Gøhril Gabrielsen: „Die Einsamkeit der Seevögel“

Die Einsamkeit der Seevögel Insel Verlag

Ein atmosphärischer Roman, der Emotionen lokalisiert und versucht, diese vorhersehbar zu machen. Aber es wird sich zeigen, dass die Gefühls- und Seelenwelt sich nicht wie eine Wettervorhersage berechnen lässt.  Eine literarische Reise in die Einsamkeit einer Frau, die sich zu verlieren droht. Der Text baut eine enorme Dichte auf und erzeugt eine beklemmende Spannung, die immer greifbarer wird. Die Sprache und die Bilder haben eine Intensität, die einen die Einsamkeit der Protagonistin spüren lässt. Das Buch erinnert etwas an den Roman „Krieg“ von Jochen Rausch und benutzt ein gleiches Ende wie Donal Ryan in „Die Sache mit dem Dezember“. Gerade am Schluss ist man sprachlos und beginnt das Gelesene neu zu reflektieren.

Der Roman „Die Einsamkeit der Seevögel“, im Original „ Ankomst“ (Ankunft), wurde aus dem Norwegischen von Hanna Granz übersetzt. Die Geschichte beginnt am Ende der Welt. Eine Wissenschaftlerin begibt sich im Winter für ein Forschungsprojekt in die nördlichste Region Norwegens. Dort beobachtet sie die klimatischen Veränderungen und möchte die Einflüsse dieser messbaren Tendenzen auf die Seevögel untersuchen. Der Klimawandel hat gravierendere Ausmaße als wohl bisher vermutet. Sie reist alleine an und wird nur höchstens einmal im Monat von einem Kapitän aufgesucht, der ihr ihre Bestellungen liefert. Es sind unter anderem Vorräte für zwei Personen, denn eigentlich wollte Jo, ihr Geliebter, nachkommen. Doch dieser vertröstet sie immer wieder aufs Neue. Im Gegensatz zu ihr, kann Jo nicht sein Kind und seine Exfrau einfach so verlassen. Sie und Jo haben sich durch die Kinder kennengelernt. Daraus wurde Liebe und sie hat daraufhin ihren Mann verlassen. Als dieser durch die Trennung immer aggressiver zu werden scheint und sogar ihr gemeinsames Kind gegen sie aufbringen möchte, zieht sie sich zurück und überlässt ihm die Erziehung. Sie flüchtet sich in die Natur und Wissenschaft. Ihr Exmann, der lediglich S genannt wird, ruft immer wieder an oder sendet für sie bedrohlich klingende Nachrichten.

Da Jo nicht nachgereist kommt, ist sie allein in ihrer kärglichen Hütte. Umgeben von Winter, Felsen und dem tosenden Meer. Sie beschäftigt sich neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch mit der Vergangenheit des Ortes. Die  Menschen, die damals dort gelebt haben, bilden einen weiteren Grundstein ihrer ausufernden Phantasie und dies beeinflusst immer mehr ihre Wahrnehmung. Sie fragt sich, warum Jo immer wieder seine Ankunft verschiebt. Hinzu kommen plötzlich Geräusche, die sie meint zu hören. Spielt ihr der Wind einen Streich? Oder ist wirklich jemand da und verlegt auch ab und zu Gegenstände? Wurde sie bei einer Fahrt zur Messstation geschubst, oder ist sie lediglich unglücklich gefallen? Verliert sie durch ihren Aufbruch in die Ödnis und die Einsamkeit langsam den Bezug zur Realität? Ist sie in der einsamen Wildnis wirklich allein?

Der Roman erzeugt durch die Sprache und die Bilder eine enorme Stimmung und wird ab der Mitte des Textes auch immer spannender. Ein Naturthriller, der in die Tiefe einer einsamen Seele blickt. Das Ende wird man dennoch leicht ungläubig lesen und steht gleich der Protagonistin allein vor einer Tür, die aber viele Möglichkeiten erdenken lässt …

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