Steven Uhly: „Den blinden Göttern“

Steven Uhly Den blinden Göttern Secession

Dichtung und Wahrheit sind das Credo dieser blinden Götter. Gibt es eine Wahrheit ohne die Dichtung? Kann man Lyrik wahrhaftig erleben? Steven Uhly hat einen Roman geschrieben, in dem man, je weiter man liest, sich auf immer weniger verlassen kann. Ein Spiel mit Kunst, Täuschungen und Realitäten. Ein Roman der Tiefgründiges und Groteskes neben geballter Wortkraft und Schmonzette aufzeigt. Dies ist gewollt und steigt erneut in das Spiel mit den Wahrnehmungen ein, um die letztendliche Illusion der erhofften dichterischen Wahrheit zu rauben oder doch zu vertiefen…?

Es geht um den Buchhändler Friedrich Keller. Er ist ein Sonderling, der den Kontakt zu Menschen scheut. In einer großen Buchhandlung in München leitet er die Lyrikabteilung im zweiten Stock. Die Buchhandlung ist ein Familienunternehmen, das seine Eltern gegründet haben und nun von seinem Bruder geführt wird. Friedrich hat das großzügige und biedere Elternhaus geerbt. Er lebt eher in den Zeilen der gedichteten Werke als in der Wirklichkeit. Kundenfragen sind ihm meist zu plump und bestätigen sein Menschenbild. Auch den freundschaftlichen Anzeichen der Kollegin aus dem Reisebuch begegnet er gerne mit Nichtachtung. Eines Tages steht ein verwahrloster Unbekannter vor ihm und überreicht ihm ein Manuskript, das aus losen Blättern besteht. Es sind Gedichte, die er erst Monate später zu lesen beginnt, da seine Putzfrau beim Saubermachen die obersten Seiten durcheinander gebracht hat. Er ist in der Welt der Lyrik sehr belesen und liebt die Welt der Lyrik. Diese anvertrauten Gedichte bringen nun seine Welt ins Wanken. Diese Zeilen sind für ihn göttlich. Er bezieht die Zeilen stets auf sich und liest keinen anderen Bücher mehr. Für ihn ist das Manuskript ein Meisterwerk und der Autor, Radi Zeiler, ein wahrer Meister, den er nun hofft zu finden. Wieder eine Zeit später begegnet er dem Mann, der ihm das Werk überlassen hat und folgt ihm in eine Kneipe, in der diesen alle zu kennen scheinen. Jedoch ist sich die burschikose Wirtin nicht ganz sicher, ob jener trinkfeste Radi tatsächlich der Verfasser sein könnte. Seit dem ersten Gespräch mit Radi Zeiler beginnt sich die Welt um Friedrich zu wandeln. In seinen Gedanken nisten sich immer mehr die Zeilen des Gedichtzyklus „Den blinden Göttern“ ein und in seinen Träumen werden das Gelesene und der Verfasser immer gegenwärtiger. Doch in der realen Welt muss die Dichtung der Wahrheit Platz machen. So auch in der Buchhandlung. Sein Bruder kürzt immer mehr die Lyrikbestellungen und will seinen Bruder ganz aus der Buchhandlung haben.

Friedrich, der den Meister der Sonette in der Welt der Säufer- und Hurenkneipen angetroffen hat, hat diesem in der Hoffnung auf weitere Gespräche seine Adresse genannt. Als der Dichter nun eines Tages tatsächlich bei Friedrich auftaucht und sich bei ihm einquartiert, beginnt alles immer mehr aus den Fugen zu geraten. Immer mehr geraten die Figuren und mit ihnen der Leser in weitere Verwirrungen. Die Grenzen zwischen den Gedichten, der Handlung und dem vorliegenden Roman verwischen. Das Leben bedeutet für Friedrich Verdunklung und nur im Traum gelangt er in helle Räumlichkeiten. Die Gedichte und die Figuren kreisen umeinander und sind dem Wandel verfallen. Der stinkende Obdachlose, der Meister der Sonette, ist Heinrich, der verschollene Zwilling von Friedrich. Ist jener Heinrich, der Überbringer der blinden Götter, ein wahrer Dichter oder ein falscher Poet? Nicht nur Heinrich richtet sich wohnlich in Friedrichs Haus ein. Weitere Fremde und Obdachlose bewohnen die hausinterne Bibliothek. Was passiert durch die Dichtung ausgelöst und was ist in Wahrheit geschehen?

Welten prallen aufeinander und verweben sich. Das Geistvolle in einem verwahrlosten Körper. Auch ein Gedicht nimmt eine Gestalt an. Die Erscheinung und das Schriftbild sind der Körper, der einen Inhalt übermittelt. Ist es der Körper, der dem Inhalt Form gibt oder will der Geist den Körper formen? Die Antwort suchten zum Beispiel bereits Shakespeare und Goethe, die sich zumindest gedanklich in „Den blinden Göttern“ wiederfinden. Doch was oder wer sind diese erblindeten Götter?

Das Buch bietet viel. Freude am Lesen, am wahrhaftigen Mitfiebern mit den Charakteren und an der Verwirrnis zwischen Dichtung und Wahrheit. Uhly, der auch zu parodieren versteht, taucht letztendlich in verschiedenen Variationen kurzweilig im Text auf und schenkt uns noch zu guter Letzt einige der Sonette. Diese sind in der Reduktion von außergewöhnlicher Qualität und schaffen den Abschluss zur eigentlichen Handlung. Der Rest ist wie bei Shakespeare: Schweigen…

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