Ulrich Schacht: „Notre Dame“

Ulrich Schacht Notre Dame Aufbau Velrag

„Notre Dame“ ist ein Roman, in dem es um Grenzüberschreitungen, das Überwinden von politischen, gesellschaftlichen und den inneren Mauern geht. Die Stadt Paris als Sinnbild der Liebe. Denn es ist die Stadt, von der wir die Schönheit und Vollkommenheit erwarten. In Paris treffen Kunst und Kultur auf den Genuss des Lebens und suggerieren uns den Ort überschäumender Lebensfreude. Es ist nicht der Ort, die Stadt, sondern das Bild, das wir uns von einem Ort aufgebaut haben und in uns tragen. Die Schönheit erleben wir meist im Unbewussten und die wirkliche Freiheit, die wir im Leben und in der Liebe suchen, entsteht durch die Absicht und durch den Willen.

Ulrich Schacht hat einen Roman geschrieben, der sich wie eine Kathedrale vor dem Leser aufbaut. Stück für Stück entfaltet sich das komplexe Werk. Gleich dem kirchlichen Gebäude steht man am Ende vor einem Kunstwerk, das den Grundriss und den Aufriss der persönlichen Lebenskunst und Philosophie  umspannt. Beim Betrachten entdecken wir das schnörkellose Werk, das alles Menschliche und Übermenschliche beinhaltet. Der kleine Mensch als unvollkommenes Wesen wandelt durch diese Kathedrale und wird zum Abglanz der Schönheit auf der Suche nach Freiheit und Liebe.

Der Roman ist kein typischer Wenderoman, auch wenn er viele Momente aus dem Leben des Autors verarbeitet. Ulrich Schacht wuchs in der DDR auf und wurde 1973 wegen Hetze verurteilt und 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Er arbeitete als Feuilletonredakteur und Chefreporter, bis er als freier Autor nach Schweden zog.  Schacht erhielt bereits viele Auszeichnungen und Preise für sein Werk (u.a. „Grimsey“).

Torben Berg, der Protagonist, fliegt 1991 in die französische Hauptstadt. Lediglich seiner zwölfjährigen Tochter hat er von seinem Vorhaben erzählt. Er möchte Silvester in Paris verbringen, der Stadt, in der er anderthalb Jahre vorher großes Liebesglück erlebt hatte. Berg ist verheiratet, doch wirkt seine Ehe gescheitert. Er ist ein anerkannter Journalist und lebt in Hamburg. Er ist in der DDR aufgewachsen, wurde wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftiert und wurde nach Jahren der Haft in die BRD entlassen. 1989 reist er im Auftrag seiner Zeitung in den bröckelnden Arbeiter- und Bauernstaat. Nach einem Konzert von Wolf Biermann will er die Stimmung einfangen. Er taucht in das Nachtleben ein und lernt Henrike Stein kennen, eine Studentin, die lediglich Rike genannt wird. Auch Rike ist eigentlich in festen Händen. Zwischen den beiden entsteht, trotz des Altersunterschieds, eine besondere Anziehung. Er sendet ihr später seinen neuen Gedichtband und bekommt auch von ihr ein Antwortschreiben, in dem sie ihm gegenüber zugibt, keine Lyrikliebhaberin zu sein, aber seine Worte sie berührt hätten, was ihn wiederum sehr bewegt. Seine Dienstreisen plant und verbindet er, um ihr oft nahe zu sein. Sie finden zueinander und gewinnen eine kurze, intensive Liebe, die ihren Höhepunkt in Paris hat.

Seine Vergangenheit ist mit der DDR verwachsen, wo das Träumen über Freiheit durch äußere und innere Mauern begrenzt war. Die Sehnsucht nach fernen Ländern spiegelt sich in Torben Bergs journalistischen Dokumentationen. Seine Aufzeichnungen und Erfahrungen nutzt er nicht nur für das öffentliche Schreiben. Doch das Verlangen und die Sehnsucht verglimmen, wenn das Bild, das man projiziert, nicht mit dem Alltäglichen übereinstimmt. Die körperliche und seelische Liebe kann verblassen. Das Liebesleid greift bis 1991 und Torben Berg muß erneut seine Grenzen überwinden.

Ulrich Schacht baut den Roman langsam auf und schafft damit ein lohnenswertes Werk, das wohl viel Biographisches beinhaltet. Ein Roman über die Wiedervereinigung zweier Staaten und das Finden der Liebe. Freiheit als Ziel in den historischen Begebenheiten, im Leben und in der Liebe. Ein Roman, der zart, poetisch und wuchtig zugleich ist, gleich dem Bild, das wir uns von einer Kathedrale machen.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Ulrich Schacht: „Notre Dame“

  1. ein wunderbares Buch! Schön, dass Du es auch würdigst. Viele Grüße

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