Ina Westman: „Heute beißen die Fische nicht“

Ein wunderbares Buch, in dem eine Familie, besonders die Frau, um ihre Gemeinsamkeit und um ihre Überzeugungen kämpft. Ein toll ausformulierter Roman voller Tiefgang und Stimmung. Im Kern steht stets die Frage nach unserer Menschlichkeit. Ina Westman wurde 1974 geboren und ist eine Schriftstellerin, renommierte Bloggerin  und Kommunikationsmanagerin in der Verlagsbranche in Helsinki. Dies ist ihr zweiter Roman, der von Stefan Moster aus dem Finnischen übersetzt wurde.

Eine Familie verbringt den ganzen Sommer auf einer entlegenen kleinen Insel in der finnischen Schärenlandschaft. Es ist das Ehepaar Emma und Joel, die mit ihrer Tochter Fanny einen Rückzug aus ihrem städtischen und alltäglichen Leben in der natürlichen Idylle suchen. Joel ist Lehrer und ist der Anker innerhalb der Familie, denn Emma hat innere und äußere Wunden, die sie an bestimmten Tagen gänzlich aus der Bahn werfen. Aus diesem Grund sind sie zu der Insel des Großvaters gefahren, um hier Emma eine Zeit der Genesung zu verschaffen. Doch hat Emma jeden Tag starke Kopfschmerzen und wird von Halluzinationen geplagt. Sie ist Journalistin und hatte immer den Drang und Wunsch, den Menschen zu helfen. Durch ihre Taten, Berichte und die Fotos, die sie aus allen Krisenregionen mitbrachte, wollte sie auf die Entmenschlichungen hinweisen. Aber irgendetwas muss auf einer ihrer Reisen passiert sein. Joel wollte Emma stets mehr an die Familie binden, doch ihr Wunsch, immer wieder in die Welt zu gehen, um ihre Leser auf diverse Missstände aufmerksam zu machen, war größer als ihr persönlicher Familiensinn. Nun ist sie verwundet heimgekehrt und hat keine Erinnerung an die Geschehnisse. Mit einer Wunde am Kopf, den Schmerzen und den Wahrnehmungen, die auch immer etwas Gespenstisches haben, versucht sie, im Leben neuen Halt zu finden. Ihre adoptierte Tochter ist der wichtigste Halt, den Emma und Joel, im Leben haben. Fanny versucht, ihre Eltern zu verstehen und spricht oft mit ihrem Großvater, der in seiner Welt- und Weitsicht einen spirituellen Pol innerhalb dieser Familienkonstellation gibt. Doch sind die Grenzen der Realitäten auf der Insel für alle unterschiedlich. So wird auch jede Perspektive beleuchtet und besonders Emma hadert mit ihrer Umgebung. Sie sieht Boote und Menschen, die gar nicht da sind. Sind dies ihre verdrängten Erinnerungen, die ihr einen Streich spielen? Was ist damals passiert und wie können Joel und Emma wieder im Einklang leben? Langsam baut sich aus diversen Splittern ein Puzzlebild zusammen.

Ein sehr berührender Roman, der durch seine Bildhaftigkeit und durch die Sprache begeistert. Ein Roman voller Stille, Idylle und den Gegenteilen. Weltgeschehen trifft auf das Persönliche und immer ist es die Menschlichkeit, die sich hier behaupten muss. Rassismus, der sich gegenüber der adoptierten Tochter zeigt. Es sind der Schrecken und die Auswirkungen der Kriege, Hungersnöte und die Flüchtlingsdramen, die Emma miterleben musste. Letztendlich ist es im Roman die Familie, die im kleinen Kreis lernen muss, die Vergangenheit zu bewältigen und in der schönen Einöde sich selber zu finden. Die Entfremdung, die innerhalb der Familie und der Liebe passieren kann, trifft hier auf einer kleinen Schäreninsel auf die großen Weltprobleme. Aber es ist die Liebe und die Stärke, die sich behaupten können. Ein faszinierender und bezaubernder Roman, der viele Fragen anspricht und diese anhand einer kleinen Gruppe auf einer kleinen Insel verdeutlicht.

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