Willi Achten: „Die wir liebten“

Willi Achten Die wir liebten Piper

Der deutschsprachige Lyriker und Autor zeigt in seinem Roman, wie lange und wie weit die Schreckensherrschaft der Nazis noch in der Gesellschaft nachwirkte. Wie bereits in seinem Vorgängerroman „Nichts bleibt“ zeigt der Autor, dass sich der menschliche Abgrund in einem Idyll zu verstecken versteht. Man ist von Anfang an von den Protagonisten und der Handlung in Bann genommen. Ein Roman, der sofort fesselt und einen durchrüttelt. Der großartige Roman erweckt zwei junge Helden zum Leben, die anfänglich ein unbändiges, freies Leben genießen können, dann immer mehr in das Visier des Jugendamts geraten und in Machenschaften verstrickt werden, die aus dem dunkelsten Erbe deutscher Geschichte  stammen. Dabei wachsen die Jungs einem als Leser so sehr ans Herz, dass man mit diesen unglaublich mitleidet und Willi Achten versteht es, Szenen und Erlebnisse zu kreieren, die einen länger beschäftigen werden. Der Text baut eine Grundstimmung auf, die die siebziger Jahre in einer Provinz erlebbar machen. Doch schleicht sich langsam immer mehr eine düstere Bedrohung ein.

Die ganze Handlung spielt von 1971 bis 1976 und springt dann im Epilog in eine Zeit als die Protagonisten erwachsen sind und zurückkehren und mit der Aufarbeitung beginnen. Der Ich-Erzähler ist Edgar. Er lebt mit seinem Bruder Roman in einem Großfamilienhaushalt. Bei ihnen zu Hause wohnen neben seinen Eltern, die Großmutter, der Vetter der Großmutter und die Großtante. Die Eltern sind beruflich sehr eingespannt, denn die Mutter betreibt eine Lottoannahme-Stelle und der Vater hat als Bäcker eine eigene Backstube. Daher liegt die Betreuung der Kinder öfters bei den anderen Mitbewohnern, die aber alters- und gesundheitsbedingt ab und zu überfordert sind. Somit haben Edgar und Roman viele Freiheiten und machen viel Schabernack aus Übermut. Dies erweckt immer mehr Aufsehen seitens der Behörden.

Es ist eine Zeit vieler gesellschaftlicher Umbrüche und in der dörflichen Provinz wird vieles politisch betrachtet. Besonders auffallend sind jene Geister, die sich vor dem Krieg gebildet hatten und jetzt nach dem Krieg entnazifiziert wurden, aber immer noch ihren Machenschaften nachgehen können. Immer wieder baut sich schattenhaft der sogenannte Gnadenhof, ein Heim für schwererziehbare Kinder, bedrohlich in der Landschaft und im Bewusstsein der Kinder auf. Aber Edgar und Roman lassen sich nicht abschrecken und leben ihren Tatendrang gerne aus. Sie haben typische Jungs-Phantasien. Ab und zu schlagen sie über die Stränge, aber es steckt nie tatsächlich böse Absicht dahinter. Roman, der Ältere und Belesene wird immer gesellschaftskritischer und möchte auch mit seinen Taten Bewusstsein schaffen für eventuelle Missstände. Damit nimmt vieles seinen schicksalhaften Lauf.

Auf einer Maifeier beobachten die Jungs, wie ihr Vater leidenschaftlich mit der Tierärztin tanzt und nicht mit ihrer Mutter. Der Vater zieht sich danach immer mehr aus dem Familienleben zurück und verlässt diese letztendlich für seine neue Liebe. Die Mutter flüchtet sich verletzt in ihre Arbeit und in die Sucht. Die Jungs sind immer mehr sich selbst überlassen und die Behörden greifen ein. Sie werden ins Heim gebracht. Der Gnadenhof, das Heim in das sie kommen, entpuppt sich als ein sehr unfreundlicher Ort. Hier haben Menschen und ihre Ideologien überlebt, die aus der gruseligen deutschen Epoche stammen. Die Kinder, die dort leben sind den Betreuern dort ausgesetzt und unterliegen deren Willkür und Gewalt. Es kommt zu einer Katastrophe und Edgar und Roman wird bewusst, dass sie handeln müssen, um etwas zu verändern.

Ein großartiger Roman, der in den ersten Teilen eine Stimmung aufbaut, die einen in das Leben der Protagonisten hineinzieht und Sympathien und Bilder aufbaut, die einen gänzlich für das Werk einnehmen. Der letzte Abschnitt lässt einen erschauern und macht bewusst, was hier viel zu lange geduldet wurde.

Bei uns in der Buchhandlung Almut Schmidt findet am Freitag, 4. Sept. 2020 eine Lesung mit Willi Achten statt. Mehr

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