Saša Stanišić: „Herkunft“

Saša Stanišić Herkunft Luchterhand

Dieses Buch, über das wohl viel gesprochen und das mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnet wurde, ist nun auch ein Leseschatz. Weil es einfach so gut ist und es eines der Preisträger ist, der gelesen gehört. Herkunft als Rückblick, der aber auch den Tendenzen der Gegenwart einen Spiegel vorhält. Ein Buch, das mehr oder weniger ein Roman ist, das durch die Beobachtungen, den Humor und die Lust am Fabulieren begeistert.

Als die Großmutter von Saša Stanišić dement wird, sich das Vergessen bemerkbar macht, möchte der Autor sich erinnern. Die Großmutter, die eine große Rolle im Leben von Saša Stanišić spielt und somit auch im Buch, lebt noch in Bosnien und beide treffen sich für längere Gespräche. Das Vergessen und das Erinnern berühren sich und verweben damit die Fiktion in der Literatur. Den Buchdeckel von „Herkunft“ ziert ein Drache. Drachen kommen auch in den Legenden vor und können kluge, sanftmütige und edle Tiere sein. Manchmal auch gefräßige, feuerspeiende Wesen.

Als die Großmutter am 7. März 2018 in Višegrad siebenundachtzig ist, aber sich als elf Jahre altes Mädchen empfindet, beginnt die literarische Reise, die sich mit der umfänglichen Frage beschäftigt, woher man kommt. Heimat und Herkunft sind Zufälle in der persönlichen Biografie, irgendwo geboren worden zu sein. Wieweit hat die Umgebung auf das Kommende im Leben einen Einfluss? Saša Stanišić erzählt die Geschichte seiner Familie. Einiges kennen wir aus „Wie der Soldat das Grammofon repariert“. Der Nationalismus ist es, der sie zwingt, nach Deutschland zu fliehen. „In Bosnien hat es geschossen am 24. August 1992, in Heidelberg hat es geregnet. Es hätte ebenso gut Osloer Regen sein können. Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Dort wirst Du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.“ (Seite 123).

Mit viel Hingabe erzählt Saša Stanišić von seiner Kindheit bevor der Krieg kam. Er erzählt von skurrilen Menschen, zum Beispiel vom Flößer, der nicht schwimmen konnte. Seine Großmutter ist immer wieder sein Bezug zur Herkunft und zur Gegenwart. Er erzählt von der Ankunft in Deutschland. Von seinen Freunden von der Tankstelle, dem eigentlichen Jugendtreff. Aber auch die Liebe zum geschriebenen Wort, dem Klang der Sprache und der Kraft der Literatur, die ihn fesselt und zu jenem Autor werden lässt, den man jetzt feiert. Herkunft und oder Heimat können aber auch lediglich Gefühle sein. Erinnerungen an die Situationen. Zum Beispiel als man sich für The Undertaker begeistern konnte, oder still und heimlich „Wind of Change“ von den Scorpions mitpfiff.

Der Pionierschwur als Traum: „…Dass ich alle Menschen der Welt wertschätzen werde, die Freiheit und Frieden anstreben.“ Wie schön das tatsächlich wäre. Das Finale haben wir, wie immer selbst in der Hand, wir entscheiden. So auch im Buch.  Das Ende, „Der Drachenhort“ ist ein besonderes, ein auferlegtes „Wie-geht-es-weiter-Spiel“. Beginnend mit der Frage der Großmutter, ob man ihr Mann sei. Wie man antworten würde, entscheidet, auf welcher Seite man weiterzulesen hat. So ist man vermeintlicher Herr über den Fortgang.

Ein intelligenter, sprühender und großartiger Roman, der unglaublich viel Spaß beim Lesen macht. „Herkunft“ als kunstvolles Gedankenspiel in einer Zeit, in der sich erneut und schrecklicherweise der Nationalismus ausbreiten möchte. Ein würdiger, humorvoller und tiefgründiger Preisträger. Bitte lesen!

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