Angelika Klüssendorf: „Jahre später“

Angeika Klüssendorf Jahre später Kiepenheuer Witsch

Mit dem Roman „Jahre später“ schließt sich nun ein Kreis, der mit „Das Mädchen“ seinen Anfang nahm. Ein Roman über das Aufwachsen in der DDR. Die Mutter ist eine prügelnde und stets betrunkene Frau, daher wächst das noch namenlose Mädchen in dieser tristen Familienwelt und dem Kinderheim auf. Dann bekam das Mädchen in dem Roman „April“ ihren Namen und versucht sich als junge Frau in den 70er Jahren in Leipzig zurechtzufinden. Den Namen April hat sie sich selbst gegeben. Es ist ein alter Deep Purple-Song, der musikalisch einen Aufbruch zu einem neuen Stil bedeutete. Auch ist es die Jahreszeit des unbeständigen Wandels. Es ist Aprils Bemühung, mit der Vergangenheit abzuschließen, sich den alten Geschichten zu entsagen. Die Wandlung vom Mädchen zu einer jungen Frau, die lernt für sich zu empfinden und sich endlich anzunehmen. Jetzt, Jahre später wird das Mädchen, die durch das Konsumieren von Literatur eine Ahnung von sich erhielt, Schriftstellerin und erzählt erneut ihre Geschichte. Es ist die Geschichte einer von vornherein kaputten Beziehung und Ehe. „Jahre später“ knüpft nach „April“ an und endet mit dem ersten Satz von „Das Mädchen“: „Scheiße fliegt durch die Luft“.

April hat ein Schreibstipendium und ist nun Autorin geworden. Auf einer Lesung trifft sie auf den Chirurgen Ludwig. Sein Kindergesicht fällt ihr auf und es kommt zu einem Rendezvous. Er prahlt mit seinem literarischen Interesse und buhlt um sie mit der Nennung großer Autoren. Beide nähern sich einander an und sind dennoch verschieden und stoßen sich wie Magnete ab, die versuchen zusammenzugehören. Als Leser fühlt man geradezu die sich stets erweiternde Disharmonie. Sie ziehen in eine gemeinsame Wohnung, die April gar nicht mag. Irgendetwas scheint April an Ludwig zu finden, sogar zu lieben. Seine Geschichten sind übertrieben, während sie mit einer Schreibblockade zu kämpfen hat. Beide, besonders Ludwig, machen ihre Witze auf Kosten anderer. Besonders die Nachbarin bekommt dies schriftlich zu spüren. Ludwig stammt aus vermögenden und seinen Worten nach anständigen Verhältnissen und möchte dem Spießertum entkommen. April nimmt dieses Leben an und lässt sich von Ludwig umgarnen. Doch regt sich in ihr stets eine Art Widerstand. Sie nennt es „aberden“, wenn sie Versprechen macht und dabei ihre Finger uneinsichtig für den Anderen kreuzt. April erlangt durch Ludwig, ihre Ehe und das gemeinsame Kind Abstand zu ihrer vorherigen Welt. Doch sind sie zwei Unvertraute, die versuchen miteinander eine Vertrautheit zu finden. Ludwig erscheint wie einer, der nie ankommt, immer weiter will. In beiden ist eine stete Untiefe, die sie unausweichlich an den Abgrund führt. Die Ehe wirkt auf den Leser gleich zu Anfang zerstörerisch und April und Ludwig leben sich immer mehr auseinander. Aprils innere Geister reden auf sie ein und das Grausige und Manipulierende von Ludwig offenbart sich immer mehr. Die letztendliche Trennung lässt April Ludwig erkennen, oder zumindest anders und für uns Leser wie befürchtet sehen. April ist eine Figur, die bereits als Mädchen viel durchlebt hat und schlimmeres erfahren musste und wird auch dies überstehen…   Sind es alles nur Figuren und Geschichten? Ist es doch in großen Teilen die Geschichte von Angelika Klüssendorf selbst, die sie uns hier erzählt?

Erneut ein Roman, der ganz präzise erzählt und mit wenig auskommt. In knapper Sprache ist ein großes Buch entstanden, das nun nach „Das Mädchen“ und „April“ die Geschichte des vorerst namenlosen Mädchens, das in der DDR aufwuchs und sich als April auf den beschwerlichen Weg der Identifikation machte, erzählt. Jetzt, Jahre später, ist es der ehrliche und meisterhaft erzählte Blick einer Schriftstellerin auf eine unheimliche Ehe.

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