Isabelle Autissier: „Klara vergessen“

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Nach dem gefeierten Roman „Herz auf Eis“ hat Isabelle Autissier nun einen neuen Roman herausgebracht und konnte sich mit „Klara vergessen“ sogar literarisch steigern. Isabelle Autissier, Seglerin und engagierte Naturschützerin, hat einen Roman geschrieben, der von einer Familie erzählt, die durch die Geschichte der UdSSR geprägt wurde. Die Familie erlebte eine Inhaftierung, einen großen Verrat und lebt nun mit dem Vergessen, d.h. der Verdrängung und dem Schweigen darüber. Es ist ein historisches Abenteuer und lebt von den gelungenen Charakterisierungen und den großartigen Beschreibungen der Natur und der Ortschaften. Der Roman, der aus dem Französischen von Kirsten Gleining übersetzt wurde, unterhält, bildet und ist unheimlich packend geschrieben.

Es beginnt mit einer E-Mail. Juri ist Ornithologe und lebt in Amerika. Er bekommt eine Nachricht, dass sein Vater, der immer noch in Murmansk lebt, sterbenskrank ist und in der Klinik ist. Er möchte Juri um einen Gefallen bitten. Juri, der mit einem Mann zusammenlebt und ein glückliches Leben in Nordamerika gefunden hat, zögert nicht lange und begibt sich auf die Reise in seine Heimat. In Murmansk hat sich vieles verändert aber auch vieles ist so geblieben, wie es Juri aus seiner Kindheit erinnert. Rubin, sein Vater, ist immer noch ein harter, mitleidloser Mann, auch jetzt auf dem Sterbebett. Er möchte, dass Juri das Geheimnis um Klara, Rubins Mutter und Juris Großmutter, lüftet.

Juri geht der Geschichte nach und es wird ihm deutlich, dass sein Leben mit dem Schicksal von Rubin und Klara eng verbunden ist. Zu Zeiten Stalins kamen die Eltern von Rubin als Wissenschaftler nach Murmansk. Rubin wurde Zeuge von unheimlichen Gesprächen seiner Eltern, die anscheinend eine große Gefahr witterten. Eines Nachts wird Klara abgeführt und der fünfjährige Rubin ist seitdem leicht traumatisiert. Rubin wird später ein unerbittlicher Fischer, der seinem Sohn Härte demonstrieren will. Juri erlebte sein erstes Freiheitsgefühl am Hafen, als er und seine Mutter auf das Einlaufen des Schiffes von Rubin warteten und er den Seevögeln nachschaute. Diese Leidenschaft  wuchs in ihm und er wurde immer mehr zu einem wissbegierigen Ornithologen. Als Pionier in einem Camp entdeckte er auch seine noch nicht ausgelebte Homosexualität.

Rubin wollte Juri zu einem starken Mann erziehen, der wie er zur See fährt und nahm ihn eines Tages auch mit an Bord. Auf hoher See erlebte Juri das brutale und entbehrungsreiche Leben der Fischer und musste sich als Schiffsjunge vieles gefallen lassen. Es kam zu einer bedrohlichen Auseinandersetzung, als er in seiner Freizeit Vögel beobachtete und ihm sein Fernglas entnommen und ins Meer geworfen wurde. Er war das Opfer von täglicher Gewalt auf dem Schiff seines Vaters. Er schwor, sich von seinem Peiniger zu befreien und es kam zu einer schicksalshaften Wendung in seinem Leben.

Juri suchte sein Glück in Amerika und wurde dort auch als Ornithologe ansässig. Nun katapultiert ihn die Nachricht einer ehemaligen Nachbarin zurück in seine Vergangenheit und auch in die seines Vaters und seiner Großeltern. Klaras Inhaftierung und Verbleib ist immer noch ein Rätsel, das Rubin immer für sich geklärt haben wollte, nun aber mit seiner Krankheit auf Juri, seinen Sohn, abwälzt. Damals wurden unglaublich viele Menschen verhaftet, die sich meistens gar nichts haben zu Schulden kommen lassen. Hat Klara sich damals gegen das Regime gestellt, war sie als Wissenschaftlerin ein Opfer der Zeit oder wurde sie verraten? Juri erlebt nun das Aufbrechen des gefährlichen Schweigens und stellt sich der Vergangenheit.

Ein großartiger Roman, der fesselt und toll geschrieben ist. Mit viel Feingefühl und einer klaren, manchmal knappen Sprache wird ein großes Panorama an Geschichte, Emotionen und persönlichen Schicksalen eröffnet.

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