Zwei Mal Crane

Stephen Crane war in den 1890er Jahren ein Wunderkind der amerikanischen Literatur. Gerne wird er zurückblickend durch sein Auftreten und seinen Hang zum Skandal mit James Dean oder sogar mit Elvis verglichen. Er war neugierig auf die Welt und las beständig in dieser, um die von ihm gesehene Welt in Literatur zu verwandeln. Sein Blick galt dabei stets den einfachen Menschen. Seine Romanfiguren sind authentisch und nahbar. Er bereitete einen Umschwung in der Literatur vor, den viele nach ihm weiterverfolgten.

Sein erfolgreichstes Werk ist „Die rote Tapferkeitsmedaille“, das im Dezember 1894 erstmalig als Fortsetzung erschien. Damals war dies eine Sensation. Es sollte die Sicht auf den Krieg radikal verändern. Dabei ist es unwichtig, welche historische Schlacht beschrieben wird. Es ist unwichtig, wann und wo der Krieg seine Opfer forderte, denn die Opfer sind es, die zum ersten Mal Beachtung fanden. Vorher war die Berichterstattung einer Schlacht, eines Krieges stets auf das Taktische beschränkt. Der Verlauf und die Wendungen eines Krieges wurden vorher aus der Sicht der Befehlsgewalt, des Klerus oder des Adels fixiert. Crane lässt nun den Soldaten mit all seinen Zweifeln und Ängsten sprechen. Dabei erlebt man als Leser hautnah, was es bedeutet, ein kleiner Teil einer großen Schlacht zu sein und aus der Sicht der Befehlsgewalt lediglich ein Bauernopfer darzustellen. Die Angst, die Zufälligkeit und die Sinnlosigkeit eines Krieges werden durch die Betrachtung eines Mannes, der nur als sogenanntes Kanonenfutter seine Aufgabe findet, immer deutlicher. Crane schildert ganz genau die Nöte, die Empfindungen und die Sorgen eines fiktiven Soldaten. Dabei war er gerade erst 22 Jahre alt und wurde nach dem Bürgerkrieg, den er beschreibt, geboren. Stephen Crane schuf seine Literatur aus seiner Vorstellungskraft und seinen eigenen Empfindungen. Für Ernest Hemingway war „Die rote Tapferkeitsmedaille“ das beste Buch der amerikanischen Literatur und wird bis heute in den amerikanischen Schulen gelesen.

Es ist Henry Fleming, der den Wunsch verspürt sich der Armee anzuschließen. Er sieht den Krieg noch als etwas Heroisches an und vergleicht es mit den Beschreibungen von Homer. Er gibt seinem Drang nach und lässt sich bei der Kompanie eintragen, die im naheliegenden Städtchen zusammengestellt wird. Dies ist ein Trupp von Jungspunden, die sich voller Tatendrang wägen und sich verbal gegenseitig anstacheln, ermutigen oder den Mut des anderen in Frage stellen. Die Kompanie wird herumgeschickt und wartet auf ihren Befehl zum Kampf. In dieser Zeit wachsen in Henry Zweifel an seinem Handeln und seinem Mut. Wird er das Frontleben aushalten können oder wird er, wie viele andere, wegrennen, wenn er unter Beschuss gerät? Wird er seinen Mut finden, wenn die todesbringende Maschinerie des Krieges in seinem Umfeld loslegt? Als er an die Front gerät, wird er von seinen Ängsten geleitet und taumelt nach seinen ersten Fronterlebnissen durch die Szenerien. Es wirkt später, in einer weiteren Schlacht, als würde er seinen Mut finden. Doch ist es Mut oder der Verlust von Hoffnung, der ihn handeln lässt? Eine psychologische Sicht auf ein Individuum im Kriegsgeschehen. Dieser Roman war Wegbereiter für zum Beispiel Remarques „Im Westen nichts Neues“. In dieser Ausgabe befindet sich noch die Kurzgeschichte „Der Veteran“, in der Henry Fleming als alter Mann auftaucht. Beide Übersetzungen stammen von Bernd Gockel. Abgerundet wird das Buch mit einem lesenswerten Nachwort von Thomas Schneider und einem Crane-Portrait von Rüdiger Barth.

Andreas Kollender erweckt gerne schillernde und historische Persönlichkeiten in seinen Werken zum Leben. Nach Fritz Kolbe („Kolbe“), Ludwig Meyer („Von allen guten Geistern“) und Carl Schurz („Libertys Lächeln“) widmet er sich in „Mr. Crane“ dem Leben von Stephen Crane. Kollender haucht  mit einer Leichtigkeit den Figuren in seinen Romanen Leben ein und macht die damalige Zeit erfahrbar. Es ist die Krankenschwester Elisabeth, die uns in Episoden des früh verstorbenen Autors springen lässt. Im Sommer 1900 wird Stephen Crane im Tuberkulose-Sanatorium Badenweiler behandelt. Es sind nur noch wenige Tage, die ihm bleiben. In diesen Tagen kommen er und die Krankenschwester sich näher. Viele Jahre später wird sie durch einen neuen Patienten an diese Zeit erinnert und beschwört ihre Erinnerungen an Stephen Crane herauf. Bevor Crane dort Patient wurde, war Elisabeth begeisterte Leserin seiner Werke und identifizierte sich sehr mit einer der Figuren, die auch wie sie an körperlichen Entstellungen durch Verbrennungen litt. Stephen Crane hat keine Scheu, den Menschen, der ihm gegenüber steht, genau zu beobachten und diesen unverblümt in ein Gespräch zu verwickeln. Er wollte auch stets mit seinen Werken provozieren und war neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch Reporter, Kriegsberichterstatter und Abenteurer. Nun liegt Crane in Badenweiler im Sterben und sein behandelnder Arzt, Dr. Fraenkel, kann nur noch sein Leiden mindern. Crane bekommt hohes Fieber und fantasiert. Dennoch schildert er Elisabeth von seinen Leben als Schriftsteller. Fraglich, ob alles der Wahrheit entspricht. Die Gefühlswelt von Elisabeth und Crane gerät innerhalb der wenigen Tage in ein Durcheinander und für Elisabeth wird diese Zweisamkeit einen bleibenden Eindruck hinterlassen.  

In dieser Kombination sind beide Bücher unglaublich spannend und bieten ein großes Lesepanorama. Als Leseempfehlung wäre diese Reihenfolge für den Einstieg empfehlenswert: Erst das Crane-Portrait von Rüdiger Barth, dann die „Die rote Tapferkeitsmedaille“ und „Der Veteran“ lesen, um sich dann dem Roman von Andreas Kollender zu widmen.  

Post vom Verleger

Beide Bücher sind mehr als lesenswert und „Die rote Tapferkeitsmedaille“ von Stephen Crane ist ein Klassiker und gehört zu den wichtigen Werken der Antikriegsliteratur. Andreas Kollender macht es erneut möglich, Interesse an einer historischen Figur zu erzeugen und unterhält und bildet somit gleichermaßen. Handwerklich gelingt es Andreas Kollender meisterhaft, Zeit und Figuren einzufangen und literarisch festzuhalten.

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