Isabelle Autissier: „Herz auf Eis“

Herz auf Eis Isabelle Autissier Mare Verlag

Ein junges Paar, das seinem alltäglichen Leben in Paris entkommen will, umsegelt die Welt und strandet dann in eisiger Einsamkeit. Sie finden durch den Aufbruch in die Welt vorerst ihre Freiheit und eine Gemeinsamkeit wieder, die sie zu verlieren schienen. Sie erleben die Welt als globalen Spielplatz und ihre Entdecker-Seele erwacht. Dann verlieren sie, durch ein Unwetter, ihr Schiff und ein archaischer Überlebenskampf auf einer einsamen arktischen Insel beginnt.

Louise und Ludovic kommen sich durch das Klettern näher und lernen sich lieben. Sie ist eher zurückhaltend und schüchtern und ihre ganze Leidenschaft ist das Bergsteigen. Er hingegen ist ein Beispiel der sogenannten Generation Y: Einzelkind von vermögenden Eltern und sorgenlos. Er ist etwas schludrig und wirkt oberflächlich. Sein Leben war bisher behütet und daraus resultiert seine positive Weltsicht. In ihrer Beziehung bringt sie sich mit der Leidenschaft zum Klettern ein, sonst ist es meist er, der sich durchzusetzen scheint. Sie ist die vernünftigere und sachliche Planerin, während er in gewisser Naivität einfach loslegt. So starten sie auch ihr großes, gemeinsames Projekt. Sie wollen das natürliche Leben spüren, raus aus Paris und die Welt erleben. Er überzeugt sie zu einem Sabbatjahr und sie erfüllen sich den Traum, die Routine hinter sich zu lassen. Anfänglich war ihnen noch nicht klar, was sie machen möchten, aber schnell reift die Idee einer Weltumsegelung.

Südlich von Kap Horn erwartet sie ihr eigentliches Abenteuer. Sie wollen sich eine unbewohnte Insel ansehen. Sie wandern von der Natur begeistert durch die gebirgige und eisige Landschaft. Als ein Sturm aufkommt rät sie zur Rückkehr zum Schiff. Doch er ist voller Tatendrang und will noch mehr sehen. Das Unwetter zwingt sie zur Flucht in eine ehemalige Walfängerstation, in der sie notgedrungen die Nacht verbringen. Er wacht auf und hört das Drehen des Windes, kann aber nicht ahnen, welche Konsequenzen es für sie hat. Der Anker muss sich durch das Unwetter gelöst haben und durch den wechselnden Sturm hat sich das Boot losgerissen. Das Abenteuer, ihre Suche nach Freiheit, findet eine jähes Ende und sie sind durch die Naturgewalt Gefangene der Insel geworden. Ein existentieller Kampf beginnt. Sie sind der Natur ausgesetzt und müssen von der kargen Insel leben, in der Hoffnung, dass sie im Frühjahr gefunden werden. Die Jagd nach Nahrung, das Schwinden der Hoffnung nagt an beiden und besonders die gegenseitigen Schuldzuweisungen und Streitereien stellen ihre Menschlichkeit und Liebe auf eine harte Probe.

Die Lebensbedingungen werden eindringlich beschrieben und es ist eine untypische Abenteuergeschichte. Als die Inselgeschichte endet, geht es um das Verarbeiten der Extremsituation. Es ist die Geschichte unserer Zivilisation, die sich frei und ungebunden empfinden möchte, doch stets die Abhängigkeit aus den Augen verliert. Wie schnell können wir durch Naturkatastrophen oder Unachtsamkeit in neue, extreme Lebensbedingungen geraten.

Die Autorin, die selbst die Welt umsegelte, macht die extreme Lebenssituation der Protagonisten für uns erlebbar. Aber das Buch lebt nicht durch das reine Abenteuer. Es geht um die existentiellen Fragen: nach Freiheit, Schuld und Liebe. Auch ein Überlebenskampf kann Routine werden. Der Roman bietet Raum zur Interpretation und Reflexion. Das Schiff der beiden heißt wohl nicht ohne Grund Jason, nach dem Anführer der Argonauten.

Ein Roman, der uns auf dünnes Eis stellt und unsere Zerbrechlichkeit aufzeigt. Ein eindringliches Buch, in dem sich lediglich die Figuren ab und zu verlieren. Die wilde Natur prallt auf unsere gegenwärtige Zivilisation. Das Buch war nominiert für den Prix Goncourt.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Isabelle Autissier: „Herz auf Eis“

  1. Hut ab, was du da immer für Bücher „ausgräbst“ (ich hatte es nicht auf dem Schirm), Hauke. Interessante Idee und das Setting spricht mich ebenfalls an. Kommt auf den Merkzettel. Bei Dir natürlich. 😉

  2. Wieder einmal eine sehr schöne Rezension zu einem interessanten Buch. Es kommt direkt auf meine Leseliste.

  3. Pingback: Allein – Isabelle Autissier „Herz auf Eis“ – Zeichen & Zeiten

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