Christine Koschmieder: „Trümmerfrauen“

Christine Koschmieder Trümmerfrauen Edition Nautilus

Ein besonderes Buch. Schon der erste Eindruck überzeugt: eine besondere Ausstattung mit knallorangem Farbschnitt. Nicht nur optisch, wie vom Verlag tituliert, ein knallermäßiger Roman.

Es beginnt mit der Auswahl für den richtig gepackten Proviantbeutel und zieht den Kreis bis hin zur krankhaften Prepper-Ansicht, stets vorbereitet zu sein. Wir lernen unter anderem eine Frau kennen, die von ihren inneren Dämonen verfolgt wird und immer wieder mit diesen in Zwiesprache gerät. Auch ihr erwachsener Sohn sucht das Gespräch mit reflektierenden, äußeren Erscheinungen. Er zeigt und erzählt zwei Happy Hippos seine Welt. Diese hat er seit seiner Einreise nach Amerika, denn die Einfuhr der süßen Ummantelung der Überraschungseier ist verboten, nicht aber das Plastik-Innenleben. Somit werden die zwei Spielzeugnilpferde seine treuen Begleiter. Aber in dem Roman, der auch den Untertitel Heimatroman trägt, wird eins immer deutlicher. Das Verharmlosen der gefährlichen Strömungen in der Gesellschaft und Politik. Das „Neue Denken“ stibitzt sich den Heimatbegriff, und meint, die Stimme des Volkes zu sein. Immer mehr wird deren Rhetorik salonfähig und aus den Worten entsteht beängstigende Handlung.

Lou ist vierzig Jahre alt und macht mit der achtzigjährigen Ottilie einen Ausflug. Die Reise geht mit einem vorerst noch First-Class-Bus zum Kyffhäuser. Lou, die ständig mit ihrem Leben hadert, hat ihre imaginären Dämonen stets im Schlepptau: Holy Golightly, Evelyn Couch und Randall Boggs. Diese triezen, reizen und hindern sie, sich zu finden, zu lösen oder sich zu akzeptieren. Auch wenn sie meint, diese inneren Weggefährten ab und zu aussperren zu können, poppen sie gerne zu unstimmigen Momenten wieder auf. Gerade wenn zwischen Lou und dem Busfahrer etwas knisternde Stimmung aufkommt. Ottilie ist eine trinkfreudige Dame, die sich durch diesen Trip mit Lou auf eine Reise durch deutsche Geschichte begibt.

Lou hat vor Reiseantritt erfahren, dass Ottilies Schrebergarten vom Kleingarten-Verein in Beschlag genommen wurde. Karola, die die Kleingartenanlage leitet, hat sich dem „Neuen Denken“ zugewendet und rüstet sich für jegliche Krisensituationen, besonders bereitet Karola sich auf die Verteidigung der Heimat vor. Dabei gerät sie mit Lou und später mit Lous Sohn, Anatol, aneinander.

Anatol befindet sich nämlich während der seniorengerechten Kaffeefahrt auf der Heimreise. Seine Aufenthaltsgenehmigung für die USA wurde ihm durch einen dortigen Zwischenfall aberkannt und er muss zurück nach Deutschland fliegen. Seinen Plan und Wunsch, eine Familie mit Hilfe einer App zu gründen, muss er vorerst ad acta legen. Auf seiner Heimreise, die er sehr angetrunken antritt, sind seine zwei Nilpferd-Freunde Gino und Eddie dabei, denen er während des Fluges einiges zu erzählen hat.

Christine Koschmieder hat eine tolle, kluge Erzählstimme mit einem besonderen Sound. Ihre Charakterisierungen sind ausgeklügelt und sehr nahbar. Neben der Hingabe für die Figuren und deren Geschichte wird eine verständliche Wut immer spürbarer. Der Verlag hat nicht zu viel versprochen, es ist ein knallermäßiger Roman. Voller Empathie und Witz. Ein Buch, das mit der Stimme der Gegenwart die Vergangenheit beleuchtet und den Bogen in das Jetzt spannt. Es mahnt, es lehrt und unterhält –  bitterböse und scharfwitzig.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

2 Antworten zu “Christine Koschmieder: „Trümmerfrauen“

  1. Jens

    Bitte unbedingt das Buch „Wasserscheiden“ von Alfred DeMichele rezensieren! Das ultimative Buch zur derzeitigen Coronakrise und deren Folgen!

  2. Pingback: Blogbummel in unruhigen Zeiten: Februar/März 2020 – buchpost

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