Florian Knöppler: „Kronsnest“

Ein faszinierender Roman über die 20er Jahre auf dem Land. Es ist ein holsteinisches Dorf, das hier ins Zentrum gerückt wird und mit den Protagonisten eine Studie über das damalige Landleben ablegt. Der Alltag macht dieses Werk so lesenswert und glaubhaft. Ganz schnell fühlt man sich zu dem Hauptcharakter, Hannes, hingezogen. Die Trostlosigkeit, das entbehrungsreiche Leben und der Wunsch nach besseren Zeiten werden glaubhaft und mit viel Einfühlungsvermögen geschildert.

Kronsnest ist ein Dorf in der Elbmarsch. Hier lebt man hauptsächlich von der Landwirtschaft. Die Großbauern verstehen es teilweise, die um sich greifende Armut auszunutzen und ihre Ländereien zu vergrößern. Die alltäglichen Sorgen der kleineren Höfe und deren Bauern, die um ihre nackte Existenz kämpfen, greifen um sich. Auch der Hof von Hannes Eltern ist betroffen. Aber die Familie kennt nichts anderes. Hannes weiß, er wird eines Tages den Hof übernehmen, auch wenn seine Träumereien andere Wege gehen. Der Vater ist ein launischer und aufbrausender Mann. Hannes entkommt den Gewaltausbrüchen meist nur, wenn er zur Schule oder mit seinem Freund zum Angeln geht. Die Arbeit auf dem Hof hat stets Vorrang. Der Vater, der langsam seine Intuition für Das Landleben verliert und körperlich immer kraftloser wird, reagiert seinen Unmut an den Tieren und besonders an Hannes aus. Auch in der Ehe der Eltern kriselt es. Die Mutter versucht, die Wogen zu glätten. Der Vater empfindet sich, in Bezug auf die Vorgeschichte von Hannes Mutter, als zweite Wahl. Somit wird das bedrückende Gefühl auf dem Hof für den jungen Hannes immer unerträglicher. Er sucht seinen Ausweg und findet seine Zuflucht meist in der Natur und bei seinen Freunden. Es gibt auch andere Familien, die ein ganz anderes Leben führen, als er es kennt. Familien, in denen man miteinander lebt, musiziert und Bücher liest. Sein Lehrer erkennt Hannes Wissensdurst, fördert ihn und führt ihn ein in die Welt der Literatur.

In Mara findet Hannes seine erste Liebe, aber wird er nicht immer schlau aus ihr. Auf dem Hof ist immer sehr viel zu tun, weil der Vater selbst immer weniger machen kann. Hannes arbeitet ferner auch auf anderen Höfen, um zum Beispiel mit Ferkeln, die er für den eigenen Hof gut gebrauchen kann, ausgezahlt zu werden. Doch, da diese Hannes organisiert hat, neidet der Vater ihm diese und macht ihm das Leben auf dem Hof immer mehr zur Hölle. Auch das neue Pferd, das Hannes ausgehandelt hat, belächelt der Vater missmutig. Hannes, der sehr nachdenklich und empfindsam ist, leidet sehr unter der Gewalt des Vaters. Es kommt immer häufiger zu körperlichen Auseinandersetzungen und Hannes muss lernen, sich abzugrenzen. Auch im Dorfleben, denn hier macht sich auch ein neuer politischer Wind breit. Der Nationalsozialismus wuchert bereits in diesem Umfeld. Die inneren und politischen Spannungen nagen an Hannes Seele. Besonders aber seine Gefühle zu der geheimnisvollen Mara, deren Liebe er für sich gewinnen möchte.

Die Figuren und deren Entwicklungen sind glaubhaft skizziert und somit werden die Zeit und die damaligen Ereignisse sehr erlebbar. Das Politische wird privat. Florian Knöppler versteht es, durch seine Sprache und die erzeugten Bildern ein großes Gesellschafts- und Sittengemälde zu fertigen. Das Buch erzeugt viel Empathie für die Hauptfigur und mit ihr erwacht der damalige bäuerliche Alltag in Schleswig-Holstein zum Leben. Ein sehr gelungener Debütroman, der sehr sinnlich geschrieben ist. Man meint, die Räumlichkeiten und die Tiere förmlich riechen zu können.

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