Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“

Gert Losschütz Ein schönes Paar Schöffling & Co

Eine literarische und schön-traurige Liebesgeschichte, die mit der Vereinigung des vorher geteilten Deutschlands in die Brüche geht. Die Teilung Deutschlands dient als geschichtlicher Rahmen, aber auch als Bild der getrennten Familien. Die Mauer als trennendes Bauwerk in der Gesellschaft, in der Politik und in der Liebe. Doch wäre dies als Metapher zu einfach, denn die große Liebe der Hauptfiguren entzweit sich, als die Übersiedlung in den Westen gelingt. Aus Liebe wird die Liebe zerstört, aber letztendlich, und das ist der Clou, sind sich die Protagonisten näher, als alle es sich denken konnten.

Der Erzähler ist der Fotograf Philipp. Für ihn ist der Rückblick auf seine Jugend und auf seine Eltern gleich einem Blick durch ein Stereoskop. Durch das Betrachten von Stereobildpaaren, die mit einer Stereokamera aufgenommen wurde, erlangen die Bilder durch die Abweichung eine räumliche Tiefe. Innerhalb von wenigen Wochen bekommt Philipp die Nachricht, dass seine Eltern jeweils innerhalb kurzer Zeit verstorben sind. Die Haushälterin des Vaters ruft als erstes an. Als Philipp seiner im Heim lebenden Mutter, Herta, mitteilt, dass Georg verstorben ist, wirkt diese uninteressiert am Tod ihres Mannes. Sie leben seit vielen Jahren getrennt, haben sich aber nicht scheiden lassen. Nach wenigen Tagen bekommt Philipp von einem jungen Pfleger die Nachricht, dass auch Herta verstorben ist.

Philipp durchsucht die Wohnung des Vaters nach persönlichen Erinnerungen und räumt auf, da die Räumlichkeiten verkauft werden sollen. Hierbei findet er eine Kamera, die für die Eltern von besonderer Bedeutung war. Mit diesem Fund beginnt der Fotograf, seinen Fokus auf die Vergangenheit zu werfen. Er beginnt, das Leben der Eltern zu reflektieren. Wie kam es zum Bruch in der Ehe? Was ist damals tatsächlich vorgefallen? Langsam erschließt sich Philipp das ganze Paradox der elterlichen Beziehung.

Georg Karst ist Berufssoldat und lernt in Plothow Herta kennen. Sie arbeitet als Schneiderin und als er sie eines Tages sieht, ist es bei ihm wie Liebe auf den ersten Blick. Seine Kaserne ist einige Kilometer entfernt, dennoch versteht er es, Herta regelmäßig zu treffen und dennoch pünktlich als Soldat zurückzukehren. Ihre Liebe ist wahrhaftig und glücklich. Als Stahlarbeiter beginnt Georg seine Karriere nach dem Krieg. Ein Freund vermittelt ihm ein Vorstellungsgespräch im Westen im Bundesverteidigungsministerium. Als diese Interesse zeigen und ihn anschreiben, wird dieser Brief von der Staatssicherheit der DDR geöffnet und gelesen. Georg fühlt sich verfolgt und um dem Gefängnis zu entgehen, scheint eine Flucht unumgänglich zu sein. Sein überstürzter Ausbruch in den Westen gelingt, er lässt aber vorerst Herta und Philipp zurück. Als diese wenige Tage später nachreisen, könnte dies der Anfang eines erträumten und erfüllten Lebens sein.

In Tautenburg beginnt der Keim des Unglücks zu wachsen. Georg macht in der Tuchfabrik, in der er arbeitet, einen Fehlgriff und wird angezeigt. Er soll eine große Geldsumme aus dem Tresor entwendet haben. Herta, die hinter ihren Mann steht, kauft Georg auf unmenschliche Weise frei und die Konsequenzen sind für beide unerträglich und reiner Schmerz.

Philipp hat durch seinen Beruf gelernt, ganz genau hinzusehen und macht sich Stück für Stück auf, die ganzen Bilder der zerrütteten Ehe zusammenzusetzen. War doch die Ehe gescheitert, aber was ist aus der Liebe geworden? Die ganze Geschichte offenbart sich langsam in jedem Detail. Die Fragen werden fast zwischen den Zeilen beantwortet. Ein Buch, in das sich der genaue Blick lohnt.

Ein sprachlich großartig und toll in Szene gesetzter Roman. Die Stille, die nach dem Ungeheuerlichen bleibt, schwingt beständig mit. Die Hilflosigkeit und Einsamkeit am Beispiel des Vaters wird für den Leser sehr spürbar erzählt. Das Verschwinden von Herta aus dem Leben von Georg und Philipp, bleibt der Spannungsbogen, der immer wieder die Frage aufwirft, was hätte die Ehe retten können? Was ist das für eine Liebe, die sich aus Liebe selbst zerstört? Als Herta später wieder auftaucht, sind die anderen Beziehungen in Philipps Leben und Umgebung auch erkrankt. Die Perspektiven streuen sich und als Leser bekommen wir Bilder, die sich erst in Folge erklären lassen und man sollte genau hinhören und aufmerksam lesen, damit sich alle Handlungsbögen und alle Fragen erklären lassen.

Ein kraftvoller und ergreifender Roman über die Liebe. Ein sprachlich und inhaltlich intensiver Roman vor dem Hintergrund deutscher Geschichte. Besonders das Ende rührt Herz und Geist und lässt das Buch im Kopf verweilen.

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Siehe auch die Besprechung auf Zeichen & Zeiten

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