Richard Middleton: „Das Geisterschiff“

Richard Middleton schreibt großartige Geschichten und aus allen diesen scheint auch stets der Autor selbst zu blicken. Er schreibt über Außenseiter, Landstreicher und sogar über Geister. Seine Texte strahlen von einer Schönheit und werden von einer feinen Melancholie getragen.

Richard Middleton wurde 1882 in Staines geboren. Da er nicht die Universität besuchen durfte, lebte er in London als Angestellter und litt unter seinem beruflichen Alltag. Er begann zu schreiben und publizierte in diversen Zeitungen. Er lebte später ein freies, aber auch armes Künstlerleben. Er wurde immer depressiver und hatte ein Schmerzleiden. Er begann 1911 Selbstmord, den er einem Freund gegenüber als ein neues Abenteuer deklarierte. Erst nach seinem Tod wurde sein schriftstellerisches Schaffen erkannt und gewürdigt.

Nun ist in der bibliophilen Reihe „Nocturnes“ von Steidl „Das Geisterschiff“ in der Übersetzung von Andreas Nohl erschienen. Diese Ausgabe in schöner Ausstattung beinhaltet dreizehn Geschichten. Es sind trostlose Geschichten, die aber wunderschön sind. Es sind melancholische Storys, die auch zuweilen hintergründigen Witz beweisen. Seine Erzählungen handeln meist von armen Menschen, zum Beispiel von einem Schüler, der in ein neues Internat kommt, von einem Sarghändler und von einem Polizisten. Auf der Landstraße nach Brighton begegnen wir einem Landstreicher und die Auftaktgeschichte, die dem Buch auch den Titel gibt und dem Genre der sogenannten Gothic-Fiction zugeordnet werden kann, ist wohl auch seine bekannteste. Ein feiner Einstieg in das Werk von Richard Middleton.

Das Geisterschiff wird durch einen Sturm nach Fairfield geweht. Es ist ein Dorf in dem sich die Lebenden und die Toten treffen. Auffallend ist der Umgang untereinander und doch steht sich jeder dabei am nächsten. Eigenwillig ist der Umgang mit den Geistern, die dort leben, trinken und wirken. Nach einem Sturm steht ein Piratenschiff auf dem Rübenacker. Es ist aber kein gewöhnliches Piratenschiff, sofern man überhaupt von gewöhnlich sprechen kann, es ist ein Geisterschiff. Es sind keine Piraten, die Übles wollen, sondern sie sind einfach dort gestrandet und bleiben bis ein Wind sie weiterweht. Die Dorfgemeinschaft kennt sich aus mit Gespenstern und ist weniger erschrocken, sondern genießt mit der angelandeten Seemannschaft deren besonderen Rum, der in Strömen ausgeschenkt wird. Diese Versuchung schmeckt aber nicht jedem Geist oder Mensch. Was am Ende übrigbleibt, das darf wohl verraten werden, sind Rüben mit Rumgeschmack.

Ein Geistermärchen als gelungener Auftakt für die weiteren zwölf Geschichten. Ein großartiges Lesevergnügen, das es möglich macht, Richard Middleton endlich kennenzulernen.

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