Heinz Strunk: „Das Teemännchen“

Heinz Strunk Das Teemännchen Rowohlt

Heinz Strunk öffnet kleine Welten, mal sind es nur wenige Sätze, meistens nur ganz wenige Seiten, aber alle Erzählungen eint die sofortige Präsentation der Figuren und die typischen Themenkomplexe des Autors. Meist sind es Helden, die keine sind, es sind gestrandete Individuen in der Gesellschaft. Geschichten, die berühren, erschrecken, erschauern, und sogar kichern lassen. Heinz Strunk erzählt genau auf den Punkt. Nie schmückt er seine Texte aus oder bläst seine Ideen mit falschem Ballast auf. Er versteht es, den Figuren mit ganz kurzen Skizzen ein Gesicht zu geben. Wenn man den Autor und Musiker Strunk kennt, hört man ihn beim Lesen in jeder Zeile heraus, denn er verblümt nichts, sondern schreibt, wie er selbst redet und erzählt. Diese Sammlung ist ein Stück mehr Literatur geworden. Wieder ein Stück mehr beweist Heinz Strunk sein meisterhaftes Erzähltalent. Seine Geschichten sind alle pointiert, absurd, brutal, düster und auch oft sehr witzig. Einiges ist gleich „Der goldene Handschuh“ perfide, gemein und brutal. Anderes zeigt die Menschen, die wir auch bereits durch „Jürgen“ erleben durften. Es sind Randerscheinungen, die durch die Masse kein Einzelfall mehr bleiben.

Wir erleben den Weltstar Axl Rose, der mit gebrochenem Bein ein Konzert mit AC/DC gegeben hat und nicht mit der Band ins Hotel zurückfährt, sondern mit seinen Bodyguards in einer Kneipe auf dem Hamburger Kiez versackt. Ein Star, der nicht erkannt werden möchte, es ihn aber auch nervt, nicht erkannt zu werden und die trinklaunige Stimmung in der Bar die Anwesenheit des Weltstars immer mehr überspielt. Weiter erleben wir herrlich Verrückte, die den Einkauf von Tiefkühlfertiggerichten, besonders Nasi Goreng, erschweren. Die Nacht wird bei den Schläferleins mit verbalen Liebesbekundungen kurzweilig unterbrochen. Der versehentlichen Entwendung einer Entspannungsmaske folgt ein umständliches Schreiben. Ein Mann, der den Besuch bei Nutten gerne in die Vormittagsstunden legt, da diese dann noch nach morgendlicher Kaffeesahne riechen. Eine Autofahrt, die fast tödlich endet. Ein Strand der Versehrten und ein Mann, der brutal gezwungen wird, seine letzten Runden gefesselt an eine Windkraftanlage zu erleben. Da gibt es so viele Beispiele von Minikosmen, die sich in dieser Sammlung befinden.

Es sind menschliche und unmenschliche Ereignisse und Erlebnisse. Es geht um Körperverfall, Übergewicht, Einsamkeit, Trostlosigkeit, Gewalt, Sex und den ganz alltäglichen Wahnsinn. Es sind keine Fingerübungen oder Gelegenheitstexte, sondern zusammen sind diese Geschichten, ob lang oder kurz, geballte Gegenwartsliteratur, die jede für sich einen passenden Sound entwickelt. Ein Buch voller und leider wohl auch echtem Leben.

Eine Reise in die Tiefbaustelle unserer menschlichen Seele. Für mich das bisher beste Werk von Strunk.

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