Jami Attenberg: „Nicht mein Ding“

Jami Attenberg Nicht mein Ding Schöffling

Erwachsen werden ist ein schleichender Prozess, den man erlebt, verschmäht oder gerne auch aufschiebt.  Was ist der entscheidende Auslöser in einem Leben, der einen plötzlich bewusst oder unbewusst erwachsen handeln lässt? Jami Attenberg, die Autorin von u.a. „Die Middlesteins“ oder „Saint Mazie“, wirft eine junge Frau ins Leben und lässt diese erzählen, was ihr Ding ist, dass sie am Leben hält. Auch die Umkehr, das Benennen und Erzählen von dem, was nicht ihr Ding ist, weckt beim Lesen einen Wissensdurst, der zum persönlichen Ding wird und man möchte aus dem Leben der Protagonistin mehr erfahren.

Es geht um eine Frau, die sich auf einem Selbstfindungstripp befindet. Leichter fällt es ihr natürlich, das auszufiltern, was nicht zu ihr passt, d.h. nicht ihr Ding ist. Dabei verliert sie leider ab und zu die Übersicht. Denn einiges, was sie abgelegt hatte, vermisst sie wiederum in Folge. Zum Beispiel die Kunst, die Kreativität und natürlich die Liebe.

Gleich zu Beginn der Lektüre wird man durch die direkte Ansprache per Du geradezu überrollt. Doch ist man als Leser wirklich gemeint oder wem erzählt Andrea, die Heldin des Werkes, die ganze Geschichte? Durch diesen  literarischen Schachzug wird man aufgefordert, sich dem Kommenden zu stellen und sich ganz auf das Buch einzulassen.

Andrea hat Kunst studiert und abgebrochen. Sie lebt in New York und arbeitet in einer Agentur. Sie verdient einigermaßen gut, kann sich mit der Arbeit aber nicht identifizieren und fühlt sich unterfordert. Meist hat sie ihre Aufgaben vor dem Abgabetermin fertiggestellt. In ihrem Umfeld tauchen Menschen, Freunde und Liebhaber auf, die sie mal mehr, mal weniger berühren. Ihre Familie hat emotionalen Schaden genommen. Ihr Vater, der den Jazz lebte und liebte, ist an einer Überdosis gestorben. Seitdem war die depressive Mutter für Andrea und ihren Bruder alleine zuständig. Der Bruder spielt in diversen Bands, die aber alle an mangelndem Erfolg scheitern. Dennoch bleibt er der Musik treu. Er heiratet eine Frau, die Karriere bei einem Magazin machte, das aber durch den Wandel der Zeit auch ihre berufliche Laufbahn gefährdet. Beide bekommen ein schwer krankes Kind und ziehen in die ländliche Umgebung. Andrea wird es aus egozentrischen Gründen selten schaffen, diese dort zu besuchen. Andreas Wahrnehmung kreist viel zu oft um sich selbst. Somit hat sie es auch schwer, Menschen an sich zu binden. Ihr leichter Umgang mit Sex und Alkohol vermindert sich, als sie für ihre Mutter während eines Trauerfalls und besonders für ihren Bruder und dessen Frau da sein muss, als es deren Kind immer schlechter geht. Doch auch hier möchte sie meist lieber anstelle des Kindes ein Glas Wein halten. Die angestaute Wut und Trauer um den Verlust ihres Vaters und bezüglich der vielen Männer, die sie im Umfeld ihrer Mutter, als sie noch Kind war, belästigten, sucht sich einen Weg in ihr Bewusstsein, um endlich verarbeitet zu werden. Es wird Zeit, dass sie endlich, sieht, was tatsächlich ihr Ding ist, um in der Welt der Erwachsenen mithalten zu können.

Ein Roman, der durch seinen Sound, die Erzählstruktur und die Charakterisierung begeistert. „Nicht mein Ding“ (im Original: „All Grown Up“ – Übersetzung: Barbara Christ) ist genau mein Ding: Eine humorvolle, traurige und mitreißende Lektüre. Der Roman ist spritzig, zügig und mit viel Zuneigung für die Figuren geschrieben. Das Witzige steht oft dem Tragischen gegenüber und somit wird man als Leser selbst in ein Gefühlschaos hineingerissen und verliert, d.h. verliebt sich in den Text.  Das Buch wurde von Barbara Christ übersetzt und erzeugt einen enormen Drive.

Danke an den Schöffling Verlag, der mich u.a. in der Verlagsvorschau bereits zitiert (Siehe Foto)

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