James Sallis: „Willnot“

James Sallis Willnot Liebeskind

„Die Dunkelheit stupste an alle Ecken“

James Sallis neues Buch beginnt wie ein Krimi, doch besteht dieser Eindruck lediglich am Anfang. Denn es ist ein Kleinstadtroman, ein düsterer, d.h. Noir-Roman, der in die Seelen jener amerikanischen Bürger schaut.

Lamar Hale ist Arzt, der mit seinem Mann, einem Lehrer, und einer Katze, die den literarischen Namen Dickens trägt, in der Kleinstadt Willnot lebt. Er betreibt eine kleine Arztpraxis, hat aber auch viele Einsätze in der ortsansässigen Klinik. Eines Tages wird er vom Sheriff zu einem Tatort gerufen. Man hat zwei Meilen außerhalb der Stadt, in der Nähe einer alten Kiesgrube, Leichen gefunden. Auf einer Lichtung hat ein Jäger dieses Massengrab entdeckt. Niemand weiß vorerst, wie viele Tote es tatsächlich sind und wer die Opfer sind. Eine Spezialeinheit wird in Willlnot tätig, doch das Motiv bleibt ein Rätsel.

Lamar bekommt einen kurzweiligen, wortkargen Besuch aus der Vergangenheit. Brandon Lowndes, ein ehemaliger Patient, der in Willnot aufgewachsen ist, taucht nach jahrelanger Abwesenheit wieder auf. Der Besuch wirkt sonderbar und ist auch nur von ganz kurzer Dauer. Doch erscheint Brandon immer wieder im Sichtfeld von Lamar. Er scheint, durch die dortigen Wälder zu streifen. Doch die Beweggründe von Brandon bleiben schleierhaft. Theodora Odgen, eine FBI-Agentin, erkundigt sich Tage darauf bei Lamar nach Brandon. Dieser scheint weiterhin als Scharfschütze der Marines tätig zu sein, der sich wohl unerlaubt von der Truppe entfernt hat. Als Brandon auch noch angeschossen in die Klinik angeliefert wird und kurz darauf erneut verschwindet, werden die rätselhaften Machenschaften immer dubioser.

Der Roman erzählt in knappen, aber literarischen Sätzen die Verwebungen der Menschen in einer Kleinstadt Amerikas. Eine Grube mit Leichen als schwarzes Loch, das sich in das Bewusstsein der Menschen frisst. Die Emotionen und Gedanken, der Menschen, die mit dem Vorgängen in Willnot in Berührung geraten, werden immer düsterer. Die Vergangenheit und Gegenwart von Lamar Hale, der Hauptfigur, steht stets im Vordergrund. Immer wieder träumt er von oder erinnert er sich an seine Kindheit. Sein beruflicher Alltag nimmt ihn sehr gefangen, denn er ist für die Menschen da und versucht, den Spagat zwischen Praxis und Klinik gut hinzubekommen. Auch sein Privatleben fordert seine Aufmerksamkeit und doch schieben sich immer wieder die düsteren Geschehnisse in Willnot in sein Bewusstsein.

Der Roman ist wandelbar und liest sich in vielerlei Hinsicht. Es geht auch im Buch um Literatur. Lamars Vater, ein bekannter Autor, war betrübt, als sein Sohn Arzt wurde und nicht, wie er selbst, Schriftsteller. Doch musste auch Lamars Vater seine Rolle erkämpfen und behaupten. In mehreren Genres hat er sich versucht, aber Erfolg erzielte er lediglich mit dem Schreiben von Science-Fiction Romanen. So schließt sich der Kreis zu James Salis selbst und auch innerhalb der Handlung, zu dem schwarzen Loch mit den Leichen …

Ein kleiner, großer Roman, der sich spannend wie ein Krimi liest, dann aber weit darüber hinaus in unsere Seelen blickt und hier und dort das Düstere ausmacht.

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