Sylvia Townsend Warner: „Lolly Willowes“

Ein verhext gutes Werk, das den Ruf nach Freiheit in den Vordergrund stellt und sich mit den gesellschaftlichen Einschränkungen der Frau befasst.

Ein schöner, schräger Lesespaß, der als Meilenstein der feministischen Literatur gilt. Als der Roman 1926 in England erschien war er eine Sensation und weckte unter anderem bei Virginia Woolf und David Garnett großes Interesse an der Autorin. Diese Ausgabe wurde aus dem Englischen von Ann Anders übertragen und mit einem lesenswerten Nachwort von Manuela Reichart ergänzt.

Die Hauptfigur, Laura Willowes, genannt Lolly, befreit sich aus familiären und gesellschaftlichen Zwängen und findet ihre feminine Selbstbestimmung. Auch der Teufel, der im Untertitel als liebevoller Jägersmann bezeichnet wird, bringt seine Macht ins Spiel. Es könnte jener Jägersmann sein, der bereits im „Freischütz“ und später als „Black Rider“ seinen Auftritt hatte.

Laura Willowes wächst in einem beschaulichen, fast biederen Umfeld auf dem Land auf. Die Traditionen werden in der Brauereifamilie ernst genommen und gepflegt. Laura ist klug, wissbegierig und ihrem Vater sehr verbunden. Als dieser stirbt, zieht sie zu ihrem Bruder und dessen Frau nach London. Mit dieser räumlichen Veränderung beginnt auch jene langsame Besinnung von Laura, die jetzt stets Lolly genannt wird. Sie mimt die gute Tante und wirkt genügsam. Verehrer gab es, waren aber in Lollys Leben nie von Bedeutung. Dennoch sind es oft die Anderen und besonders die Männer, die Lollys Leben beeinflussen und bestimmen. Nach Jahren der Einschränkungen sehnt sie sich nach Selbstbestimmung und Freiheit. Sie beschließt, alleine zu wohnen und zieht weg von ihrer Familie. Vorher wurde sie als unverheiratet bemitleidet und als naive Tante belächelt. Bei gesellschaftlichen Feiern, als sie in die Konversation einstieg, wurde sie selten, wenn nicht sogar kaum, verstanden. Durch ihren Umzug stößt sie erneut auf Unverständnis.

In ihrer neuen Freiheit genießt sie das ungehinderte Leben und streift durch die Natur, die schon seit ihrer Kindheit eine enorme Anziehungskraft auf sie hat. Als ihr Neffe sie aufsucht, befürchtet sie eine erneute Einengung und ihr kleines Geheimnis offenbart sich. Dieses Geheimnis ist ihre Berufung zur Hexe. Ein teuflischer Pakt bringt ihr und ihrer Katze letztendlich die ersehnte Freiheit. 

Ein satirischer und zauberhafter Roman. Die Geschichte beginnt geruhsam und bietet eine genau beobachtete Gesellschaftsstudie. Dabei ist der mephistophelische Schalk spürbar und steigert sich über einen zarten zu einem fast schon bösen, aber stets guten Humor. Sylvia Townsend Warner beweist in ihrem Debütroman ihr großes Talent als Schriftstellerin. Besonders im dritten Teil des Romans wird die Naturbeschreibung mit ihren Metaphern sehr poetisch. Ein Roman über Freiheit und Emanzipation, der bisher nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt zu haben scheint.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Sylvia Townsend Warner: „Lolly Willowes“

  1. Das klingt verdächtig nach Lesestoff für mich! 🙂
    Verbindlichen Dank, lieber Hauke,
    für Deine schöne und aussagekräftige Buchvorstellung.
    Herzlich grüßt
    Ulrike von Leselebenszeichen

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