Fuminori Nakamura: „Der Dieb“

Diogenes Nakamura Der DiebEin intensiver Roman, der uns packt, nach Tokio schleift und durch die Straßen der Metropole jagt. Es ist ein literarisches Werk, wird als Thriller gefeiert und ist doch wohl etwas mehr als ein herkömmlicher Kriminalroman. Es ist die verstrickte Welt der Klein- und Großkriminellen mit ihren noch zahmen Anfängen einer Robin-Hood-Ansicht bis hin zur brutalsten Kaltblütigkeit der Mafia. Ebenso erleben wir eine Welt, in der für japanische Literatur typische Traumbilder, Katzen und dunkle Türme, die Szenerien ergänzen.

Der Ich-Erzähler lebt von geschicktem Taschendiebstahl. Sein Revier sind die belebten Straßen Tokios und die überfüllten U-Bahnzüge. Er hat sein Handwerk perfektioniert. Ein kleiner Schubs im Gedränge und mit gezieltem Griff stiehlt er fast schon kunstvoll das Portemonnaie eines ausgesuchten Opfers. Doch sind es stets reiche Menschen, die er sich aussucht. Anhand der Kleidung und Marken erkennt er den Mann oder die Frau von Welt, die er bestiehlt. Gerne auch Männer, die in den Wagen der U-Bahn Frauen belästigen. Die Portemonnaies wirft er nach deren Entleerung in Briefkästen, damit diese von der Post an die Besitzer zurückgeführt werden.

Wir erfahren, dass er wieder in Tokio ist, die Stadt also für eine gewisse Zeit gemieden hatte. Jetzt ist er ein Einzelkämpfer. Früher hat er mit Ishikawa zusammengearbeitet. Sie waren ein perfekt eingespieltes Team und Ishikawa war wie ein Vorbild, ein Idol, dem er nacheiferte. Ihre gemeinsamen Streifzüge machten sie meistens am Wochenende, denn an Werktagen musste Ishikawa das Telefon und eine Art Rezeption einer Briefkastenfirma besetzt halten.
Das letzte Mal, als er Ishikawa gesehen hatte, wurden sie genötigt einen vermeintlich einfachen Überfall für Kizaki, einem Mafiamitglied, durchzuführen. Seit diesem Einbruch, der in der Politik und Wirtschaft für Unruhe sorgte, ist Ishikawa verschwunden.

Als der Ich-Erzähler beim Einkaufen eine Mutter mit ihrem Sohn beim Stehlen beobachtet und diese warnt, als sie von den Kaufhausdetektiven beobachtet werden, wird er für das Kind eine Bezugsperson und später auch eine Art Lehrmeister. Doch will er die Frau und das Kind auch schützen und aus der kriminellen Welt fernhalten, was ihm zum Verhängnis wird, denn seine dunkle Vergangenheit holt ihn ein.

Die Beziehung zu dem kleinen Jungen, der in ihm eine Vaterfigur sieht, macht ihn erpressbar und abermals wird er von dem Großkriminellen genötigt, seine Künste als Taschendieb für diesen einzusetzen.

Ein Roman mit einer dunklen, einsamen Geschichte eines kleinen Diebes, der in die Fänge der Mafia gerät und durch seine Sehnsucht nach Menschlichkeit verletzlich wird.

Ich mag Romane aus Japan. „Der Dieb“ ist unglaublich fesselnd und das Schicksal der Protagonisten hat mich sehr in seinen Bann gezogen. Sehr spannend sind die Verstrickungen und Beweggründe, die von langer Hand gelenkt und inszeniert wurden, und die die Frage nach Schicksal, Zufall und Macht sowie Machtlosigkeit und Einsamkeit aufkommen lassen. Das Buch verklingt nicht einfach so und das Gefühl dieser gelenkten Willkür bleibt bis zum verstörenden Ende…
Ein Roman, als hätten sich Lehane und Murakami zum Schreiben verabredet und uns zusammen in ihre jeweiligen Welten eingeladen…

Ein beeindruckender Roman. Ich hoffe, es werden noch mehr Werke von Nakamura ins Deutsche übersetzt.

Zum Buch

7 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

7 Antworten zu “Fuminori Nakamura: „Der Dieb“

  1. Das springt soch gleich auf meine to-check-Liste 🙂

  2. MacOss

    Vielen Dank für die Buchvorstellung! das hört sich sehr interessant an. „Ein Roman, als hätten sich Lehane und Murakami zum Schreiben verabredet und uns zusammen in ihre jeweiligen Welten eingeladen…“ Da werde ich ja ganz hellhörig. 😀 Wer hat das Buch denn übersetzt? Diese Info fehlt leider.

    • Moin!
      Vielen Dank für die nette Rückmeldung. Ich freue mich, wenn meine Leseeindrücke neugierig auf die Bücher machen.
      Der Roman ist aus dem Japanischen von Thomas Eggenbeg übersetzt worden.
      Herzliche Grüße, Hauke

  3. Tolles Buch. Hat mir wirklich sehr gut gefallen. Danke für den Tipp.
    LG, Maike

  4. Pingback: [Gastrezension: Susanne] Fuminori Nakamura “Der Dieb” | Bibliophilin

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