Maruan Paschen: „Weihnachten“

Maruan Paschen Weihnachten Matthes Seitz

Warten auf Weihnachten. Ist das ersehnte Fest endlich da, wartet man auf die Bescherung, die meistens nach dem Festschmaus zelebriert wird. Nach dem Auspacken (hoffentlich ein Buch!) freut man sich schon auf die Geschenke im kommenden Jahr. Jede Familie hat zu diesem großen Festtag ihre eigene Tradition entwickelt, die über Jahre hinweg gepflegt wird. Die Paschens treffen sich zum gemeinsamen Fondue-Essen. Gleich dem Reiz dieses Essens, werden genussvoll die verschiedenen Charaktere, Handlungen und literarischen Gattungen auf den Tisch gedeckt und mit vielen leckeren, süßen und scharfen Saucen gewürzt. Die Beilagen sind gleich den Ideen und Metaphern sättigend, aber stets verführerisch und man nascht immer weiter.

Der Beginn ist ein Autokonvoi durch die norddeutsche Winterlandschaft. Das Ziel ist ein See, um dort gemeinsam zu feiern. Es sind die fünf Onkel, die Mutter und der erzählende Sohn. Der Ich-Erzähler ist Maruan Paschen. Auch wenn es der Lebensraum und der Name des Autors ist, beginnt man als Leser doch an einer autobiografischen Erzählung zu zweifeln. Es ist ein moderner Familienroman.  Etwas wirr und die Erzwählweise verlässt viele übliche Rahmen. Aber gerade das ist der größte Reiz an diesem Text. Der Erzähler erzählt die Handlung einem Dr. Gänsehaupt während einer Therapiesitzung. Im Verlauf dieses Gespräches erfährt man auch ziemlich am Anfang, dass am Ende der Weihnachtsfeierlichkeiten seine ganze Familie tot sein wird.

Das Familienfest nimmt seinen unterhaltsamen Verlauf. Dieser Verlauf ist ironisch, bizarr, tiefgängig und komisch. Immer steht im Vordergrund das, was eine Familie mindestens an Weihnachten zusammenhält. Wenn dies nicht gelingen sollte, könnten Fesseln hilfreich sein. So wird auch das Fondue bei den Paschens stets in Handschellen zu sich genommen. Dies kann natürlich auch, sofern man in jungen Jahren Mädchen, d.h. Frauen, kennenlernen möchte, verstörend wirken, wenn man dies als selbstverständliche Weihnachtstradition ansieht und darüber erzählt. So drehen sich die Gespräche am Esstisch um das Erlebte und man erfährt immer mehr aus den verschiedenen Perspektiven und den jeweiligen Leben. Der Weihnachtsbaumklau, die wenige Minuten andauernde Liebesbeziehung in einem Kaufhaus, Onkel Tarzan, der zu allem eine Meinung hat und diese vehement vertritt. Die Krankheit der Mutter und viele weitere Anekdoten. Die Fragen des täglichen Lebens und Miteinanders werden beleuchtet. Das Treffen der Generationen, nicht nur innerhalb der Familie, wird wie folgt beschrieben: Heute kennt jeder den Preis, aber nicht mehr den Wert einer Sache. Auch die Schnelllebigkeit und das globale Reisen werden anhand von Goethes Reiseverhalten kommentiert.

Mit dem weiteren Verlauf wird das Tischtuch wohl gleich dem Handlungsstrang immer bunter. Dabei ist es kein reiner humoristischer Roman, sondern ein kluger Text mit aberwitzigen Ideen und Formulierungen.  Ein Buch, das unterhält und unglaublichen Spaß macht. Man fragt sich auch immer mehr nach dem Kern einer Wahrheit des Erzählers. Wer ist Dr. Gänsehaupt wirklich, gibt es ihn und die Familie überhaupt? Wie kommt es zu der angekündigten Auslöschung der Familie und was ist überhaupt mit dem Vater des Erzählers? Diese Unklarheiten bilden den Spannungsbogen über diesen mäandernden, aber nie zu sehr überbordenden Roman. Ein Roman und sein Autor, der sich überall seine Freiheiten nimmt, die man sich nur auf dem Papier nehmen kann. Das Absurde und Nebensächliche macht Weihnachten zu einem Fest, das gerne täglich so gefeiert werden dürfte.

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