Luca Kieser: „Weil da war etwas im Wasser“

Die Erde ist aus weiter Ferne eine blaue Murmel mit weißen Schlieren und das Blaue ist der wahre Lebensraum. Der Schritt zurück – oder nach vorn – offenbart diverse neue Perspektiven. Denn um die Perspektiv- und Lebensvielfalt geht es hierbei. Kieser gibt dem Meer, seinen Bewohnern und den Menschen, die sich um den wässrigen Lebensraum bemühen, eine Stimme. Wer dies alles beobachtet ist ein Kalmar, ein Tintenfisch. Die Kopffüßler sind schlaue Tiere. Sie haben mehr Hirne als Herzen, aber von allem genug. Wenn die Arme neben den fühlenden Saugnäpfen eigene Hirne haben, haben sie auch jeweils unterschiedliches und individuelles Bewusstsein. Zumindest in diesem außergewöhnlichen Roman.

Im Zentrum erleben wir den Kalmar, beziehungsweise, die Kalmarin. Alles hängt mit diesem Fabelwesen zusammen. Ein Kopf mit acht Armen und alle erzählen ihre Geschichte. Jeder Arm mit seiner individuellen Persönlichkeit. Diese ist stets als Marginalie auf den Seiten ersichtlich. Ihre Namen geben den Charakter vor. Es sprechen der süße, hehre, blendende, eingebildete, halbe, müde, arme und bisschen schüchterne Arm. Ein Bewusstsein aus einer Viele schwimmt somit im Weltmeer. Ein Wir im Ich erzählt vom Uns und dadurch wird es spannend. Alle tragen zum Ganzen bei und erleben das, was die einzelne Kalmarin erschwimmt, individuell. Ein Tier wird zum Paten unserer nach Individualität suchenden Gesellschaft im schwammigen Wir-Kosmos.

Menschen tauchen natürlich auch auf. Menschen am Meer, die immer wieder über die Zeiten mit Fischfang und Kalmar in Berührung kommen. Menschen, die vom Meer fasziniert und angezogen werden. Auch die historischen, literarischen und cineastischen Werke mit Meeresbezug tauchen auf. Das Menschsein in Bezug auf die Kreativität und die Handlungen. Wir begleiten mit dem Text die Crew eines Trawlers und am Ende lesen wir ein Tagebuch einer Praktikantin auf einem Forschungsschiff. Somit verbindet sich erneut eine Vielstimmigkeit zu einem Ganzen. Ein Roman, der zum Eintauchen auffordert.

Ein faszinierendes und kluges Wechselspiel der gewohnten Sichtweisen. Großartige Unterhaltung, die mit allen Wassern der Meere gewaschen ist. Dieser Roman ist ein nachdenklicher und humorvoller Tauchgang – in die Meere und letztendlich in das ganze Leben.

Vielen Dank, dass ich dieses Buch schon länger begleiten darf und das Manuskript vor Drucklegung lesen durfte. Ich freue mich, dass Luca Kieser mit seinem doch ungewöhnlichen Werk für den Buchpreis nominiert ist.

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Silvia Pistotnig: „Die Wirtinnen“

Die Wirtinnen bereiten einen literarischen Zahltag vor. Denn im Mittelpunkt steht ein Gasthaus und hier wird gefeiert, gelebt und der Kummer ertränkt. Es sind drei Frauen, die drei Wirtinnen, Johanna, Marianne und Gertrud. Das sind Großmutter, Tochter und Enkelin. Johannas Weltblick geht weit und tief. In kurzen Szenen und einer schönen, aber ungeschönten Sprache werden die Lebensträume und die Schicksale aufgebaut.

Johanna wird in armen und bäuerlichen Verhältnissen geboren. Es sind die 30er Jahre und es besteht kaum Hoffnung, dass das schwache Kind überlebt. Doch das Kind lebt trotz der Vernachlässigung. Die Klangwelt offenbart sich ihr schnell. Die Laute der Tiere und die Musik, besonders die Orgel während des Gottesdienstes, lassen sie stets aufhorchen. Ihre musikalische Begabung erkennt der Organist, der sie fördert, aber auch fallen lässt, als sie begabter wird.

In der Mitte ist es Marianne, die gegenwärtig die Stube bewirtschaftet und im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht die Töne, sondern die Zahlen liebt. Alles ist bei ihr minütlich geplant, der Tag der Buchhaltung ist für sie einer der schönsten. Sie steht Tag für Tag in der Gastwirtschaft und hat Beziehungsprobleme.

Die junge Tochter, Gertrud, gerne Trudi genannt, wird oft für einen Jungen gehalten. Sie ist ihrem Alter entsprechend rebellisch und unzufrieden. Sie liebt das Fußballspiel, doch erhält sie als Mädchen keine Unterstützung. Somit keimt in allen drei Frauen eine kraftvolle Wut, die Befreiung sucht. Psychologisch und tiefgründig werden die Charaktere entworfen. Der Zeitrahmen umfasst die 1930er Jahre bis zur Gegenwart. Die Umgebung und das politische Umfeld verändern sich und somit auch die jeweilige Innenschau. Das Schweigen und Persönliche wird verdrängt, gebrochen und erhört. Das Patriachat, der Machtmissbrauch und emotionale Zerwürfnisse werden vor historischer Kulisse beleuchtet. Dabei bleibt stets die Hoffnung, dass nicht alle Lebensträume platzen mögen. 

Durch die kurzweiligen Szenen verfällt man sofort den drei Wirtinnen. Eine authentische Handlung, die mit großartigem Personal bestückt ist und dadurch viel Empathie erweckt. Mit viel Humor und Hingabe geschrieben.

Die Wiener Autorin hat hiermit ihren vierten Roman geschrieben und sich die Zeit genommen, uns in Kiel zu besuchen. Wir freuen uns unglaublich über diesen netten Besuch.

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Selina Seemann: „Die Stärkste unter ihnen“

Ein verstörender, aber großer Roman, der dem harten Thema eine stark werdende Persönlichkeit entgegensetzt. Ein Liebesroman, der keiner ist. Denn es ist auch keine Liebe. Die Handlung umkreist eine falsche und toxische Beziehung. Es geht um Grooming, also um die Kontakte Erwachsener zu Minderjährigen mit Missbrauchsabsicht. Hierbei wächst eine Figur aus den Zeilen, die sich durch diese vergiftete Beziehung nicht brechen lässt. Am Anfang und am Ende bleibt die Frage, ob es besser sei, geliebt zu werden oder zu lieben und ob man bereit ist, sich der ganzen Wahrheit zu stellen.

Selina Seemann ist im Norden fest verwurzelt und in der Welt der Literatur bekannt. Seit 2016 steht sie als Slam Poetin, Autorin und Moderatorin auf der Bühne und lebt in Kiel. Sie wurde Vizemeisterin im Poetry Slam in Schleswig-Holstein, ist mehrfache Siegerin des NDR Poetry Slam auf Plattdeutsch und Stammautorin für erfolgreiche Lesebühnen. „Die Stärkste unter ihnen“ ist ihr Romandebüt, an dem sie fünf Jahre feilte.

Milena ist Anfang zwanzig und fliegt nach Dublin zu einem Freund. Sie möchte einen Neuanfang und zieht bei Josh ein. Sie sucht Liebe und ist auch ganz verbissen, sich in Josh zu verlieben. Doch durch ihre Körperlichkeit verschreckt sie vorerst die aufkeimende Freundschaft. Immer wieder tauchen Erinnerungen auf und somit wandert die Handlung zwischen einem sogenannten Heute zurück in die Jahre um 2010, 2014 bis in eine angedeutete Zukunft, heute in einer Woche. Milena ist nach Irland geflogen, um Abstand zu ihrer vorherigen Beziehung zu bekommen. Sie war in einer langjährigen Beziehung mit Nick. Sie war minderjährig und in Nick verliebt. Sie erkennt erst später den Missbrauch. Nick ist kein gefestigter Mensch, er hat mehrere Ausbildungen gemacht und ist in der Ehe und Liebe nie treu. Besonders zu jungen Frauen, insbesondere minderjährigen Mädchen, fühlt er sich hingezogen. Er ist bei der Kirche angestellt und agiert somit in Jugendkreisen, die er betreut. Durch sein lockeres Auftreten freundet er sich schnell mit den Minderjährigen an und gewinnt deren Vertrauen. Doch ist alles bei ihm berechnet und gespielt. Milena mag ihn und verliebt sich in ihn, auch wenn er verheiratet ist. Er nutzt die Beziehung krankhaft aus. Um ihn für sich zu haben, ist Milena bereit viele Grenzen zu überschreiten. Sie hat einen guten Freundeskreis, aber ein gestörtes Selbstbild und ein verlorenes Körpergefühl. Dies lernt sie langsam wieder aufzubauen und wird im Umkreis von Nick eine der Stärksten unter ihnen und wagt den Ausbruch.

Ein Roman, der modern und flüssig geschrieben ist und eine bewundernswerte Protagonistin ins Leben holt. Ein sehr ehrlicher und offener Text, der nichts im Verborgenen lässt und die Themen direkt anspricht. Das Buch verschont nicht und die Bilder, die Nacktheit der Seelen und Körper, verursachen selbst beim distanzierten Lesen Schmerzen. Gerade dadurch wird das Thema so großartig bewältigt und zu einer Kunst, die lange beschäftigen wird.

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Wolfgang Wissler: „Straffers Nacht“

Ein Roman, der unser Gerechtigkeitsempfinden auf die Probe stellt. Ein düsteres und brutales Werk, das die Frage stellt, wo sie geblieben sind, die damaligen Täter, die sich in der Gesellschaft versteckten und angaben, nur Befehle ausgeführt zu haben. Kann aus Gnadenlosigkeit Skrupel erwachen? Der Roman spielt Anfang der sechziger Jahre und das Wirtschaftswunder zeigt seine diabolische Wahrheit. Denn wer zum Beispiel im Café ein Getränk bestellte oder im Wartezimmer eines Arztes saß, konnte nicht ausschließen, dass der Kellner oder jener Arzt ein Massenmörder war.

Der Roman schleudert uns in die Welt eines Nachtwächters, der in der Dunkelheit seine Kreise zieht und seinen Gedanken nachgeht. Er ist einer der Menschen, die von der Justiz ungesehen und ungestraft durchs Leben wandern. Er, der damalige SS-Gruppenführer, der sich mehrfach schuldig gemacht hat und nun am Tage bangt, erkannt zu werden.  

Erich Straffer ist Nachtwächter. Er zieht seine Bahnen durch die Kathedralen gleichen Hallen. Die Produktionen sind wichtig und die Öfen dürfen nicht ausgehen. Deutschland erlebt das Wirtschaftswunder. Nicht so Straffer, denn er beobachtet dies alles mit Skepsis, ist aber irgendwie erneut oder weiterhin stolz auf seine Landsleute, die fleißig sind und immer wieder aufstehen. Doch er selbst lebt mit seiner Familie in kargen Verhältnissen. Er erwartet einen persönlichen Lebenswandel, denn er denkt, bald wird er erkannt, bald erfolgt seine Bestrafung. Er war unter Hitler ein skrupelloser SS-General. Sein damaliges Netzwerk funktioniert noch heute. Man deckt und schützt sich weiterhin und bleibt verborgen. Reue ist für fast alle ein Fremdgefühl, denn sie waren doch nur Befehlsempfänger.

Nach vielen einsamen Nächten wird ein junger Mann sein Kollege. Ein Jude aus Tel Aviv, der in Deutschland den Mörder seines Onkels sucht. Ein damaliger Lagerkommandant soll sterben. Straffer ahnt, die Stunde der Bestrafungen naht. Das bisher keiner gehandelt hat, sie, die Täter, ungestraft Karriere machen konnten und unerkannt ein gutes Leben führen können, irritiert und verunsichert ihn gleichermaßen.

Ein beklemmendes, aber genauso wichtiges Buch, das uns die Sprachlosigkeit gegenüber der Vergangenheit förmlich ins Gesicht schreit.

Vielen Dank, dass ich das Manuskript vorab lesen durfte und auf der Rückseite des Buches zitiert werde.

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Stefan Moster: „Bin das noch ich“

Was passiert, wenn man seine Rolle im Leben verliert, seiner Begabung oder Berufung nicht mehr nachgehen kann? Wenn das, was einen im Leben auszumachen scheint, nicht mehr greifbar ist, verliert sich dadurch die Persönlichkeit?

Stefan Moster ist Übersetzer und Schriftsteller. Die finnischen Werke, die er übersetzt und seine eigenen Romane haben stets den Rang von Weltliteratur. Sein neuer Roman erzählt still und sehr einfühlsam die Selbstfindung eines Künstlers. Dabei spielen die Musik und der natürliche Klangraum eine große Rolle. Moster versteht es, die Natur und ihre Klänge, besonders den Vogelgesang, der klassischen Musik gegenüberzustellen, zu verbinden und wörtlich einzufangen. Der Roman begeistert durch die Vielfältigkeit, die sich ganz still entfaltet. Das Wissen, das Moster hat und einzubinden versteht, setzt für sein lesendes Publikum keine Vorkenntnisse voraus. Ein großer Roman, der Moster spätestens jetzt mit an die Spitze der deutschen Gegenwartsliteratur setzt.

Simon ist leidenschaftlicher Berufsmusiker. Ein Violinist, der nicht die ganz großen Erfolge feiert. Aber er ist dennoch so gut, dass er für Konzertreisen als Solo- oder als Orchestermusiker weltweit gebucht wird. Er kennt seine kunstvollen Grenzen. Diese zeigte ihm eine heutige Stargeigerin, der er in Folge des Romans schreiben wird. Die Pandemie hat seine Welt ins Stocken und in Gefahr gebracht. Doch jetzt scheint endlich wieder vieles möglich zu sein und mit Kollegen ist er für einige Kammerkonzerte gebucht. Auf einer Sommertournee in Finnland kommt es zu einem Vorfall, der ihn aus der Bahn wirft. Lange hat er es verdrängt und den Schmerz überspielt. Auf dieser Konzertreise möchte er seiner Agentin und dem Publikum etwas beweisen und durch die Musik zu einem besonderen Erlebnis einladen. Er wählt ein Werk von Bach, um danach etwas von Bartók zu spielen, das das Thema des vorherigen Stückes aufgreift. In der anspruchsvollen Musik wählt der Komponist wohl auch seine zukünftigen Interpreten durch die Komplexität mit aus. Doch was passiert, wenn das Können verloren geht? So verbindet sich das Werk, das Leben von Bartók mit der Situation von Simon. Er kann nicht mehr greifen, seine Hand versagt beim Geigenspiel. Er bricht das Konzert ab und muss nun befürchten, dass seine musikalische Laufbahn beendet ist. Eine Freundin und Mitmusikerin lädt ihn ein, ihre Insel zu besuchen. Sie überlässt ihm für eine Woche ihre kleine Hütte auf einer Schäreninsel, damit er zur Ruhe und zu sich finden kann. Die ersten Tage verbringt er ruhelos, denn er ist ganz in seiner Misere gefangen und von der Außenwelt abgeschnitten, denn sein Ladekabel für sein Handy ist weg. Doch jeden Tag verbringt er mehr in und mit der Natur. Die Vogelwelt zeigt ihm ihre orchestrale Macht und er lernt hinzuhören und sich neu kennen. Aus der einen Woche werden mehr und er beginnt zu reflektieren und sich neu zusammenzusetzen.

Die existentielle Selbstreflexion ist eine literarische Reise, die gerade die Musik erklingen lässt, die in der Stille erwacht. Der Raum zwischen den angespielten Tönen steigert sich und der Resonanzkörper wächst. Ein großer Roman über die Auseinandersetzung mit der Identität, dem Können und der Berufung.

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Julie Otsuka: „Solange wir schwimmen“

Ein wiederkehrendes Thema der Autorin ist das individuelle Auflösen in der Masse und ein Einkehren im Wir. Die Autorin Julie Otsuka schreibt ungewöhnliche Wunderwerke. Ihre Perspektive auf ihre Geschichten sind dem Individuellem enthoben, um letztendlich genau die persönliche Einzigartigkeit, die uns allen innewohnt, zu fokussieren. Die Sprache ist auf das Wesentliche reduziert und erzeugt dadurch Raum, der wie ein kleiner Riss plötzlich auftaucht und kontinuierlich im Kopf und Herzen wächst.

Ihr Roman „Wovon wir träumten“ war damals ein Überraschungserfolg. Wie ein Chorgesang wurde darin die Geschichte der Japanerinnen erzählt, die voller Hoffnung auf ein besseres Leben nach Amerika auswanderten. Es sind Frauen, die mit japanischen Einwanderern vermählt werden. Bis zu ihrer Ankunft kennen sie die Männer lediglich als Abbild und dies zerplatzt bei der Einreise.

Erneut ist es die Geschichte von Japanern in Amerika. Erneut ist es ein rhythmischer Chorgesang, der im Wir geschrieben ist und zuweilen in der direkten Anrede das Du anbietet. Dennoch ist der neue Roman von Otsuka ein anderer. Er wandelt von einer Schwimmhalle im Keller zu einer Pflegeeinrichtung namens Belavista und vom Wasser zur Wüste. Solange sie schwimmen ist für die Viele, die erzählt, die Welt noch eine erträgliche. Es sind Menschen, die aus therapeutischen, sportlichen, gesundheitlichen oder aus leidenschaftlichen Gründen ihre Bahnen ziehen. Die Kerngruppe hat ihre Mehrstimmigkeit und beharrt auf Abstand und der stets eigenen Bahn. Wie im Leben oberhalb des Bades gibt es hier unten Regeln. Regeln und Rituale, die besonders Alice Struktur geben. Alice ist es, die in der Mehrstimmigkeit auftaucht und heraustritt. Ihr Leben, ihre Erinnerungen drohen zu verschwinden. Der Wendepunkt kommt mit einer Fraktur. Ein unbedeutender Riss im Becken. Vermutungen, Sorgen und Überinterpretationen bestimmen den Chorgesang. Als die geliebten Bahnen nicht mehr gezogen werden können, verändern sich das Thema und der Klang des Buches.

Alice ist demenzerkrankt. Vorerst ist es mehr eine zeitliche Demenz. Dennoch kommt ihr die Welt abhanden und ihre Tochter versucht, die Erinnerungen zu bewahren. Die Tochter ist Schriftstellerin und hatte eine feste Vorstellung vom Leben. Die Geschichte soll nicht versiegen und die letzten Zeugen sollen gehört werden. Die Geschichte der Japanerinnen in den USA. Die Ansprache ist stets in der Du-Form deutlicher und unmissverständlich. Im Wir sind die Einzelschicksale verwässert und stechen dennoch deutlich hervor. Im Du geht es um Verlust und das Abhandenkommen. Im Wir schwimmt einiges noch eher im Einklang.

Ein Roman über die Verantwortung innerhalb von Familienkreisen, von Mutterliebe und Demenz. Ein bewegender Text, der trotz der knappen Sätze und Szenen erobert werden will. Denn der Inhalt zeigt sich vorerst wie jener kleine Riss im Schwimmbad. Ein klangvoller und ergreifender Roman, der aber auch viel Humor besitzt. Das Buch wurde von Katja Scholtz aus dem Amerikanischen übersetzt.

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Deutscher Buchhandlungspreis 2023

Wir freuen uns unglaublich, denn wir werden zum vierten Mal ausgezeichnet.

Kulturstaatsministerin Roth gibt Preisträger des Deutschen Buchhandlungspreises 2023 bekannt: „Buchhandlungen sind bedeutsame Kulturorte“ PRESSEMELDUNG VOM 7. AUGUST 2023

Mit dem Deutschen Buchhandlungspreis werden Buchhandlungen ausgezeichnet, die sich in besonderem Maße um die gesellschaftliche Bedeutung des Kulturguts Buch sowie um das kulturelle Leben vor Ort verdient gemacht haben oder ein besonders vielfältiges oder auch spezielles Buchsortiment anbieten.

Kulturstaatsministerin Roth

Insgesamt 480 Buchhandlungen hatten sich in diesem Jahr beworben – die höchste Bewerberzahl seit 2017. Eine unabhängige Jury hat daraus nun 108 Buchhandlungen auserkoren, die bei der feierlichen Preisverleihung am 2. Oktober 2023 in Stuttgart ausgezeichnet werden. Erst dann erfahren sie, in welcher der drei Preiskategorien sie gewonnen haben.

Herzlichen Glückwunsch an alle mitnominierten Buchhandlungen!

Wir erhielten bereits den Deutschen Buchhandlungspreis 2019, 2020 und wurden 2021 als „Besonders herausragende Buchhandlung“ mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.

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Nataša Kramberger: „Verfluchte Misteln“

Slowenien ist 2023 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und einige passende Titel sind bereits in den Leseschatz gewandert. Nataša Kramberger hat einen autofiktionalen Roman geschrieben, der nun auch ein Leseschatz ist. Die Schriftstellerin übernimmt den Bauernhof ihrer Mutter und entflieht dem Großstadtleben. Ihr Werk beinhaltet Nature Writing, Selbstreflexionen und den beschriebenen Versuch, von der Landwirtschaft zu leben. Somit ist ihr Weg ein antizyklischer, denn während die meisten Menschen in die Städte ziehen, besonders nach Berlin, kehrt die Erzählerin aus Berlin in ihr slowenisches Heimatdorf zurück.

Ihren anfänglichen Refrain: „Man müsste anständig erzählen können“ wiederlegt sie selbst, denn der Roman ist kunstvoll komponiert. Inhaltlich mäandert sie zwischen Erinnerungen, Gegenwärtigem und entwickelt einen songartigen Wortklang, der wie in einem Lied, wiederkehrendes zulässt und dies dabei anders betont oder beleuchtet. Das Klangbild und der sich steigernde Rhythmus geben dem Text eine ganz eigene Struktur. Dadurch entsteht ein Spannungsbogen, der eigentlich keiner ist und dadurch fasziniert. In Berlin wird um jeden Baum gekämpft und in der slowenischen Heimat ufert dieser persönliche Kampf großflächig aus.

Die Schriftstellerin will den Hof übernehmen und will diesen durch ökologischen Landbau retten. Ihre Großmutter ist die erste, die Zweifel hegt und sieht in der Wortakrobatin nicht die Fleißperson, die die Landwirtschaft benötigt. Denn „Bauern müssen doch arbeiten“. Doch die Erzählerin stellt sich den Herausforderungen. Diese liegen nicht immer in der Natur, sondern oft auch in der Bürokratie und dem menschlichen Umfeld. Alle sehen sie nicht als eine Bäuerin an, die die Landwirtschaft versteht. Sei es beim Saatgutkauf, beim Retten der Streuobstwiese oder bei diversen Anträgen. Der Titel des Romans  liegt im Befall jener Obstwiese verborgen. Denn die Obstbäume sind vom Mistelbefall betroffen und ein rabiater Eingriff schadet eher der Pflanzenwelt.

Mit viel Humor betrachtet die Autorin dabei das Wechselspiel zwischen Stadtmenschen, Landleben und althergebrachtem Wissen und den Modernisierungen. Es herrscht ein Maschinisierungszwang, dem sie sich entzieht und sich dabei durch die sprachlichen sowie durch die Verwaltungsuntiefen mit Witz und leichter Resignation manövriert. Sie wird Landwirtin, bleibt aber in aller Augen stets „nur“ die Schriftstellerin. Die Erzählerin und die Autorin verwachsen. Denn Nataša Kramberger lebt im Sommer in Slowenien und betreibt mit dem Ökokunstkollektiv Zelena Centrala einen kleinen biodynamischen Bauernhof. Im Winter lebt sie in Berlin. Sie ist Schriftstellerin, Kolumnistin und leitet den slowenisch-deutschen Kulturverein. Der Roman wurde aus dem Slowenischen von Liza Linde übersetzt.

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Deborah Levy: „Augustblau“

Deborah Levy sticht mit ihren Werken in die Brüche unseres heutigen Bewusstseins. Sie schreibt in einer messerscharfen Präzision über die Risse und Wunden der Gesellschaft und taucht in diese ein, um diese literarisch zum Bersten zu bringen. Es sind europäische Schauplätze die belebt werden von Weltbürgern, die nicht genau wissen, wohin sie gehören. Es sind moderne Menschen, die fürchten, sie könnten nicht alles im Griff haben. Der Stil von Deborah Levy ist wohldosiert, sie erzählt stets in einer knappen, eleganten Sprache. Einiges bleibt in den Tiefen des Textes verborgen. Es liegt an uns, die Brüche zu finden und sie zu entziffern.

„Augustblau“ ist wahrlich eine Rhapsody in Blue. Viele Stilelemente vereinen sich und erzählen dabei eine Geschichte, die unser brüchiges Jetzt belebt. Das mäandernde Leben beginnt mit ihrer Adoption durch ihren Musik- und Klavierlehrer. Sie ist ein Wunderkind und erlangt Erfolge. Als berühmte Pianistin spielt sie in Wien Rachmaninow, steigt beim Spiel aus dem Stück aus und interpretiert Eigenes und geht. Sie durchstreift die Welt und gibt zuweilen Unterricht. Auf einem Flohmarkt in Athen meint sie, ihr Lebensdouble zu sehen. Eine Frau, die mehr Sie ist als sie selbst. Jene Frau erwirbt gerade zwei batteriebetriebene Tanzpferde. Das Alter Ego läuft aber in weiteren Schauplätzen davon.

Auf der Suche sein nach einem neuen Ich und einer neuen Lebenskomposition. Ein wunderbarer neuer Roman von Deborah Levy, der aus dem Englischen von Marion Hertle übersetzt wurde.

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Maike Wetzel: „Schwebende Brücken“

Ein sanftes und sehr bewegendes Werk. Es geht um jene Schicksalsschläge, die unser Leben gänzlich verändern und drohen es zu zerschmettern. Doch gerade in diesen Momenten, sind wir gegenwärtig und sind in der Wahrnehmung gleich einer schwebenden Brücke, die nichts verbindet und doch da ist. Bis die Brücke sich senkt und der Weg begehbar wird und der Blick zurück sich auch klarerer gestaltet. Diesen verlängerten Augenblick hält Maike Wetzel fest. Ein Moment, in dem Blütenblätter wie Schnee fallen und dadurch den eigentlichen Schrecken verbergen möchten.

Maike Wetzel erzählt davon, was es bedeutet, langsam das Unfassbare anzunehmen, zu erkennen und zuzulassen und dabei für die Kinder funktionieren zu müssen. Diese Autofiktion reicht aber noch weiter und tiefer. Das Zerbrochene fügt sich wiederzusammen und der persönliche Wiederaufbau nach der Katastrophe beginnt. Somit ist dieser Roman ein ganz persönliches Werk der Autorin, die ihre eigenen Erlebnisse in Literatur verwandelt und ein wunderschönes, trauriges und mutiges Gesamtkunstwerk erschaffen hat. 

Ein Sonntag dient der Familie zur Flucht aus dem Stadtleben. Ihr Mann hat zum Geburtstag Geld für ein Boot erhalten. Eigentlich missfällt der Erzählerin die Zeit ihres Mannes auf See, denn dann ist der Architekt noch weniger Teil der gemeinsamen Familienzeit. An diesem Tag lässt er das kleine Boot mit seinem Bruder zu Wasser. Die Erzählerin bleibt mit den Kindern am Ufer auf der Picknickdecke sitzen. Die Idylle kippt bereits als einer der Söhne das Boot nicht mehr sieht und meint, sein Vater sei mit dem Boot gekentert. Doch glaubt sie ihm vorerst nicht, denn es ist doch nur ein See. Doch gab es auf dem Gewässer ein Unglück und der Vater wird vermisst. Sein Bruder konnte geborgen werden. Nun sitzt die Mutter, die Erzählerin, mit den kleinen Kindern im Arm auf der Picknickdecke. Sie glaubt nicht, hält daran fest, man mache einen Scherz mit ihr. Während ihr Mann gesucht wird und Hubschrauber über ihr kreisen, beginnt sie zu reflektieren. Wie aus weiterer Ferne betrachtet sie in einem schwebenden Zustand ihre Situation und ihr Leben mit ihren Mann. Ihr Ehemann ist ein Lebenspartner, ein Gegenstück, das nun aus ihrem Leben gerissen wurde.

Mit ganz viel Gefühl und klugem Sprachgespür wird hier eine emotionale Geschichte erzählt, die ohne Schreie, ohne tatsächliche Verzweiflung auskommt. Die Gefühle sind da: Wut, Trauer, Melancholie und Schmerz. Doch keimt auch ein Danach auf und die Stärke, zumindest für die Kinder, lassen die Erzählerin, die Mutter und Autorin aufstehen. Das eigentlich sprachlos Machende, das Unmittelbare wird nun zu einer schön erklingenden Literatur. Ein authentischer, ergreifender und aufwühlender Text über die Schönheit, die Liebe, den Tod und die Bewältigung.

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