Stephan Lohse: „Ein fauler Gott“

Ein fauler Gott Stephan Lohse Suhrkamp

„Ein fauler Gott“ erzählt sehr subtil von den Abenteuern eines Teenagerlebens in den 70er Jahren in Hamburg und über den Verlust des Bruders. Trotz der Trauer versinkt das Buch niemals in Melancholie, denn meistens lesen wir aus der Perspektive des elfjährigen Benjamin. Sein Alltag besteht aus Schule, Freunden, Spielen und dem Versuch mit dem Verlust zu leben und seiner Mutter Trost zu schenken.

Der Vater hat vor einem Jahr die Familie verlassen und Ruth erzieht Jonas und Ben alleine in Hamburg. Ruths bisheriges Leben entfaltet sich in kurzen Rückblicken. Im Vordergrund steht aber immer Ben, der durch seine kindliche Weltsicht den Text sehr lebendig macht. Im Schwimmbad hat der achtjährige Jonas bei einem Wettschwimmen einen Anfall und kommt in die Klinik, in der er kurz darauf verstirbt.

Während der Beerdigung macht Ruth Ben auf einen kleinen Engel auf dem Sarg aufmerksam. Dieser soll, laut Bens Mutter, darauf aufmerksam machen, dass Gott einen Engel gebraucht und dafür Jonas ausgesucht hat. Daraufhin ist der liebe Gott für Ben nur noch ein fauler Gott und er beschließt Atheist zu sein. Ben beschäftigt sich oft mit Gott und wird auch öfters auf diesen aufmerksam gemacht. Sehr feinfühlig werden die Emotionen und die Themen, die die Protagonisten beschäftigen, um- und beschrieben. Ben sucht oft den Nachbarn auf, der einen alten defekten Wagen besitzt, in dem die Brüder gerne gespielt haben. Hier kann er sich langsam öffnen und seine Trauer zulassen. Bens Mutter versucht ihre Depression vor Ben zu verstecken und zieht sich gerne in ihr Zimmer oder ins Bad zurück. Ben beobachte seine Mutter ganz genau. Sie versucht herauszubekommen, wie das Unglück mit Jonas geschehen konnte. Vor lauter Angst, muss Ben sich ebenfalls einige ärztliche Untersuchungen gefallen lassen.

Anfänglich ist Ben vom Unterricht befreit, aber er beschließt selbst, dass er wieder zu Schule gehen möchte. Die Freundschaft zu Chrisse lassen ihn die anfängliche Scheu seiner Klassenkameraden und Lehrer bald vergessen. In einem Kindererholungsheim im Schwarzwald vertraut er sich einer Betreuerin an, die ihn in seiner eigenen Trauer lässt und darin bestärkt, dass es nie besser, sondern lediglich anders wird. Als das Heim durch einen Unfall abbrennt, kommt Ben kurzweilig in einem Kloster unter. Hier ist es das Werk von Karl May, das ihn in die Welt der Phantasie einlädt.

Durch diese Begegnungen wird Jonas in ihm immer stiller, ohne jemals ganz zu verschwinden. Er lernt die Trauer zuzulassen und traut sich mit seinen Freunden erstmalig wieder in das Freibad.

Es ist ein detailreiches Werk, das uns verführt und mit Ben wachsen lässt. Stephan Lohse beschreibt voller Einfühlungsvermögen das Seelenleben eines Kindes und seiner Mutter. Wie sollen Mutter und Sohn mit so einem Verlust umgehen und wie können sie wieder Boden gewinnen, um im Alltag Fuß zu fassen? Die Plattitüden aus dem Umfeld sind wenig hilfreich und werden selbst von einem Elfjährigen enttarnt. Ruth und Ben gehen jeweils anders mit ihrer Trauer um und lernen voneinander, diese zu bewältigen. Wobei es Bens Charme und Offenheit ist, die es beiden möglich macht, wieder am Alltag teilzunehmen.

Als Schauspieler hat Stephan Lohse gelernt mit der Sprache zu arbeiten. „Ein fauler Gott“ ist sein Debutroman. Es gibt selten Bücher, in denen man sich so sehr zuhause fühlt. Ein sehr lebendiges und wohl auch für den Autor sehr persönliches Werk. Ein tolles Buch, das niemals zu traurig ist, sondern begeistert und beim Lesen sehr viel Spaß macht.

Stephan Lohse liest auf zehnseiten.de. Leseprobe auf der Seite von Suhrkamp (pdf)

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Stephan Lohse: „Ein fauler Gott“

  1. Danke für Deine lebhafte Empfehlung, lieber Hauke.
    Dieses Buch spricht mich wirklich sehr an … 🙂
    Windige Grüße von Ulrike

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