Martin Spieß: „Weit weg von Zuhause“

Ein Roman über Vergebung, die erst durch Distanz den wahren Schmerz erkennen lässt. Der Text beschäftigt sich ferner mit Rache und Liebe. Rachegedanken können nur bedingt eine heilende Wirkung erzeugen und in die Tat umgesetzt kann Vergeltung nicht mehr rückgängig gemacht werden. Leben schenken ist somit gleich unveränderbar wie Leben nehmen. „Weit weg von Zuhause“ handelt von der Ich-Erzählerin Judith die in einer Kanzlei als Anwältin tätig ist. Sie bekommt unerwartet Besuch von einem Freund, Justus, den sie lange nicht gesehen hatte. Die Zwillingsschwester von Justus, Emma, ist tot und Judith und er stellen sich auf der Fahrt zum Klinikum und Krematorium ihrer gemeinsamen Vergangenheit, dem Trauma und ihrer damaligen Liebe.

Mit vierzehn Jahren, während der Schulzeit, sind die drei, Judith, Justus und Emma eine eingeschworene Clique. Sie verbringen viel Zeit miteinander. Sie lieben es, Filme zu sehen und in einer Bushaltestelle abzuhängen. Die Bushaltestelle, ein Ort, der einen eigentlich ankommen oder abfahren lässt, ist eine Zuflucht für Justus und Emma. Judith erkennt nicht, dass Justus und Emma sich nicht trauen nachhause zu gehen und deshalb im Wartehäuschen mit ihr verweilen. Judith und Justus verlieben sich ineinander. Für Judith bricht eine wunderschöne Zeit an und die Welt liegt ihr zu Füssen. Doch die Welt zerbricht. Eines Tages sind Justus und Emma einfach weg. Ohne etwas zu sagen, sind sie gegangen. Judith erhält keine Erklärung, die Trost spenden würde. Daher will auch sie später weit weg von zuhause sein. Sie studiert und wird Juristin in einer Stadt.

Zwanzig Jahre später taucht Justus plötzlich auf. Judith sucht stets einen Therapeuten auf, weil sie eine innere Leere empfindet und depressiv ist. Sie entscheidet Privates oft lediglich per Münzwurf und ließ einen Therapeuten in der Vergangenheit näher an sich heran. Doch war es niemals die große Liebe, die sie einst mit Justus erlebte, der nun wieder aufgetaucht ist. Emma hat sich das Leben genommen, ausgerechnet auf einer Bank vor einem Klinikum in ihrer aller Provinzheimat. Justus soll den Leichnam identifizieren und die Abholung organisieren. Er bittet Judith mitzukommen.

Was hat Emma in den Tod getrieben und warum sind sie und Justus damals klangheimlich verschwunden? Judith und Justus müssen sich wieder annähern und durch ihre gemeinsame Geschichte, die sich nun durch Erinnerungen und Erzählungen langsam aufbaut, werden der Schmerz, die Trauer und die Wut immer deutlicher. Eine Wut, die sich gänzlich zeigt, als der Stiefvater von Justus und Emma beim Klinikum auftaucht und Justus Mordgedanken hegt.

Judith erkennt stückweise immer mehr das ganze Drama und erinnert sich an früher, wo sie viele Misshandlungen übersehen hatte und missverstehen wollte. Im Mittelpunkt steht ein Schmerz, der größer ist als die Liebe. Denn Justus wollte, trotz der Liebe, weit weg von zuhause sein. Ein Schmerz, der einen unbehandelt zum Mord treiben kann.

Martin Spieß schreibt einfühlsam und dennoch mit einer Leichtigkeit, die einem oft auch ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Wie bei „Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme“ (Siehe auch hier im Leseschatz) zitiert Martin Spieß vieles aus Filmen und Serien. Auch Musik- und Hörspielanspielungen werden passend mit eingestreut und zeigen das weitgestreute Interesse des Autors, der auch als Comedian und Musiker (Vorband) tätig ist. Es sind Sätze, die zuweilen Tiefes mit einer Einfachheit kaschieren. Die Figurenzeichnungen sind glaubhaft gelungen und die Dialoge sind authentisch.

Ich möchte mich für die Danksagung im Buch bedanken und es war mir eine Freude, Martin Spieß bei der Verwirklichung dieses Buches begleiten zu dürfen.

Siehe auch Martin Spieß zu Gast auf Leseschatz-TV

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

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