Milena Michiko Flašar: „Der Hase im Mond“

Milena Michiko Flašar erschafft Buchwunder und schreibt eigentlich die Geschichten, die sie uns erzählen möchte, immer weiter fort. In ihren Werken geht es stets um Vereinsamung, Auflösung, Verlust und Veränderung.

Nach ihren wunderbaren Werken „Ich nannte ihn Krawatte“, „Herr Kato spielt Familie“ und „Oben Erde, unten Himmel“ hat sie ein Buch herausgebracht, das Geschichten beinhaltet. Es sind Erzählungen aus Japan und Milena Michiko Flašar vertieft damit ihren literarischen und kulturellen Bezug zu Japan und geht weiter, als sie es mit ihren vorherigen Romanen tat. In ihren Werken erzählt sie dabei die Geschichten über Hikikomori, also dem gesellschaftlichen Rückzug, von Familiensystemen und unserer Rolle in der Gesellschaft. Sie schafft einen Gedankenraum um Kodokushi, dem einsamen Tod und über die gegenüberliegende Lebensenergie. Ihre jetzigen Geschichten verlassen dezent die Bodenhaftigkeit und verlieren sich in der für Japan typischen Metaphorik des phantastischen Realismus, die auch zum Beispiel Murakami spielend beherrscht. Diese Sammlung an Geschichten begeistert, verwundert und lässt uns mit Herz und Verstand unser Umfeld ganz neu betrachten. Milena Michiko Flašar zeigt in der Kürze ihr ganzes Können, ihr Mitgefühl und lässt uns am Wunder der Literatur teilhaben. Ihre Sprache ist schön, verspielt und setzt der Melancholie stets den Humor gegenüber. Ihre Betrachtungen tanzen um Wünsche, Sehnsüchte und um die Flüchtigkeit des Seins. Dieses Buch verbindet alles, was Milena Michiko Flašar sagen möchte und uns fühlen lässt. Ein großartiges Werk.

Wir treffen auf einen Autor, der seine Geschichte erzählt. Sein Erfolg war plötzlich da. Wie seine Liebe, die ihn inspirierte. Eine Frau, die einem Fuchs ähnelte und dann verschwand. Seine Suche beflügelt das spätere Werk. Das Wilde in uns, das wir zu bändigen versuchen, belebt die Titelgeschichte. Es ist jene Kraft, die im Verborgenen lauert und meist ungesehen ihre Wirkung zeigt. Doch wenn sie gesehen und zugelassen wird, ist das Tor zur anderen Seite des Mondes geöffnet. Ein Mann, der sein Glück kaum fassen kann, denn er war stets in der Mittelschicht und seine Leistungen immer mittelmäßig. Doch durch das Auftreten des Schwiegervaters ändert sich subtil einiges. Unsere Spiegelung kann für uns lebendig werden, wenn wir vergessen unser eigenes Leben zu sehen. Ein Paar, das ständig seine Trennung plant, kommt nicht dazu, weil sie im Haus gegenüber ihr eigenes Leben beobachten. Der idyllische Traum von einem Leben in einer Hütte in einem Grashügel kann sich umwandeln und Fragen aufwerfen, wer tatsächlich jenen Traum hatte und eine Liebe ins Leere verlaufen ließ? Die Gefühlswelt lebt in diesen Geschichten und umspült uns, wie eine der Figuren, die im medialen Nachklang eines Tsunami versinkt. Das Leben besteht aus so unterschiedlichen Facetten und diese können nicht einfach nur in Hell oder Dunkel erfasst werden. Milena Michiko Flašar erspürt die Vielfältigkeit und verwandelt diese in japanische Geschichten, die aber auch den europäischen Blick einbinden und auch das hiesige Grauen der Menschenvernichtung während des Holocaust mit einbeziehen. Dennoch sind alle Geschichten voller Leben und das ganze Buch bereichert unsere eigene Lebenssicht.

Die Handschrift und die Weise, wie Milena Michiko Flašar erzählt, ist einzigartig, gleicht sich aber immer mehr der japanischen Literatur an und erschafft, um in ihrem Bild aus einer der Geschichten zu bleiben, eine Masse an wunderbaren Erinnerungen. Sie erweitert ihren bisherigen literarischen Horizont durch eine surreale-real-phantastische Erzählebene. Ein Buch, das uns verweilen lässt in poetischen Bildern und Klängen und uns diverse Gedanken zum weiteren Betrachten hinterlässt.

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Esther Becker: „Notfallkontakte“

Sobald wir uns diesen Notfallkontakten hingegeben haben, ist die Welt um uns verschwunden, verändert und doch die Alte geblieben. Die Erzählungen sind so kurz und gut, dass wir mit einem literarischen Blinzeln rechnen können, das aber im Sichtfeld alles beleuchtet. Alltägliches birgt Situationen, die Seltsames, Hoffnungsloses und Bizarres sein können. Es sind unterschiedliche Momente, die aber in folgenden Erzählungen aufblitzen könnten. Die Geschichten sind humorvoll, nachdenklich und immer empathisch. Empathie kommt auch in der Umkehrung vor, gerade dann, wenn der Luftraum der gewöhnlichen Menschen durch wenige Bestimmende verringert wird. Es sind Texte, die uns gefühlt hier und dort blaue Flecken verursachen könnten, die aber glücklicherweise in der Dunkelheit nicht zu erkennen sind, aber dennoch etwas länger bleiben. Das kleine Buch ist sehr vielfältig in seinen Weltbeschreibungen, so dass es wie eine sehr große Teeauswahl wirkt und wir dann doch den Kakao kredenzt bekommen. Mit diesem fein gezeichneten Figurenpark beschäftigt man sich gerne und ist bei jeder neuen Geschichte überrascht und die Lebenswelt kann sich in der Realität verrücken.

Die titelgebende Geschichte lässt uns den Trennungsschmerz spüren. Ein Abschied und eine Löschung der Kontaktdaten im Smartphone mögen schnell gehen, aber fallen sie leicht? Der Krankenhausaufenthalt, der äußere und innere Menschlichkeit offenbart. Es taucht ferner eine Frau auf, die versucht keine Spuren im Umfeld zu hinterlassen, weil ihre Wege bereits von anderen vor ihr gegangen waren. Zumindest im Schnee. Die Liebesunfähigkeit lässt eine Verletzung wachsen, die dann doch den Wunsch anregt, sich zu zeigen. Zu deklarieren, dass man da ist, auch wenn dies lediglich mit gelber Körperflüssigkeit in der Winterlandschaft hinterlegt wird. Der Luftraum kann dünner werden, wenn wir als Gesellschaft eine Spaltung zulassen, die sich anhand von Arm und Reich zeigt. Familien, die bereits den Kindern üppige Feiern, Kleider und Fahrzeuge ermöglichen, erziehen somit ebenfalls kleine Unsympathen, die für sich sogar eigene Straßensperren verlangen. In den Erzählungen kann auch das Unheimliche Einzug halten. Seien es Äste, Arme oder einfache Ängste, die sich unserer bemächtigen. Auch schwarze Löcher öffnen sich. Erst sind es kleine Flecken, die in der Küche punktuell den Raum einfordern und beständig wachsen und alles in sich aufnehmen. Die Anziehungskraft der schwarzen Löcher kann auch auf die Magie dieser Erzählungen angewendet werden. Denn sie ziehen uns an und lassen uns das Umfeld gänzlich ausblenden. Doch gerade das Umfeld ist es, das durch diese Texte verstärkt in den Fokus gerückt wird.

Esther Becker schreibt unterhaltsam, klug und poetisch. Eine Kurzprosa, die ab und zu lyrisch wird, immer die Bodenhaftung trotz der Phantastereien behält und stets mit einem ganz eigenen Ton geschrieben ist. Ein Ton, der aus einem Klang zwischen Witz und Gesellschaftskritik schwingt. Alles ist aber belebt durch genauste Aufmerksamkeit gegenüber der Menschlichkeit, die hier in der Kürze sehr lebendig wird.

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Tobias Sommer: „Wer das Ende verrät“

Wer Tobias Sommer kennt weiß, dass in seinen Harmonien meist tiefe Abgründe lauern. Zuletzt zeigte er es mit seinem Roman „Das gekaufte Leben“ und davor mit dem wirklich herausragenden Leseschatz „Jagen 135“. Ich weiß, wir dürfen noch viel von Tobias Sommer erwarten, denn es lauern bei ihm Manuskripte, die ich bereits lesen durfte. Er wird hoffentlich seinen Bekanntheitsgrad erweitern dürfen und eventuell dann zum Reigen der wichtigen Stimmen der Gegenwartsliteratur gehören. Er schrieb in „Jagen 135“:  „Das Glück der Menschen ist die Unwissenheit über den Weg dorthin.“ Das ist eines seiner Credos für seine Werke.

Jetzt hat er einen Krimi geschrieben. Keinen ganz gewöhnlichen, denn es ist ein Buchhändler, der ermittelt. Dafür, dass Tobias Sommer nun einen fiktiven Kollegen als Helden deklariert, gebührt großer Dank! Ein Kollege, der durch seine Umtriebigkeit mir sehr ähnelt, wurde mir sofort ins Herz geschrieben. Die Literatur von Tobias Sommer lebt von den Stimmungen, die diese jeweils erzeugen.

Die Handlung spielt an der nordfriesischen Küste, nahe Dänemark, in einem kleinen Dorf, in dem ein gutes Miteinander gepflegt wird. In der Mitte gab es einst eine Apotheke, die nun als Buchhandlung umfunktionalisiert wurde. Somit wird hier weiterhin für das Wohl der Menschen gesorgt. Moritz Wendtal ist der Inhaber, der seine Aufgabe innerhalb der Literaturwelt sehr ernst nimmt und seine eingekauften Bücher zelebriert und die Menschen mit seiner Begeisterung für die Bücher anstecken möchte. Beim Bürgermeister Gerhard Brix, von allen Brixmeister genannt, wurde eingebrochen. Es wurde nichts entwendet, nur verwüstet und ein mysteriöses Gedicht taucht auf. Das Interesse des Buchhändlers ist geweckt und sein erster Fall entwickelt sich … Mehr soll hiermit nicht gesagt werden, denn wer verrät schon das Ende?

Ein kurzweiliger und toller Buchhändler-Krimi-Spaß!

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Christopher Ecker: „Die leuchtende Reuse“

Ein pensionierter Lehrer gerät in ein Abenteuer, das sein Leben und die Wirkungskraft der Literatur in ein verrücktes Labyrinth wirft. Mit jedem Kapitel verändert sich die Umgebung, Wände verschieben sich und die Aussichten werden erneut sortiert. Die Welt der Literatur besteht aus Büchern und aus der Visualisierung durch Film und Theater. Besonders die Bühnenkunst ist eng an die Lebendigkeit des individuellen Lesens gebunden. Damit spielt Christopher Ecker und erzeugt Bilder, die an Murakami, Poe oder sogar an Kafka erinnern. Die Spannweite seiner verwendeten Verweise ist stets mannigfaltig. Das Erkennen seiner Anspielungen ist aber niemals nötig, um seine Literatur zu verstehen. Wenn wir diese erahnen, macht es einfach nur noch viel mehr Spaß. Seine Werke bespielen immer den Grad zwischen Unterhaltung und anspruchsvoller Literatur und mit „Die leuchtende Reuse“ findet alles seinen Anfang. Ecker schreibt Romane, Lyrik, Kurztexte und nutzt auch die Fabel, um seine Geschichten zu fabulieren. „Die leuchtende Reuse“ ist eine Neuveröffentlichung, es ist die vom Autor neuüberarbeitete Ausgabe von 1997, die mit einem Nachwort von Kai U. Jürgens ergänzt wurde.

„Die Leuchtende Reuse“ ist somit in der Ecker-Welt der Anfang und beinhaltet schon alles. Seine kommenden Werke finden hier einen Wiederhall und sein geübter Blick verbindet sich in einer Welt, die Realität und magischen Realismus vereint. Alles ist möglich, alles ist ein Gedanke, ein Witz oder ein philosophisches Bildnis. Alles ist aber mit sehr viel Hingabe geschrieben, so dass sich uns nichts verschließt, sondern alles gefügig und lesbar ist. Das Versteckte zeigt sich dem geübten Ecker-Leser oder gärt im Unterbewusstsein der hinzugewonnenen Buchmenschen, die seine Welt erneut oder wieder entdecken dürfen. In seiner Literatur zeigt sich die reale Welt, die eine Kehrtwende zum Unmöglichen macht und das Surreale und Phantastische einlädt, um unsere Gegenwart zu verzaubern oder zu entzaubern. Diese Ausgabe ist somit eine Wiedereinkehr in seine Sprachwelt oder die Möglichkeit, seine Literatur neu für sich zu entdecken.

Das ganze Buch ist ein Labyrinth aus kurzen Kapiteln, die wie ein Krimi beginnen. Doch das Kriminalistische löst sich zügig auf und verwandelt sich in ein kunstvolles Mosaik, das Hieronymus Bosch gemalt haben könnte. Dabei kommt aber der Spaß niemals zu kurz, denn unser Leben ist zuweilen wie ein Witz. Ein Witz, der aber unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu oft erklärt werden muss und somit seine Pointe verliert. So lernen wir auch Josef Gripke kennen. Ein ehemaliger Lehrer, der einem Nachbarsjungen versucht einen faden Witz schmackhaft zu machen. Der Junge ist selbst in seiner Welt gebannt und kommuniziert gerade mit dem Straßengully. Gripke erfährt von seinem Freund Richard van Aaken, einem Schauspieler, der in einer Klinik ist, dass dessen Zimmernachbar Rescher auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Rescher habe sich, trotz der Fixierung buchstäblich in Luft aufgelöst. Ebenso ist dessen Lektüre von einem  Arthur Machen, „The four Impostors“, vom Nachttisch verschwunden. Die Rätsel faszinieren Gripke und er beginnt, Detektiv zu spielen. Die fehlende Lektüre hat eine ähnliche Historie wie einst die Entstehungsgeschichte um „Tausendundeine Nacht“. Wer erzählt wem hier Geschichten und welche Geschichten sind hinzugefügt oder gänzlich ersponnen? Der eigentliche Erzähler meldet sich auch dezent zu Wort und erklärt, dass Gripke ein guter Freund ist. Ist der Erzähler jener Fischer, der wie der König der Fischer im Parzival-Universum auf Mitgefühl hofft? Gripke besucht die Frau des verschwundenen Rescher und erfährt, dass dieser unter Rommel innerhalb einer Luftlandeeinheit in Afrika stationiert war. Diese Einheit ist 1942 in der Wüste spurlos verschwunden und einige sind erst Jahre später wieder aufgetaucht. Wiederholen sich die Ereignisse? Von einem Experten erhält Gripke eine Namensliste der Wiederkehrer und beginnt anhand dieser die damalige Geschichte zu rekonstruieren, die in der gegenwärtigen Welt von Gripke von Bedeutung sein könnte. Die Handlungsverläufe werden immer vielfältiger und die Magie des Lebens gewinnt immer mehr an Gewichtung. Eine Magie, die aber zwischen Realität, Fiktion und Phantasie verweilt. Gripkes Frau, die auf Kur ist, aber ebenfalls einen Schatten verbirgt, ruft ab und zu an. Dabei ist Gripke selbst durch eine Frau in der Wand seines Haus abgelenkt. Die Sinne werden beim Lesen angespitzt und vollziehen einen Sinneswandel. Was ist Wirklichkeit? Ist der Fischer eine Figur, die alles erträumt, fixiert oder die Figuren wie Marionetten tanzen lässt? Die Reuse ist geflochten und sie fängt uns ein und beginnt immer mehr zu leuchten. Doch ist diese Reuse wohl auch nur ein Tunnel mit einem Ende aus Licht. Letztendlich ist es Christopher Ecker, der die Reuse ausgeworfen hat.

Eckers Romanwelt überfordert nicht. Sie unterhält und erzeugt Spannungen, die uns unsere Welt begreifbarer machen können. Ecker verneigt sich mit seinen Werken vor Poe, Kafka und vielen anderen Meistern, ohne uns damit zu überbeanspruchen. Er verwebt die Unterhaltung mit Spielereien und lässt uns dann mit unseren Gedanken in unserem noch luftleeren Raum stehen. Diesen Raum füllen wir mit jeder neuen Lektüre. Ecker erzeugt Welten, Typen und klangvolle Gedanken und ist wohl eine gebürtige Antwort auf die Buchwelt von Murakami. Er lebt und schreibt hier bei uns an der Kieler Küste – also sei mein Aufruf erlaubt, der jetzt den Bogen zu Helge Schneiders „Schwedenurlaub“ spinnt: „Rein in die Reuse“.

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Maren Ernst: „Vierzig Mädchen“

Es gibt sie, jene Verlage, die nicht nach den kommenden Bestsellern Ausschau halten, sondern nach Perlen der Weltliteratur, die uns die Welt verständlicher machen. Dabei werden Werke verlegt, die uns durch ihr Wissen und die erzeugte Empathie Themen nachempfinden lassen, die uns durch die Lektüre wachsen lassen und die Gegenwart durch die Geschichte, die Fiktion, greifbarer werden lässt. „Vierzig Mädchen“ von Maren Ernst erweitert bewusst oder unbewusst unseren Horizont, den bereits Oliver Hösli mit seinem Roman „Mit Aprikosen“ geöffnet hat. Beide Romane spielen in Kirgistan. Unser Leben verändert sich beständig. Der Fortschritt macht auch in Kirgistan nicht halt. Das Paradiesische weicht der Technologie und die Natur und die Gesellschaften passen sich immerwährend an.

Es ist ein Roman über persönlich wirkende Einblicke in die jüngere kirgisische Geschichte. Es ist ein Spiel mit unterschiedlichen Weltsichten und Kulturen. Es geht um Menschlichkeit und stellt dabei starke Frauen in den Mittelpunkt. Der Titel geht auf die Legende zurück, dass die kirgisischen Frauen besondere Fähigkeiten haben. Es sind mutige Kämpferinnen, die Rivalitäten zu schlichten verstehen. Dabei wird ein Daseinsplan beschrieben, der stets durch Scheitern und Wiederauferstehung geprägt wird. Kirgistan heißt aus dem Kirgisischen übersetzt: Vierzig-Mädchen-Land. Der Debütroman von Maren Ernst lässt diese starken Frauen lebendig werden und knüpft literarisch ein Kulturen und Zeiten überspannendes Band.

Marie lebt in Deutschland und fühlt sich von Land und Kultur Kirgistans angezogen. Trotz Arbeit und Studium in Norddeutschland, bleibt sie mit Kirgistan stets verbunden. Während eines Aufenthalts in Kirgistan besucht sie ein Event. Eine Show, fast schon ein gesellschaftlicher Zirkus, lässt sie auf Pia treffen. Eine fast schon drängende Einladung, eines der Heime zu besuchen, verändert alles. Marie, die durch Pia eine neue Erfahrung macht, findet innerhalb einer Gruppe von Frauen eine neue und wichtige Lebensaufgabe. In dem Heim beobachtet Marie Kinder, die wie vergessene Objekte ausharren. Heimkinder sind hier nicht zwingend Waisen. Es sind Sozial- beziehungsweise Systemwaisen. Die Arbeit mit den Kindern lässt etwas Inneres bei den Betreuern und Kindern aufbrechen. Zuwendung finden in diesem Roman alle, denn es werden unterschiedliche Schicksale fokussiert. Kirgisische Lebensgeschichten, die nun mehr oder weniger den Fortgang der Handlung prägen. Somit öffnet die Lektüre eine Vielschichtigkeit und bedient sich einer poetischen Sprache. Es entsteht ein Gedanken- und Gefühlsraum, der nicht alles aussprechen muss, um durch die Reduktion etwas Stilles und Menschliches zum Erklingen zu bringen.

Ein Buch, das uns über uns staunen lässt. Über unsere positive Kraft, Hinwendung, aber auch über unsere systematischen Schattenwürfe. Wir können dankbar sein, dass es solche Verlage gibt, die mit Herzblut und Hingabe solche wichtigen Werke verlegen, die aus ihrer Nische gerne weiter heraus strahlen dürften und sollten.

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Steven Uhly: „Death Valley“

Steven Uhly irritiert, provoziert und unterhält stets ungemein. Wenn er ein Buch veröffentlicht, ist es immer wie ein kleiner Paukenschlag, der eine Schwingung verbreitet, die uns bewegt, zum Nachdenken anregt, erheitert und uns mit unserer Weltsicht konfrontiert. Mit seinem neuen Roman vermischen sich gänzlich die Realitäten. Es ist Steven Uhly, der schreibt, erzählt und uns seine Geschichte erzählt, die uns aber hadern lässt und die Frage aufwirft, was Wirklichkeit ist und was Fiktion? Es sind Grenzen zu denen wir gezerrt werden. Grenzen zwischen den Wahrnehmungen, den Klischees und letztendlich sogar zu jener Linie zwischen Ernst, Unterhaltung und Humor. Der Witz fährt auf diesem Trip lautstark mit.  Der Titel verspricht moderne Western-Romantik. Death Valley ist für diesen Road-Trip wohl kein besserer Ort. Dabei benutzt Uhly die Polaritäten unserer Bilder aus Kultur und Gesellschaft. Star Wars trifft hierbei auf Weltliteratur, das Tal des Todes wird belebt durch Menschen, die unsere Vorstellungen, bestätigen oder gänzlich neu beflügeln.

Es ist Steven Uhly, der in Erscheinung tritt. Er bezeichnet sich erneut als ein Misanthrop und muss sich mit diversen Menschen abfinden und herumschlagen. Durch die Begegnungen und zwischenmenschlichen Berührungen versucht er, sein Menschenbild aufzubessern und das Verachtende und leicht Arrogante abzulegen. Doch fällt es ihm anhand der absurden Abenteuer schwer. Er reist nach Amerika und fährt mit einem Luxusauto durch das Naturschauspiel des Death Valley. Somit begibt er sich in den Nationalpark und in die endlosen Weiten der Western-Welt und zu jenem intimen Feind eines Todesssterns.

Der Erzähler macht sich auf den Weg von Deutschland nach Las Vegas und dann weiter quer durch das Tal des Todes. Hier ist seine Mutter verstorben. Sie war mit ihrem Partner dort und beide sind verunglückt. Das Ableben konnte nicht typischer und tragischer sein. Sie sind zu Pferde unterwegs gewesen, gestrauchelt und zu Tode gestürzt. Uhly möchte seine Mutter heimführen oder je nach Kostenumfang dort beerdigen. Zeitglich macht sich auch der Sohn des neuen und nun auch verstorbenen Lebenspartners auf die Reise. Hans Butt ist es, der bisher nur negativ aufgefallen war. Besonders durch seine Weltsicht und rassistischen Ansichten. Der Erzähler macht somit ein persönliches Wettrennen daraus, weil er als erstes bei den Verstorbenen und am Unglücksort eintreffen möchte. Denn es geht auch um das elterliche Haus, die angesammelten Antiquitäten und den sagenhaften Goldschatz seiner Mutter, die als Bankräuberin anscheinend Goldbarren versteckt hatte.

Der Flug beschert Uhly die ersten skurrilen Begegnungen. Eine reiche Familie, die ebenfalls wegen einer erbschaftlichen Klärung anreist, verschafft ihm die ersten Einblicke in die Scheinwelt Amerikas innerhalb der ländlichen Trostlosigkeit. Der glitzernde Luxus lässt den Erzähler untreu werden, die Versuchung des Glamourösen spüren und verhilft ihm als Leihgabe zu jenem Luxuswagen. Auf der Reise trifft er auf weitere Menschen, Aliengläubige und klischeehafte Amerikaner. Dabei stellt er sich die Frage, was die wirklichen amerikanischen Einwohner sind, sind es die Menschen der First Nation oder jene, die das Land seit der Eroberung und Vertreibung beleben? Durch einen Zufall trifft er bereits unterwegs auf Hans, der mit seinem Leihwagen eine Panne hat und nimmt diesen mit. Das ungleiche Paar macht sich nun gemeinsam auf die Reise. Eine Fahrt durch diverse Drehorte bekannter Filme in einem Auto, dessen Navigationssystem, zur gänzlichen Erheiterung des einfacheren und Film-Nerds Hans, Darth Vader imitiert. Dabei beobachten sie sich, ihr Menschenverständnis und die gesellschaftlichen Spiele, wenn es um Macht oder Geld geht. Am Ende verstärkt sich die Großartigkeit des ganzen Romans.

Dieser Roman wirft wie ganz nebenbei unsere aktuellen und globalen Fragen ein und belebt unsere eigene Welt voller Lügen, Wahrheiten und individuellem Urteilsempfinden. Steven Uhly versteht es stets, uns in seinen Bannkreis zu ziehen. Seine Texte sind reale Parallelwelten aus Traurigkeit, Politik, Menschlichkeit und trotz der beschriebenen Dramen auch immer urkomisch. Es gibt im Buch einen englischen Satz, der als Fazit funktionieren könnte: „This beautiful sadnes of being alive“.

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Fritz Schumann: „Japan, wer bist du?“

Japan übt eine Faszination aus. Es ist ein Land mit unterschiedlichen Seelen. Es ist geprägt durch einzigartige und wunderschöne Landschaften. Es ist eine Inselnation mit dicht besiedelten Städten, die immer weiter wachsen und die ärmeren Landregionen vereinsamen. Dennoch zählt Japan zu den dicht besiedeltsten Ländern Asiens. Es gibt hier eine gelebte Spiritualität, die durch unzählige Schreine und Tempel sichtbar ist. Das turbulente Stadtleben steht den Gebirgen, den unterschiedlichen Landschaftsprofilen und den mannigfaltigen Nationalparks gegenüber. Die Blicke nach Japan vermehren sich, wie die Sehnsucht, die jenes ferne Land in uns erweckt. Auch in der Welt der Bücher und besonders in der Literatur häufen sich die Übersetzungen. Fritz Schumann fragt nun, wer Japan ist? Nicht was, sondern wer. Denn sein Blick geht tiefer als jener touristische Aufenthalt es wohl vermag. Er erzählt Geschichten von Menschen. Er zeigt ein Japan fern vom Üblichen und erweitert unseren Horizont über japanische Gesellschaft und Kultur. Auch wenn Japan lediglich ein Wunschtraum bleibt, eine Reise angedacht wird oder eigene Erinnerungen vorhanden sind, kann das Buch ein ganz anderes Weltbild erzeugen. Der Autor bewegt sich auch nicht nur auf den schönen Pfaden, sondern blickt ganz genau hin, hört zu und fragt nach.

Fritz Schumann ist ein Journalist aus Berlin und seit 2009 recherchiert und reist er oft über und in Japan. Seine Reportagen und Filme haben einige Preise erhalten. Auch in Japan hat er für Veränderungen, Gesprächsstoff gesorgt und sogar in einer Region den Tourismus verstärkt. Er ist somit nicht nur in unseren Medien ein gefragter Kenner der Materie, sondern auch schon mehrfach im japanischen Fernsehen aufgetreten.

Anhand der vorangestellten Karte erfahren wir, welche Orte er bereist hat, zu denen er uns nun literarisch mitnimmt. Diese sind in ganz Japan verstreut. Es sind Erinnerungen oder Berichte von seinen ganzen Japanreisen. Es sind Reisen zu verborgenen Orten und den dort lebenden Menschen. Wie jene jeweiligen Regionen sind auch die Menschen, die mit ihren Berichten, Aussagen und Lebensweisen die japanische Kultur gestalten. Dadurch sind die Betrachtungen alle authentisch, persönlich und jeder Reiseabschnitt ist ein Gewinn. Jede Reise, die Fritz Schumann machte, ist eine Suche nach Antworten. Dabei entdeckt er verlassene Regionen, zum Beispiel eine Waldheimat, wo fast alle Menschen dort weggezogen sind. Er trifft auf ein Tal voller Puppen, Puppen, die jene Leerstände mit Leben erfüllen. Jede Begegnung führt zu anderen. Jedes Treffen zeigt Lebensphilosophien, Probleme oder den alltäglichen Lebensumstand. Auch die Suche nach Glück kommt nicht zu kurz. Aber auch ein alter Giftgasskandal hat den Journalisten mehrfach beschäftigt. Somit wandern wir anhand der Kapitel durch unterschiedliche Welten Japans. Von den modernen Hochhäusern bis zu den jahrhundertealten Traditionsgebäuden. Es sind aber stets die Menschen, die uns begegnen und dem Autor ihre Geschichten überlassen haben. Menschen, die oft aus den Situationen das Beste herausbringen möchten. Die Schönheit, das Mystische und das Kritische vereinen sich hier spielerisch. Dabei sind die Texte nie gänzlich neutral, denn es sind Berichte von Japanern, die Fritz Schumann empfangen hat und durch seine Texte zu etwas Persönlichem gemacht hat. Kein oberflächliches Werk über Japan, sondern es sind Reiseberichte jenseits der üblichen Bilder.

Ein ungewöhnlich, schönes, bewegendes Buch. Die Texte werden durch großartiges Bildmaterial ergänzt. Näher und tiefer wird man Japan wohl nicht kommen können. Bücher sind Portale in andere Welten und dieses öffnet ein sehr reales. Eine lohnenswerte Reise nicht nur für Menschen wie mich, die nicht reisen können.

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Anne Sauer: „Im Leben nebenan“

Anne Sauer, bekannte Buchhändlerin und Moderatorin, hat nun ihren Debütroman geschrieben. Der Roman spielt mit „was wäre, wenn“ und stellt zwei Lebensentwürfe nebeneinander. Der Anfang erinnert an die Mysteryserie „Fringe“. Dabei geht es letztendlich um die eigenen Wünsche und um die Anforderungen des Lebens. Die Handlung baut sich szenisch auf und jeder Lebensentwurf hat seinen eigenen Handlungsstrang. Dies ist durch die linke oder rechte Kapitelnummerierung sofort zu erkennen. Beide stellen eine Frau in den Mittelpunkt, Toni oder Antonia. Die Kurzform, also Toni, hat etwas weniger Raum im Buch, weil sie ja auch Antonia ist, nur in ihrem Leben nebenan.

Toni glaubt als junge Frau fest an die Liebe, daran, dass es einen bestimmten Menschen im Leben gibt. Sie ist länger mit einem Freund Adam zusammen, mit dem sie sich anfänglich auch alles vorstellen kann. Doch verliert sich ihre Liebe im Alltag und sie beendet die Beziehung. Später trifft sie auf einem Festival Jakob. Beide leben später in der Großstadt und versuchen, ein Kind zu bekommen. Doch gelingt dies nicht. Sie ist eine Frau mit genauen Vorstellungen und Plänen. Doch der unerfüllte Kinderwunsch kommt ihr dazwischen. Ihre Lebensvorstellungen zerbröseln und es sind oft Kompromisse, die sie akzeptiert. Dabei beginnt sie, sich Fragen zu stellen.

Toni wacht eines Tages als Antonia auf. Eine ganz andere Version ihres bisherigen Lebens, aber mit der Wahrnehmung von Toni. Sie wacht mit einem Baby im Arm auf und hat noch Geburtsschmerzen. Sie lebt nicht in ihrer Stadtwohnung in der Großstadt, sondern in ihrer alten Heimat und ist mit ihrer Jugendliebe Adam verheiratet. Da sie sich nicht an das jetzige Leben mit Kind erinnern kann, attestieren ihr die Ärzte und die Familie Stilldemenz.

Wie erlebt Toni oder Antonia den plötzlichen neuen Lebensverlauf? Wie kam es dazu und was ist, wenn sie tatsächlich diese oder die andere Abzweigung im Leben genommen hätte? Wie verändern unsere täglichen Entscheidungen ein ganzes Leben? Anne Sauer geht diesen Fragen klug nach und erzeugt einen Raum, der zum Nachfühlen, Nachspüren und Nachdenken anregt. Mit viel Empathie zu den Charakteren und Neugier zu den existentiellen Lebensfragen hat Anne Sauer einen feinfühligen Roman geschrieben. Durch die wechselnden Lebensperspektiven baut sich eine Spannung auf, die uns förmlich durch das Buch treibt. Das Buch deutet an und verklingt dann doch unbestimmt, wer in seinem „richtigen“ Leben ist, Toni oder Antonia? Welches Leben wünschen wir uns und welches wird uns ermöglicht? Kann es darauf überhaupt eine endgütige Antwort geben?  Wie verlaufen unsere eigenen Vorstellungen neben den Erwartungen der Gesellschaft, dem Umfeld oder die der Partner an uns?  

Anne Sauer ist auch bei uns zu Gast auf Leseschatz-TV. Siehe YouTube:

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Jina Khayyer: „Im Herzen der Katze“

Dieses Buch belegt, warum Literatur so wichtig und großartig ist. Literatur geht weiter als jedes Sachbuch. Es verbindet Geschichte mit Emotionen und durch die Empathie verbinden wir uns mit den Ereignissen sowie Charakteren und ein emotionales Wissen und Weltverständnis bleibt in uns haften.

„Im Herzen der Katze“, weil Iran als geographische Kontur dem Bild einer Katze ähnelt. Aber auch, weil die Katze der Legende nach mehrere Leben haben soll. Es gibt mehrere Leben, die wir durch diese Lektüre erfahren. Das ganz intime, persönliche und das öffentliche.  Jenes, das hinter den Augen der Öffentlichkeit und den gesellschaftlichen Mauern gelebt und erlebt wird und jenes, was vor jenen Grenzen gelebt wird und erlaubt ist. Die geringen Freiheiten, besonders jene der Frauen, sind es, die sich hierbei auf eine unterschwellige Resignation oder Wut hinbewegen. Eine Willkür und Unterdrückung, die das kulturelle und genussvolle Leben unmöglich macht. Besonders das Leben der Frau wird dabei erschwert.  Mit einer literarischen und poetischen Intensität beschreibt der autofiktional anrührende Roman eine Familien- und Liebesgeschichte. Es geht dabei um Identität und um die Vorstellung von Zugehörigkeit und das Frausein wird mit voller Empathie und Emotion auf kluge Weise beleuchtet. Dies wird im Hinblick auf unterschiedliche Kulturen und  Nationalitäten beschrieben und immer ist es der Blick auf die allgemeine und persönliche Freiheit.

Anhand mehrerer Generationen iranischer Frauen beschreibt die Autorin die Geschichte von Exil, Unterdrückung, Freiheit und Emanzipation. Ein sinnlicher und kräftiger Roman, der so viel Wahres beschreibt, dass er uns sehr berührt und nachwirken wird.

Jina lebt in Frankreich. Es ist abends, als der Roman beginnt. Sie schaut sich die stets aktualisierenden Bilder und Beiträge auf Instagram an.  Die kurdische Iranerin Jina Mahsa Amini wurde von der iranischen Sittenpolizei ermordet. Die Sittenpolizei hielt sie zuvor an, angeblich wegen „unislamischer Kleidung“ und die spätere Todesursache ist auf die Polizeigewalt zurückzuführen. Diese Nachrichten rufen im Iran große Empörung wegen der täglichen Gewalt gegen Frauen und Minderheiten aus. Der Protest wird lauter und geht auf die Straße. Mädchen und Frauen, die zum Beispiel ihre Haare unverdeckt lassen, demonstrieren. Darunter auch die Schwester der Erzählerin, die mit der Verstorbenen den Vornamen teilt. Sie versucht durch die auf sie einfließenden Bilder das Gegenwärtige zu fassen und beginnt sich zu erinnern. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt. Die jetzigen Ereignisse lassen sie an ihre damalige Reise in den Iran erinnern. Ihre Anreise und der Aufenthalt zeigen bereits die unterschiedlichen Lebensweisen. Jene, die verlangt und gezeigt wird und jene, die im Verborgenen einfach gelebt wird. Auch die Personen, die jene Gesetze aussprechen, nehmen sich persönlich viele Freiheiten heraus. Es sind die Begegnungen und das Zwischenmenschliche, die dieses Buch sehr lebendig werden lassen. Im Mittelpunkt steht der Besuch bei der Familie, die Gastfreundschaft der Menschen. Menschen, die heimlich feiern, die auf die Geschlechtertrennung zu achten haben, aber  dann alles Tanten und Cousinen werden, damit die Enge und Nähe selbstverständlich wird. Auch die Reise im Sammeltaxi unterliegt ganz eigenen Gesetzen. Dieser Roman ist eine tolle Reise in das Land, zu den Menschen und der laute Ruf nach Gleichheit und Freiheit. Als Auftakt sind es die Proteste, die zu Lebensveränderungen führten, die aus dem individuellen Ruf einen lauten Klang auf die Straßen trugen.

„Im Herzen der Katze“ erinnert an die Werke von Nassir Djafari oder Rasha Khayat. Ein intensives und spürbares Buch, das auch den Lebenswitz mit einbezieht. Ein sinnlicher Roman, der Mut zeigt und viele Gedankenprozesse anregt. Unbedingt lesenswert ist dieser Ruf und Kampf um die Freiheit. 

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Tatjana von der Beek: „Blaue Tage“

Ein Segelroman über die inneren Konflikte und den Mut, sich selbst zu finden und zu akzeptieren. Ein Roman, der die Segel bereits mit einer subtilen Unterschwelligkeit setzt und in eine Sinnkrise hineinmanövriert. Das Schiffsmotiv und die komprimierten Handlungsorte durch ein Segelboot sind nichts Neues, doch stets eine feine Möglichkeit für ein kulissenreiches Kammerspiel. Tatjana von der Beek baut die feinen Brüche langsam ein und baut diese kontinuierlich aus. Das erinnert an die Werke von Deborah Levy oder Yasmina Reza. Mit einer nicht aufbrausenden Emotionalität, sondern durch das Erkennen der eigenen Lebenslügen wird hierbei durch die Charakterisierungen und den Handlungsverlauf eine behutsame Spannung aufgebaut.

Gleich am Anfang zeigen sich eine Disharmonie und die Distanz. Ein gemeinsamer Urlaub in Griechenland ist geplant. Der Vater, der sich lange nicht um seine Töchter bemühte, lädt unerwartet ein. Ein Katamaran soll der Ort der Zusammenkunft sein. Eine Passage durch die Inselwelt soll die Familie wieder näherbringen. Doch was hat der Vater dazu bewegt, sich jetzt zu melden? Was möchte er seinen Töchtern mitteilen?  Es sind die Schwestern Leo und Emma, die zusammen mit ihren Lebenspartnern angereist kommen und auf das gecharterte Boot einschiffen. Leo erkennt gleich in ihrem Vater einen älteren Mann, den sie ohne familiäre Bindung wohl nicht mögen würde. Beide Schwestern eint auf den ersten Blick der bisher unerfüllte Kinderwunsch. Doch hat Leo gerade eine Karrieresprung vor sich und ein Kind würde zum jetzigen Zeitpunkt nicht passen. Ohne mit ihrem Partner zu sprechen, plant sie das gemeinsame Leben. Das Urlaubsmanöver scheint bereits bei der ersten Hafeneinfahrt zu kippen. Denn wie im Leben wirkt es, als hätten alle die Kontrolle über das Boot verloren. Eine Skipperin hilft und geht dann mit an Bord.

Auf der Reise kommt es zu Begegnungen mit den eigenen Wahrheiten, Sehnsüchten und verheimlichten Lebensinhalten. Durch das Verheimlichen, Belügen und die Konfrontation auf engstem Raum kommt es stets zu angespannten Stimmungen, die sich einen Weg suchen, um ans Licht zu kommen.

Ein passender Sommerroman voller mediterraner Hitze und flimmerndem Wasser. Dabei werden wir Zeugen von Lebens- und Sinnkrisen, die ganz subtil aus den Untiefen emporsteigen und einen festen Anker auswerfen.

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