume, der Khwabgah und wird ein Mitglied der Hijra-Gemeinschaft. Sie wird durch ihre Schönheit und ihr Auftreten eine bekannte und gefragte Persönlichkeit.

Jahre später verlässt Anjum diese Kommune und zieht auf den Friedhof. Jede Nacht breitet sie ihren Teppich aus. Immer zwischen zwei andere Gräbern. Sie musste monatelange beiläufige Grausamkeiten ertragen und empfindet sich gleich einem verletzten Baum, der nun aber Wurzeln schlagen möchte. Über die Gräber ihrer Ahnen beginnt sie, Stück für Stück häuslich zu werden. Es entsteht eine Wahlheimat, die weitere Gäste einlädt. Eine gelebte Glücks-Gesellschaft, die sich auf dem Friedhof immer weiter ausbreitet.

Alle, die der Realität und der Geschichte des Landes entkommen wollen, sind auf dem Friedhof willkommen. In der Stadt wird zwischen dem Müll eines Tages ein Baby gefunden, wie Abfall beseitigt. Die Menschen, die den Säugling finden, wissen nicht, was sie machen sollen. Als Anjum sich des Kindes annehmen möchte, ist es auch schon wieder verschwunden. Es folgen weitere Perspektiven und mit ihnen weitere Geschichten. Es kommt auch ein Ich-Erzähler vor, der wie alle anderen Charaktere das Universum um Anjum ausfüllt, d.h. bereichert. Die vielen Perspektiven ergänzen sich und aus den einzelnen Geschichten und Rückblicken ergibt sich langsam der ganze Flickenteppich. Diese neue utopische Gesellschaft beinhaltet viele einzelne Schreckensgeschichten, aber letztendlich mündet dann alles beieinander.

Ein Roman, der voller Leben pulsiert. Es sind die irdischen Konflikte, der Kaschmir-Konflikt, der anhand von vier Freunden erzählt wird. Der spirituelle Konflikt zwischen den Religionen, zwischen Hindus und Muslimen. Anjum als Figur, die alle, die sich neu finden möchten oder müssen, die eine Wahlverwandtschaft anstreben und sich auf ihrem Friedhof versammeln, irgendwie vereint. Sie sagt: „Ich bin ein mehfil, eine Versammlung. Von allen und niemand, von allem und nichts. Möchtest du noch jemanden einladen? Alle sind eingeladen.“

Arundhati Roy hat erneut einen großen Indienroman geschrieben. Ein Potpourri an tiefgründigen Charakteren und Geschichten. Ein lehrreiches, unterhaltsames und sehr poetisches Werk. Durch die Charakterisierung der Figuren und ihren inneren Konflikten erhalten wir einen Einblick auf Indien. Es sind große Bilder, die wir durch Roy erlesen dürfen, die uns immer mehr verstehen lassen. Ein großer, bewegender Roman, der voller Leben mit all seinen Widersprüchen, Konflikten, Wünschen und Hoffnungen ist.

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