Mustafa Khalifa: „Das Schneckenhaus“

Mustafa Khalifa Das Schneckenhaus Weidle Culturbooks

Ein Roman, der sich tief eingräbt und nach dem Lesen Spuren hinterlässt. Ein erschütterndes Werk, eher ein Zeitdokument, das sich beim Lesen und weit darüber hinaus im Leser einnistet. Die Flut an Bildern, Geschehnissen und Charakteren geht einem sehr nah. Immer wieder wird man als Leser an die Grenzen geführt, die Grenzen, die das Menschliche und Ertragbare überschreiten. Doch gerade dies ist das – sofern man dies bei diesem Roman sagen kann – Faszinierende am Text. Aus der Distanz als Leser erahnt man die Schrecken, die der Protagonist und Autor erlebt haben und kann diese doch nur in Teilen literarisch nachempfinden. Wie ist solche Gefangenschaft in der Realität ertragbar? Der Autor und der Namenlose im Roman haben gelernt, sich zurückzuziehen, sich in einem eigenen, seelischen Schneckenhaus zu verstecken. Nur bedingt nimmt er das Umfeld wahr und verschließt sich letztendlich immer mehr, um zu überleben.

Der Text ist ein Tagebuch, das zeitlos ist. Der Protagonist hat während der Inhaftierung angefangen im Kopf zu schreiben. Erst den ersten Satz, diesen ständig wiederholt, den zweiten Satz gebildet und dann beide wiederholt und so weiter. Wie ein inneres Mantra ist somit dieses Tagebuch im Kopf gewachsen, das nun als Roman vorliegt.

Von 1982 bis 1994 war Mustafa Khalifa in Syrien inhaftiert. Sein 2007 auf Französisch und 2008 in Arabisch erschienener Roman wurde bereits in neun Sprachen übersetzt und gilt als das meistgelesene Buch in Syrien. Gefängnisliteratur ist in Syrien eine wichtige Literaturgattung und schafft somit eine Möglichkeit, sich mit der grausamen Geschichte des Landes auseinanderzusetzen. „Das Schneckenhaus“ ist ein wichtiges Zeugnis und zeigt die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse.

Der Protagonist und die Jahreszahl bleiben im Roman unerwähnt. Auch das Land und der Ort werden niemals genannt. Lediglich durch die Nennung der Gefängnisse, dem Wüstengefängnis und später dem Berggefängnis weiß man sofort, wo sich die Handlung abspielt.

Der Roman beginnt in Paris. Ein junger syrischer Absolvent der Filmhochschule verabschiedet sich von seiner Lebensgefährtin. Er vermisst seine Heimat und fliegt nach sechs Jahren in Frankreich nach Damaskus. Kaum ist er gelandet, gibt es Probleme bei der Passkontrolle. Die Beamten behalten seine Papiere und er wird vom Geheimdienst flankiert zum Verhör gebracht. Ihm wird kein Grund genannt. Später wird herauskommen, dass jemand ihn vor Jahren denunziert haben muss. Die erste Folter beginnt. Er soll einer verbotenen Muslimbrüderschaft angehören, dabei betont er immer wieder, getaufter Christ und obendrein Atheist zu sein. Es kommt zu keiner Anklage noch gerechter Verhandlung. Nach den ersten Erniedrigungen und Gruppenhaftzellen wird er in die wahre Hölle, das sogenannte Wüstengefängnis, verlegt. Mit viel Glück überlebt er die „Willkommensparty“. Aber seine Genesung dauert länger. Er bekommt anfänglich Unterstützung, doch als die Mitgefangenen erfahren, dass er ein Christ ist und sogar behauptet Atheist zu sein, bekommt er auch durch seine Zellgenossen Probleme. Die beständige Entmenschlichung, Erniedrigung und Folter kann er nur überstehen, weil er sich wie eine Schnecke in ein Schneckenhaus zurückzieht. Dabei beobachtet er, notiert im Kopf und wartet auf Erleichterung… Auf diese muss er dreizehn Jahre, drei Monate und dreizehn Tage warten… Doch auch nach seiner Entlassung dauert es lange, bis er die Freiheit erfährt…

Ein wichtiges, schwerverdauliches Werk. Das sich wie ein Faustschlag in die Magengrube der Menschlichkeit liest.

Ein Tagebuch, das während der Zeit der Gefangennahme in Gedanken geschrieben wurde und das nun, nach der Freilassung, zu Papier gebracht wurde, dokumentiert den Terror. Ein Roman als Erinnerung an die Gefangenen und Ermordeten.
Es ist ein Buch, das man nicht selten aus der Hand nimmt, um zu pausieren. Dennoch kann ich nur betonen, wie lohnenswert und wichtig diese Lektüre ist.

Der Roman wurde aus dem Arabischen von Larissa Bender übertragen und durch ein Nachwort von ihr ergänzt, dass sehr zum Verständnis des Textes beiträgt.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Mustafa Khalifa: „Das Schneckenhaus“

  1. „Gefängnisliteratur ist in Syrien eine wichtige Literaturgattung (…).“ Dein Satz gibt schon einen Vorgeschmack auf das, was du dann über „Das Schneckenhaus“ berichtest. Ich weiß nicht, ob ich das alles – wenn auch lesend – erfahren möchte. Schon deine – stark gefilterte – Version ist ziemlich beeindruckend.
    Viele Grüße, Claudia

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