Annie Proulx: „Aus hartem Holz“

Annie Proulx Aus Hartem Holz Luchterhand

Tian Ren He Yi  天人合一. Das chinesische Sprichwort bezieht sich auf die Harmonie zwischen Mensch und Natur und ist das zentrale Thema des neuen und umfangreichen Werkes von Annie Proulx, der Autorin, die fast schon Kultstatus besitzt. Doch macht der Mensch mal wieder eine Disharmonie daraus.

Annie Proulx versteht es erneut, mit bodenständiger und poetischer Sprache fremde Menschen in unnahbaren Landschaften im Leser zu verankern und lebendig werden zu lassen. Ihre vielfach ausgezeichneten Romane und Erzählungen (u.a. „Schiffsmeldungen“ und „Brokeback Mountain“) wurden oft erfolgreich verfilmt. Zehn Jahre mussten ihre Leser nun auf neuen Lesestoff von ihr warten. Die Zeit hat sie bei der Fülle des komplexen Werkes für vielschichtige Recherche und wohl für das Schreiben genutzt. Vom Umfang erinnert es an ihr für mich bleibendes Werk: „Das grüne Akkordeon“. Hier erzählt Proulx die Geschichte Amerikas anhand einer 100 jährigen Odyssee eines Akkordeons, das in Sizilien geschaffen den Weg der Auswanderer nimmt und diese begleitet. Ähnlich beginnt „Aus hartem Holz“. Es sind diesmal französische Siedler, die in den Wäldern Kanadas, d.h. Neufrankreich, ihr Glück suchen. Es folgt ein monumentales Werk über den Kampf zwischen Mensch und Natur. Durch die unendlich wirkende Natur und die undurchdringliche Wildnis werden Siedler nach Neufrankreich gelockt. Die vermeintlich nachwachsenden Rohstoffe werden abgeholzt, beseitigt, gejagt und in eigenen Reichtum umgewandelt. Es werden per Gesetz diejenigen Landbesitzer, die die wilde Natur bändigen und das Feld bestellen. Die Ureinwohner, die in Harmonie mit ihrem Land und den Naturgeistern leben, bekommen von den neuen Landbesitzern keine Rechte zugesprochen. Auch einige Missionare versuchen die Lebensgewohnheiten der Indianer an die eigenen anzupassen. Die Natur dient und nutzt den Menschen und es sei klüger, die Bäume zu fällen, Holz zu verarbeiten und die Felder für den Anbau von Getreide zu nutzen. Aus der Sicht der ansiedelnden Franzosen sind die Ureinwohner faul, weil sie die Erde nicht bearbeiten wollen. Der Roman schildert diese Ausrottung der Ureinwohner, den Bürgerkrieg und die Ausnutzung und wahnhafte Abholzung der Urwälder. Das Umdenken, das Erwachen von Naturschutz beginnt erst in den letzten Jahren. Das Buch beginnt 1693 und spannt den Bogen bis 2013.

Der Roman beginnt mit zwei Franzosen, die in Neufrankreich ankommen und über die Fülle der natürlichen Gaben staunen. Erst viele Jahre später wird das Land Kanada, nach einem indianischen Begriff, umbenannt. René Sel und Charles Duquet sind Holzarbeiter und suchen ihr Glück auf dem neuen Kontinent. Sie verpflichten sich einem Lehnsherrn und hoffen auf das versprochene Land, das ihnen nach drei Jahren Arbeit zugesprochen werden soll. Ihre harte Arbeit besteht hauptsächlich aus Holzfällen. Der Lehnsherr zeigt sich als skrupellos und unehrenhaft. Charles hält es dort nicht länger aus und flieht und bricht somit seinen Vertrag. René bleibt und fordert Jahre später sein Recht auf Land ein. Sein Herr, der sich mit einer nachgereisten Frau aus Paris vermählt, begeht Ehebruch mit Mari, einer bei ihm arbeitenden Indianerin. Sie und ihre Söhne leben unter den Weißen und sie wird nun zu einer Ehe mit René genötigt, damit der juristische Frieden wieder hergestellt wird und allen Eheverpflichtungen nachgegangen werden kann. Die Rücksichtslosigkeit der Kolonisten wird am Beispiel von Charles und seiner späteren Familie am deutlichsten erzählt. Die Familie von René und Mari fußt in den indianischen Traditionen der Mi´kmaq, während Charles nach seinem Weggang ein eigenes Handelsunternehmen gründet. Er beginnt mit dem Holz- und Fellhandel und knüpft Kontakte zu Europa und China. Er gründet in Boston, wegen der guten Lage zu diversen Routen, sein Unternehmen Duke & Sons. Seinen Namen Duquet hat er bereits abgelegt. Seine Gier springt auch auf die folgende Generation seiner Familie über. Die Nachfahren von René Sel haben es entsprechend schwerer in einer von Weißen dominierten Welt. Über 320 Jahre umspannt Proulx nun die Geschichte beider Familien. Eine Geschichte über das Verschwinden der Wälder, das Entstehen der Siedlungen, Städte und des Handelsaufkommens. Das Leben der Figuren wird anschaulich, umfangreich und für den Leser hautnah geschildert. Es sind die Entbehrungen, die Gier, Intrigen und die Rache, die sie antreiben. Erst am Ende des Buches treffen wir auf die ersten Naturschützer, die versuchen die Fauna und Flora wieder aufzubauen.

Es sind viele Figuren, die im Leser aber niemals für Verwirrung sorgen und ein umfangreiches, historisches Panorama schaffen. Ein Roman als Aufruf gegen unsere Umweltsünden. Ein Leseabenteuer, das an „Der Totgeglaubte“ von Punke, „Das Wesen der Dinge und der Liebe“ von Gilbert, „Der erste Sohn“ von Meyer oder an „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ von Mitchell erinnert. Proulx Anliegen ist nicht zu überlesen, steht es stets im Vordergrund des Textes, doch ist dies auch die kleine Schwäche, denn dies ist zu sehr gehäuft dargestellt. Aber es ist es ein großes Werk, das umfangreich recherchiert und mit der von der Autorin bekannten Genauigkeit geschrieben wurde. Als Leser versinkt man schnell in dem länderumfassenden Epos und geht mal wieder ein Stück erfahrener hervor. Die Weissagung der Cree ruft aus jeden Seiten heraus. Ein Roman über den Menschen und die Natur. Die Natur, die wir Menschen zu unseren Gunsten verwandelten und erst jetzt merken, dass wir es sind, die die Natur zum Überleben brauchen.

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Siehe auch die Besprechung von Zeichen & Zeiten

4 Kommentare

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4 Antworten zu “Annie Proulx: „Aus hartem Holz“

  1. Wow – eine tolle Rezension, Hauke. Ich kaufe es mir zwar ohnehin, aber wäre das nicht der Fall – du hättest mich überzeugt. 🙂

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